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Prävention – Impfen – Orphan Diseases

Der neue Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde umreißt die Schwerpunkte und Ziele seiner Amtszeit. Pädiatrie & Pädologie: Sie übernehmen die Präsidentschaft von Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Kaulfersch. Werden Sie Themen aus seiner Präsidentschaft weiterführen, und welche? Drei Jahre Präsidentschaft erscheinen zwar lang, aber trotz intensiver Bemühungen ist es heutzutage kaum möglich, alle Ziele in dieser Zeit zu erreichen. Es ist nicht ausreichend Geld für Erweiterungsprojekte in der Medizin vorhanden. Von Einsparungen ist allerorts die Rede. Die Verhandlungsstrategien der Krankenkassen und zum Teil auch der Ministerien sind daher auf Verzögerung ausgerichtet. Vom Kollegen Kaulfersch habe ich die Projekte Rehabilitation und Arzneimittelsicherheit übernommen. Sie haben für mich höchste Priorität. In das Thema Arzneimittelsicherheit ist bereits Bewegung gekommen. Ich bin optimistisch, dass wir noch in diesem Jahr starten können. Kinderrehabilitationsbetten müssen in Österreich geschaffen werden. Es kann nicht sein, dass wir unsere Kinder und Jugendlichen in Nachbarländer verlegen müssen. Auch wenn sie dort gut betreut werden, müssen wir auf Übernahmen zu lange warten. Gerade die Akutrehabilitation muss zeitgerecht erfolgen, da nur dann optimale Erfolge zu erreichen sind. Kinder sind noch nicht im Arbeitsprozess. Nach einer bestmöglichen Versorgung haben sie ein ganzes Arbeitsleben vor sich. Jeder Euro dafür rechnet sich. Durch den Führungswechsel im Ministerium hatten wir noch nicht die Gelegenheit, die Gespräche im Rahmen unserer ständigen Kommission mit dem neuen Minister Stöger fortzuführen. Impfungen sind ein wichtiges Thema, was planen Sie auf diesem Gebiet? Impfungen sind ein Dauerbrenner. Wir dürfen nicht müde werden, aufzuklären und zu impfen. Die wenigen unkritischen Impfgegner sind immer „laut“ und bekommen zu viel Aufmerksamkeit. Sie verstehen es, Zusammenhänge zwischen Erkrankungen und Impfungen herzustellen, die objektiv nicht nachvollziehbar sind. Hohe Durchimpfungsraten müssen erreicht, die Kosten für neue Impfungen von Bund oder den Ländern übernommen werden. Prävention wird nach heutigem Wissen am wirksamsten, wenn sie im Kindesalter ansetzt. Was können Sie dazu beitragen, den Präventionsgedanken zu verbreiten? Prävention ist in jedem Alter sinnvoll. Der längste und daher größte Effekt ist mit präventiven Maßnahmen im Kindesalter zu erreichen. Mit dem Thema Adipositas lehne ich mich weit aus dem Fenster. Ich komme auf die oben angeführten Ausgaben für die Medizin zurück. Geht die Entwicklung der Gewichtszunahme so weiter, werden in 20 bis 30 Jahren die Kosten dafür explodieren. Welche Politiker wollen überhaupt so weit voraus denken, wo sie in der Jetztzeit schon mit einer Vielzahl schwer lösbarer Probleme konfrontiert sind? In vielen Fällen erfolgt die Prägung für das Übergewicht im Kindesalter. Wir Pädiater sind daher gefordert, langfristige, nachhaltige Projekte zu starten. Sind Sie mit dem Mutter-Kind Pass wie er ist, zufrieden, oder gibt es Änderungen, die Sie herbeiführen möchten? Der Mutter-Kind-Pass ist eine Erfolgsgeschichte. Auch hier darf man sich nicht zufrieden zurücklehnen. Die Untersuchungen werden mit zunehmendem Alter des Kindes immer weniger in Anspruch genommen. Es gibt viele Ansätze, dieser Entwicklung entgegen zu wirken. In Oberösterreich gibt es eine Prämie nach dem zweiten und nach dem fünften Lebensjahr, wenn alle Untersuchungen und Impfungen durchgeführt wurden. Recall- Systeme sind eine weitere Möglichkeit, die Frequenzen zu erhöhen. Die Kinderärzte fordern eine verpflichtende Untersuchung vor dem Schuleintritt. Ein sehr guter Zeitpunkt, um Teilleistungsschwächen, motorische Defizite oder Verwahrlosung zu erfassen und entsprechenden Therapien zuzuführen. Welche Erkrankungen sind es, die dem Kinderarzt heute Sorgen machen? Hervorheben möchte an dieser Stelle in der Kinderheilkunde sehr selten vorkommende Erkrankungen, die so genannten “Orphan Diseases“. Sie sind einerseits eine große diagnostische Herausforderung. Verbessertes Wissen um diese Erkrankungen kann zu einer früheren Therapie und besseren Prognose führen. Andererseits zeigt die Pharmaindustrie für manche dieser Erkrankungen wegen der fehlenden Gewinnaussichten wenig Interesse. Eine Arbeitsgruppe in der EU ist im Entstehen und sollte Abhilfe schaffen. Wirklich Sorgen mache ich mir über die Zunahme von Verhaltensproblemen und die Zunahme psychosomatischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Hier reichen die Versorgungsstrukturen noch bei weitem nicht aus. Wie steht es um die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Fächern, besonders im Hinblick auf die komplexe Situation der „Seuchen von heute“? Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Fächern wird in vielen Bereichen gelebt. Durch die Spezialisierung in allen Fachdisziplinen sind wir auf Kollegen angewiesen, die sich in ihrem Fach den Kindern und Jugendlichen widmen. Kinderurologie, HNO, Orthopädie etc. sind Beispiele dafür. Es sollen die Spezialisten aber zu den Kindern kommen und nicht die Kinder an Erwachsenenabteilungen verlegt werden. Zur optimalen Pflege an einer Kinder- und Jugendabteilung kommt, dass diese Patienten gar nicht so selten multimorbid sind und gemeinsam mit anderen Spezialisten betreut werden müssen. Ist der Kinderarzt heute als All- rounder oder als Spezialist gefragt? Spezialisierungen sind eine unabdingbare Notwendigkeit. Dank des Einsatzes meiner Vorgänger Prof. Müller und Prof. Kaulfersch haben wir eine Reihe von Additivfächern und so genannten Spezialisierungen zuerkannt bekommen. Für eine optimale Betreuung ist das unabdingbar, auch für die Abgrenzung gegenüber den „verwandten“ Fächern in der Erwachsenenmedizin. Der Slogan „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“ trifft den Kern der Sache. Es gibt eine Vielzahl von Krankheitsbildern, die nur im Kindesalter auftreten. Dazu kommt die Auseinandersetzung mit dem wachsenden Organismus. Dafür braucht es den spezialisierten Kinderarzt. Das Kind ist aber mehr als die Summe seiner Organe. Allrounder, wie sie in der Frage bezeichnet werden, sollte es in jeder größeren Kinderklinik geben. In der Ausbildung soll darauf geachtet werden, dass vor der Spezialisierung Allgemeinpädiatrie gelernt werden muss. Durch Stationsarbeit, gemeinsame Dienste und Besprechungen bleibt das notwendige Allroundwissen erhalten. Wie stellen Sie sich die Kommunikation mit den Gesellschaftsmitgliedern vor? Die tägliche Kommunikation kann über E-mail und Telefonkontakte erfolgen. Gemeinsame Ziele gehören aber diskutiert. Dazu sind persönliche Kontakte notwendig. Im Rahmen der Vorstandssitzungen und der Vollversammlungen ist das gut planbar. Ich habe aber vor, darüber hinaus bei speziellen Fragestellungen die jeweiligen Spezialisten direkt anzusprechen, bzw. Aufgaben an die Arbeitsgruppen heranzutragen. Hat die Pädiatrie in Österreich heute den Stellenwert, den sie in einem modernen, demokratischen Staat haben sollte? Was gilt es zu verbessern? Die Pädiatrie hat in Österreich sicherlich einen hohen Stellenwert. Wo es Defizite bzw. Verbesserungspotenziale gibt, müssen wir ansetzen. Durch unsere ständige Kommission im Ministerium für Gesundheit und Frauen haben wir die Gelegenheit, unsere Vorstellungen vorzutragen. Es darf nur nicht beim Vortragen bleiben. Wo finden Sie Unterstützung für Ihre Vorhaben? Die zum Teil bereits angesprochenen Vorhaben sind nur gemeinsam erreichbar. Wir müssen uns nach außen hin geschlossen zeigen. Ich wünsche mir ein- oder zweimal im Jahr, dass die Gesellschaft zu für uns wichtigen Themen bundesweit auftritt. Gemeinsame Stellungnahmen durch die Leiter der großen Kliniken aller Bundesländer würden mehr Gewicht haben als Einzelauftritte. Ich bin schon im vorangegangenen Punkt darauf eingegangen. Wie wird sich Ihre Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium, sowie mit politischen Gruppierungen und Parteien gestalten? Die bestehenden Kontakte zu Gesundheitseinrichtungen, Ministerien und Politik müssen gepflegt werden. Lobbyismus durch die Mitglieder unserer Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde ist erwünscht. Unsere Ziele müssen nachvollziehbar sein. Nur dann kann ein gutes Gesprächsklima geschaffen werden, das Voraussetzung für die Durchsetzung unserer Vorstellungen ist. Vielen Dank für das informative Gespräch!

Prim. Univ.-Prof. Dr. Klaus Schmitt, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde und ärztlicher Direktor der Landes- Frauen- und Kinderklinik Linz , Pädiatrie & Pädologie 2/2009

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