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Foto: Buenos Dias/photos.com
Bub als Opfer: Viele Sexualtäter stammen aus dem direkten Umfeld.
 

Missbrauch bei Knaben nachweisen

Spurensicherung zur Dokumentation von Sexualdelikten bei Buben erfordert viel Erfahrung.

Wie häufig Knaben von sexuellem Missbrauch betroffen sind, lässt sich nur äußerst schwer festmachen. Die Zahlen schwanken – je nach Erhebungsmethode – zwischen 3,5 und 29 Prozent. Im letzten Teil der Ärzte-Woche-Serie zur Spurensicherung bei sexuellem Missbrauch informieren wir Sie über Spurensicherung und Dokumentation bei missbrauchten Burschen.

 

Kinderurologische Stationen werden immer wieder zur Begutachtung von potenziellen männlichen Missbrauchsopfern herangezogen. Die Spurensicherung und Dokumentation bei sexuell missbrauchten Burschen stellt sich häufig als frustran dar. „Sexueller Missbrauch umfasst die ganze Bandbreite von verbalem Missbrauch über Berührungen bis hin zu Penetration“, stellte Dr. Jenny Lassmann, Universitätsklinik für Urologie am AKH Wien, im Rahmen eines Vortrags zum Thema Anfang März im Wiener Billrothhaus fest.

Zwischen zehn und 40 Prozent der Täter sind mit dem Opfer nicht verwandt oder befreundet. 60 bis 90 Prozent der Täter stammen aus dem unmittelbaren Umfeld des Opfers. In zehn bis 80 Prozent der Fälle kommt es zu Berührungen der Genitalien. Eine Penetration findet in sieben bis 31 Prozent der Fälle statt. Exakte Zahlen zum Missbrauch von Burschen sind nicht zu ermitteln, die Angaben schwanken je nach Erhebungsmethodik stark.

Schwierige Spurensuche

Eindeutige Spuren und Verletzungsmuster sind selten zu dokumentieren, was an der Art des Missbrauchs liegen kann, aber auch an der Zeit, die seit der Tat vergangen ist. Nicht selten dauert es Wochen oder gar Monate, bis ein betroffener Junge eine Missbrauchserfahrung mitteilt. Den Auftrag zur Spurensuche und Dokumentation kann in Österreich nur der Erziehungsberechtigte oder das Gericht erteilen. Ist das betroffene Kind dazu in der Lage, muss es ebenfalls seine Zustimmung geben.

Wird das Kind an der kinderurologischen Ambulanz des AKH vorgestellt, wird zuerst eine genaue Anamnese durchgeführt. „Damit erheben wir primär, ob es sich um ein akutes Ereignis handelt oder ob das Kind chronisch missbraucht wird“, erläuterte Jenny Lassmann. „Auch die Zeitspanne, die seit dem Ereignis vergangen ist, wird erhoben.“ Eine genaue körperliche Untersuchung ist notwendig, Spuren und Missbrauchshinweise zu entdecken und entsprechend zu dokumentieren. Es erfolgt zudem die Sammlung von Beweismaterial und die rechtsmedizinische Untersuchung und Beweismittelsicherung.

Spurensicherungsset

„Ist die Tat innerhalb der vergangenen drei Tage vor der Vorstellung an der Ambulanz erfolgt, arbeiten wir mit dem Spurensicherungsset Sexualdelikt von Prof. Hochmeister“, so Jenny Lassmann. Diese Box enthält ein Informationsblatt für das Opfer, mit dem aufgeklärt wird, welche Spuren gesichert werden; weiters finden sich darauf Anlaufstellen und Telefonnummern, die für das betroffene Kind hilfreich sein können (Details dazu finden Sie in der Ärzte Woche Nummer 13 vom 26. März 2009 sowie auf unserer Website www.SpringerMedOnline.at, Suchbegriff Sexueller Missbrauch). „Es wird außerdem genau erklärt, was mit den gesicherten Spuren geschehen wird“, hielt Lassmann weiter fest. Dazu kommen ein Anamneseblatt sowie diverse Boxen zur Aufbewahrung gesicherter Spuren.

Auf sexuell übertragbare Krankheiten achten

Weiters werden dem Kind Blut und Urinproben abgenommen. Die Blutproben werden auf eventuell nachweisbare sexuell übertragbare Erkrankungen untersucht, die Urinproben liefern Aufschluss darüber, ob die Harnröhre verletzt wurde. „Das Vorliegen sexuell übertragbarer Erkrankungen kann ein Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch sein“, so Lassmann. „Allerdings muss genau abgeklärt werden, ob beim Täter und beim Opfer die gleiche Subspezies der Erkrankung nachgewiesen werden kann.“ Nur bei Syphilis, Gonorrhoe und HIV ist ein harter Verdacht möglich (siehe Tabelle). Bei Herpes, Chlamydien, Trichomonas und Condylomen kann aus dem Vorliegen dieser Erkrankungen bei Opfer und Täter nur ein dringender Verdacht angenommen werden, was nicht als beweiskräftig gilt.

Zur Beweismittelsicherung werden orale, rektale und anale Abstriche genommen. Allerdings gilt auch hier: Je mehr Zeit seit der Tat vergangen ist, desto schwieriger gestaltet sich der Nachweis des sexuellen Missbrauchs. „Spermien können im Mund nur etwa zwölf, im Anus rund 24 Stunden nachgewiesen werden“, erläuterte die Kinderurologin. Liegen Verletzungen am Penis oder am Anus vor, werden diese genau beschrieben und mittels Fotografie dokumentiert. „Gerade bei Anusverletzungen ist allerdings ein erfahrener Untersucher erforderlich“, mahnte Lassmann eindringlich. „Eine Anusdilatation kann auf einen Missbrauch hindeuten, sie findet sich allerdings auch bei massiv obstipierten Kindern – das muss man wissen.“

Wie schwierig die Spuren- und Beweissicherung beim sexuellen Missbrauch ist, zeigen die in Studien ermittelten Zahlen: In 17 bis 82 Prozent der untersuchten Kinder konnte nur ein Normalbefund festgestellt werden. Diese Zahlen stammen aus der publizierten Literatur und konnten von der Vortragenden nicht näher begründet werden. „Klar ist: Auch ein Normbefund schließt einen sexuellen Missbrauch nicht aus“, so Kinderurologin Lassmann.

 

Ende der Serie

 

 Links Zum Nachhören:

www.billrothhaus.at

Zum Nachlesen: Leitlinie der österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG) bei Verdacht auf Vorliegen von Sexualdelikten: http://kinderplattform.info/doku/leitlinie.pdf

Alle Teile der Serie finden Sie auf www.SpringerMedOnline, Suchbegriff Sexueller Missbrauch

Tabelle:
Beweislast Sexuell übertragbare Erkrankungen
Syphilis +++ 10–90 Tage
Gonorrhoe 2,3 – 11 % +++ 3–7 Tage
HIV +++ 6 Wochen–18 Monate
Herpes genitalis ++ 2–20 Tage
Chlamydia trachomatis 4 – 17 % ++ variabel
Trichomonas vaginalis ++ 2–24 Tage
Condylome ++ Monate
Nach: Handbuch gerichtliche Medizin, Brinkmann & Madea, Springer 2004
Quelle: Vortrag A. Lassmann, Universitätsklinik für Urologie, AKH Wien, Vortrag Billrothhaus, 4. März 2009

Von Sabine Fisch, Ärzte Woche 16/2009

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