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© Ralf Hirschberger / dpa
 
Kinder- und Jugendheilkunde 4. Dezember 2013

Übergewicht, Vitaminmangel und keine Ahnung von Ernährung

Alarmierende Daten einer Präventionsstudie an Wiener Schulen.

Jedes vierte Kind zwischen 10 und 12 Jahren ist übergewichtig. Eisenmangel und Vitaminmangel sind stark verbreitet. Zudem wissen die wenigsten Kinder über gesunde Ernährung Bescheid.

In Österreich sind Erkrankungen des kardiovaskulären Systems für rund 43 Prozent aller Todesfälle verantwortlich und korrelieren stark mit Übergewicht und seinen Folgen. Auf Initiative des Österreichischen Herzfonds führt das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE) nun erstmals eine standardisierte und evaluierte Studie in mehreren Wiener Schulen durch, um Grundlagen für ein nationales Präventionsprogramm zu schaffen.

Die ersten Untersuchungen brachten besorgniserregende Ergebnisse hinsichtlich der körperlichen Fitness und des Ernährungsbewusstseins bei den 10- bis 12-Jährigen. „Die Folgen für die Gesundheit des Einzelnen wie auch für das Gesundheitssystem können fatal sein. Wir brauchen daher dringend gezielte Prävention“, warnte Prof. Dr. Kurt Widhalm, Präsident des ÖAIE.

Käsekrainer, Bratwurst, Döner

Im Rahmen der EDDY-(Effect of sports and diet trainings to prevent obesity and secondary diseases and to influence young children´s lifestyle)-Studie wurden bisher 146 Kinder aus vier Wiener Schulen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass 24 Prozent der Kinder übergewichtig sind. 9 Prozent in Bezug auf die Gesamtgruppe leiden an Adipositas, knapp drei Prozent an extremer Adipositas. Ein Kind brachte bereits 108,92 kg auf die Waage.

Bezüglich Ernährungswissen war nur jedes vierte der untersuchten Kinder gut informiert, 10 Prozent extrem mangelhaft. Nur 10 Prozent der Kinder sind sich dessen bewusst, dass nicht nur die Essensmenge, sondern auch die Essensqualität (also gesundes Essen) Einfluss auf die Gewichtskontrolle hat.

Käsekrainer, Bratwurst, Hamburger oder Döner-Kebap werden von 28 Prozent der Befragten mindestens drei- bis viermal pro Woche gegessen. 51 Prozent essen weniger als einmal pro Tag Gemüse, 26 Prozent nie. Mehr als die Hälfte der Kinder trinkt mindestens drei- bis viermal pro Woche Softdrinks.

Entleerte Eisenspeicher, Vitamin-D-Mangel

Die Blutuntersuchungen der Kinder im Rahmen der EDDY Studie brachten auch bislang unerkannte, weil symptomlose Anomalien zutage: „Die Blutbilder der Kinder zeigen weit verbreitete Eisenmangelzustände, Vitamin-Unterversorgungen, Anomalien im Fettstoffwechsel und weitere gravierende Auffälligkeiten. Nur durch Routineuntersuchungen bereits im Kindesalter können diese Anomalien rechtzeitig erkannt werden und präventive Maßnahmen für die Betroffenen eingeleitet werden“, betonte Widhalm.

Folgeerkrankungen sind massive Belastung für Gesundheitssystem

Adipositas im Kindesalter führt zu erhöhten Gesundheitsrisiken. So treten Knorpelschäden, Knochenveränderungen, Asthma, Allergien und Kreislauferkrankungen bei fettleibigen Kindern häufiger auf als bei normalgewichtigen. Als Konsequenz von schlechter Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel droht auch Diabetes Typ 2 – und zwar bereits bei Jugendlichen.

Fast 500.000 Menschen (etwa 6%) in Österreich leiden aktuell unter Typ-2-Diabetes. Prof. Dr. Thomas Stulnig, MBA, Leiter der Ambulanz für Fettstoffwechselstörungen und angeborene Stoffwechselstörungen an der Medizinischen Universität Wien, macht auf die Folgen dieser Erkrankung aufmerksam: „Patienten mit Typ-2-Diabetes entwickeln nicht nur Spätschäden an Niere, Augen und Nerven, sondern haben ein dramatisch erhöhtes Risiko für Amputationen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“

Mit sinnvollen Präventionsmaßnahmen können schlussendlich auch enorme Kosten für das Gesundheitswesen vermieden werden, wie Dr. Thomas Czypionka, Leiter des Forschungsbereichs Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik am Institut für Höhere Studien (IHS), erläutert: „Die Investition in die Kindergesundheit ist von besonderer Bedeutung. Es können einfache Maßnahmen gesetzt werden, die vergleichsweise starke kumulierte Effekte über die Lebenszeit haben. Somit ist das Kosten-Nutzenverhältnis sehr günstig.“

EDDY-Projekt

Prävention von späteren, auf den Lebensstil rückführbaren Erkrankungen, ist das Ziel des Projekts EDDY. Laut internationalen Studien muss ein solches Vorhaben früh im Jugendalter angegangen werden, das Alter von 10 bis 14 Jahren wird hierbei als ideal angenommen.

Im Rahmen dieser Studie findet eine detaillierte Messung von Gesundheitsdaten am Beginn und nach Intervention statt. Durch den Einsatz eines multidisziplinären Teams aus Medizinern, Psychologen, Ernährungswissenschaftern und Sportwissenschaftern können die Effekte des Projektes auf umfassende Art erfasst werden. Bisher durchgeführte Studien haben gezeigt, dass nur in einem kombinierten Bemühen von mehreren Spezialisten aus unterschiedlichen Bereichen eine wirksame Verbesserung des Lebensstils durch solche Projekte erzielt werden kann.

Im Rahmen von EDDY erhalten die Teilnehmer eine umfassende Gesundenuntersuchung, wie sie von internationalen Fachgremien in dieser Altersgruppe schon lange gefordert wird. Zudem erhält die Hälfte der Teilnehmer detaillierte und altersgerecht aufbereitete Informationen zu den Themen Ernährung, Sport, Bewegung sowie deren positive Effekte auf den Körper. Es ist dem EDDY-Studienteam ein großes Anliegen, den teilnehmenden Schülern nicht nur das „Wie“, sondern auch das „Warum“ näherzubringen.

Im Rahmen der durchgeführten Messungen kommen modernste Methoden, wie zum Beispiel eine Messung der Körperzusammensetzung mittels Bio-Impedanz-Analyse, oder eine objektive Messung der körperlichen Aktivität im Alltag durch Accelerometer zum Einsatz.

EDDY möchte aber nicht nur die Gesundheit von einzelnen Kindern verbessern, sondern auch als Modell für ähnliche Programme in ganz Österreich voranschreiten. Im Unterschied zu bisherigen Projekten werden daher detailliert ausgearbeitete Lernunterlagen verwendet: jeder an den Schulungen teilnehmende Schüler erfährt dasselbe, obgleich auf individuelle Bedürfnisse Rücksicht genommen werden kann. Durch Verwendung von modernen Medien und Internet wird sichergestellt, dass auch der Spaß am Lernen nicht zu kurz kommt. Die Einbindung der Lehrer und Eltern ist ebenso ein wichtiges Anliegen, um eine nachhaltige Verbesserung des Lebensstils über das Ende des Projektes hinaus zu erreichen.

Forderung nach Präventionsprogramm in Schulen

Das Präventionsprogramm EDDY läuft noch bis Sommer 2014. Die Effekte des umfassenden Programms werden im Vergleich zu Schulen, in denen diese Intervention nicht durchgeführt wird, überprüft. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen als Grundlage für ein nationales standardisiertes Schulprogramm auf Basis einer Gesundheitskampagne (Nutrition and physical activity education program) dienen. Ziel ist die Entwicklung einer Strategie, um – wie von der WHO gefordert – die Zahl der übergewichtigen Kinder nachhaltig zu senken.

„Nur mit einem flächendeckenden standardisierten Präventionsprogramm in allen österreichischen Schulen können wir dem zunehmenden Problem des Übergewichts bei Kindern effektiv entgegenwirken, tückische, weil zunächst symptomlose Mangelerscheinungen rechtzeitig erkennen und sinnvolle Präventionsmaßnahmen setzen“, meint Widhalm abschließend.

Pressekonferenz des ÖAIE, Wien, 19. November 2013

Über das ÖAIE

Das Österreichisches Akademische Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE) wurde 1996 auf Initiative des damaligen Präsidenten der Ärztekammer, Dr. Michael Neumann, mit dem Ziel gegründet, Ärzte im Fach der Ernährungsmedizin fortzubilden. Das ÖAIE ist interdisziplinär ausgerichtet und vereint unter der Leitung von Prof. Dr. Kurt Widhalm Experten aus den Bereichen der Medizin, Psychologie, Ernährungswissenschaften, Diätologie, Sportwissenschaften und Nahrungsmittelproduktion. Als führende Fortbildungs- und Forschungsinstitution für Ernährungsmedizin in Österreich richtet es regelmäßig wissenschaftliche Veranstaltungen aus und publiziert vierteljährlich das „Journal für Ernährungsmedizin“. Weitere Informationen unter: www.oeaie.org

Martschin & Partner/CL, Ärzte Woche 49/2013

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