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Skeptisch blickt nicht nur dieses Baby, was mit der Nadel geschehen wird: Skeptisch sind auch die Eltern, aber nicht immer schätzen Eltern die Risiken richtig ein.
 
Kinder- und Jugendheilkunde 17. Jänner 2013

Österreichs Eltern: Fehlendes Wissen über Impfungen

Mehr als 40 Prozent glauben, dass Impfungen Ursache für Allergien sind, so vorläufige Ergebnisse einer Umfrage, die auf der Pädiatertagung in Obergurgl präsentiert wurde.


80 und mehr Prozent der österreichischen Kinder sind gegen die häufigsten und teils durchaus gefährlichen Kinderkrankheiten geimpft. Aber ihre Eltern haben offenbar trotzdem mangelndes sachliches Wissen über die Immunisierungen. So meinen rund 40 Prozent, dass Impfungen die Ursache für Allergien sind. Das ist schlichtweg unrichtig, betonte am Donnerstag Karl Zwiauer, Chef der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum St. Pölten (NÖ) beim 39. Internationalen pädiatrischen Symposium in Obergurgl in Tirol.



Die Daten stammen aus der Zwischenauswertung einer repräsentativen Untersuchung, seit Anfang des Jahres 750 Elternteile von Kindern in Österreich befragt werden sollen. Die Zwischenauswertung umfasst die Angeben der ersten 251 Befragten. Zwiauer, federführend in der Organisation des Symposiums (bis 19. Jänner) mit Beteiligung aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, nannte folgende Zahlen, die zum Teil erhebliche Informationslücken beweisen dürften:

  • 78 Prozent der Eltern erklärten, dass Kinderkrankheiten (auch oft gefährlich verlaufende wie Masern) "gut für die Entwicklung des Kindes" wären. Unter Migranten lag dieser Prozentsatz bei 71 Prozent, bei in Österreich Geborenen gar bei 80 Prozent.
  • 42 Prozent aller bisher befragten Eltern gaben an, Impfungen seien die Ursache für Allergien (Migranten: 40 Prozent; in Österreich geborene Elternteile: 43 Prozent; deklarierte Impfgegner: 93 Prozent).
  • Nur zwei Drittel der Probanden sagten, man sollte Kinder gegen die potenziell gefährlichen und hoch ansteckenden Infektionen Masern, Mumps und Röteln per MMR-Impfung schützen. Allerdings, rund 80 Prozent der Kinder in Österreich sind dagegen immunisiert. Es wäre aber zur möglichen Ausrottung der Erkrankung ein deutlich höherer Durchimpfungsgrad erforderlich.
  • Sechs Prozent bezeichneten sich als "Impfgegner" - in Deutschland waren es bei einer praktisch identen, abgeschlossenen repräsentativen Umfrage mit rund 3.000 Elternteilen nur ein Prozent. Als Impfskeptiker (Angst vor Nebenwirkungen, selektive Auswahl von Impfungen für Kinder bzw. Weglassen einzelner empfohlener Immunisierungen) sind in Österreich 55 Prozent der Eltern laut den vorläufigen Ergebnissen anzusehen (Deutschland: 35 Prozent).
  • Impfbefürworter sind in Deutschland 64 Prozent der Eltern, in Österreich haben demnach nur 39 Prozent keine Vorbehalte.

Impfskepsis im Westen stärker ausgeprägt, als im Osten Österreichs

Zwiauer bezeichnete vor allem den falschen Mythos um eine Verbindung zwischen Allergien und Impfungen als erstaunlich. Kinder- und andere Ärzten würden ja auf der Basis wissenschaftlicher Daten gerade dagegen passende Argumente haben. Die Impfskepsis ist in den westlichen österreichischen Bundesländern, zum Beispiel in Tirol, stärker ausgeprägt als im Osten des Bundesgebietes. Migranten dürften aufgrund der von ihnen wahrscheinlich häufiger noch in der alten Heimat wahrgenommenen Vorteile der Impfungen in der Bekämpfung gefährlicher Infektionskrankheiten bessere Informationen und eine positivere Einstellung haben.

