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Auf in den Urlaub! - Mit richtiger Ausrüstung und reisemedizinischer Beratung kann nichts
 

Reisen mit Kindern 2015

Gespräch mit Prof. DDr. Martin Haditsch, Ärztlicher Leiter des TravelMedCenter Leonding  und der Labor Hannover MVZ GmbH 

Reisen mit  Kindern ist ein spezielles Thema.  Gibt es in der Bevölkerung – und  speziell unter Laien – ein Bewusstsein für dieses?  


Hier fällt eine pauschale Bewertung schwer. Grundsätzlich sind  aber doch erhebliche Bewusstseinsmängel festzustellen. Dies  ist auch in Zeiten der Flugreisen  dem Versagen des orientierenden  Faktors „Zeit“ geschuldet, bietet  er doch keinen zuverlässigen Anhaltspunkte mehr: in der gleichen  Zeit, die Sie benötigen um mit  dem Auto von Wien nach Vorarlberg zu fahren sind Sie mit dem  Flugzeug schon locker in Tunesien, Ägypten, ja vielleicht sogar  in Indien – also in einem Umfeld  mit gigantischen Unterschieden  in Klima, Umgebungsrisiken  und Krankheitsspektrum, Hygiene  und letztlich auch Verfügbarkeit  qualifizierter medizinischer Hilfe  (d. h.  pädiatrisch-fachärztliche  Versorgung) im Anlassfall: Ein Kind ist  nämlich wie wir wissen KEIN kleiner Erwachsener. (Nur als Beispiel:  in Papua Neuguinea, also dem  nicht-indonesische Teil der Insel,  der ungefähr doppelt so groß wie  Deutschland ist gab es bei einer  Bevölkerung von ca. 7,3 Mio. im  Jahr 2008 gerade einmal einen (!)  Facharzt für Kinderheilkunde).  Zitat eines befreundeten und  hoch angesehenen Kinderarztes  (Prof. Dr. I. Mutz): „Es ist der Egoismus der Erwachsenen, der Familien in tropische Länder treibt.  Kindern ist die geographische Position der Sandkiste egal.“

Ab welchem Alter dürfen Kinder aus  reisemedizinischer Sicht eine Fernreise machen?


Dies ist wohl keine Frage des „Dürfens“: Flug- und Reisetauglichkeit  besteht bei gesunden Kindern  ab dem 6. Tag nach der Geburt.  Die wichtigen Fragen sind die der  Destination, der (evtl. unvermeidlichen) Risiken und der verfügbaren  medizinischen Versorgung vor Ort:  so sind auch Reisen zu fernen Destinationen wie in Städte der USA,  Kanadas, Japans, Südafrikas oder  auch Australiens und Neuseelands  grundsätzlich auch für Kinder  „erlaubt“.  

Thema Fliegen mit Kindern: Gibt  es hier ein Zeitlimit? Und was kann  man den Eltern zu diesem Thema  sagen?


Solange Kinder „beschäftigt“ werden können, stellen Flugreisen  üblicherweise kein Problem dar.  Je länger eine Reise, umso eher  kommt der Bewegungsdrang der  Kinder durch – und ein Flugzeug  ist eben kein Platz zum Herumtollen. Klassische Urlaubsflieger  haben sich mit einem reichhalti - gen Unterhaltungsprogramm an  Bord mittlerweile gut auf diese  neue Herausforderung eingestellt.  Die üblicherweise sonst in diesem  Kontext gestellten Fragen lassen  sich relativ kurz beantworten: a)  Druckausgleich  →  etwas trinken  lassen (Säuglinge kann man auch  durchaus auch stillen, so man das  mit dem Anschnallen organisiert  bekommt); b) Strahlenbelastung  durch Höhenstrahlung: bei sporadischen Flügen (auch Transatlantik) unbedenklich.

Welche reisemedizinischen Vorkehrungen sollen Eltern für ihre Kinder  treffen?


Spezifische Themen betreffen: a)  Impfungen (evtl. abweichend Dosis), b) wenn Risikogebiet: Malariaprophylaxe (spezielle Dosis, evtl.  auch kinderfreundliche Zubereitung = Saft), c) Reiseapotheke für  Kinder(!), d) kindertauglicher Mücken- und Sonnenschutz, e) Reiseversicherung und f ) Reiseequipment (Kuscheltier/Decke, aber z. B.  je nach Alter auch Namensschild  mit Adresse und Telefonnummer  einer Kontaktperson oder z. B. einen Kindersitz für einen Mietwagen) – auch wenn e und f weniger  medizinisch als organisatorisch zu  berücksichtigen sind.

Eine Beratung vor Antritt der Reise  durch einen Reisemediziner ist ideal. Kann der betreuende Kinderarzt  oder Allgemeinmediziner diese auch  übernehmen?


Selbstverständlich, Kinderärzte  und Allgemeinmediziner sind in  Österreich hervorragend ausgebildet und sollten die erste Anlaufstel - le sein. Schließlich wissen sie bei  speziellen Fragen auch, an wen sie  sich im Anlassfall wenden können.  Dazu kommt, dass es auf Beschluss  der Österreichischen Ärztekammer  demnächst auch eine spezifische  standardisierte Basisausbildung in  Reisemedizin für alle interessierten  Kollegen geben wird.  

Welche Themen der Reisemedizin  betreffen Kinder besonders?


Hier eine Grenze zu ziehen, fällt  schwer, allerdings gibt es belastbare Daten für folgende Themenbereiche: a) Durchfallerkrankungen,  b) Ohrenentzündungen, c) Sonnenbrand, Hitzschlag, d) (Bagatell-)Verletzungen (inkl. Seeigel, Korallen, Bienen- und Wespenstiche),  e) (superinfizierte) Mückenbisse  (Kratzverbot schwer einzuhalten),  f ) Tierbisse (Tollwut!) und – bei speziellen Reisen (low budget – Massenunterkünfte; betrifft Kinder und  Jugendliche): Ektoparasiten, evtl.  Meningokokken. Dazu kommen  noch in ganz speziellen Situationen  körperliche (v. a. Höhentourismus,  Radtouren) und geistige (Bildungsreisen, Schüleraustausch) Überforderung, und ein zunehmend  heißes Thema für Jugendliche (und  junge Erwachsene) ist „Volunteer  Tourism“ (Freiwilligenarbeit)

Gibt es aus infektiologischer Sicht  zurzeit Bedrohungen, die besonders  Kinder auf Reisen betreffen?


Es gibt Dauerbrenner (die schon  immer vor allem Kinder betroffen haben), das sind Durchfallerkrankungen (spezielle Hinweise:  Ferntourismus mit Kleinstkindern/ Rotavirus; Schiffskreuzfahrten/Norovirus; allgemein: ETEC und EHEC)  und Fieber (Malaria, Dengue, in Lateinamerika aktuell Chikungunya  – nicht zu vergessen Influenza/ zirkuliert in den Tropen ganzjährig), re-emerging diseases (wiederkehrende „alte“ Seuchen – hier vor  allem die Masern und der Keuchhusten, auch in industrialisierten  Ländern) und neue Trends (insbesondere Aktivtourismus mit Kindern: hochalpine Wanderungen,  Tauchen, Langstrecken-Segeln).  Nicht zu vergessen ist (trotz oder  vielleicht auch wegen der Wirtschaftskrise) die Gruppe der Expatriates (vorübergehende oder dauerhafte Auswanderung): gerade  hier ist die Aufstellung eines zeitgerechten und altersadaptierten  Vorsorgeplans für die Kinder eine  große Herausforderung.

Thema Fernreisen mit Kindern: Hat  sich die medizinische Versorgungssituation, welche für Kinder auf Reisen  zur Verfügung steht, in den letzten  Jahren verändert?


In manchen Ländern hat sich die  allgemeine medizinische Versorgungssituation (auch unter dem  Druck des Tourismus) z. T. erheblich verbessert, insbesondere was  die technische Ausstattung vor  Ort und die Verfügbarkeit moderner Medikamente anlangt  – davon profitieren auch Kinder.  Diese Medaille hat aber auch eine  zweite Seite: Die Gesamtsituation  in vielen dieser Länder begünstigt andererseits den infektiösen  Hospitalismus wie auch die Resistenzentwicklung bei Bakterien  – so sind gerade höchstresistente  Stämme (MDR- und XDR-Tuberkulose, ESBL (extended spectrum  ß-Lactamase) bildende gram-ne - gative Stäbchen, Carpapenemase-bildende Enterobakteriazeen  (CPE) aber auch Pseudomonaden,  Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) und auch methicillin-resistente Staphylokokken (MRSA))  unerwünschte Reisesouvenirs  nach Fernreise.  

Zusatzbemerkung: Wenn wir  schon über Kinder und Reisen  sprechen sollten wir auch nicht  auf jene vergessen, die nicht zu  Erholungszwecken reisen: Migrantenfamilien, Flüchtlinge und Asylsuchende, Randgruppen unserer  Gesellschaft, denen viel zu wenig  Gehör (und Mitmenschlichkeit)  geschenkt wird. Unter den oft sehr  belastenden Bedingungen leiden  Kinder häufig am meisten – dies ist  auf Grund des Umfangs dann aber  wohl eine eigene Geschichte!  

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch! Das Interview führte Dr. Renate  Höhl, 6. Mai 2015

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