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Kinder- und Jugendheilkunde 9. September 2014

Wie riskant ist Sicherheit?

Über die Herausforderung, Eigenverantwortung zuzulassen

„Risiko, ergo sum“, sagt U. Beck. Es ist noch nicht lange her, dass man Kleinkinder zum Gehenlernen in Laufwägelchen stellte. Sie lernten das Laufen, aber nicht das Fallen. Sie lernten nicht, ein mögliches Risiko abzuschätzen. Hemmend kann schon die Sorgfaltspflicht sein. In Österreich kam es, weil ein Mädchen vom Baum gefallen war, zu einem Prozess mit hoher Geldstrafe. In Deutschland werden neue Normen für das Sicherheitsverhalten in Klettergärten geprüft, verbunden mit strengster Aufsichtsstufe. Untersuchungen ergaben, dass sich der Radius der 12- bis 15-jährigen Kinder, in dem sie sich selbständig und unbeaufsichtigt bewegen, in den letzten 50 Jahren von 25 auf 2,5 km reduziert hat. Warum aber bleiben trotz besseren Wissens die Verhältnisse gleich? Heute bringt in Österreich eine Frau im Durchschnitt 1,28 Kinder zur Welt. Die „Unversehrtheit“ dieses einen Kindes ist für die Eltern oberstes Gebot. M. Roeper, Autor des Buchs Kinder raus, sagt: „Die Ängstlichkeit der Eltern ist ein grundsätzliches Problem. Die Kinder werden in Watte gepackt, aber für Kinder ist es eine Zwangsjacke.“ Kinder und Jugendliche haben scheinbar keine große Wahl mehr. Eltern wie Pädagogen müssen wieder mehr Mut zum Risiko entwickeln, um Kinder und Jugendliche beim Betreten der für sie neuen Risikoräume zu begleiten. Eine Gesellschaft hat die Aufgabe, die kommende Generation auf ihr Leben vorzubereiten. In Zeiten zunehmender Verunsicherung ist das ein immer komplexeres Anliegen. Ein Begriff, der hier immer öfter auftaucht, ist die Ambiguitätstoleranz, eine Fähigkeit, die die differenzierte Betrachtung von Widersprüchen und Irritationen ermöglicht und konstruktive Handlungsfähigkeit auch bei Verunsicherung beibehält.

Abstract

“Risiko, ergo sum,” says Ulrich Beck. Not long ago baby-walkers were used to teach children to walk. They learned how to walk, but not how to fall. They did not learn how to assess a possible risk. The duty of care can be a serious obstacle. In Austria, a girl falling out of a tree led to a court case ending in a large fine. In Germany, new standards are being tested for safety precautions in climbing gardens, combined with extremely strict supervision levels. Investigations have shown that the radius within which 12- to 15-year-old children move on their own without supervision has decreased from 25 to 2.5 km over the last 50 years. But why do the conditions remain the same although we know better? On average, a woman in Austria today will have 1.28 children. That this one child remains unharmed is of the utmost importance for the parents. Malte Roeper, the author of the book Kinder raus, says, “The parents’ anxiety is a fundamental problem. The children are packed in cotton wool, but for the children themselves it is a straightjacket”. Children and young people apparently no longer have much choice. Parents and educators need to develop more “courage to take risks” so that they can accompany children and young people as they enter new risk areas. It is a function of a society to prepare the next generation for life. This becomes more and more complex in an age of increasing uncertainty. A term that frequently arises in this context is ambiguity tolerance, a skill that allows differentiation in the way contradictions and annoyances are seen, and maintains a constructive ability to act even when uncertain.

Pädagogen und Eltern müssen sich wieder zunehmend der Herausforderung stellen, authentische Freiräume für Risikolernen zuzulassen, damit wirksames Intervenieren in erlebnisorientierten Settings wieder möglich wird – hier einige Fakten und Gedanken dazu.

Inzwischen ist es eines der großen Themen in der Pädagogik geworden: Risiko als Lernbedingung, oder wie U. Beck sagt: „Risiko, ergo sum“. Das war nicht immer so. Mit besten Absichten haben etwa Einrichtungen der Jugendhilfe jahrelang Sicherheitsmanuale für ihre Freizeit- und erlebnispädagogischen Konzepte und Maßnahmen verfasst und umgesetzt. Ziel war es, den Anspruch auf „zero accident“ umzusetzen. Aber wie W. Scheel so schön sagte: „Wenn nichts geschieht, geschieht auch nichts.“ Und dass das die Zielsetzung pädagogischer Arbeit sein soll, möchte ich doch bezweifeln. Mit anderen Worten bedienen wir durch die Suche nach der absoluten Sicherheit einen Trend, hin zur pädagogischen Handlungsunfähigkeit. Wir haben uns quasi selbst Handschellen angelegt. Leidtragende sind v. a. die Kinder und Jugendlichen, die wir ins Leben begleiten.

Braucht der Mensch Risiko?

Der Mensch ist ein explorativ, eigenkonstruktiv lernendes Wesen. Ein Beispiel, das gut verstanden und breit akzeptiert wird, ist das „Gehenlernen“. Spontan und ohne Zögern wird hier bestätigt, dass das Gehen u. a. über das Stürzen, also den Misserfolg erlernt wird. Auch hier gab es vor einigen Jahren entsprechende Fehlentwicklungen und Verirrungen, als z. B. einer Generation Eltern glaubhaft der Sinn von Lauflernwägen als Unterstützung des Lernprozesses „Gehen“ vermittelt wurde. Kinder lernten dabei zwar ebenfalls das „Gehen“, aber sie lernten nicht, mit dem „Fallen“ als mögliche Folge ihrer Handlung umzugehen. Resultat war, dass die Verletzungsmuster sich dramatisch veränderten, weil das Abfangen und Abrollen nicht geübt werden konnte – ein Indiz dafür, dass zu einem vollständigen Lernprozess auch die Möglichkeit der individuellen Risikoabschätzung gehört, verbunden mit der Kompetenz, entsprechende Handlungsoptionen zu wählen.

Derzeit kursiert auf YouTube Werbung für Kleinkinderhelme im häuslichen Umfeld – der Kurzfilm baut, wie so vieles, auf der Erzeugung von Angst und Unsicherheit bei den Eltern auf. Und tatsächlich häufen sich Beobachtungen, dass Kinder bereits zum bloßen Spiel im Sandkasten das Haus mit Helm verlassen. Bleibt zu hoffen, dass diese Einzelfälle nicht irgendwann zunehmen werden und unsere Kinder ihr Leben nicht wie die Zeichentrickfigur Calimero mit „Eierschale“ auf dem Kopf verbringen müssen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Körpergefühl, Gleichgewicht und ein Gespür für die Konsequenzen von Grenzüberschreitung (nämlich der Grenzen der eigenen Körpermaße) nicht mehr ausreichend gelernt werden.

In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Untersuchungen mit diesen Zusammenhängen beschäftigt. So wurden beispielsweise vielfach das Verhalten auf Spielplätzen und die Anforderungen an die Architektur von Spielgeräten erforscht. Die Studie „Sichere Spielplätze hemmen Entwicklung“ beschreibt als ein Resultat „6 Risiken, die ein Spielplatz erfüllen sollte“, und betont deren Wichtigkeit. Das Forscherteam hat Kinder auf Spielplätzen in Norwegen, England und Australien beim Spielen beobachtet. Das Erforschen von Höhe, das Erleben von hoher Geschwindigkeit, der Umgang mit gefährlichen Gegenständen, die Nähe von gefährlichen Ereignissen (Feuer, Wasser), wildes Spielen (raufen) und das selbstständige Weggehen von einer erwachsenen Aufsichtsperson sind die Kategorien, in die sie das Risikoerleben eingeordnet haben (vgl. [ 4 ]).

Das am häufigsten erlebte Risiko war in allen Fällen das Klettern und damit das Erleben großer Höhe. „Klettergerüste müssen hoch genug sein, sonst werden sie sehr schnell langweilig“, so E. Sandseter, Psychologin am norwegischen Queen Maude University College. „Kinder erforschen ihre Umgebung schrittweise, und nur ganz wenige Kinder klettern gleich beim ersten Mal bis ganz hinauf“. Laut Sandseter ist es das Beste, die Kinder schon von einem frühen Alter an diesen Herausforderungen auszusetzen. Denn Kinder wenden bei ihrem Spielverhalten die gleiche Methode an wie Psychotherapeuten bei der Behandlung von Angstpatienten. Sie setzen sich langsam, Schritt für Schritt, immer gefährlicheren Situationen aus. „Paradoxerweise führt gerade die Angst vor harmlosen Verletzungen zu ängstlicheren Kindern mit höherer Neigung zu psychischen Erkrankungen“, schreibt die Psychologin (vgl. [ 4 ]).

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch australische Wissenschaftler, die für ihre Studie „Safe outdoor play for young children“ („Sicheres Spielen im Freien für jüngere Kinder“) v. a. Spielplätze bei Volksschulen und Tagesbetreuungsstätten beobachteten. Das Ergebnis ist ernüchternd: Wenn Kinder nicht mehr die Möglichkeit zu aufregendem Spielverhalten haben, hat das nicht nur negative Auswirkungen auf ihre körperliche Fitness, sondern auch auf ihre soziale, emotionale und intellektuelle Entwicklung. A. Bundy von der Universität Sydney formulierte es so: „Es ist ein Risiko, wenn es kein Risiko mehr beim Spielen gibt“ (vgl. [ 4 ]).

Es gibt also genügend Informationen über den Stellenwert von Risikolernen für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Dennoch klafft eine Lücke zwischen Wissen und Handeln.

Von der Erkenntnis zur Umsetzung

Momentan findet man Beiträge zu diesen Themen in fast jeder Fachzeitschrift für Psychologen und Pädagogen, aber auch in den familienspezifischen Magazinen. Immer geht es dabei um die Notwendigkeit von Risikoerfahrungen. Sie werden als unabdingbar für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen postuliert. Bücher zu dieser Thematik sind auflagenstark und werden von Antwortsuchenden gern zurate gezogen – allein, das Problem bleibt: Die Schere zwischen der Erkenntnis und der Umsetzung wird eher größer als kleiner.

Einige Beispiele verdeutlichen diese Entwicklung. In Österreich wurde (erstmals) ein Kindergarten wegen Sorgfaltsverstoß zu einer Geldstrafe von 9600,00 € verurteilt, weil ein Mädchen von einem Baum gefallen war und sich dabei den Arm gebrochen hatte. Das Urteil wurde u. a. damit begründet, dass die Kindergärtnerin nicht in unmittelbarer Nähe des Baumes war. Als Konsequenz wird nun eine Norm gefordert, die regelt, wie viele Meter ein Kind von dem Erwachsenen weg sein darf. In Deutschland wird eine Norm geprüft, die regeln soll, dass unter 14-jährige „Kinder“ beim Begehen von Hochseilgärten, die kein automatisches Sicherungssystem haben, unter die strengste Aufsichtsstufe gestellt werden und damit nur mehr mit direkter 1-zu-1-Betreuung selbst umhängen dürfen. In der Schweiz wurde ernsthaft der Gesetzentwurf eingebracht, dass nur mehr Bergführer in einem Gelände über 800 m über dem Meer mit Gruppen unterwegs sein dürfen – hier haben sich die Interessenverbände, u. a. aus der Erlebnispädagogik, massiv und erfolgreich gewehrt.

Neben spezifischen Anliegen von Interessengruppen sind es v. a. die Ängste der Pädagogen und Eltern, die solche Entwicklungen befeuern. Beim Vortrag eines Münchner Professors haben mich zwei Ergebnisse seiner Studien besonders beschäftigt: Laut seinen Untersuchungen hat sich der Radius von 12- bis 15-jährigen Kindern, in dem sie sich selbständig und unbeaufsichtigt bewegen dürfen, in den letzten 50 Jahren von 25 auf 2,5 km reduziert – das bedeutet: Heute werden Kinder fast überall von den Eltern mit dem Auto hingebracht. Dies erklärt das zweite Ergebnis in Teilen: Die täglich geleistete Bewegung sei von 23 km auf 800 m gesunken. A. Weber [ 3 ] beschreibt in seinem Beitrag in GEO, Ausgabe 8/2010, ein anderes Beispiel, das eine ähnliche Relation herstellt: „Wie dramatisch das Recht von Kindern gezügelt worden ist, in Freiheit herum zu streifen, zeigt das zufällig untersuchte Beispiel einer Familie im britischen Sheffield. Der Urgroßvater war in den 1920er Jahren im Alter von 8 Jahren 10 km zu seiner Lieblingsangelstelle marschiert. Sein Schwiegersohn durfte nach dem Krieg, gleichermaßen achtjährig, durch den anderthalb Kilometer entfernten Wald streifen. Auch zur Schule ging er allein. Dessen Tochter stand es in den 1970er Jahren immerhin frei, mit dem Rad durch die Nachbarschaft zum Schwimmen zu fahren. Ihr eigener Sohn jedoch, ebenfalls acht, darf sich allein nur bis ans Ende der Straße bewegen – und wird mit dem Auto zur Schule kutschiert.“

Es bleibt die Frage, warum die beschriebenen Verhältnisse trotz besseren Wissens so bestehen – warum Gesellschaft und Eltern, die ja das Beste für ihre Kinder wollen, deren Entwicklungsbedürfnissen offenkundig oft im Wege stehen.

„Challenge by choice“ – aber welche Wahl haben Kinder denn noch?

Es ist nachvollziehbar, dass sich die Bedeutung von Kindern für die Biografie der Eltern völlig verändert hat. Zwei Generationen zurück waren 5 und mehr Kinder in einer Familie keine Seltenheit – heute liegt der Durchschnitt in Österreich bei 1,28 Kindern pro Frau. Das heißt, wir haben zum überwiegenden Teil Einzelkindsituationen. Die „Unversehrtheit“ dieses einen Kindes steht im vollen Aufmerksamkeitsfokus der Familie. Das Kind ist Mittelpunkt des Lebens für die beiden Eltern, evtl. für vier Großeltern und vielleicht auch noch für einige kinderlose Onkels und Tanten. Dieser Gedankengang ist natürlich nur halb ernst gemeint, kann aber, als ein möglicher Aspekt für die stetig steigende Überbehütung, die Nachvollziehbarkeit dieser Entwicklung unterstützen. Selbstverständlich gibt es noch eine ganze Reihe anderer Gründe für diese Veränderungen. Wichtig scheint mir, diese Veränderungen wahrzunehmen und ihre Tragweite zu verstehen.

M. Roeper, Autor des Buchs „Kinder raus“, äußerte im Juli 2011 in einem Interview mit der Tageszeitung Der Standard: „… Die Ängstlichkeit der Eltern ist ein grundsätzliches Problem: Die Kinder werden in Watte gepackt, aber für Kinder ist das eine Zwangsjacke. Der Fürsorgeterror ist der blanke Horror. Ich erlebe das immer am Spielplatz, was den Kindern so alles verboten wird. Bei jedem Pups mischen sich die Alten ein. Das ist auch respektlos“ [ 5 ]. Aus dem American Journal of Play zitiert J. Pernsteiner in einer Aussendung von pressetext im August 2011 zum Thema „Ausrottung des freien Spiels schadet Kindern“ [ 6 ]: „Für die Frage, was das Spielen ausgerottet hat, werden viele Faktoren angeführt. Für Hara Estoff Marano, Autorin von ‚A Nation of Wimps‘ (Land der Weicheier), tragen die Eltern die Hauptverantwortung, da sie für ihre Kinder eine perfekt kontrollierte Umgebung ersehnen, die ihnen die Werbung schmackhaft macht. Deutlich werde das etwa an überzogener Hygiene, jedoch auch in den Parks. ‚An einem schönen Sonntagmorgen sieht man viele Väter auf Spielplätzen. Bei jedem Kind steht ein Vater, der es am Ende der Mini-Rutsche auffängt und jede Bewegung coacht. Jegliches Spielen wird so verhindert’, so die US-amerikanische Psychologin.“

Kinder und Jugendliche haben scheinbar keine große Wahl mehr. Eigenverantwortete Bewegungs- und Spielräume sind ganz offenbar eher eine Seltenheit geworden. Damit Kinder lernen können, die für sich richtigen Entscheidungen zu treffen und damit das Ausmaß der Herausforderung zu wählen, muss es aber auch etwas zu entscheiden geben, braucht es fordernde Situationen.

Betrachtenswert erscheint mir daher unser Umgang mit dem Anspruch an das „Fordern“. Eine gängige Formel dazu ist: „Unterforderung erzeugt Langeweile – Überforderung erzeug Frust“. Gelingt es uns als Erwachsenengeneration, für unsere Kinder eine Balance innerhalb des Spektrums herzustellen, ist das einer der zentralen Bausteine des geforderten Umstiegs von der „Bewahrungs- zur Bewährungspädagogik“. Entwicklung wird dann möglich, wenn durch die Bewältigung neuartiger Situationen bisher nicht integrierte Verhaltensmöglichkeiten erprobt und je nach Erfolg beibehalten oder adaptiert werden können.

