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Kinder- und Jugendheilkunde 15. September 2015

Vitamin D

Ein Schlüssel zur positiven frühkindlichen Prägung  in den ersten 1000 Tagen

Sein essenzieller Einfluss auf die Knochendichte ist seit Jahrzehnten unbestritten. Relativ neu ist die Erkenntnis, dass in fast allen anderen Geweben und Organen bis hin zum Gehirnebenfalls Vitamin D Rezeptoren  sitzen. Vitamin D mischt daher an vielen Stellen im Stoffwechsel mit. Die weitreichenden physiologischen und präventiven Effekte lassen den Sonderstatus des Vitamins mit Hormonwirkung somit auch in den ersten  1000 Tagen des Lebens in einem neuen Licht erscheinen. Wie aber sollen die seit 2012 auf das Vierfache angehobenen Empfehlungen im Essalltag realisiert werden? Diese und andere Fragen rund um das Sonnenvitamin wurden im Rahmen des Milupa-Symposiums beim diesjährigen Pädiatrischen Frühling der Österreichischen Gesellschaft für Kinder und Jugendheilkunde (ÖGKJ) diskutiert.

Bis vor wenigen Jahren wurde die Bedeutung von Vitamin D aufdessen Rolle im Knochenstoffwechsel  beschränkt. Nun mehren sich die Fakten über seine vielseitigen weiteren  Aufgaben bei unterschiedlichsten Vorgängen im Körper von A wie Autoimmunprozessen bis Z wie Zucker verwertung. Mittlerweile ist bekannt,  dass die meisten Körperzellen Vitamin D Rezeptoren („Andockstellen“)  besitzen. Dies lässt den Schluss zu,  dass das Vitamin mehr Funktionen als nur jene des Knochenaufbaus hat und als potenzieller Schutzfaktor gegenüber verschiedenen Krankheiten wirksam ist. Dr. Dieter Furthner, Leiter der Abteilung für Pädiatrie am Salzkammergutklinikum Vöcklabruck,  wies besonders auf die bislang wenig beachtete Funktion des Vitamins im Abwehrsystem hin.  

Big Player im Immunsystem

Calcitriol, die aktive Form von Vitamin  D, ist ein fleißiger Helfer imImmunsystem. Es fördert die Umwandlung von Monozyten zu den in der Immunabwehr unentbehrlichen  Makrophagen (Fresszellen) und ermöglicht außerdem die Synthese von  antimikrobiell wirksamen Peptiden.  Studien an Kindern belegen, dass  eine gute Versorgung mit Vitamin D  das Risiko für Atemwegsinfekte senken kann. So zeigte eine Studie, dass  jene Kinder, die täglich 30 μg Vitamin  D als Supplement erhielten, ein  um 62  Prozent geringeres Risiko hatten an Grippe (Influenza A) zu erkranken.

Stark gegen Autoimmun­erkrankungen  

Autoimmunprozesse spielen u. a. bei  der Entstehung von Typ 1 Diabetes  eine entscheidende Rolle. Vitamin  D  könnte aufgrund seines immunmodulierenden Effekts schützend  wirken. Eine Studie zeigte, dass bei Kindern, die Vitamin-D-Supplemente  erhielten, das Typ-1-Diabetes-Risiko um 88  Prozent geringer war als bei  jenen, die kein Vitamin  D eingenommen hatten. Dies wurde durch eine Metaanalyse im Jahr 2008 untermauert. Furthner dazu: „Ich beobachte bei meinen Patienten mit Typ-1-Diabetes oder MS häufig einen Mangel. Ob das  die Ursache für die Erkrankung oder eine Folge davon ist, lässt sich anhand der vorliegenden Literatur noch nicht abschätzen.“ Im Fall von Multipler Skle rose (MS) ist die Vitamin D Versorgung invers mit dem Risiko assoziiert. Bei bereits bestehender MS ist  unter Vitamin D Supplementierung  eine Reduktion von Krank heits schüben zu beobachten.

