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Abb. 1: Rasche, bedarfsgerechte Bedürfnisbefriedigung – Stillen befriedigt alle Sinne - sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen
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Abb. 2: Richtiges Entschlüsseln der kindlichen Signale stärkt das Selbstbewusstsein der Mutter

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Abb. 3: Ist das Stillen erst einmal eingespielt ist es schlichtweg praktisch

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Abb. 4: Prolaktin stärkt die Ausdauer und Geduld der Mutter und hilft ihr leichter in den Schlaf zu finden

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Abb. 5: Nonverbale Kommunikation trainiert die mütterliche Empathie

 
Kinder- und Jugendheilkunde 17. Jänner 2013

Die Auswirkungen frühkindliche Ernährung auf Emotionen und Eltern-Kind Bindung

„Neben anderen Faktoren kann Stillen vor mütterlicher Kindesmisshandlung und Vernachlässigung schützen.“ (1)

Während allgemein mehr oder weniger akzeptiert wird, dass die Antikörper der Muttermilch einen wichtigen Teil der kindlichen Immunabwehr darstellen und die Zusammensetzung der Muttermilch genau auf das kindliche Verdauungssystem und den kindlichen Nährstoffbedarf abgestimmt ist, gehen bei Aussagen wie der obigen die Wogen meist hoch. Zu Recht wird dann argumentiert, dass eine gute Mutter-Kind-Bindung nicht davon abhängig ist, wie das Kind ernährt wird. Tatsächlich kann eine nicht stillende Mutter ihrem Kind die gleichen emotionalen Grundlagen bieten wie dies auch eine stillende Mutter macht.

Allerdings muss die Mutter, die ihr Kind mit künstlicher Säuglingsnahrung ernährt, auf einige von der Natur praktisch eingerichteten Hilfsmittel verzichten. Um dieselbe Wirkung zu erzielen, muss sie also einen deutlich höheren Einsatz erbringen.

Rasche, bedarfsgerechte Bedürfnisbefriedigung

Ist nach einer vielleicht etwas mühsameren Anfangszeit das Stillen erst einmal eingespielt, so ist es schlichtweg praktisch und einfach, bei entsprechenden Signalen des Kindes die Brust anzubieten. Auch häufige kleine Mahlzeiten sind so ohne großen Aufwand zu bewältigen. Zeigt hingegen ein Kind, welches mit der Flasche gefüttert wird, dass es Hunger hat, dauert es einige Zeit, bis die Nahrung trinkfertig ist. Vorsichtshalber wird dabei von den Eltern meist eine etwas größere Menge angeboten, als das Kind tatsächlich brauchen würde. Der kleine Schluck, den Stillkinder ganz selbstverständlich zwischendurch genießen, wird beim nicht gestillten Kind auch mit Tee oder Schnuller (häufig ohne direkten Körperkontakt) befriedigt.

Stillen bedeutet nicht einfach nur Befriedigung eines aktuellen Hunger- und Durstgefühles, es erfüllt auch das für Babys essentielle Bedürfnis nach körperlicher Nähe und trägt dazu bei, dass dem Kind eine stabile Bezugsperson zur Verfügung steht. Auch bei Kindern, die mit Formula ernährt werden, sollte auf frühe Fütterungszeichen geachtet werden, vermutlich sind kleine häufigere Mahlzeiten verträglicher (meist spucken die Kinder danach zumindest weniger). Das Füttern selbst sollte nur wenigen nahen Bezugspersonen überlassen bleiben und mit möglichst viel direktem Köperkontakt (Haut an Haut-Kontakt)erfolgen. Idealerweise wird der Schnuller als Beruhigungsmaßnahme am Arm der Bezugsperson angeboten.

Stärkung der Selbstwirksamkeit

Erlebt eine junge Frau, wie sich beim Stillen nach Bedarf das Nahrungsangebot ihrer Brust von selbst an die Bedürfnisse ihres Kindes anpasst, dass das Baby an der Brust zugleich beruhigt und getröstet wird, dass ihr Kind trotz Erkältungszeiten meist gesund bleibt, so kann dies ihr Vertrauen in die eigenen und kindlichen Fähigkeiten erheblich stärken. Da es bei den einzelnen Mahlzeiten keine eindeutigen Messwerte und Mengenangaben gibt passiert während jeder Stillmahlzeit zwischen Mutter und Kind ein subtiles Gespräch – „Bist du schon fertig mein Schatz? – Nein, doch noch ein kleiner Schluck?“ Diese meist nonverbale Kommunikation trainiert die mütterliche Empathie und die kindliche Ausdrucksfähigkeit. Gestillte Kinder erkennen schon nach ein bis zwei Tagen den Geruch von Brust, Hals und Achseln der Mutter und können ihn vom Geruch anderer Frauen unterscheiden. Die Vorliebe für den mütterlichen Geruch wird mit zunehmendem Altern noch ausgeprägter. Flaschenkinder hingegen können den Geruch ihrer Mutter nicht so gut vom Geruch anderer Frauen unterscheiden.

Besonders für jene Frauen deren Selbstwertgefühl durch physische, psychische oder sexuelle Gewalterfahrung verringert ist wäre es wichtig, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückzuerlangen und zu stärken. Jedes vertrauensvolle Zuwenden des Kindes, jede positive Reaktion auf die Angebote der Mutter und jedes richtige Entschlüsseln der kindlichen Signale, wird das Selbstvertrauen der Mutter stärken.

Der Hormoncocktail

Es ist bekannt, dass das Hormon Oxytocin (das Liebeshormon) während der Geburt und als Reaktion auf das Saugen beim Stillen freigesetzt wird. Ebenso wird Oxytocin bei angenehmen Berührungen der Köpervorderseite (Hals, Brustkorb und Bauch) ausgeschüttet. So steht die Menge des bei der Mutter freigesetzten Oxytocins in starkem Zusammenhang einerseits mit der Häufigkeit der Saugperioden und andererseits mit der Anzahl der Handbewegungen die das Baby an der nackten Brusthaut seiner Mutter macht. Übrigens setzen Berührungen des Kindes auch beim Vater Oxytocinausschüttungen in Gang.

Erhöhte Oxytocinspiegel im Gehirn der Mutter fördern ihre Interaktion mit dem Säugling, reduzieren ihre Ängstlichkeit und üben einen beruhigenden und Stress herabsetzenden Einfluss aus, unter anderem durch die Reduzierung von Cortisol- und dem Blutdruckspiegel. Ähnliche Wirkmuster werden bei jedem Stillen eingeleitet und nach wiederholtem Stillen werden manche dieser Effekte nachhaltig.

Es ist wahrscheinlich, dass der Oxytocinspiegel auch beim Kind als Reaktion auf das Saugen, sicher jedoch auf den direkten Haut- an Hautkontakt ansteigt.

Oxytoxin fördert soziales Lernen, und seine Effekte können konditioniert werden, sodass es zur Entwicklung von sicherer Bindung beiträgt, indem das Kind ein soziales Gedächtnis bildet, das mit Gefühlen des Wohlbefindens und der Entspannung verbunden ist. Unter Oxytocineinfluss wird Schmerz weniger heftig empfunden, während die Verdauung und die Aufnahme von Nährstoffen erleichtert werden. Außerdem verbessert das Hormon die Wundheilung und vermindert Entzündungen. Alle Effekte betreffen sowohl Mutter als auch Kind und können so das ungewohnte vielleicht anstengende Leben mit einem Baby erleichtern. Mütter, die nicht stillen, sollten bewusst und wiederholt Haut an Haut Kontakt mit ihrem Baby suchen. (2)

Prolaktin (das Mütterlichkeitshormon) löst nicht nur bei Säugetieren „Brutpflegeverhalten“ aus. Beim Menschen ist kurz vor der Geburt des Kindes sogar beim Lebensgefährten einer Schwangeren ein Anstieg des Prolaktinspiegels festzustellen, allerdings ein deutlich niedriger als bei den Müttern. Je häufiger und je länger ein Kind gestillt wird, desto höher ist der mittlere Prolaktinspiegel.

Prolaktin stärkt die Ausdauer und Geduld der Mutter und hilft ihr, leichter in den Schlaf zu finden. Gut zu beobachten ist diese beruhigende Wirkung des Prolaktins, wenn Mütter während der Stillmahlzeit schläfrig werden oder einschlafen, so kann sich die stillende Mutter trotz immer wieder gestörter Nachtruhe gut erholen. Besonders hohe Prolaktinwerte weisen stillende Zwillingsmütter auf. Hat sich solch eine Stillbeziehung einmal gut eingespielt so ist es immer wieder erstaunlich, welche Ruhe eine stillende Zwillingsmutter ausstrahlt.

