zur Navigation zum Inhalt
Symposium in den Bergen.
 

© NÖ Landeskliniken Holding

Prof. Dr. Karl Zwiauer, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am A. Ö. Landeskrankenhaus St. Pölten und Leiter des 39. Internationalen pädiatrischen Symposiums Obergurgl 2013.
 
Kinder- und Jugendheilkunde 8. Jänner 2013

Wissenschaft – Wahrnehmung – Wirklichkeit

39. Internationales pädiatrisches Symposium Obergurgl 2013

Gespräch mit Prof. Dr. Karl Zwiauer.

 

Zum 39. Mal jährt sich Ihre Fortbildungsveranstaltung. Macht es Ihnen Freude, diese zu veranstalten?

Zwiauer: Seit mehr als zehn Jahren habe ich das Vergnügen und die Freude, mit dem Pädiatrischen Symposium Fragestellungen zu thematisieren, die ich gerne beantwortet wüsste. Aus dieser Form der Herangehensweise kann ich versichern, dass die Vorbereitung des Symposiums und die Tage in Obergurgl immer eine große Freude und Bereicherung darstellen und ich hoffe, dass es damit nicht nur mir, sondern auch allen, die Jahr für Jahr den doch teilweise beschwerlichen Weg nach Obergurgl finden, auch so geht.

Was charakterisiert das Internationale pädiatrische Symposium?

Zwiauer: War das Symposium früher ein Expertentreffpunkt, bei dem eine kleine Elite im (fast) geschlossenen Kreis diskutiert hat und es wahrlich schwierig war, in diesen Kreis eintreten zu dürfen, so hat sich der Charakter doch deutlich verändert: es ist nicht mehr der elitäre, ausgewählte Kreis von Professoren, die diskutieren, sondern es sind interessierte und wissbegierige Pädiater aus dem deutschsprachigen Raum, die brennende und nicht beantwortete Fragen diskutieren, auf einem hohen Level, nicht nur was die Meereshöhe betrifft. Das Pädiatrische Symposium ist gekennzeichnet von einer offenen und zutiefst freundlichen, amikalen Grundstimmung, die der Nährboden für eine ebenso offene wie ehrliche Diskussion ist. Das kennzeichnet das Symposium und zeichnet es auch aus.

Welche Inhalte fokussieren Sie mit Ihrem aktuellen Motto?

Zwiauer: Das Thema des Symposiums 2013 ist: Wissenschaft – Wahrnehmung – Wirklichkeit: es thematisiert damit Fragestellungen, die über den üblichen rein klinisch bezogenen Themenbereich hinausgehen. Die Problematik der Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in den Praxisalltag erscheint auf den ersten Blick oft recht problemlos, allerdings wissen wir aus der Erfahrung, dass dem nicht so ist. Ein theoretisches Wissen und evidenzbasierte Erkenntnisse in praktisches Handeln umzusetzen und an den Patienten/Patientin zu bringen, ist alles andere als einfach – und dann kommt noch hinzu, dass die Adressaten durchaus das, was der Behandler, der Wissenschafter empfiehlt, nicht akzeptiert, sich seine „Meinung“ selbst gebildet hat und diese u.U. diametral der wissenschaftlich anerkannten und akzeptierten Meinung entgegensteht. Nicht nur bei therapeutischen Aspekten, vielleicht noch viel mehr bei Präventivmaßnahmen sehen wir uns mit diesem Problem konfrontiert. Wissenschaft umzusetzen und im Bewusstsein der Bevölkerung umzusetzen ist eine der wichtigen Herausforderungen unserer Zeit. Das Symposium möchte diese Diskrepanz thematisieren, diskutieren und vielleicht Ansätze aufzeigen, wie mit diesen substantiellen Fragen umgegangen werden kann.

Es ist eine der medizinischen Aufgaben, falsch gefühlte Sicherheiten aufzuzeigen und objektive reale Risiken aufzuzeigen und auf sie hinzuweisen. Die reale Umsetzung erfordert viel Sensibilität aber auch klare Rationalität und Konsequenz, die jedoch nicht in Zwangsbeglückung münden dürfen. Emotionalität auszusetzen und auszugrenzen ist gerade bei präventivmedizinischen Ansätzen nicht möglich, sie müssen mit bedacht werden, ohne auf die rationalen Grundsätze zu vergessen. Ärztlich medizinisches Handeln kann nicht auf Bauchgefühl basieren, aber Emotionen bei denen, die wir behandeln oder betreuen, müssen mit berücksichtigt und bei der Umsetzung bedacht werden.

