zur Navigation zum Inhalt
© detailblick / fotolia.com
Viele für Kinder und Jugendliche erforderliche Medikamente sind für diese Altersgruppe nicht zugelassen oder werden in keiner kindergerechten Darreichungsform angeboten.
 
Kinder- und Jugendheilkunde 14. Oktober 2013

Kinder – doch kleine Erwachsene?

Bedenken und Forderungen der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde.

Geplante Änderungen in der pädiatrischen Ausbildung, fehlende Kinderrehabilitation und Verbesserungen bei kindgerechten Medikamenten durch die Gründung der Organisation Kinderarzneiforschung waren Schwerpunkte bei der Pressekonferenz zur 51. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde.

„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, eine der wohl meistverwendeten Aussagen, wenn es um die medizinische Versorgung von Kindern geht. Tatsächlich sind jedoch die Erwachsenen sehr häufig der eigentliche „Maßstab“, wenn es um die Versorgung von Kindern und Jugendlichen geht“, betonte Prof. Dr. Reinhold Kerbel, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) und Vorstand der Abteilung für Kinder und Jugendliche im LKH Leoben. Dies äußere sich beispielsweise in der Ausbildung zum Allgemeinmediziner, in der die Ausbildung in Kinder- und Jugendheilkunde von ursprünglich 6 und zuletzt 4 auf nunmehr 3 Monate verkürzt werden soll. Argumentiert wird unter anderem damit, dass es immer weniger Kinder gibt. „Aus unserer Sicht darf jedoch ein prozentueller Rückgang des Kinderanteils kein Grund zur Herabsetzung der pädiatrischen Ausbildungs- und damit Versorgungsqualität sein“, so Kerbl.

Auch bei der spezifischen Ausbildung zur Kinderkrankenpflege droht eine Verschlechterung. Vermutlich aus ökonomischen Gründen wird die Ausbildung zur „generalist nurse“ favorisiert.

Mangel besteht auch bei Rehabilitationsplätzen für Kinder und Jugendliche. Obwohl seit 1999 der Bedarf an Rehabilitationsbetten für Kinder und Jugendliche mehrfach errechnet und nachgewiesen wurde, gibt es bis dato keine geeigneten Einrichtungen. 9000 (+ 2000 weitere geplante) Rehabilitationsbetten für Erwachsene stehen 52 Betten für Kinder gegenüber. Für mehrere medizinische Indikationen existiert kein einziger Versorgungsplatz. Der tatsächliche österreichweite Gesamtbedarf an pädiatrischen Rehabilitationsbetten liegt bei etwa 450 Betten.

Sichere Arzneimittel für unsere Kinder

Viele für Kinder und Jugendliche erforderliche Medikamente sind für diese Altersgruppe nicht zugelassen oder werden in keiner kindergerechten Darreichungsform angeboten. Zusätzlich werden immer wieder bewährte Medikamente vom Markt genommen, weil sie aufgrund ihres geringen Preises den Herstellern als „unökonomisch“ erscheinen, erläutert Kerbl. Die ÖGKJ bemüht sich seit 2004 intensiv um eine Verbesserung dieser Situation und die Schaffung eines „Studiennetzwerks“, in welchem Medikamente unter sicheren Bedingungen zur Anwendung gebracht werden können. Dieses Anliegen wurde seitens der zuständigen Institutionen lange Zeit jedoch kaum unterstützt. „Umso erfreulicher ist es, dass nun ein „private public partnership“ abgeschlossen und OKIDS als gemeinnützige Tochter GmbH der ÖGKJ gegründet werden konnte“, so Kerbl. Damit wird Österreich dem Ziel „better medicines for children“ einen entscheidenden Schritt näher kommen. Aus Sicht der ÖGKJ bringt OKIDS u.a. folgende Vorteile:

• Sichere Anwendung von Arzneimitteln bei Kindern und Jugendlichen,

• verbessertes Wissen über Wirkung und Nebenwirkungen durch „Datenpooling“,

• raschere Verfügbarkeit neuer/besserer Medikamente,

• Aufwertung österreichischer Kinderkliniken durch mehr bzw. bessere Forschung,

• erhöhte Rechtssicherheit für Behandler.

Neben zahlreicheren und besseren „Studien“ soll aber auch das Informationsangebot über alltäglich verwendete Medikamente verbessert werden.

Von der Behandlung zur Prävention

Kinder- und Jugendärzte fühlen sich traditionellerweise aber nicht nur der bestmöglichen medizinischen Behandlung ihrer Patienten, sondern auch der Prävention und damit der Verhinderung von Erkrankungen verpflichtet. Positive Beispiele dafür sind die Mutterkindpassuntersuchungen, das Screening auf Stoffwechselerkrankungen, Hüftultraschalluntersuchungen bei Säuglingen, die Verabreichung von Schutzimpfungen, Vorsorgemaßnahmen gegen den Plötzlichen Säuglingstod (SIDS) u.a.

„Einige rezente Entwicklungen wie der Start der Kindergesundheitsstrategie durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG), die Einführung der kostenlosen HPV-Impfung für Schüler und Schülerinnen ab Februar 2014, und die tägliche Turnstunde an Ganztagsschulen werden seitens der ÖGKJ als durchaus positive Neurungen angesehen und befürwortet“, so Kerbl.

Daneben besteht aber noch reichlich Verbesserungspotenzial:

• Erweiterung des Mutterkindpasses in das Schul- und Jugendalter (z.B. durch 2 „Junior Untersuchungen“)

• Sozialpädiatrische Beurteilung im Rahmen des Mutterkindpasses (zur Früherkennung sozialer Belastungsfaktoren und Einleitung einer rechtzeitigen Intervention)

• „Mental Health“ Versorgung (in Zusammenarbeit zwischen Pädiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie)

• Verbesserung des Impfschutzes (vermehrte Aufklärung für Eltern, Schließen von Impflücken, „Nachimpfen“ von Eltern und anderen Angehörigen)

• tägliche Bewegungs- bzw. Sporteinheit an allen Schulen

• verbesserter Nichtraucherschutz für Kinder und Jugendliche (allgemeines Rauchverbot in Lokalen und an öffentlichen Plätzen, absoluter Schutz von Kindern vor passiver Rauchbelastung beispielsweise in Autos und geschlossenen Räumen, Rauchverbot bis zum 18. Lebensjahr etc.)

• Unfallprävention

• Kariesprophylaxe

• Ernährung und „Lifestyle“

„Leider werden diese Inhalte oft nicht als Aufgabe der Krankenversicherungen angesehen und Aktivitäten zur Umsetzung dieser Präventionsmaßnahmen nicht adäquat unterstützt“, betonte Kerbl.

Projekt Vorlesen und Erzählen

Ein aktuelles (entwicklungs- und sozialpädiatrisches) Beispiel ist das Projekt „Geschichtenvorlesen“. Diese Initiative soll Bewusstsein schaffen, welch große Bedeutung das Vorlesen für die ganzheitliche Entwicklung von Kindern hat und zugleich aufzeigen, dass das Vorlesen & Erzählen von Geschichten als einfache und sinnvolle „Kommunikationsbrücke“ zwischen Eltern und Kindern dient.

Wie wird das gemacht? Familien in Österreich bekommen bei jedem Besuch beim Kinderarzt kostenlos eine Geschichtenwertkarte der geschichtenbox.com geschenkt. Dazu gibt es eine Broschüre mit Hintergründen zum Projekt und mit wertvollen Vorlesetipps (ab dem Babyalter).

Quelle: Pressekonferenz zur 51. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, 25 September 2013, Innsbruck

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben