zur Navigation zum Inhalt

01_final_fmt

Hipp GmbH & Co. Export KG Gmunden

02_final_fmt

Nestle Österreich GmbH

03_final_fmt

Milupa GmbH; Puch bei Hallein

04_final_fmt

Prim. Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl

05_final_fmt

Prim. Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer

 
Kinder- und Jugendheilkunde 16. September 2012

Übereinkommen zwischen der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde und den in Österreich tätigen Säuglingsnahrungsmittelherstellern

Freigegeben als Konsensuspapier vom Präsidium der ÖGKJ am 10. 9. 2012

Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde und die unten genannten, in Österreich tätigen Hersteller bekennen sich voll inhaltlich zu den  gesetzlichen Anforderungen der EG-Richtlinie 2006/141/EG und der darauf basierenden nationalen Bestimmungen sowie zu den  der EG-Richtlinie zugrundeliegenden Regelungen des WHO-Codex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten (Säuglingsanfangsnahrungen), die insbesondere der dort verankerten aktiven und konsequenten Förderung und dem Schutz des Stillens dienen. Dies beinhaltet die Anwendung rechtlich einwandfreier und akzeptierter Vermarktungswege für Säuglingsanfangsnahrungen, die das Stillen partiell oder völlig ersetzen können (sog. Muttermilchersatzprodukte) und die Unterstützung der Beschränkung von Werbemaßnahmen für Säuglingsanfangsnahrungen, die den Stillerfolg gefährden können. Nachfolgend sind exemplarisch bedeutende Maßnahmen aufgelistet, die dieses Übereinkommen einschließt:

 

  • Weder Anzeigen noch andere Werbemaßnahmen für Säuglingsanfangsnahrungen werden an die allgemeine Öffentlichkeit  gerichtet.
  • Unaufgeforderte Produktinformationen zu Säuglingsanfangsnahrungen werden nur an bzw. über Fachkreise bzw. in Medien verbreitet, die der Säuglingsbetreuung oder –pflege gewidmet sind. 
  • Proben von Säuglingsanfangsnahrung oder anderen Zubehör-Utensilien für die Flaschenfütterung werden weder direkt noch indirekt an Familien abgegeben. 
  • Bei der bildlichen Darstellung von Säuglingsanfangsnahrungen wird die Überlegenheit des Stillens klar hervorgehoben. Deshalb werden keine Bilder oder Texte verwendet, welche die Verwendung von Säuglingsanfangsnahrungen idealisieren. 

 

Bei FSMP (food for specials medical purposes) - Produkten haben kontrollierter ärztlicher Einsatz und Evaluierung einen besonderen Stellenwert, weshalb diese nach den dafür vorgesehenen rechtlichen Anforderungen vermarktet werden und explizit den vorherigen Regelungen nicht unterliegen.

Werden Verstöße gegen diese sich aus dem WHO-Codex ergebenden Grundsätze wahrgenommen, sollen so rasch wie möglich Gespräche mit dem Ziel aufgenommen werden, einen dem Codex entsprechenden Zustand herzustellen. Führt das nicht zum Erfolg, bleiben weitere Maßnahmen der ÖGKJ vorbehalten.

Im Sinne einer korrekten, transparenten und dem Wohl der uns anvertrauten Kinder verpflichteten Zusammenarbeit unterzeichnen die nachfolgend genannten Partner dieses Übereinkommen.

Kommentar des Vorsitzenden der Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer)

Pädiater verstehen sich seit Jahrzehnten als Anwälte der Kinder, insbesondere solcher, die einen besonderen Schutz brauchen. Letztendlich ist dieses Bekenntnis einer der Gründe, warum sich Kinderärzte in der Vergangenheit immer wieder für das Stillen von Säuglingen explizit ausgesprochen haben und sie vehemente Befürworter des Stillens, wann immer es möglich ist, sind. 

In der täglichen Arbeit in der Praxis wie in der Klinik gilt es das Spannungsfeld zu bewältigen, das sich in der Auseinandersetzung mit den kaufmännischen Bestrebungen von Säuglingsnährstoffherstellern ergibt. Es liegt in der Natur der unterschiedlichen Professionen, dass sich – bedingt durch die unterschiedlichen Zielsetzungen – unterschiedliche Herangehensweisen, Strategien und letztendlich Vorgehensweisen ergeben. Klare Richtlinien und Vereinbarungen können helfen, teilweise unterschiedlichen Sichtweisen und Zielsetzungen dennoch in einer für die betroffenen Eltern und Kinder optimalen Weise zu lösen. 

Die WHO hat in ihrem Bestreben das Stillen zu schützen und zu fördern vor drei Jahrzehnten mit dem „Codex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten“  einen Mindeststandard geschaffen, der für alle Länder bindend ist. Die EU hat gesetzliche Anforderungen mit der EG-Richtlinie 2006/141/EG geschaffen, die in nationales Recht umgesetzt worden sind, die ebenfalls den Schutz des Stillens zum Inhalt hat. 

Lange Zeit waren diese Regelwerke Basis für einen Grundkonsens zwischen den Säuglingsnahrungsherstellern und den österreichischen Pädiatern. In den letzten Jahren ist es aber durch den offensichtlich härteren Konkurrenzkampf der Säuglingsnahrungshersteller in Österreich zu einer Abkehr von diesem Grundkonsens gekommen. Inakzeptable Werbemaßnahmen waren die Folge, die diametral den Regelwerken entgegen standen. 

Das vorliegende „Gersbergalm-Abkommen“, das zwischen den führenden Säuglingsnahrungsherstellern, die in Österreich Säuglingsnahrungen herstellen und vertreiben, und der ÖGKJ vereinbart wurde, soll wieder einen Zustand der Regelkonformität und Einhaltung der gültigen Rechtslage herstellen. Es soll damit auch ein öffentliches Zeichen gesetzt werden, das klar das Bekenntnis zu diesen Regelwerken zum Ausdruck bringt, ein gemeinsames Ziel - nämlich den Schutz des Stillens -  formuliert und auch den Umgang mit ev. Regelverstößen regelt. 

Mit dem „Gersbergalm-Abkommen“  sollen in Österreich Werbemaßnahmen verhindert werden, die gegen den breiten Konsens von Wissenschaft und Gesundheitswesen verstoßen. Es soll mit diesem Abkommen zwischen der Industrie und Pädiatrie wieder eine Basis des gegenseitigen Respekts und der Achtung geschaffen werden. 

Letztendlich muss uns Pädiatern aber dennoch bewusst sein, dass dieses Abkommen lediglich die Minimalanforderungen garantiert und noch zahlreiche Themen offen bleiben, die – wiewohl nicht explizit im WHO Codex oder in der EU-Richtlinie geregelt und limitiert – nach unserer Ansicht dennoch - dem Sinn nach - dem Stillen entgegenstehen. Ich denke  dabei an Werbung für Muttermilchersatzpräparate (Folgenahrungen oder „Spezialnahrungen“, die häufig ohne medizinische Indikation eingesetzt werden), die geeignet ist, Eltern zu der falschen Annahme zu verleiten, dass die beworbenen Nahrungen von vergleichbarem oder sogar höherem Wert als das Stillen seien. 

Die problemlose Verfügbarkeit in Drogeriemärkten von „Spezialnahrungen“ für Kinder, die Koliken haben, häufig Spucken oder härteren Stuhl haben, die zudem teilweise heftig beworben werden, stehen durchaus dem Stillen entgegen. Sie suggerieren oftmals, dass diese Nahrungen geeignet wären bei gestillten Kindern Pro-bleme zu beseitigen, die von fehlender klinischer Relevanz sind, keinen Krankheitswert haben, aber dazu veranlassen dass frühzeitig und  ohne eigentliche  Indikation abgestillt wird. 

Ähnliches gilt auch für die massive Bewerbung von Folgenahrungen: es wird dadurch suggeriert, dass ein älterer Säugling, der schon Beikost erhält, zusätzlich eine Folgenahrung braucht und es nicht ausreicht, wenn er zur Beikost noch gestillt wird. Dieses „step-up“ Konzept stellt eine clevere Marketingstrategien der Hersteller dar, das auf keiner medizinischen Notwendigkeit beruht. Im gesamten ersten Lebensjahr ist es  zu keinem Zeitpunkt notwendig, auf eine andere Nahrung als Muttermilch umzusteigen. Auch nach dem Einführen von Beikost ist es nicht notwendig und schon gar nicht medizinisch sinnvoll, bei einem gesunden Säugling auf eine Folgenahrung umzustellen.

Wie weit auseinandergehend in dieser Hinsicht die Ansichten und Absichten sind, ergibt sich bei einem Blick in Ernährungsfolder von Säuglingsnahrungsherstellern: durchwegs findet sich das „step-up“ Konzept, selten findet sich die „Möglichkeit“, dass über das erste Lebenshalbjahr hinaus gestillt werden kann – wenngleich von WHO und nationalen und internationalen Fachgesellschaften empfohlen. Auch wenn diese pädiatrischen Anliegen nicht rechtlich einforderbar sind, sie nicht in Regelwerken festgelegt sind, so dürfen wir Pädiater dennoch nicht müde werden, dieses Wissen zu verteidigen und dafür zu sorgen, dass jene Praktiken und Ernährungsempfehlungen umgesetzt werden, von denen wir wissen, dass sie für Säuglinge optimal sind. Unverändert wird von Seiten der Eltern den Kinderärzten eine hohe Kompetenz hinsichtlich der Ernährung von Säuglingen und Kindern zugeschrieben. Es liegt an uns, diese Kompetenz auch unter Beweis zu stellen und unabhängig von allen Werbeversuchungen primär unserem Wissen verpflichtet zu sein. 

Bei aller Zufriedenheit über das mit der Industrie abgeschlossene Übereinkommen müssen wir uns dennoch bewusst sein, dass  grenzenloser Optimismus nicht angebracht ist, sondern unverändert Wachsamkeit angebracht ist, vor allem aber konsequentes tagtägliches Handeln und Empfehlen, wollen wir das Ziel der Optimierung der Ernährung unserer Kinder verfolgen. n

 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben