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Kinder- und Jugendheilkunde 11. November 2014

Kinder- und Jugendchirurgie in Österreich

Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Holger Till, Vorstand der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie, Graz

Sie sind Leiter der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie in Graz. Welchen Stellenwert hat diese medizinische Fachrichtung in Österreich?

Dr. Till: Die Kinder- und Jugendchirurgie ist in Österreich eine der wichtigsten Fachrichtungen zur Behandlung von chirurgischen Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters. Unsere Verantwortung reicht vom Früh- und Neugeborenen bis zum Adoleszenten, und unsere operative Expertise erstreckt sich von angeborenen Fehlbildungen bzw. akuten Erkrankungen an Kopf, Hals, Thorax, Abdomen und Harnwegen bis zur Tumorchirurgie und Kindertraumatologie. Es besteht also ein sehr breiter Versorgungsauftrag hier in Österreich.

Welche Schwerpunkte hat Ihre Klinik?

Dr. Till: Mit der Ernennung von Prof. Hugo Sauer im Jänner 1975 entstand erstmals in Österreich eine eigenständige universitäre Kinderchirurgie. Seitdem hat sich unsere Klinik auch Dank Professor Dr. Höllwarth zu einem klinischen und akademischen „Leuchtturm“ des Faches weit über die Landesgrenzen hinaus entwickelt. So verfügen wir heute über international ausgebildete Experten, die hoch qualifizierte Schwerpunkte abbilden. Ihre Stärke liegt auch im interdisziplinären Teamgeist innerhalb unseres Kinderzentrums Graz, denn wann immer es im Interesse des Kindes sinnvoll ist, kooperieren wir mit anderen Fachrichtungen und integrieren unsere operativen Strategien in ein ganzheitliches Behandlungskonzept. Dies gilt insbesondere für die Resektion von soliden Tumoren in Absprache mit der pädiatrischen Hämatologie/Onkologie (Prof. Urban) und für die Neugeborenenchirurgie von angeborenen Fehlbildungen (z.B. Ösophagusatresie, Analatresie, Morbus Hirschsprung, Bauchwanddefekte und Zwerchfellhernien). Gerade diese kleinen und anspruchsvollen Patienten erfordern die Interdisziplinarität eines „Perinatalzentrums“, so dass wir uns fortwährend mit der Geburtsmedizin (Prof. Klaritsch) und mit der Neonatologie (Prof. Urlesberger) abstimmen. Der zahlenmäßig größte Schwerpunkt unserer Klink liegt in der Unfallversorgung und Kindertraumatologie. Hier verfügt die Klinik über ein modernes „Kinder-Traumazentrum“ mit eigenem Hubschrauberlandeplatz, Notfall-Computertomographie, Schockraum-OP und eigener Intensivstation. Durch enge Kooperationen mit der Kinderradiologie und Kinderanästhesie, aber auch befreundeten chirurgischen Fächern wie der Neurochirurgie oder HNO stellen wir „rund um die Uhr“ das beste Team für den individuellen Fall bereit. Des Weiteren stellt die Kinderurologie unter Prof. Axel Haberlik einen eigenen Spezialbereich dar, der im Einklang mit der Kinderklinik und Kindernephrologie (Prof. Ring) alle Erkrankungen des Urogenitalsystems auch minimal invasiv betreuen kann (Abb. 1, 2, 3). Seit über 15 Jahren faszinieren mich in der klinischen Arbeit die technischen Möglichkeiten und Anwendungsbereiche der Minimal Invasiven Kinderchirurgie. Apropos Minimal Invasive Kinderchirurgie – diese Operationstechniken wurden in Graz schon sehr frühzeitig implementiert und seitdem fortentwickelt, so dass wir heute viele komplexen Fehlbildungen am Verdauungstrakt, dem Harntrakt, dem Skelettsystem oder den Lungen mit nur 3-5mm kleinen Inzisionen kompetent versorgen können. Zusammen mit einer zertifizierten Schmerztherapie soll also jede Operation bei uns möglichst schonend (minimal invasiv und schmerzfrei) verlaufen. All diese Informationen und Hinweise auf weitere Spezialisten und Spezialgebiete können Sie auch unserer neuen Homepage entnehmen (www.kinderchirurgie.uniklinikumgraz.at).

Welche Themen dominieren in Ihrem Fach in der Wissenschaft derzeit international?

Dr. Till: Durch die Breite unseres Faches gibt es eigentlich keine vordringliche Dominanz eines Bereiches. Allerdings sind die „heißen“ Themen derzeit auf vielen wissenschaftlichen Kongressen die Beiträge zum „Fetal surgery and tissue engineering“, zur Minimal Invasiven Kinderchirurgie und zu Stoffwechselphänomenen nach gastrointestinaler Kinderchirurgie („metabolische Kinderchirurgie“). Auch wir denken, dass in diesen Bereichen das größte Entwicklungspotential an Wissenschaft und Forschung zum Wohle unserer kleinen PatientInnen liegt und haben uns entsprechend positioniert.

Welche Forschungsprojekte laufen an Ihrer Klinik?

Dr. Till: Die Klinik verfügt über zwei ausgewiesene Forschungseinheiten innerhalb der Medizinischen Universität Graz. Das ist einerseits die FE für Unfallforschung und -prophylaxe von Doz. Eberl, dessen Arbeitsgruppe sowohl epidemiologische Daten zu Unfallmechanismen, als auch zukunftsträchtige Biomaterialien zur Osteosynthese erforscht. Ferner betreibt Prof. Saxena eine FE für „Experimental Fetal Surgery and Tissue Engineering“, die gerade in den letzten Jahren nach Einwerbung signifikanter Drittmittel hervorragende Erkenntnisse und Publikationen produzieren konnte. Schließlich habe ich die Stärken meiner Arbeitsgruppe zum Thema „Energiehomöostase und Stoffwechselphänomene in der Kinderchirurgie gebündelt mit Prof. Singer, der eine Forschungsgruppe für Sepsis und Mikrozirkulation leitet. Da diese große Arbeitsgruppe von der Überernährung (Adipositaschirurgie) oder Fehl-/Mangelernährung (Stichwort Kurzdarmsyndrom) bis hin zur Tumorkachexie arbeitet, können wir uns jetzt sehr gut mit den Forschungsfeldern der MUG verbinden (Krebsforschung, Lipidforschung und den neugeschaffenen Professuren für Mikrobiom).

Wo liegen Ihre persönlichen fachlichen Schwerpunkte?

Dr. Till: Seit über 15 Jahren faszinieren mich in der klinischen Arbeit die technischen Möglichkeiten und Anwendungsbereiche der Minimal Invasiven Kinderchirurgie. Aus dieser Motivation heraus bin ich 2004/2005 an die Chinese University of Hong Kong zu Professor CK Yeung gegangen, der auch heute noch als ganz besonders talentierter „Stäbchen-Kinderchirurg“ gilt. Viele seiner Techniken und andere vorteilhafte Verfahren wurden in unserer Klinik etabliert und stellen auch einen meiner persönlichen Schwerpunkte dar. Ferner konzentriere ich mich seit vielen Jahren auf die Operations- und Lebensqualität von Kindern mit Ösophagusatresie oder Gastro-ösophagealem Reflux. Wichtige Erkenntnisse, die demnächst auch in einem Lehrbuch dazu erscheinen, haben wir von den Elternorganisation KEKS und den KollegInnen der Pädiatrie erhalten, so dass wir die Notwendigkeit sehen, Rekonstruktionstechniken (z.B. Foker-Elongation) oder Ösophagusersatzoperationen (z.B. Magenhochzug) weiter zu verbessern. Dieser Aufgabe und diesen Kindern will ich mich auch in Zukunft weiter widmen.

Praktisches Arbeiten an der Klinik: Haben Sie Wünsche an die Zuweisenden?

Dr. Till: Im Interesse der gemeinsamen Versorgung macht es Sinn, in der Zukunft noch direkter miteinander zu kommunizieren und Behandlungspfade abzusprechen. Da stellt unser interdisziplinäres Kinderzentrum insbesondere mit der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde schon ein großartiges Beispiel dar, und hierin sollten die Zuweisenden persönlich und elektronisch noch stärker integriert werden. Regelmäßige, gemeinsame Fortbildungen, direkte persönliche Kontaktaufnahmen und zeitnahe Absprachen (per Telefon, Internet) könnten uns noch näher aneinander binden.

Wie beurteilen Sie die Situation der Ausbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendchirurgie?

Dr. Till: Die Kinder- und Jugendchirurgie wurde 1994 zu einem eigenständigen chirurgischen Fach erklärt und ist seitdem verantwortlich für die Ausbildung unseres Nachwuchses. Spannungsfelder wie Ärztemangel, qualifizierte Ausbildungsplätze und fallende Operationszahlen gab es schon immer und wird es auch in den nächsten Generationen wieder geben. Aktuell stellt ja die Novelle des AZG eine große Herausforderung dar. So lange aber die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie weiterhin so erfolgreich arbeitet, sehe ich für unser Fach- und unsere Ausbildungsmöglichkeiten eine großartige Zukunft. Diese Führungsqualitäten haben Präsident und Vorstand der ÖGKJCH gerade erst wiederbei der Diskussion um die kommende Ausbildungsordnung unter Beweis gestellt.

Ein Blick in die Zukunft: In welche Richtung wird sich Ihr Fach entwickeln?

Dr. Till: Wir werden eine zunehmende Spezialisierung, Zentrenbildung für komplexe und seltene Erkrankungen und eine internationale Vernetzung zum Wissenstransfer in Zukunft erleben.

Vielen Dank! Dr. Renate Höhl, 11. 9. 2014

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