Eltern wie Pädagogen müssen wieder mehr Mut zum Risiko entwickeln, um Kinder und Jugendliche beim Betreten von für sie neuen und damit mit Unwägbarkeiten versehenen Risikoräumen zu begleiten. Diese zuzulassen, heißt Entwicklung zuzulassen – diese aus eigenen Ängsten zu verhindern, heißt Entwicklung zu hemmen!

Lernen, mit Unsicherheit zu leben

Eine Gesellschaft hat die Aufgabe, die kommende Generation auf ihr Leben vorzubereiten. In Zeiten zunehmender Verunsicherung ist dies ein immer komplexer werdendes Anliegen. Ein Begriff, der hier immer öfter auftaucht ist die Ambiguitätstoleranz: Eine Fähigkeit, die die differenzierte Betrachtung von Widersprüchen und Irritationen ermöglicht und konstruktive Handlungsfähigkeit auch bei Verunsicherung erhält. Ambiguitätstoleranz lässt sich beispielsweise erhöhen, indem man Kontrollillusionen aufgibt, den eigenen Denkstil ändert und die Grenzen des eigenen Wissens anerkennt (vgl. [ 2 ]). Das frühe Erlernen des Umgangs mit Unsicherheit hat einen enormen Einfluss auf die Ausprägung dieser Fähigkeit. Wer lernt, sich Herausforderungen und Risiken zu stellen, Lösungen zu suchen und flexibel immer wieder neue Situationen zu meistern, der kann diese Fähigkeiten aufbauen. Wie wichtig das ist, wird deutlich, wenn man den Untersuchungsergebnissen des Soziologen W. Heitmeyer Aufmerksamkeit schenkt. Er hat herausgefunden, dass das Ambiguitätstoleranz-Defizit-Syndrom zu stark steigender Gewaltbereitschaft führt (vgl. [ 2 ]).

Dass Jugendliche und junge Erwachsene in fast allen Lebensthemen vermehrt „Unsicherheit“ vorfinden, ist bekannt und oft beschrieben. Dass aber der Erlebnis- und Erfahrungsfreiraum junger Menschen einen direkten Zusammenhang mit deren Fähigkeit hat, später ihr Leben in diesen Punkten zu meistern, ist noch zu wenig bewusst. Andernfalls wäre kaum verständlich, warum sich Pädagogen diesen dringenden Themen kaum stellen und sich noch immer mit der Formel „Ich würde ja, aber die Vorschriften erlauben es mir nicht“ aus der Verantwortung stehlen.

Um also unsere Kinder auf die Herausforderungen ihres Lebens vorzubereiten, müssen auch wir wieder lernen, mit offenen Situationen umzugehen, und Abschied von einer „Sicherheit“ nehmen, die es ohnehin nicht gibt.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt. J. Einwanger gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht. Dieser Beitrag beinhaltet keine Studien an Menschen oder Tieren.

Literatur

  1. Einwanger J, Einwanger J (Hrsg) (2007) Mut zum Risiko. Reinhardt, München
  2. Nuber U (2012) Weil es oft anders kommt: Die Kunst, mit Unsicherheit zu leben. Psychologie heute, Heft Nr. 12/12, S 20–26
  3. Weber A (2010) Kinder raus in die Natur! GEO Magazin, Nr. 8/10, S 90–110
  4. Thema: „Studie: Sichere Spielplätze hemmen Entwicklung“/Story: „Sichere Spielplätze hemmen Entwicklung“. Publiziert am 19. Juli 2011. http://www.news.ORF.at
  5. Zurück zur Natur/Malte Roeper „Bewegung im Freien ist ein Grundbedürfnis“. Publiziert am 8. Juli 2011. http://www.standard.at
  6. Pressetext: Redaktion Johannes Pernsteiner „Ausrottung des freien Spiels schadet Kindern – Psychologen warnen vor vollen Stundenplänen und zu viel Vorsicht“. Publiziert am 30. August 2011. http://www.journalofplay.org

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