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© Julian Stratenschulte /dpa
Abb. 1: Neurokognitive Störungen bei ADHS können erheblichen Leidensdruck beim Lernen für die Schule verursachen.
 

Neurokognitive Störungen bei Kindern

Aktuelle Forschung und wissenschaftliche Diskussion

Das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) zählt zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter.

Schätzungen zufolge leiden drei bis zwölf Prozent aller Kinder unter ADHS [1]. Die große Schwankungsbreite bezüglich der Häufigkeit lässt sich durch das Anwenden unterschiedlicher Klassifizierungssysteme erklären, die im diagnostischen Setting verwendet werden. Generell ist das ADHS gekennzeichnet durch altersinadäquate Konzentrationsstörungen, Aufmerksamkeitsprobleme, Impulskontrollstörungen und Hyperaktivität. Bleibt die Erkrankung bei relevantem Schweregrad unbehandelt können langfristig erhebliche soziale, schulische und gesundheitlichen Problemen resultieren.

Multifaktorielle Genese

Trotz der rasanten Fortschritte der Molekularbiologie und der Neurowissenschaften ist es bis heute nicht gelungen ein klares biologisches Substrat der Störung zu beschreiben. Auch die Ätiopathogenese der Erkrankung ist noch nicht gänzlich geklärt. Aus der Sicht des Neuropathologen liegt dem ADHS ein funktioneller Mangel der Neurotransmitter Dopamin, Norepinephrin und Serotonin zugrunde. Genetische Faktoren, psychosoziale Belastungsfaktoren und Umwelteinflüsse (z. B. Ernährung) spielen eine Rolle. Auch ein Mangel an mehrfach ungesättigten, langkettigen Omega-Fettsäuren (PUFA) dürfte an der Entwicklung des ADHS mitbeteiligt sein.

Neuroprotektion bei ADHS

Mehrfach ungesättigte langkettige Omega-Fettsäuren sind essenzielle Bausteine des zentralen Nervensystems, die vom Körper nicht synthetisiert werden können. Der Organismus ist somit auf eine ausreichende Zufuhr von außen angewiesen, um eine ungestörte Entwicklung und Ausreifung des zentralen Nervensystems zu gewährleisten und die Aufrechterhaltung der neuronalen Integrität sicher zu stellen. Umgekehrt können Mangelzustande von mehrfach ungesättigten Fettsäuren weitreichende Konsequenzen auf neurokognitive Funktionen haben, wobei sich Mangelzustände in der Kindheit, vor allem Imbalancen zwischen Omega 6- und Omega 3-Fettsäuren, besonders negativ auf das kindliche Gehirn auswirken dürften. Soweit die Theorie, doch was sagt die klinische Datenlage? Bereits in den 1980er Jahren brachten epidemiologische Daten den Mangel an essenziellen Fettsäuren bei Kindern mit neurokognitiven Störungen wie Dyslexie, Dyspraxie oder Konzentrationschwäche in Verbindung. Außerdem konnte gezeigt werden, dass Kinder und Jugendliche mit ADHS niedrigere Omega-3- und Omega-6-Fettsäurespiegel im Plasma sowie in der Phospholipidmembran der Erythrozyten haben.

Klinische Studien

Omega-Fettsäuren in Balance zu bringen, zeigt Wirkung – klinische Nachweise reichen von Besserungen bei Lern- und Verhaltensstörungen bis zur Reduktion von ADHS-Symptomen. EquazenTM Pro, eine Kombination aus mehrfach ungesättigten langkettigen Omega-3/6-Fettsäuren, bietet einen wirksamen und zugleich natürlichen Behandlungsansatz. Der Stoffwechsel der Hirn-Nervenbahnen bei Störungen der Aufmerksamkeit wird positiv beeinflusst.

