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Blähungen, Blähbauch & Lebensmittel

Unklare Beschwerden sollten, insbesondere bei Kindern, nicht bagatellisiert werden.

Frauen haben oft eine gute Spürnase, wenn sie hinter Bauchbeschwerden Lebensmittel-Unverträglichkeiten vermuten. Manche erwarten dann im Allergie-Zentrum einen Zauberstab, mit dem man im Nu den „Feind“ erkennt. Das kann die Schulmedizin aber meistens nicht bieten. Zwar gibt es einige Kollegen, die ungeprüfte „Tests“ ohne alle klinische Studien anwenden und den Patienten mehrere hundert potentielle Unverträglichkeiten ausdrucken. Burks et al (2012) nennen dazu Vegatest, Zytotoxischer Test, Irisdiagnostik, Kinesiologie, IgG Test, Pulsdiagnostik und Haaranalyse.

Der Weg der Schulmedizin ist dem gegenüber oft mühsam und langwierig und erfordert den kooperativen Patienten, der sich selbst genau beobachten kann. Dann aber wird den meisten Kindern und Erwachsenen entscheidend geholfen.

Das Darm-Syndrom, eine europäische Krankheit

Während in den Entwicklungsländern kaum über Darmprobleme berichtet wird, häufen sich in den letzten 50 Jahren in Europa und den USA Darmerkrankungen, vom Reizdarm bis zu den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Das Markt-forschungsinstitut IMAS hat 2008 einen repräsentativen Querschnitt mit 2.000 Erwachsenen befragt; dabei waren insbesondere viele Frauen betroffen.

Beim Gros der Betroffenen treten die Beschwerden gemeinsam oder abwechselnd auf (Tab. 1). 28 Prozent aller Frauen leiden an drei oder mehr dieser Beschwerden, sodass man von einer chronischen Darmerkrankung sprechen muss. Der Leidensdruck dieser Patientinnen ist auffallend hoch: Die allgemeine Befindlichkeit sinkt sogar unter das Niveau von Herzkranken.

Die Inzidenz dieses Darm-Syndroms steigt mit dem Alter, mit Stress und vor allem bei Nikotin-Abusus. Die Symptomatik entsteht oft schon im Kindesalter. Nach einer Antibiotika-Therapie beobachteten der schwedische Gastroenterologe Törnblom, wie auch sein italienischer Kollege Barbara, langfristig gehäufte Darmbeschwerden. Die Zerstörung der intestinalen Flora im Darm dürfte eine Hauptursache für Blähbauch und exzessive Blähungen sein. Mit probiotischen Arzneimitteln (Lactobacillus casei rhamnosus) lassen sich die Beschwerden mildern, aber noch nicht heilen. Das therapeutische Ziel heißt deshalb Karenz von der Noxe bzw. des Allergens, Detektivarbeit ist bei diesen Patienten das Gebot der Stunde!

Sitzt die Psyche gar im Bauch?

Zunehmend stärker beachtet wird in der Medizin das Zusammenspiel des Enteritischen Nervensystems mit dem Gehirn. „Reizdarm-Symptome“ treten auffallend häufig bei depressiven Episoden (58%), Panikstörungen (46%), generalisierter Angststörung (37%) und bei Alkohol-Abusus (42%) auf, wie A. Garakani berichtet. Lediglich die Schizophrenie scheint den Darm nicht zu tangieren. Oft werden deshalb Beschwerden wie ein Blähbauch als „psychisch bedingt“ abgetan, bei denen ein Arzt angeblich nicht helfen könne. Im Allergiezentrum jedoch haben wir den Eindruck, dass bei Darmbeschwerden meistens konkrete organische Ursachen gefunden werden – die Psyche ist in der Regel nur ein Co-Faktor.

Worst Case: die Anaphylaxie

Unklare Allergien und Lebensmittel-Unverträglichkeiten sollten, insbesondere bei Kindern, nicht bagatellisiert werden. In Österreich werden jährlich knapp tausend Patienten mit Anaphylaktischen Schocks hospitalisiert. Lebensmittel spielen dabei als Auslöser eine entscheidende Rolle. Kuhmilch, Hühnerei, Erdnüsse, Hasel-,Cashew- und Pekanüsse, Soja, Fisch, Schalentiere, Sellerie, Senf, Sesam, Weizen, Lupine, aber auch der schwer erkennbare rote Farbstoff Karmin in Getränken, Glutamat, Sulfite im Wein etc. können die Noxen sein.