Risiken werden nicht immer richtig eingeschätzt

Österreich weist laut den am Donnerstag beim 39. Internationalen pädiatrischen Symposium in Obergurgl in Tirol (bis 19. Jänner) vorgelegten Daten überhaupt einige Spezifika bei den Impfungen auf. So schätzt die Bevölkerung die Risiken und die Häufigkeit der verschiedenen Infektionserkrankungen sehr unterschiedlich und nicht immer der Realität entsprechend ein.

GfK-Umfrage zur Grippeimpfung

Astrid Eßl von GfK Austria hat über viele Jahre hinweg zu regelmäßig groß angelegte, repräsentative Umfragen mit jeweils rund 4.000 Probanden durchgeführt: "14 Prozent fühlen sich durch die Influenza sehr bedroht, 51 Prozent eher bedroht, 27 Prozent eher nicht bedroht." Die Vergleichsdaten zur FSME: Hier fühlen sich gar 15 Prozent sehr bedroht, 33 Prozent eher bedroht und 28 Prozent eher nicht bedroht.

Die "Zeckenkrankheit" ist sicherlich eine potenziell gefährliche und durch die massiven Impfkampagnen der vergangenen Jahrzehnte deutlich zurückgedrängte Erkrankung mit deshalb pro Jahr zwischen 50 bis 100 Erkrankungsfällen (Spitalsaufnahmen), manchmal auch Todesfällen. Die saisonale Influenza lässt hingegen jedes Jahr Hunderttausende Österreicher krank werden und verursacht laut einer aktuellen wissenschaftlichen Berechnungen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) jeweils zwischen 1.100 und 1.600 zusätzliche Todesfälle.

Dem steht mangelnder Impfschutz entgegen. Astrid Eßl: "Jemals gegen die FSME haben sich derzeit 85 Prozent der Österreicher impfen lassen. Gegen die Influenza wurden nur 34 Prozent jemals geimpft." Allerdings muss man offenbar auch bei der "Zeckenkrankheit" aufpassen, dass nicht neue Lücken entstehen. So ging von 2011 auf 2012 in Österreich die Durchimpfungsrate bei den Vier- bis Sechsjährigen von 84 auf 77 Prozent zurück, bei den unter Dreijährigen von 57 auf 53 Prozent. Insgesamt reduzierte sie sich in der Gesamtbevölkerung von 89 auf 85 Prozent.

Offener Punkt HPV-Impfung

Ein offener Punkt ist in Österreich auch die Impfung gegen das Human Papilloma Virus (HPV). Das würde den Gebärmutterhalskrebs laut den Experten drastisch zurückdrängen. Elmar Joura, Gynäkologe vom Comprehensive Cancer Center der MedUni Wien und des AKH in Wien: "Weltweit ist Gebärmutterhalskrebs bei Frauen unter 45 Jahren das dritthäufigste Karzinom. Die Vorsorgeuntersuchungen haben in Österreich die Zahlen um zwei Drittel reduziert. Übrig geblieben sind rund 500 Erkrankung pro Jahr, etwa 160 Frauen sterben daran. Mit der HPV-Impfung, so Joura, könnte man rund drei Viertel dieser Fälle wegbekommen."

Das würde auch für die jährlich rund 6.000 gynäkologischen Eingriffe gelten, die zur Entfernung von Gebärmutterhalskrebs-Vorstufen in Österreich durchgeführt werden müssen. 60.000 Frauen erhalten in Österreich jährlich bedenkliche Krebsabstrich-Befunde, die sie natürlich in Befürchtungen und Ängste stürzen. Experten fordern seit Jahren die kostenlose HPV-Impfung zumindest für Mädchen. Bisher blieb die Finanzierung ungeklärt. Laut Joura könnte prinzipiell - würde man auch Buben immunisieren - auch ein Gutteil der Kopf- und Hals-Tumoren von Männern verhütet werden, die häufig ebenfalls auf chronische HPV-Infektionen zurückzuführen sind. Damit ließe sich die Zahl der durch diese Immunisierung verhinderbaren Todesfälle in Österreich auf rund 300 pro Jahr anheben.

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