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Kinder- und Jugendheilkunde 15. September 2015

Intranasaler Influenza-Lebendimpfstoff – Erfahrungen des ersten Jahres

Gespräch mit Doz. Dr. Hans Jürgen Dornbusch, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Graz Chairman der Vaccines Working Group, European Academy of Paediatrics   

Im Dezember 2013 wurde von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA ein quadrivalenter attenuierter Lebendimpfstoff (Fluenz TM Tetra)  zur Influenza-Prophylaxe bei Kindern  und Jugendlichen im Alter von zwei  Jahren bis zum vollendeten 18.  Lebensjahr zugelassen. Wir sprachen  mit Univ.-Doz. Dr. Hans Jürgen Dornbusch über seine praktischen Erfahrungen mit der neuen Vakzine.  

pädiatrie & pädologie: Haben Sie  Fluenz TM Tetra in Ihrer Ordination in  der letzten Impfsaison bereits des  Öfteren eingesetzt?

Dornbusch: Da dieser Impfstoff  (unter dem im deutschsprachigen  Raum nicht vertretbaren Handelsnamen „Flumist“) bereits seit über  10  Jahren in den USA verwendet  wird, wurde seine Markteinführung in Europa und Österreich  schon jahrelang erwartet. Deshalb  waren Pädiaterinnen und Pädiater sowie viele der Patienten(eltern) nicht ganz unvorbereitet,  sodass die neue Möglichkeit, die  Influenzaimpfung als Nasenspray  verabreicht zu bekommen, mit  insgesamt ca. 4000 Impfungen ös - terreichweit (davon ca. 50 in meiner Ordination) auf relativ große  Akzeptanz stieß.

Studien attestieren Fluenz TM Tetra  bei Kindern und Jugendlichen eine  hohe und langandauernde Wirk samkeit. Können Sie dies aufgrund  Ihrer Erfahrungen bestätigen?
Sie spielen auf ein kolportiertes  Nachlassen des Impfschutzes  durch inaktivierte, intramuskuläre  Impfstoffe im Laufe von Monaten  an, was sich bei Impfung im Frühherbst am Ende der Influenzasaison  auswirken soll. In fast 10-jähriger  Ordinationstätigkeit habe ich – mit  Ausnahme einer Familie mit wahrscheinlichem Immundefekt – weder bei den bisher verfügbaren  inaktivierten Impfstoffen noch bei  der neuen Lebendimpfung ausgesprochene Impfversager beobachtet (milde Erkrankungen, die sich  von banalen Infekten nicht unterscheiden und meist nicht zum Arzt  führen, können ja bei Geimpften  vorkommen). Publizierte Daten  attestieren dem nasalen Impfstoff  allerdings eine höhere und längerdauernde Schutzwirkung. Außerdem vermittelt der zusätzliche  Influenza B-Stamm einen breiteren  Impfschutz (besonders am Ende  der Saison) als die trivalenten Impfstoffe.

Wird die neue intranasale Grippe­ impfung gut vertragen – was kön nen Sie aus Ihrer Praxis berichten?
Abgesehen von selten berichtetem Nasenjucken oder -rinnen  habe ich keine negativen Rückmeldungen erhalten

Was ist bei der intranasalen Appli kation des Impfstoffes besonders zu  beachten?
Ein konsequentes, rasches Einsprühen der jeweils halben Impfstoffmenge in jedes Nasenloch. Vor der  ersten Gabe empfiehlt es sich, für  die korrekte Handhabung des auf  der Spritze befindlichen, abnehmbaren Abstandhalters (für die  Begrenzung der 1. Dosis) die Bedienungsanleitung genau durchzulesen. Bei starkem Schnupfen  sollte die Impfung wegen unsicherer Wirkung bis zu dessen Abklingen verschoben werden.

Wie treffen Sie gemeinsam mit den  Eltern die Entscheidung, welchen  Impfstoff das Kind erhalten soll?
Nach Ausschluss von Kontraindikationen werden mit Impfling  (wenn altersbedingt möglich) und  Eltern die Vorteile und (milden)  Nebenwirkungen der Lebendimpfung erörtert, wobei der beträchtlich höhere Preis nicht selten die  Entscheidung doch auf die „Stichimpfung“ fallen lässt.

Influenza Prävention bei Kindern ist  ein wichtiges Thema, warum?
Eine Influenzaerkrankung kann insbesondere bei Senioren mit Vorschädigung von Herz und/oder Lunge, aber auch bei Säuglingen und  Kleinkindern zu schweren Komplikationen führen. Aus der regelmäßig  beobachteten „Übersterblichkeit“ in der Influenzasaison errechnen sich  für Österreich jährlich über 1000 influenzabedingte Todesfälle. Kinder  wirken durch den häufigen Kontakt untereinander und besonders  mit ihren Großeltern sowie durch  die langdauernde, über die symptomatische Phase der Erkrankung  hinausreichende Infektiosität als  äußerst effektive Multiplikatoren.  Außerdem erkranken viele Kinder,  besonders Säuglinge und Kleinkinder selbst schwer, was z. B. in den  USA durch jährlich etwa 100 durch  Influenza verstorbene (großteils ungeimpfte) Kinder und Jugendliche  zum Ausdruck kommt. Die jährliche  Schutzimpfung im Herbst ist der  einzige effektive, wenn auch nicht  vollständige Schutz vor Influenza.   

Trotzdem sind die Durchimpfungs raten für Influenza gerade bei Kin dern und Jugendlichen in Österreich  ausgesprochen niedrig. Wie erklären  Sie sich das?
Der Hauptgrund liegt wahrscheinlich in einer Unterschätzung der  potentiellen Gefährlichkeit der  Influenza. Einerseits ist dies wohl  Folge des fehlenden Bewusstseins  für die schweren, mitunter letalen Verläufe bei Kindern und der  meist unter „Herzschwäche“ oder  „Lungenentzündung“ (ohne Erregernachweis) fehldiagnostizierten  Todesfälle bei Senioren. Ein weiterer Grund liegt wahrscheinlich  in einer besonders für Österreich  spezifischen sprachlichen Schlampigkeit: banale „grippale“ Virusinfektionen, die Husten, Schnupfen,  auch hohes Fieber, aber keine  wesentlichen Komplikationen verursachen, werden in der Bevölkerung vielfach mit der „echten Grippe“ (Influenza) gleichgesetzt.  Dies versetzt Influenza-Geimpfte in die falsche Erwartungshaltung, im Winter vor jedem Schnupfen gefeit zu sein. Wenn bei diesen  Personen in der Wintersaison dennoch „grippale“ Infekte auftreten,  erscheint die Impfung in ihren Augen „unwirksam“.  Ich halte daher Maßnahmen  für wichtig, die klären, dass die  „Grippeimpfung“ nicht vor den  zahlreichen „common respiratory  viruses“, sondern nur vor Influenza schützt, und es wäre in diesem  Zusammenhang auch hilfreich, zumindest in Fachdiskussionen nur  noch die Bezeichnung „Influenza“  statt „Grippe“ zu verwenden.

Kann die Verfügbarkeit einer Nadel und damit Schmerz freien Applikation die Akzeptanz der Grippeimpfung bei Kindern und Jugendlichen  verbessern?
Die nasale Applikationsmöglichkeit macht die Influenzaimpfung  bei den Impflingen zweifellos wesentlich attraktiver als eine Injektion, der Preis fungiert wie gesagt  nicht selten als limitierender Faktor bei den (zahlenden) Eltern.

Was macht den intranasalen Grip peimpfstoff für Eltern, Kinder und  Ärzte attraktiv?
Schmerzfreiheit bzw. einfache Applikation

Was erwarten Sie sich von einer er neuten Impfung mit FluenzTM Tetra  in der kommenden zweitenSaison?
Ich hoffe, dass ein zunehmendes  Bekanntwerden der beschriebenen Vorteile der nasalen Lebendimpfung bei gleichzeitig wachsendem Bewusstsein bezüglich  der Gefährlichkeit der Influenza  (durch gezielte Information über  Medien unter Vermeidung der  Bezeichnung „Grippe“) letztlich  auch in unserem Land zu einer  Zunahme der eklatant niedrigen  Durchimpfungsrate führen wird. Vielen Dank für das interessante Ge spräch! 

Dr. Renate Höhl

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