In der prospektiven, placebokontrollierten, doppelblinden Oxford-Durham-Studie bei Kindern mit entwicklungsbedingten Koordinationsstörungen erwies sich die Gabe von hochdosierten Omega-3/6-Fettsäuren als hocheffektiv [2]. Die Aufmerksamkeitsstörung sowie Schwächen beim Lesen, Schreiben und Buchstabieren konnte signifikant gebessert werden. Auch andere methodisch einwandfrei durchgeführte Studien zeigen signifikante klinische Verbesserungen durch die Supplementierung von hochdosierten Omega-3/6-Fettsäuren bei Kindern mit Auffälligkeiten aus dem ADHS Formenkreis [3,4]. Ein Review zur Wirksamkeit von mehrfach ungesättigten Fettsäuren zeigt, dass spezielle Kombinationen einen positiven, dosisabhängigen Effekt auf Kinder mit ADHS-Symptomen, Dyslexie, Dyspraxie und Autismus haben. Den größten Effekt dabei hatte eine Kombination von Omega-3/6-Fettsäuren wie sie in EquazenTM Pro vorhanden ist [5].

Zum gleichen Schluss kommt ein aktuell publizierter Cochran Review, der 13 Studien mit insgesamt 1011 Patienten umfasste. Die Analyse zeigte, dass einzig und allein die Kombination von ungesättigten Omega-3/6 -Fettsäuren mit einer Besserung der ADHS-Symptome einherging. Alle anderen untersuchten Präparate zeigten keinen signifikanten Nutzen [6].

Etwas anders war der Ansatz der rezenten Metaanalyse von Bloch et al., die ausschließlich die Gabe von Omega 3-PUFA untersucht hat [7]. Eingeschlossen waren 10 Studien mit insgesamt 699 Teilnehmern. Das Ergebnis war ein kleiner, aber signifikanter Nutzen hinsichtlich der Reduktion von ADHS-Symptomen. Kritikpunkt der Cochran-Autoren an der Metaanalyse von Bloch ist, dass auch Kinder ohne ärztlich diagnostiziertes ADHS eingeschlossen waren und bei der Beurteilung des Therapieeffekts nicht zwischen den Angaben der Eltern bzw. der Ärzte unterschieden wurde.

Wirksam vor allem bei Aufmerksamkeitsdefizit

Weitere Einblicke in das Potenzial von hochdosierten Omega-3/6-Fettsäuren liefert eine prospektiv, randomisiert, doppelblinde Studie von Barragán et al [8]. Eingeschlossen in die Studie wurden 90 Kinder (6-12 Jahre) mit neu diagnostiziertem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit oder ohne Hyperaktivität. Die Studienmedikation bestand aus EquazenTM Pro allein, aus Methylphenidat (MTP) oder einer Kombination von beiden. Das Ergebnis: Im Kollektiv der Kinder mit prädominantem Aufmerksamkeitsdefizit war die Gabe von Omega-3/6-Fettsäuren bezüglich der Reduktion ADHS-Symptome ebenso wirksam wie MTP bzw. die Kombinationstherapie. Im Kollektiv der Kinder mit prädominanter Hyperaktivität war zwar die Wirkung von MTP und der Kombinationstherapie besser als die Gabe von Omega-Fettsäuren allein, jedoch konnte das Auftreten von Nebenwirkungen im Rahmen der MPT-Therapie durch die zusätzliche Gabe des Omega-Fettsäure-Präparates signifikant reduziert werden.

ADHS im Vorschulalter

Da davon auszugehen ist, dass ein Mangel an essenziellen Fettsäuren in der frühen Kindheit besonders problematisch ist, rückt das ADHS im Vorschulalter vermehrt ins Zentrum wissenschaftlichen Interesses. „Im Vorschulalter sind sowohl die Diagnose als auch die Therapie eine besondere Herausforderung“, betonte Prof. Dr. Manfred Döpfner, Universitätskinderklinik der Universität Köln bei einem Satellitensymposium anlässlich der diesjährigen “International Eunethydis Conference” in Barcelona [9]. Die diagnostischen Schwierigkeiten beziehen sich vor allem darauf, dass die Symptome bei Kleinkindern zwischen drei und sechs Jahren unspezifischer sind als bei Schulkindern, zumal Hyperaktivität und Impulsivität bei Kleinkindern bis zu einem gewissen Grad alterstypisch sind. Auch therapeutisch ist die Situation schwieriger, da herkömmliche Medikamente für Kinder im Vorschulalter nicht zugelassen sind. Zwar erwies sich in der PATS-Studie Methylphenidat im Vorschulalter sehr wohl als wirksam, allerdings mit geringerem Effekt und häufigeren Nebenwirkungen als bei Schulkindern [10]. Sichere, gut verträgliche Behandlungsalternativen sind daher bei Kindern im Vorschulalter besonders gefragt.

Eine von Prof. Döpfner vorgestellte randomisierte, placebokontrollierte Multizenter-Studie soll nun den Nutzen von EquazenTM Pro bei Vorschulkindern mit ADHS klären. 150 Kinder im Alter zwischen 3 und 6 Jahren sollen in die Studie eingeschlossen werden. Primäre Endpunkte sind die Besserung der ADHS-Symptome bewertet durch die Eltern bzw. durch die Erzieher. Sekundäre Endpunkte sind die Parameter funktionelle Einschränkungen, ODD- und andere Begleitsymptome, Intelligenzentwicklung sowie PUFA-Plasmaspiegel. Eine Auswertung der Daten der ersten 20 Kinder ist vielversprechend.

Weitere Einsatzgebiete von PUFA

Welch wichtigen Stellenwert Omega-3/6-Fettsäuren für das kindliche Gehirn und dessen Funktion haben, zeigen zwei aktuelle Arbeiten vom Zentrum für Entwicklungsförderung und pädiatrische Neurorehabilitation der Stiftung Wildermeth, Biel. Bei der einen handelt es sich um eine retrospektive Untersuchung von Kindern mit Erkrankungen aus dem Autismus Spektrum (ASD) [11]. Die Studienteilnehmer wurden während der letzten fünf Jahre durchgehend mit EquazenTM Pro behandelt. Als Ergebnis zeigte sich nicht nur eine erhebliche Besserung des allgemeinen Gesundheitszustandes (z. B. weniger Atemwegsinfektionen), sondern auch des sozialen Verhaltens mit weniger Aggressionen und geringerer Reizbarkeit. Die zweite Arbeit befasste sich mit der Wirkung von EquazenTM Pro bei Kindern und Jugendlichen mit Zerebralparese [12].

Auch hier ging die Gabe des Omega-3/6-Fettsäuresupplements mit einer deutlichen Verbesserung des Verhaltens, der Feinmotorik sowie der kognitiven Funktionen einher. Bei 12 der 20 schwer beeinträchtigten Kinder war eine Besserung der Lebensqualität, eine stärkere Vigilanz, eine stabilere Stimmung sowie ein besserer allgemeiner Gesundheitszustand (weniger Infekte, besserer Schlaf, weniger epileptische Anfälle) zu beobachten. In beiden Untersuchungskollektiven wurde EquazenTM Pro gut vertragen und erwies sich als wertvoller Bestandteil der multimodalen Therapie.

Auf die Zusammensetzung kommt es an

In Österreich ist derzeit ein Omega-3/6-Fettsäure-Präparat als diätetisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke zur Behandlung von Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen in der Kindheit und Adoleszenz verfügbar (EquazenTM Pro). Das Präparat kann sowohl in Form einer adjuvanten Gabe, zusätzlich zur Medikation, aber auch als Therapieschritt zwischen Psychoedukation und Pharmakotherapie angeboten werden. Essenziell für die klinische Wirkung sind die spezielle Zusammensetzung (Verhältnis der Omega-Fettsäuren), eine adäquate Dosierung und eine ausreichend lange Behandlungsdauer (mindestens 12 Wochen). Erste Erfolge zeigen sich meist nach drei bis vier Wochen. Entsprechend Studien soll die tägliche Gesamtzufuhr 792 mg Omega-3/6-Fettsäuren betragen (EPA 558 mg, DHA 174 mg, GLA 60 mg), das entspricht 3 x 2 Kapseln bzw. Kaukapseln oder 15 ml flüssig EquazenTM Pro täglich. Vor allem in der Langzeitanwendung haben Omega-3/6-Fettsäuren große Vorteile, weil sie nachweislich wirksam sind, die Entwicklung der Kinder in keinster Weise negativ beeinflussen und weil sie insgesamt sehr gut verträglich und sicher sind.

 

Bericht: Dr. Anita Kreilhuber

Literatur

 

1 ADHS Konsensus-Statement – State of the art, Sonderausgabe Clinicum 2012

2 Richardson AJ et al. The Oxford-Durham Study, Pediatrics.(2005); 115(5) :1360-1366.

3 Sinn N et al. Journal of Developmental and Behavioral Pediatrics. 2007 Apr; 28(2): 82-91.

4 Johnson M et al. Journal of Attention Disorders. 2009 March; 12(5): 394-401

5 J. P. Schuchhardt et al. Eur J Pediatr (2010) 169:149-164

6 Gillies D, Sinn JHK, Lad SS, Ross MJ, Cochran Library 2012, Issue 7

7 Michael H. Bloch and Qawasmi A, Journal of the America Academy of Child & Adolesenct Psychiatriy, 2011 in press, DOI: 10.1016/j.jaac.2011.06.008

8 Barragan Eduardo et al. Posterpräsentation anlässlich der CADDRA Conference, 14. Oktober 2011, Toronto

9 Satellitensymposium von Vifor Pharma, anlässlich der 2nd Eunethydis International Conference, May 2012, Barcelona

10 Wigal t et al. Journal of the America Academy of Child & Adolescent Psychiatry 2006, 11: 1294–1303

11 Kika M et al. Posterpräsentation anlässlich des 24th Annual Meeting of the European Academy of Childhood Disability (EACD), Mai 2012, Istanbul

12 Zaugg Ch et al. Posterpräsentation anlässlich des 24th Annual Meeting of the European Academy of Childhood Disability (EACD), Mai 2012, Istanbul

13 Kidd PM et al. Altern Med. Rev. 2007

14 Birch EE et.al. Dev. Med Child Neurol 2000

15 Jamieson EC et al. Lipids 1999

16 Stevens et al. Physiol. Behav. 59(4-5): 915-920 1996

17 Sinn N et al. Journal of Developmental and Behavioral Pediatrics. 2007 Apr; 28(2): 82-91

Individuelle Behandlung des ADHS
In der Behandlung des ADHS ist ein multimodales Konzept notwendig, das Psychoedukation, Verhaltenstherapie, Elterntraining, medikamentöse Therapie und Ergotherapie umfasst und als gleichrangig behandelt. Die Therapie muss individuell auf den Schweregrad, die Art der Symptomatik und die jeweiligen Komorbiditäten abgestimmt werden. Nicht das „Abstractum“ ADHS, sondern der individuelle Zugang zum Patienten soll handlungsleitendes Prinzip sein, wird im Österreichischen ADHS-Konsensus-Statement betont. Darin wird außerdem darauf hingewiesen, dass neben den herkömmlichen Medikamenten ungesättigte Fettsäuren als sinnvolle Ergänzung zur Symptomkontrolle sowie zur Verbesserung der Hirnleistung in Betracht kommen.
EquazenTM Pro enthält drei essenzielle Fettsäuren
  • Omega-3-Eicosapentaensäure (EPA) spielt eine wichtige Rolle bei der Weitergabe von Informationen von Zelle zu Zelle und hat dadurch Einfluss auf das Lernen und die Konzentrationsfähigkeit [13,14].
  • Omega-3-Docosahexaensäure (DHA) ist wichtig für die Entwicklung und Funktion des Gehirns [14,15,16].
  • Omega-6-Gamma-Linolensäure (GLA) und ihr Umwandlungsprodukt Arachidonsäure spielen eine wichtige Rolle im Aufbau der Gehirnstruktur. Sie ist die Vorstufe wichtiger Botenstoffe in der Zellkommunikation [17].

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