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Über den Tellerrand geblickt

Neue Perspektiven in der Adipositasprävention bei 1- bis 3-Jährigen

Adipositas ist zum Alltagsproblem in der medizinischen Praxis geworden. In den letzten Jahren ist vor allem die Zahl der jungen übergewichtigen Patienten mit erheblichen psychischen und physischen Komorbiditäten angestiegen. Die Dringlichkeit einer effektiven Prävention steht daher außer Zweifel.

Wie bietet man dem Problem der kindlichen Adipositas nun die Stirn? Mit welchen pädagogischen Werkzeugen kann man Kinder zum richtigen Essverhalten leiten? Wie kann ich als Arzt betroffene Eltern richtig beraten? Welchen Einfluss haben Werbung und Medien auf das Essverhalten von Kleinkindern?

Diese und weitere Fragen zu dem hochbrisanten Thema werden im Rahmen des Pädiatrischen Frühlings am 11. Mai 2012 in Seggau von einem interdisziplinären Referententeam behandelt. Einen kleinen Vorgeschmack auf die Referate liefert Ihnen Pädiatrie & Pädologie nun folgend.

Die ersten fünf Lebensjahre bestimmen den Zeiger der Waage

Aus den wenigen bislang verfügbaren longitudinalen Studien wissen wir, dass der überwiegende Anteil des vor der Pubertät erworbenen Übergewichts vor dem fünften Lebensjahr gesammelt wird. Die ersten fünf Lebensjahre stellen daher eine kritische Zeitspanne dar, die für Präventionsmaßnahmen besonders geeignet scheint. Der Einfluss der Schwangerschaft auf eine übermäßige Gewichtszunahme in der Kindheit („fetale Programmierung“) wird gegenwärtig heftig diskutiert. Postnatal ist vor allem das Stillen mit einem geringeren Risiko für späteres Übergewicht verbunden. Inwieweit eine Modifikation von Säuglingsnahrungen (z. B. in Bezug auf den Eiweißgehalt), der Zeitpunkt der Einführung bzw. die Qualität der Beikost sowie die Ernährung von Kleinkindern Interventionsmöglichkeiten bieten, ist Gegenstand laufender Untersuchungen.

Prävention muss früh ansetzen

Das Alter von ein bis drei Jahren wurde hinsichtlich effektiver Präventionsmaßnahmen bislang eher stiefmütterlich behandelt. Gerade in diesem Zeitraum werden jedoch Ernährungsverhalten und Lebensmittelpräferenzen am stärksten geprägt. Mit drei bis vier Jahren ist Essen nicht mehr bloß die Reaktion auf ein Hungersignal, sondern wird auch durch die Ansprechbarkeit auf alimentäre Umweltreize beeinflusst. So sind z. B. Nahrungspräferenzen 2-Jähriger mit jenen ihrer Mütter assoziiert. Studien haben einen Zusammenhang von Ernährungswissen, Fütterungsgewohnheiten und Wertehaltung gegenüber Nahrung der Mutter mit späterem kindlichen Übergewicht ergeben.

Kinder haben beim Essen und Trinken viele Vorbilder

Essverhalten wird wie jedes andere Verhalten primär durch Modelllernen sowie klassisches und operantes Konditionieren erworben bzw. verändert. Modelllernen funktioniert dann, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: 1. Sympathie gegenüber dem Modell, 2. empfundene Ähnlichkeit mit dem Vorbild und 3. Belohnung des Modells für sein Verhalten. So kann es vorkommen, dass Geschwister, Großeltern oder Freunde in der Krabbelstube, die z. B. Gemüse ablehnen oder häufig süße fette Snacks naschen, „gute“ Modelle darstellen; besonders wenn dies als Heldentat der schon Größeren dargestellt und somit belohnt wird. Gleiches gilt für Erwachsene, die ungünstiges Verhalten hoch loben, z. B. „Franzi isst seinen Teller immer leer und nimmt noch Nachschlag, das macht Oma Freude“.

Erwünschtes Essverhalten ist immer ein Lob wert

Die nächste Möglichkeit zur Erhöhung der Verhaltenswahrscheinlichkeit ist das operante Konditionieren: Belohnung von Verhalten bzw. Ausbleiben von ‚Bestrafung‘. Belohnung – lerntheoretisch „Verstärkung“ genannt – kann ein Lächeln, Aufmerksamkeit, offenes Lob aber auch die Bewunderung durch Geschwister oder Freunde etc. sein. Viel zu wenig wird bedacht, dass das oben erwähnte Ausbleiben der Verstärkung eines Verhaltens (weil man es z. B. für selbstverständlich hält), wie etwa Probieren einer neuen Speise, Essen von Gemüse etc. dieses langfristig nicht aufbaut, ja sogar löscht!

 

Schließlich kann das klassische Konditionieren nach dem alt bekannten Prinzip des Pawlow‘schen Hundes den Aufbau erwünschten Ernährungsverhaltens erleichtern. Eine besonders kindgerechte Gestaltung eher noch nicht akzeptierter Speisen, ein fröhliches Spiel beim Verkosten, wären Beispiele hierfür.

Ist die Werbung schuld?

Die Rolle von Werbung und Medien auf das Essverhalten bzw. das Körpergewicht von Kleinkindern wird in Fachkreisen intensiv diskutiert. Eltern entscheiden in erster Linie durch Fernsehzeit und Programmauswahl, ob und wie viel Lebensmittelwerbung Kinder der Altersgruppe ein bis drei Jahre sehen. Einige spezielle Kinderprogramme sind gänzlich werbefrei, andere wiederum schalten regelmäßig Foodwerbung für Kinder. Inwieweit Werbung einen direkten Einfluss auf das Essverhalten von 1- bis 3-Jährigen hat ist Gegenstand aktueller Untersuchungen.

 

Dabei wurde auch der Zusammenhang zwischen Fernsehdauer und Adipositasrisiko unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse werden im Rahmen dieses Vortrages präsentiert.

Pädiatrischer Frühling
MILUPA-Lunchsymposium
11. Mai 2012, 12.30–14.00 Uhr
Über den Tellerrand geblickt:
Neue Perspektiven in der Adipositasprävention bei 1- bis 3-Jährigen
Vorsitz: Dr. Daniel Weghuber

Dickes Kleinkind, dickes Schulkind?
Prophylaxe von Übergewicht –
Dringlichkeit und Chancen im Kleinkindesalter
Dr. Daniel Weghuber
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Salzburger Landeskliniken


Macht Werbung dick?
Einfluss von Wirtschaft und Medien auf das kindliche Essverhalten
PD Dr. Thomas Ellrott
Institut für Ernährungspsychologie, Georg-August-Universität Göttingen


Wie sag’ ich’s den Eltern?
Salutogene Ernährungskommunikation, die ankommt
A. Univ. Prof. Dr. Elisabeth Ardelt-Gattinger
Fachbereich Psychologie, Universität Salzburg



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