Ein anderes hochaktuelles Thema, das auch in der Politik hochaktuell ist: Verstrickungen, Abhängigkeiten, Lobbyismus, finanzielle Zwänge. Wissenschaft und Wissenschafter werden zunehmend gerne und oft in Frage gestellt. Sie werden nach ihrer Unabhängigkeit in der Forschung gefragt und es wird mehr als je zuvor nach Abhängigkeiten in ihrer Arbeit gesucht. Eine Entwicklung, die durchaus zu begrüßen ist und die Transparenz fördert. Kooperationen und Interessensgleichheiten dürfen aber nicht grundsätzlich verunmöglicht werden. Es gilt noch die Balance zu finden, einen korrekten und ethisch einwandfreien Umgang einerseits und gemeinsame, klar definierte Zielverfolgung auf der anderen Seite. Ich denke, dass das Forum des Symposiums eine hervorragende Diskussionsbasis sein kann, diese Fragen zu thematisieren und in Offenheit zu diskutieren.

Wie wissenschaftlich ist die tägliche Praxis des Kinderarztes?

Zwiauer: Ohne Wissenschaft keine tägliche Praxis! Ich denke, dass wir gerade einen recht wichtigen Aufarbeitungsprozess vor uns haben, der die Dialektik zwischen Wissenschaft und Praxis verändern wird. In den letzten Jahren ist klinische Forschung in ihrem Stellenwert deutlich gestärkt worden, es sind Fragestellungen, die sehr konkret das praktische Vorgehen in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit den Patienten massiv beeinflusst haben. Wir sehen derzeit noch allzu oft die Gegensätze zwischen EBM und der tatsächlichen Praxis, aber ich denke, dass wir diese beiden Bereiche mehr und mehr in Deckungsgleichheit bringen werden, dann, wenn sich der praktischen, täglichen Probleme angenommen wird und sie in einer nachvollziehbaren und korrekten wissenschaftlichen Art und Weise aufgearbeitet werden. Ich denke z.B. an die Aufarbeitung von Fragen, wie der Beikostfütterung oder auch so banaler Probleme wie der adäquaten Behandlung von Verkühlungen mit alten Hausmitteln. Bei tiefgreifender und profunder Auseinandersetzung werden dann sehr oft die Grenzen fließend und verschwinden gar, zwischen dem, was Evidenz ist und dem was tatsächlich getan wird.

Ist das Thema in Wirklichkeit nicht ein vorwiegend philosophisches?

Zwiauer: Philosophisch einerseits und sehr real andererseits. Wenn wir nur eine der beiden Wirklichkeiten sehen (wollen), dann entgeht und jeweils der andere nicht minder wichtige Teil. Die theoretische, philosophische Wirklichkeit wird erst dann real, wenn sie im praktischen Leben umsetzbar und lebbar wird. Gelingt dies nicht, dann sehen wir nicht das, was unsere Patienten bewegt und können auch nicht nachvollziehen, warum sie uns nicht folgen können oder wollen.

Welche Art der Fortbildung ist in Ihren Augen die effizienteste?

Zwiauer: Wenn Fortbildung sehr konkret wird, wird sie sehr effizient – konkret kann sie in der Diskussion, in der persönlichen Betroffenheit und Auseinandersetzung werden, dann wenn ich mich einem Thema stelle. Dies muss nicht grundsätzlich handgreiflich sein, aber immer dann, wenn es berührt, wird es sehr real. Eine effiziente Fortbildung ist daher eine, die vom Thema anspricht, von der Aufarbeitung berührend und treffend ist. Wenn diese Faktoren zusammenfallen, dann bleibt tatsächlich für mich etwas hängen und profitiere ich selbst.

Warum findet Ihr Symposium jeden Jänner in Obergurgl statt?

Zwiauer: Tradition und gute Erfahrungen sind der Grund dafür – der Jänner ist keine typische Fortbildungszeit, aber genau das konnten wir immer nutzten, auch vom Zeitpunkt her attraktiv zu sein.

Zwei pädiatrische Fortbildungsveranstaltungen im Jänner in Obergurgl, en suite: Stimmen Sie sich zeitlich und thematisch mit dem Pädiatrischen Fortbildungskurs Obergurgl von Prof. Sperl ab?

Zwiauer: Seit vielen Jahren gibt es hier Gemeinsamkeiten: der Bericht über das Pädiatrische Symposium am Montagnachmittag hat jahrzehntelange Tradition – immer wieder stehen Referenten des Symposiums auch für die Fortbildungsveranstaltung zur Verfügung. Prof. Sperl ist im Wissenschaftlichen Beirat des Symposiums und insofern gibt es eine gemeinsame übergeordnete Interessensgemeinschaft.

Was wünschen Sie sich für Ihre Veranstaltung 2013?

Zwiauer: Spannende Kurzreferate, interessante Diskussionen und wie immer die typische Obergurgl-Stimmung.

Wird es 2014 wieder ein Internationales pädiatrisches Symposium Obergurgl geben, und zu welchem Thema?

Zwiauer: Auch im Jahr 2014 wird es sicherlich ein Symposium geben, es wird das 40 Jahr Festsymposium sein, wobei das genaue Thema noch nicht feststeht.

Das Gespräch führte Dr. Renate Höhl.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben