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Kinder- und Jugendheilkunde 28. Februar 2014

40 Jahre Mutterkindpass - was nun?

Der österreichische Mutterkindpass feiert heuer sein 40-jähriges Jubiläum. Wirklich ein Grund zum Feiern ? 

Lassen Sie mich ganz vorne beginnen ...

Der Mutterkindpass wurde Anfang der 1970er Jahre entwickelt, um die damals in Österreich mit ca. 25 Promille im Europavergleich relativ hohe Säuglingssterblichkeit auf das Niveau vergleichbarer Länder zu senken [1]. Von der damaligen Gesundheitsministerin Ingrid Leodolter wurde ein Team unter der Leitung des Pädiaters und Sozialmediziners Hans Czermak beauftragt, Vorschläge für ein derartiges Präventivtool zu erarbeiten. Im Jahr 1974 wurde schließlich dieser „Mutterkindpass“ österreichweit eingeführt. Sehr rasch zeigte diese Maßnahme auch Erfolg, und die Säuglingssterblichkeit sank zwischen 1974 und 1992 von 23,5 auf 7,4 Promille.
Die Untersuchungsinhalte standen unter „ärztlicher Kontrolle“ , und im Gesundheitsministerium (das in den letzten 40 Jahren mehrmals Namen und Zuständigkeiten änderte, zum Teil auch nur als Staatssekretariat geführt war) wurde eine dem Obersten Sanitätsrat (OSR) zugeordnete Mutterkindpasskommission eingerichtet. Diese Kommission hatte den Auftrag, Untersuchungsinhalte und abgeleitete Maßnahmen auf deren Evidenz und Nutzen zu überprüfen. In den letzten 4 Jahrzehnten wurde diese Kommission von folgenden Personen geleitet:
Wie die Tabelle 1 zeigt, ist die Funktionsperiode der jüngsten MKP-Kommission seit Ende 2010 ausgelaufen. Die bisher letzte Sitzung der MKP-Kommission fand am 14.10.2010 statt, und somit existiert seit über 3 Jahren kein medizinisch- wissenschaftliches Beratergremium. Stattdessen wurde in den letzten Jahren das Ludwig Boltzmann Institut Wien (LBI, Leitung Univ.Prof. Dr. C. Wild) als HTA-Institut (HTA = Health Technology Assessment) beauftragt, eine Evaluation des Mutterkindpasses und dessen Einzelmaßnahmen durchzuführen. Die Aufgabe eines HTA-Berichtes besteht v. a. darin, vorhandene Evidenz zu suchen, zu sichten, zu bewerten, darzustellen, und in weiterer Folge den Entscheidungsträgern zur Entscheidungsfindung vorzulegen. Für diesen Prozess ist ein 3-stufiges Verfahren vorgesehen:

  • Assessment (Datenerhebung)
  • Appraisal (Bewertung der Ergebnisse)
  • Decision (Entscheidung)

Dabei ist es durchaus üblich, in der ersten Phase die eigentlichen „Fachleute“ auszublenden, weil sie u.U. in Einzelfällen eine subjektive Sichtweise einbringen könnten.

Das ist soweit auch ok. – Aber was ist in Österreich passiert?

Seit mehreren Jahren wird nun der österreichische Mutterkindpass „evaluiert“, während gleichzeitig jegliche medizinisch-wissenschaftliche Beratung „stillgelegt“ ist. Das LBI hat in mittlerweile neun Projektberichten [2] und auf insgesamt 1571 Seiten (zu sicher nicht unbeträchtlichen Kosten!) einerseits wahrscheinlich wertvolle Arbeit geleistet, gleichzeitig aber auch ein „Werk“ geschaffen, in welchem man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. So wurden z.B. bzgl. Frühgeburtlichkeit alle möglichen Risikofaktoren aufgeführt, die uns seit Jahrzehnten wohl bekannt sind und gegen die längst alle möglichen Gegenmaßnahmen eingeleitet wurden. In vielen Bereichen (dazu zählen z.B. die pädiatrischen Untersuchungen) berichtet der HTA-Bericht über „fehlende Evidenz“ . Auch diese Erkenntnis ist nicht neu. In der Tat kann es eine solche Evidenz für bestimmte Untersuchungen gar nicht geben, weil in keinem Land die Vorsorgeuntersuchungen (deren Zahl in verschiedenen Ländern durchaus unterschiedlich ist) „prospektiv kontrolliert“ eingeführt wurden – also mit einer (von den Untersuchungen ausgeschlossenen) Kontrollgruppe [3].

Tab1Kerbl

Nun stehen wir also vor diesem "Monsterwerk" (das wahrscheinlich kaum jemand in seinem Gesamtumfang wirklich gelesen hat) und sind „so klug als wie zuvor“ [4].

Was nun ?

Seitens der Österreichischen Gesellschaft für Kinderheilkunde ( ÖGKJ ), aber auch seitens der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ( ÖGGG ) wurde wiederholt die Wiedereinführung eines wissenschaftlichen Beirats im BMG eingefordert – bisher ohne Erfolg ! Dabei besteht seitens der beiden wissenschaftlichen Gesellschaften durchaus Bereitschaft zur konstruktiven Zusammenarbeit mit dem LBI . Offensichtlich ist die Angst der politisch Verantwortlichen aber groß, dass die Ärzteschaft mit standespolitischen Interessen ans Werk gehen könnte. Die Vertretung dieser Interessen ist aber NICHT Aufgabe der wissenschaftlichen Gesellschaften, sondern der Österreichischen Ärztekammer ( ÖÄK ) als Standesvertretung. Dass die Mutterkindpass-Honorare seit mittlerweile fast 20 Jahren (!!!) nicht valorisiert wurden, ist eine bedauerliche Tatsache, die es auch zu korrigieren gilt – sie kann aber nicht Hauptaufgabe des wissenschaftlichen Beirates sein. UNSERE Aufgabe muss es vielmehr sein, in Zusammenarbeit mit BMG, Familienministerium und anderen „Playern“ den Mutterkindpass weiterhin als wirksames Präventivtool zu erhalten und weiter zu verbessern. Dafür braucht es v.a. auch ein Gremium aus medizinischen Expertinnen und Experten. Die mittlerweile oftmals vernommene Kampfansage „Kindergesundheit hat nichts mit Medizin zu tun“ führt sich wohl spätestens dann ad absurdum, wenn im Rahmen der Mutterkindpassuntersuchungen behandlungsbedürftige Erkrankungen diagnostiziert werden, was praktisch täglich der Fall ist ! Genauso wichtig ist aber auch die Verhinderung von Erkrankungen !

Empfehlung

An die Verantwortlichen (insbesondere im BMG) ergeht daher folgende Empfehlung :

  • Rasche (Wieder-) Errichtung einer medizinisch-wissenschaftlichen Mutterkindpasskommission bzw. eines „wissenschaftlichen Beirats“
  • Zusammenführung aller mit dem MKP befassten Institutionen
  • Stärkung des MKP als Präventivtool
  • Überarbeitung der MKP-Inhalte
  • Ausdehnung des MPK als durchgehendes Präventivtool ins Schul- und Jugendalter („junior“ Untersuchungen)
  • Systematische (ev. elektronische) Erfassung der Untersuchungsdaten

Dabei darf auch die von der Politik verordnete „immerwährende Kostenneutralität“ des MKP kein Thema sein. Immerhin handelt es sich beim MKP um ein besonders kostengünstiges Präventivpool – die Gesamtkosten der MKP-Honorare eines einzelnen Kindes (einschl. Untersuchungen in der Schwangerschaft) belaufen sich bei Inanspruchnahme ALLER Untersuchungen auf 551,86 € [5] – weniger als ein EINZIGES Autoservice ! Es ist heute allgemein akzeptiert dass „Prävention“ in allen Bereichen der Pädiatrie forciert werden muss, nicht nur weil dies letztlich Kosten spart („return of investment“), sondern v.a. weil dies in jedem Individualfall den Kindern und Jugendlichen zugute kommt und oft lebenslange Konsequenzen hat.

Literatur

[1] C. Popow (2009) Wie gut ist der Mutterkindpass ? Pädiatrie & Pädologie, 06/2009, 24 - 26. [2] http://eprints.hta.lbg.ac.at (Suchbegriff „Eltern Vorsorge“) [3] Johanna Pröll (2010) Europäische Präventionsprogramme in der frühen Kindheit (Diplomarbeit in Betreuung von Univ.Prof. Dr. Dagmar Bancher-Tod - esca, Medizinische Universität Wien) [4] Zitat aus Goethes „Faust“. [5] Andrea Lipp (2013) Der österreichische Mutterkindpass als Präventivtool für Kinder. Beteiligungsraten, Stichprobenanalysen und Gedanken zu einer möglichen Kosten-Nutzen-Evaluierung (Diplomarbeit in Betreuung von Univ.Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Medizinische Universität Graz und LKH Leben)

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