Frühkindliche Prägung  und  Gehirnentwicklung  

Hirnforscher haben entdeckt, dass in  den Nervenzellen des Gehirns ebenfalls Vitamin D Rezeptoren sitzen.  Außerdem konnte man im Gehirn  jene Enzyme nachweisen, die dort  die Bildung von Calcitriol fördern.  Es scheint gesichert, dass Vitamin  D  auch bei der Entwicklung und Funktion des Gehirns eine wesentliche Rolle spielt. Während der frühkindlichen  Prägung in den ersten 1000 Tagen  (von der Zeugung bis zum 2. Geburtstag) nimmt Vitamin D daher eine Schlüsselrolle ein.  

Empfohlene Zufuhrmengen  

Im deutschsprachigen Raum werden von Fachgesellschaften aktuell 15–20 μg Vitamin D pro Tag empfohlenfür Erwachsene genauso wie für Kleinkinder. Das ist ca. 4 × so viel wie  vor der Aktualisierung 2012. Furthner  bestätigt, dass diese Mengen von Kindern nicht alleine mit üblichen Lebensmitteln erreicht werden können.

Nur wenige natürliche Quellen

Bei ausreichender UVB-Strahlung  des Sonnenlichts produziert der Körper Vitamin  D zum Großteil selbst  in der Haut. Dieses wird dann in der Leber und der Niere in die aktive  Form umgewandelt. Aber: Je stärker die Haut pigmentiert ist, je höher der Schutzfaktor der Sonnencreme und je weiter nördlich man wohnt, desto schlechter funktioniert diese Eigensynthese. Hinzu kommt ein verändertes Freizeitverhalten, weshalb auch Kinder ganzjährig auf die Zufuhr über die Nahrung angewiesen sind. Gute Quellen für Vitamin  D beschränken sich auf Fisch, Pilze, Eigelb  ( . Tab.  1 )  alles Lebensmittel, die  in der üblichen Kinderernährung zu kurz kommen. Angereicherte Lebensmittel können mithelfen, die hohen Vorgaben der Fachgesellschaften  zu erreichen, allerdings ist z. B. bei Kindermilch die Höhe der Anreicherung sehr unterschiedlich. Eltern sollten daher bei der Auswahl den  Vitamin D Anteil vergleichen. Die Resorption von Vitamin  D aus Milch ist übrigens aufgrund des enthaltenen  Laktalbumins besonders gut.

Kinder sind schlecht versorgt

Da es aus Österreich keine Studien  über den Vitamin D Status von Klein kindern gibt, muss auf Erfahrungen  der Nachbarländer zurückgegriffen  werden. Die Daten des Kinder- und  Jugend Gesundheitssurveys (KiGGS)  des Robert Koch Instituts zeigten eine deutliche Unterversorgung.  Bei 62  Prozent der 3 bis 17-Jährigen Nicht-Migranten und bei 76   Prozent der Migranten liegt ein Vitamin D Mangel vor. Für Furthner  lohnt es sich in jedem Fall, Vitamin D mehr Aufmerksamkeit zu schenken: „Angesichts der enormen gesundheitsfördernden Bedeutung von Vitamin  D empfehle ich, Kindern ab dem ersten Geburtstag neben einem Vitamin D reichen Essalltag zusätzlich  z. B. 10 μg/Tag als Supplement  zu verabreichen.“ Warum dann nicht  gleich die gesamte Menge supplsmentieren? „Bei Supplementen bleibt immer das Risiko der Überdosierung. Deshalb plädiere ich dafür, einen Teil der empfohlenen Menge mit  der Nahrunggegebenenfalls mit angereicherten Produkten, wie z. B. Kindermilch, aufzunehmen, wie es  in den USA auch schon üblich ist“, so Furthner. 

Quelle: Milupa-Symposium im Rahmen  des   „Pädiatrischen  Frühlings“ der Österreichischen  Gesellschaft  für Kinder und  Jugendheilkunde, 7.9. Mai 2015 

Ganzheitlich betrachtet: Pädiatrisches  Zusatzwissen für die ersten 1000 Tage. Der Vortrag von Prim. Dr. Furthner kann  im PDF Format bei  angefordert werden.

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