Auswirkungen des Stillens

Eine Studie, die sich speziell mit Kindern, die länger als ein Jahr gestillt wurden, beschäftigte, zeigt einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Stilldauer und der von der Mutter und den Lehrern beobachteten sozialen Kompetenz der sechs bis acht Jahre alten Kinder. In den Worten des Wissenschaftlers: „Es gibt statistisch signifikante Tendenzen, dass schlechtes Betragen seltener vorkommt je länger das Kind gestillt wurde.“ (3)

Stillen ist Gewaltprävention

Zu diesem Ergebnis kommt tatsächlich eine prospektive australische Studie, die 7223 Mutter-Kind-Paare über 15 Jahre lang begleitete. Es zeigt sich, dass die Häufigkeit der mütterlichen Gewaltanwendung anstieg, je kürzer gestillt wurde. (1)

Die Betreuung eines Babys und eines Kleinkindes rund um die Uhr ist emotionale Schwerstarbeit. Da ist es gut vorstellbar, dass zusätzliche Belastungen wie z.B. häufigere Erkrankungen des Kindes, eine möglicherweise nicht optimale Kommunikation zwischen Mutter und Kind und der Mangel an den von der Natur mitgegebenen Ressourcen (Hormone) ausreichen, um bestimmte Grenzen zu überschreiten.

Überforderung durch das Stillen?

Natürlich gibt es auch Frauen, für die Stillen unvorstellbar scheint oder Mutter-Kind-Paare, bei denen die Stillprobleme einfach so groß sind, dass eine Lösung nicht in Sicht kommt.

Die ersten Wochen nach einer Geburt sind nicht nur für den Stillerfolg, sondern auch für den Aufbau einer stabilen Eltern-Kind- Bindung entscheidend. Die Natur hat eine gute Basis geschaffen, damit im Normalfall beides gelingen kann und sich gegenseitig positiv beeinflusst. Gleichzeitig sind die meisten Frauen in diesen ersten Tagen und Wochen nach einer Geburt besonders empfindsam, sodass rasch Tränen fließen. Wie die Umgebung der jungen Mutter und das sie betreuende medizinische Personal mit solchen Gefühlsausbrüchen umgehen, beeinflusst vielfach das Selbstbewusstsein der Mutter und somit auch die frühe Eltern-Kind-Bindung und natürlich auch den Stillerfolg.

1 Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester, Still- und Laktationsberaterin IBCLC, Herzogsdorf

1. Does Breastfeeding protect against substantiated Child Abuse and Neglect? A 15-year cohort Study Stratehearn, Mamun, Najman, O´Callaghan; Pediatrics published online April 8, 2009

2. Uvnäs-Moberg Kerstin Die Bedeutung des Hormons “Oxytocin“ für die Entwicklung der Bindung des Kindes und der Anpassungsprozesse der Mutter nach der Geburt

3. Fergusen DM et al. Breastfeeding and subsequent social adjustment in six-to eight-year-old children. J Child Psychol. Psychiatr. Allied Discip. 1987.

Fazit für die Praxis
Die Anforderungen an die beratenden Personen klingen einfach, sind aber besonders im Praxisalltag schwer zu erfüllen. Trotz aller Wachsamkeit für mögliche pathologische Entwicklungen, sollte den Tränen und Emotionen Zeit und Raum gegeben werden. Nachfragen und Zuhören sind ebenso wichtig wie einheitliche, korrekte und schlüssige Informationen zum Stillen oder gegebenenfalls zur Ernährung mit künstlicher Säuglingsnahrung. Voreilig gezogene Schlüsse „das wird ihnen ja alles zu viel, vielleicht sollten sie abstillen“, treffen oft nicht die Bedürfnisse der Mütter, erschüttern aber deren Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Der Fachkraft wird dann oft mehr vertraut als dem eigenen Gefühl.
Entscheidet sich die Mutter zum Abstillen, brauchen die Eltern neben Informationen zur Ernährung auch Hinweise, wie sie die Eltern-Kind-Bindung gezielt stärken können z.B. durch ausgedehnten und häufigen Körper- und Hautkontakt.

Andrea Hemmelmayr1, Pädiatrie & Pädologie 6/2012

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