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Update ENP-Forschung

Einfluss von Nahrungsfett auf Stoffwechsel, Immunsystem und Gehirnentwicklung 

Immer mehr wissenschaftliche Belege zeigen, wie eng bestimmte Umweltfaktoren sowie der Lebensstil vor  und nach der Geburt mit langfristiger Gesundheit im Erwachsenenalter verknüpft sind. Die Wissenschaft der  frühkindlichen Prägung ist ein ganzheitlicher Ansatz, der – abseits der Gene – möglichst alle Einflussfaktoren berücksichtigt, mit denen ein Mensch bereits im frühen Leben konfrontiert wird. Neuesten Schätzungen  zufolge beeinflussen Umweltfaktoren (Lebensstil, Ernährung, Infektionen, andere Umwelteinflüsse) die Gesundheit eines Menschen zu mindestens 80 Prozent – die Gene sind nur zu maximal 20 Prozent beteiligt. 

Die moderne Epigenetik lehrt uns, dass  der Ernährung während der ersten  1000 Tage eines Menschen – gerechnet von der Konzeption bis zum Alter  von etwa zwei Jahren – eine Schlüsselrolle zukommt. Sie liefert wichtige  Bausteine für eine gesunde Entwicklung von Stoffwechsel, Immunsystem  und Gehirn. Ändert sich die fetale oder  frühkindliche Genexpression zu einem  kritischen Zeitpunkt durch etwaigen  Nährstoffmangel oder Energieüberschuss, kann dies Gewebe und Organe im Körper dauerhaft strukturell  wie auch funktionell beeinträchtigen  (Godfrey et    al. 2007). Umgekehrt  können durch bedarfsgerechte Nährstoffversorgung die Weichen für die  optimale Gesundheitsvorsorge gelegt  werden – man spricht daher von  early  life nutritional programming  (ENP).

Muttermilch als variable Konstante

Wichtigster  positiver ‚Programmierer‘ in der frühen Kindheit ist die  Muttermilch. Sie reduziert u. a. das  Adipositasrisiko im späteren Leben,  unterstützt die Reifung des kindlichen Immunsystems und fördert  die Gehirnentwicklung. Letzteres ist  seit einiger Zeit Thema intensiver Forschungsarbeit. Es gilt herauszufinden,  wie der Speiseplan der Stillenden optimiert werden kann, um die beste  Grundlage dafür zu schaffen. Denn  die Zusammensetzung der Muttermilch kann u. a. je nach mütterlicher  Ernährung und Stillphase stark variieren (Koletzko et al. 2011).

Fettsäuremuster entscheidet

Der Fettanteil der Muttermilch ist  für Wachstum, Gesundheit und Entwicklung besonders relevant. Die  Zusammensetzung der Fettsäuren ist  komplex und zeigt große inter- und intraindividuelle Unterschiede zwischen  den stillenden Müttern wie auch innerhalb der Stillmahlzeiten sowie im  Laufe der Laktationszeit. Langkettigen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren (LCPs = longchain polyunsaturated fatty acids) kommt in den ersten  beiden Lebensjahren eine besonders  wichtige Rolle zu, werden sie doch zur  Zeit des brain-growth-spurts in großer  Menge in die Neuronen eingelagert.

Einfluss von LCPs auf die Gehirn­entwicklung

Die DHA ist wichtiger struktureller  Teil der Membranlipide, insbesondere  der Phospholipide von Neuronen und  Retina. Das sich entwickelnde Gehirn  speichert prä- und postnatal neben  AA vor allem große Mengen an DHA,  die über die Plazenta bzw. die Muttermilch bereitgestellt werden. Um  diesen Mehrbedarf für das Kind zu decken, wird sowohl Schwangeren wie  auch Stillenden eine tägliche Mindestaufnahme von 200 mg DHA empfohlen (Koletzko et al. 2008). Diese Menge  lässt sich in der Praxis oft nur mittels  Supplementen zufriedenstellend decken. Die Verwertung von LCPs im  kindlichen Stoffwechsel (Resorption  und Einbau in die Neuronenmem bran) wird zudem verbessert, wenn  diese teils in Form von Phospholipiden  zugeführt werden. Ähnlich wie in Muttermilch wäre daher auch in Formulanahrung ein Mischungsverhältnis  von 10–15 % Phospholipid-LCPs und  85–90 %  Triglycerid-LCPs  wünschenswert. LCP-Supplemente, die sich an  der Molekularstruktur der Muttermilch  orientierten, zeigten eine Reihe signifikanter Vorteile bezüglich der geistigen  Entwicklung (Agostoni et al. 1995 und  1997, Willats et al. 2013).

Weitere Benefits von Nahrungsfett  bzw. LCPs für den Stoffwechsel

Muttermilchfett ist die Hauptenergiequelle für gestillte Säuglinge. Dieses wird besonders gut verwertet, was  auf die besondere Molekularstruktur  zurückgeführt werden kann. Sie unterscheidet sich durch die Position  der Palmitinsäure am Glycerinmolekül (siehe Kasten Exkurs). Die Verwendung von natürlichem Milchfett  in Säuglingsnahrung führte in einer  Untersuchung zu einer Verbesserung  der Fettresorption (Carnielli et   al.  1995 und 1996).  Wird Formulanahrung mit DHA  und AA supplementiert, zeigt dies  einen positiven Einfluss auf den Blutdruck im Alter von 6  Jahren (Forsyth  et  al. 2007). Diese Tatsache scheint  angesichts der steigenden Häufigkeit  an Herz-Kreislauferkrankungen in  jungen Jahren bereits in diesem Alter  wichtig zu sein.

LCP Nutznießer Immunsystem  

Etwa 25 % der Lipide von Immunzellen bestehen aus LCPs. Einige Studien weisen darauf hin, dass die frühe  Gabe von LCPs das Immunsystem  modulieren kann. Kinder von atopischen Müttern, die in der zweiten  Schwangerschaftshälfte hochdosiertes Fischöl zuführten, hatten im  Alter von 1 Jahr ein geringeres Allergierisiko als jene, deren Mütter Placebo bekamen (Dunstan 2005). Eine  suboptimale LCP-Versorgung von  Säuglingen kann zu einer unausgewogenen Entwicklung und Funktion  des Immunsystems führen, z. B. einer  Allergie (Koletzko et al. 2008).

LCPs in Formulanahrung nicht verpflichtend

Die Zusammensetzung von Muttermilch ändert sich laufend, jedoch  sind AA wie auch DHA ständiger  Bestandteil. Im Gegensatz dazu ist  deren Anwesenheit in kommerzieller  Säuglingsmilch derzeit noch nicht gesetzlich vorgeschrieben. Mittlerweile  enthalten zwar die meisten handelsüblichen Anfangsnahrungen AA und  DHA, bei den Folgemilchen punkten  aber bislang nur wenige damit.  

Zusammenfassung: Da im Sinne einer optimalen Gesundheitsförderung Muttermilch das Beste  für den Säugling ist, sollte die Mutter  selbst auf optimale Nährstoffversorgung (vor allem mit DHA) achten.  Der Fettanteil in Muttermilch bzw.  Säuglingsmilch bedarf einer größeren Aufmerksamkeit, haben doch vor  allem die langkettigen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren (LCPs) enorme  Bedeutung für die Entwicklung von  Gehirn, Augen und Immunsystem.  Bis es zu einer verpflichtenden Anreicherung mit LCPs kommt, orientiert  sich der Pädiater am besten an den  vorläufigen Empfehlungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Diese hat 2013 ein  wissenschaftliches Dossier für die tägliche Fettsäure-Aufnahme von Säuglingen publiziert (EFSA NDA Panel  2013) – siehe Tabelle  1. In einer 2014  veröffentlichten Stellungnahme empfiehlt die EFSA einen Zusatz von DHA  sowohl für Anfangsnahrung als auch  für Folgemilch (EFSA NDA Panel 2014).

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