Wenn es gelingt, den „Feind“ zu identifizieren und das Allergen in der Folge auszuschließen, verschwindet das Darm-Syndrom meistens von einem Tag auf den anderen.

Diagnose im therapeutischen Team

Klassische Allergien können mit Prick-Tests oder mit Blut-Befunden verifiziert werden. Oft werden wir dabei noch nicht fündig. Im Zeitalter der Lebensmittel-Chemie gibt es tausende mögliche Reizstoffe, die vom Patienten mit einem systematisch geführten Ernährungstagebuch weitgehend falsifiziert werden können. Die Bereitschaft des Patienten zur Mitarbeit ist deshalb von zentraler Bedeutung. Selbstbeobachtung und der Dialog mit dem Therapeuten helfen, damit sich der Kreis um verdächtige Nahrungsmittel enger zieht.

In der IMAS-Umfrage berichtet die Hälfte der Österreicher, dass sie bei einigen Lebensmitteln mit auffallenden Beschwerden reagieren (Tab. 2). Im Durchschnitt nennen die Empfindlichen zwei der genannten Gruppen.

Es ist offensichtlich, dass ein erheblicher Teil der Österreicher die eigenen Unverträglichkeiten nicht oder nur teilweise kennt. Die Beschwerden ändern sich übrigens von Jahr zu Jahr. M. Häfner hat beispielsweise darauf hingewiesen, dass die Unverträglichkeiten mit der Zahl der Antibiotika-Therapien der letzten Jahre zunehmen. Die dann geschädigte Darmflora sollte mit probiotischen Arzneimitteln regeneriert werden.

Ein Patient mit Blähbauch muss deshalb im Allergiezentrum seine körperlichen Eigenheiten oft erst langsam kennenlernen, quasi richtig fit werden für die gemeinsame Detektivarbeit. Ein typisches Beispiel eines älteren Patienten: Erst die Vermutung auf (zu viel) Brot führt in die richtige Richtung. Zwar lässt sich keine Allergie gegen eine der Mehlsorten und auch keine Gluten-Unverträglichkeit nachweisen, aber der Auslass-Versuch beweist: Ohne Brot und ohne Kuchen verschwinden Blähungen und Dauer-Diarrhoe nach 40 Jahren sofort. (Im Gegenversuch entstehen spontan wieder Darmbeschwerden bei jeder Art von Brot.) Wir wissen zwar jetzt noch nicht, welcher der Backhilfsstoffe der Auslöser war, doch der Patient ist endlich - bei Einhaltung der Karenz - geheilt!

Tabelle 1
Beschwerden
pro Monat oder tgl.Frauen in %
Blähungen 35
Völlegefühl 32
Aufgeblähter Bauch 25
AuffallendeDarmgeräusche (wie Gluckern etc.) 19
Bauchkrämpfe, krampfartige Bauchschmerzen 18
Verstopfung 12
Gefühl der unkompletten Darmentleerung 11
Durchfall 7
Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung 5
Quelle: IMAS
Tabelle 2
Unverträglichkeit von bestimmten Lebensmitteln
 Frauen in %
Fett, Frittierte Speisen 20
Zu stark gewürzte Speisen 13
Bohnen, Erbsen, Linsen 9
Getränke mit Kohlensäure 9
Zwiebel, Knoblauch 8
Kohl, Gurken, Paprika 7
Sauerkraut, Tomaten 6
Getreide, frisches Brot 4
Feigen, Weintrauben, Kirschen 4
Käse, Thunfisch, Rotwein 4
Milchprodukte 3
Zuckerersatzstoffe 3
Eier 3
Keine Lebensmittel-Unverträglichkei 56
Quelle: IMAS

Dr. Beatrix Tichatschek, Pädiatrie & Pädologie 6/2012

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