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Abb. 2: Rainer Schmid bei der Auswertung der Drogen-Analyse im „Analyse-Bus“ der mobilen Beratungsstelle
 
Kinder- und Jugendheilkunde 7. November 2013

Warnung vor „Freizeitdrogen“

Die Experten der MedUni Wien und die Sucht- und Drogenkoordination Wien GmbH informierten.

Allein im Jahr 2012 sind in Europa 73 neue, synthetische psychoaktive Drogen aufgetaucht, die meist sehr einfach über das Internet bestellt werden können – und die im World Wide Web als „Badesalz“ oder „Pflanzendünger“ getarnt werden. Die MedUni Wien-Drogenexperten von der klinischen Abteilung für Medizinisch-Chemische Labordiagnostik und die Sucht- und Drogenkoordination Wien (SDW) informierten anlässlich des Welttags gegen Drogenmissbrauch über die potenziellen Gefahren dieser neuen, psychoaktiven Drogen, auch „Freizeitdrogen“ genannt.

Praktisch jede Woche kommt eine neue derartige Droge irgendwo in Europa auf den Markt, deren Zusammensetzung häufig nicht genau bekannt ist. „Daher wissen wir nicht, wohin die Reise beim Konsum dieser Drogen geht, weder hinsichtlich Langzeitfolgen, noch hinsichtlich einer akuten Toxizität. Die Risiken dieser neuen Substanzen sind nicht abschätzbar und können um ein Vielfaches höher sein als bei bereits bekannten, illegalen Drogen“, sagte Rainer Schmid, Toxikologe und Experte in Medikamenten- Analytik an der MedUni Wien wissenschaftlicher Leiter des Präventionsprojekts ,checkit!‘ bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Wiener Drogenkoordinator Michael Dressel an der MedUni Wien. Das Projekt ,checkit!‘ wird gemeinsamen von der Suchthilfe Wien (einer Tochtergesellschaft der SDW) und der MedUni Wien durchgeführt.

Erfolgreiche Risikominimierung

Genau das ist es, was das Projekt ,checkit!‘ will: Das Risiko bei einer Einnahme von so genannten Freizeitdrogen verringern. „Seit eineinhalb Jahrzehnten trägt checkit! durch seine Maßnahmen maßgeblich und erfolgreich zur Risikominimierung bei und wirkt der Entwicklung von problematischem Konsum und Abhängigkeit entgegen. Konkret etwa durch Event-Betreuungen, bei denen Informations- und Beratungsgespräche geführt, aber auch Substanzproben auf ihre Inhaltsstoffe untersucht werden können. Besonders in diesem Rahmen sind junge Menschen für die Informationen über die Gefahrenpotenziale der einzelnen Substanzen aufnahmebereit und setzen sich mit ihrem Risikoverhalten auseinander.
Ziel ist es, die persönliche Risikokompetenz der Betroffenen zu stärken. checkit! ist somit ein wichtiger Bestandteil der Wiener Suchtprävention“, betont der Wiener Drogenkoordinator Michael Dressel.

„Es geht dabei nicht vorrangig darum, diese Drogenkonsumenten unter allen Umständen zum Aufhören zu überreden, sondern sie, ohne dass sie sich immer wieder gefährden, sicher durch eine besondere Phase in ihrem Leben zu begleiten. Denn wenn einmal erwachsen, nimmt diese Gruppe langfristig kaum mehr Drogen“, erklärt Schmid. Eines sei aber klar: „Egal, ob wir beraten oder nicht, diese Drogen werden von jungen Erwachsenen immer wieder ausprobiert und genommen, jedoch – ohne weitere Information – bei weitem riskanter.“

„Ziel ist es, problematische Konsummuster und Abhängigkeiten vor allem bei jungen Menschen zu vermeiden. Dies gelingt am besten wenn man – wie checkit! – möglichst nah an der Risikosituation dran ist und auf Augenhöhe kommuniziert“, unterstreicht Dressel.

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Abb. 1: (V. li.) Michael Dressel, Drogenkoordinator und Geschäftsführer der Sucht- und Drogenkoordination Wien GmbH; Sonja Grabenhofer, Lebens- und Sozialberaterin, Bereichsleiterin Suchtprävention
der Suchthilfe Wien GmbH, Leiterin von „checkit!“, und Rainer Schmid, Toxikologe und Experte für Medikamenten-Analytik der MedUni Wien.
© MedUni Wien / Kawka

Anonyme Tests

checkit! ist vor allem bei Musikevents (Techno) vertreten. Schmid und sein Chemiker-Team sind gemeinsam mit Sozialarbeitern der Suchthilfe Wien bei vielen dieser Events mit einem „Analyse-Bus“ und einer  mobilen Beratungsstelle vor Ort. Unter dem Motto „Check your drugs – Check your Life“ können Drogen von den Wissenschaftlern auf ihre Zusammensetzung getestet werden. – Ergebnisse gibt es innerhalb von weniger als einer halben Stunde. Die Tests sind anonym, und auch die Ergebnisse werden vor Ort anonym veröffentlicht. Sie stellen die Grundlage für die Informations- und Beratungsgespräche mit den Sozialarbeitern dar. Meist handelt es sich bei den Substanzen um synthetische, amphetaminartige Drogen. Heroin spielt in dieser Szene kaum eine Rolle. Wenn bei einem Event gefährliche Drogen entdeckt werden, kann checkit! noch während des Events eine dringende öffentliche Warnung über die Discjockeys verbreiten.

Bis zu 100 Proben pro Nacht

Oft werden pro Event-Nacht bis zu 100 Proben untersucht. Das jeweilige
Ergebnis der Analyse gibt den Betroffenen die Möglichkeit, an die Forscher und Sozialarbeiter Fragen zu stellen, mit ihnen zu diskutieren und sich beraten zu lassen. Schmid: „Da wir dadurch mit an Drogen Interessierten in Kontakt kommen, haben wir auch die Gelegenheit, Alternativen aufzuzeigen und einen Keim von Misstrauen und Vorsicht im Kopf von jungen, meist nicht hochriskanten Drogenkonsumenten zu platzieren.“ „Die Botschaft ist: Es gibt keinen Konsum ohne Risiko. Der Konsument oder die Konsumentin kann das Risiko jedoch – unter anderem mit Drug-Checking – beeinflussen. Alles, was wir tun, zielt darauf ab, den möglichen Schaden für alle – für die Konsumenten genauso wie für die Gesellschaft – zu minimieren“, ergänzt Sonja Grabenhofer, Leiterin von checkit!
Eine Studie in Berlin, die ein ähnliches Projekt untersucht hat, zeigt, dass genau diese On-Site Tests Wirkungen zeigen: Es wird vorsichtiger und weniger riskant konsumiert. Junge Menschen, die einem Drogenkonsum von vornherein kritischer gegenüberstehen, werden durch dieses Präventionsangebot in ihrer Haltung bestärkt. Der Vorbehalt, dass Jugendliche und junge Erwachsene durch das Angebot des Drug-Checking eventuell zu einem Drogenkonsum animiert werden könnten, hat sich als unbegründet erwiesen.

Verwertung der Daten

Die anonym durchgeführten Auswertungen von checkit! fließen auch in den österreichischen Drogenbericht ein und werden auch regelmäßig an die Europäische Drogenbeobachtungsstelle in Lissabon weitergeleitet. So kann dargestellt werden, welche Substanzen aktuell in Österreich und in Europa im Umlauf sind und wodurch die Konsumenten dieser Substanzen charakterisiert sind.

Beratungsmöglichkeiten

Neben der Beratung vor Ort gibt es bei checkit! auch die Möglichkeit einer Beratung in der Anlaufstelle in der Gumpendorferstraße 8, sowie einer Online-Beratung und Telefon-Beratung. Die Website www.CheckYour-Drugs.at bietet umfassende Informationen über (neue) synthetische Drogen, deren Wirkungen, Risiken und Gefahren sowie die Resultate des Drug-Checkings.

Sachliche Information

Ein wichtiger Grundsatz bei der Arbeit mit Konsumenten stellt die akzeptierende Haltung dar. Grabenhofer: „checkit! stellt jungen Menschen sachliche Informationen zur Verfügung und bewertet ihr Verhalten nicht moralisch. Dadurch wird die Reflexion problematischer Situationen ermöglicht, und der Entstehung einer Abhängigkeit kann entgegengewirkt werden.“

Informationen:
www.meduniwien.ac.at,
www.drogenhilfe.at

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