zur Navigation zum Inhalt
© photos.com PLUS
 
Kinder- und Jugendheilkunde 28. Oktober 2013

Unnötige Qualen

Auch Kinder und Jugendliche haben das Recht auf eine möglichst effiziente Schmerzbehandlung.

Jeder Erwachsene hat schon Schmerzerfahrungen hinter sich. Der eine mehr, der andere weniger – aber alle haben wir daraus gelernt, mit Schmerzen rational umzugehen. Schmerz ist also etwas, was jeder kennt? „Das gilt nicht für Kinder“, erinnert Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter der Kinder- und Jugendabteilung im Landeskrankenhaus St. Pölten.

Der Umgang mit Schmerz ist etwas, was Kinder erst lernen müssen. Von der Erfahrung hängt es ab, wie Schmerz erlebt wird. Und die Erfahrung steigt mit dem Lebensalter. „Für einen Säugling ist Schmerz ein elementares Erlebnis, gänzlich unbegreiflich und unabsehbar in seiner zeitlichen Ausdehnung“, schildert Zwiauer. Das Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins, die Irrationalität des Schmerzes verringert sich mit jeder Schmerzerfahrung und zunehmendem Alter. Man lernt, damit unzugehen: man sucht nach der Ursache, man kann etwas dagegen unternehmen, man weiß in vielen Fällen, wie lange es dauern wird.

„Dieser Prozess ist aber bei Jugendlichen noch nicht abgeschlossen“, meint Zwiauer. Sie können noch nicht auf einen großen Erfahrungsschatz mit verschiedensten Schmerzzuständen zurückgreifen. Zwar kennen sie Schmerzen und können sie auch einordnen, aber die Rationalität im Umgang mit Schmerz ist im Jugendalter noch nicht so ausgeprägt wie im späteren Leben. Dessen sollten sich Ärzte bewusst sein, so Zwiauer: „Jugendliche mit Schmerzen können noch nicht wie Erwachsene behandelt werden. Was nicht heißt, dass man sie nicht ernst nehmen sollte!“

Dysmenorrhoe muss nicht sein

Entgegen der landläufigen Meinung haben Kinder und Jugendliche sehr oft Schmerzen. Meist sind sie kurzfristig und leicht. Aber schon mittelschwere Schmerzen sind therapiebedürftig, wie Zwiauer betont. Kopfschmerzen sind am häufigsten. Bei Burschen steigt die Prävalenz schon mit dem Schuleintritt. Auch Rücken- und Beinschmerzen sind bei Buben häufig. Insgesamt sind Schmerzzustände bei Buben aber wesentlich seltener als bei Mädchen. Denn bei Mädchen kommt es mit dem Eintritt der Pubertät zu einem deutlichen Anstieg an Schmerzepisoden. Kopfschmerz ist auch hier der Spitzenreiter, dicht gefolgt von Regelschmerzen.

„Junge Mädchen leiden im Schnitt viel stärker unter Menstruationsschmerzen als erwachsene Frauen“, berichtet Doz. Dr. Katharina Schuchter, Fachärztin für Gynäkologie am SMZ-Ost Donauspital, Wien. Grund dafür ist häufig ein Progesteronmangel, der zu heftigen Krämpfen, Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Kältegefühl und Durchfall während der Monatsblutung führen kann. „Diese Dysmenorrhoe wird leider oft bagatellisiert“, meint Schuchter. „Sowohl von den Eltern als auch von den jungen Mädchen selbst.“ Dabei sei es gar nicht notwendig, diese Qualen still zu erdulden: „Es gibt sehr gute, rasch wirksame Analgetika, die zugleich auch die Prostaglandinsynthese hemmen und dadurch besonders für Regelschmerzen geeignet sind. Gleichzeitig lindern sie die Kopfschmerzen, die sehr oft mit der Menstruation einhergehen.“

Ungeduldige Patienten

Jugendliche sind spezielle Patienten: „Sie sind kritisch gegenüber Ratschlägen von Älteren. Mal sind sie aggressiv-abwehrend, dann wieder introvertiert“, so Zwiauer. „Sie haben eine niedrige Frustrationstoleranz, sind ungeduldig und wollen eine sofortige Problemlösung.“ Darauf müsse man sich als Arzt einstellen, nicht nur im Gespräch, auch bei der Therapie: „Jugendliche brauchen daher ein Schmerzmedikament, das rasch wirkt und problemlos aufdosiert werden kann.“ Auch die Darreichungsform ist wichtig: „Zäpfchen haben in diesem Alter keine große Akzeptanz“, berichtet Zwiauer. „Insbesondere Kleinkinder, aber auch Schulkinder und Jugendliche brauchen ein Analgetikum, das leicht zu verabreichen ist, exakt nach Körpergewicht dosiert werden kann und womöglich gut schmeckt.“

Besorgte Eltern

Bereits leichte und mäßig starke Schmerzen können die Lebensqualität stark beeinträchtigen. „Auch so genannte banale Schmerzen, wie etwa Ohrenschmerzen bei Kleinkindern oder Kopfschmerzen bei Schülern, bedürfen daher selbstverständlich einer verantwortungsvollen Behandlung“, erklärt Dr. Christian Euler, Allgemeinmediziner in Rust.

Für ihn als Hausarzt birgt die Schmerzbehandlung bei Kindern eine doppelte Herausforderung: Das leidende Kind richtig zu behandeln und auch die mitleidende besorgte Begleitperson zufriedenzustellen. „Immer gilt es, die Eltern zu aufmerksamem Zuwarten zu motivieren, nicht zuletzt um sie mit erfolgreichem Selbstmanagement vertraut zu machen.“

Oft sind Eltern skeptisch, was Schmerzmittel betrifft. Ihnen ist die Sicherheit der Behandlung wichtig. „Mit Ausnahme von Acetylsalicylsäure sind prinzipiell alle NSAR für Kinder geeignet“, erklärt Prof. Dr. Wilfried Ilias, Schmerzexperte an der Wiener Privatklinik. Vom Nebenwirkungsrisiko her ist Ibuprofen für Kinder und Jugendliche am günstigsten.

Abseits von medikamentöser Therapie erinnert Euler an die Bedeutung der Zuwendung: „Es ist so wichtig, ein krankes Kind auf den Schoß zu nehmen, zu trösten, einen kalten Waschlappen auf die Stirn anzubieten oder einen Thermophor für den Bauch.“

Tagebuch und Schultasche

Ilias empfiehlt weiters das Führen eines Schmerztagebuchs: „Auch Kinder sollten schriftlich festhalten, wann und wie stark sie an welchen Schmerzen gelitten haben, wodurch sie gelindert werden konnten etc.“ Das Führen eines Schmerztagebuchs fördere die Eigenverantwortung und sei auch für die Eltern hilfreich, um das Schmerzerleben ihres Kindes besser beurteilen zu können.

In Hinblick auf Schmerzprävention plädiert Ilias für leichtere Schultaschen: „Ein Volksschulkind hat 18 Kilo und die Schultasche wiegt 3 Kilogramm. Stellen Sie sich vor, sie müssten ein Sechstel Ihres Körpergewichts auf dem Rücken schleppen! Es ist kein Wunder, wenn Jugendliche immer häufiger an Rücken- und Gelenksschmerzen leiden.“

Pressekonferenz „Werden Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen ernst genommen?“, Wien, 23. Oktober 2013

C. Lindengrün, Ärzte Woche 44/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben