zur Navigation zum Inhalt
© Dr. Rudolf Püspök, Bruck/Leitha
Abb. 1: Univ.-Prof. Dr. Fritz Hausjell - Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Wien
© Dr. Rudolf Püspök, Bruck/Leitha

Abb. 2: Mag. Stefan Ströbitzer - Chefredakteur der ORF Radios

© Dr. Rudolf Püspök, Bruck/Leitha

Abb. 3: Partizipation - jugendliche Tagungsteilnehmer helfen (nicht nur) bei technischen Problemen ....

© Dr. Rudolf Püspök, Bruck/Leitha

Abb. 4: Heinz Wagner vom „Kinderkurier“ - ein erfrischend bunter Vogel

 
Kinder- und Jugendheilkunde 23. Dezember 2011

Kinder, Medizin, Medien und Politik

Die 5. Jahrestagung „Politische Kindermedizin“ widmete sich der Sozialpädiatrie.

Unter dem Thema „Kinder, Medizin, Medien und Politik“ fand heuer die fünfte Jahrestagung der Politischen Kindermedizin in Salzburg statt. Dieser Kongress ist mittlerweile gut etabliert und in Fachkreisen anerkannt.

Das heurige Thema war weniger ein pädiatrisch wissenschaftliches, aber ein wichtiges sozialpädiatrisches, ist es doch auch für alle Kinderlobbyisten von großer Bedeutung, wie sie ihre Anliegen über die Medien am besten der Politik nahebringen können. Um nicht immer nur über Betroffene, sondern auch mit ihnen zu sprechen, fanden sich erstmals auch tatsächlich Jugendliche selber ein, was sich als große Bereicherung erwies.

In den Medien

Die Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche überhaupt in den Medien erscheinen, beleuchtete Univ.-Prof. Dr. Fritz Hausjell von der wissenschaftlichen Seite. „Der Begriff `Kinder `kommt in den Printmedien etwa doppelt so oft vor, wie `Jugendliche`, stellte er fest, er sei auch nicht klar definiert. Nach diversen statistischen Auswertungen von Themen in verschiedenen Printmedien kam er trotzdem zum Schluss, „dass es eben doch vor allem eines richtigen Lobbyings sowie auch des Boulevardjournalismus bedürfe – aber nur für den ersten Aufschrei! - damit Themen in der Politik ankommen können.“ Wenn Kinderrechte zur Selbstverständlichkeit würden, könne man eben auch die Jugend gewinnen, um die Demokratie von morgen und damit eine bessere Zukunft zu gestalten.

 

Mag. Ströbitzer, Chefredakteur der ORF Radios, ging gleich in medias res und gab zu, dass sich in den Medien täglich der Kampf um die emotionalste Story abspiele. Kinderthemen und -geschichten erweisen sich in der Tat als sensibles Gebiet.

Richtlinien gesetzlich festlegen!

Laut Sigrun Reininghaus von der „Zeit im Bild“ ist es vor allem in der Hauptnachrichtensendung aufgrund komprimierter Sendezeiten besonders schwierig, Kindergeschichten adäquat zu bringen. Eine Veröffentlichung stellt immer einen Eingriff in den höchstpersönlichen Lebensbereich eines Menschen dar, eine Bloßstellung von Opfern ist daher zu vermeiden. In der UN-Konferenz zum Thema Medien und Kinderschutz wurden Richtlinien der Internationalen Journalistenföderation festgelegt. Leider gelten sie in Österreich lediglich als Empfehlungen. Die meisten Journalisten halten sich zwar daran, dennoch waren sich die Teilnehmer bald einig, dass eine der Forderungen lauten müsse, diese Richtlinien gesetzlich festzulegen.

Umdenken in der Gesellschaft

Geschichten wie jene über das zu Tode gequälte Kind Luca, die vor der Abschiebung geretteten Komani Zwillinge oder den von Delogierung bedrohten autistischen Buben in Wien zeigen dennoch, dass ihre Veröffentlichung in den Medien zu einem Umdenken in der Gesellschaft und in weiterer Folge zu Gesetzesänderungen führen können. Eine Diskussion in der Änderung des Jugendschutzgesetzes ist seither im Gange, das so genannte Kinderschutzregister soll in naher Zukunft erstellt werden.

Journalistische Sorgfaltspflicht

Es bleibt festzuhalten, dass Kinderthemen mit erhöhter journalistischer Sorgfaltspflicht angegangen werden müssen, dass Persönlichkeitsrechte wie Recht auf Schutz des Namens und eventueller Bilder gewahrt werden müssen und dass sie letztendlich nur veröffentlicht werden sollten, wenn damit ein gesellschaftlicher Diskurs angefacht werden kann. Vermehrt negative Berichte zu Kinder- und Jugendthemen haben natürlich auch Einfluss auf Kinder selbst, auf die Öffentlichkeit, prägen das Selbstbild der Jugend. Am Beispiel Kronenzeitung kann laut Prof. Spiel festgestellt werden, dass 90 Prozent aller einschlägigen Berichte suboptimal verfasst sind!

Zeitung versus facebook

Heinz Wagner vom Kinderkurier bringt es auf den Punkt: „Was sind schon 2000 lesende Kinder gegen einen betrunkenen Buben?“ Berichte über Komasaufen und Vandalenakte nehmen einen ungleich größeren Platz in Tageszeitungen ein als positive Geschichten über Erfolge oder freudvolle Projekte von Jugendlichen. Macht sich eine Tageszeitung dann die Mühe, doch eine Kinderseite zu gestalten, so finden sich Kinder und Jugendliche oft nicht in der gewünschten Weise wieder, bzw. sind enttäuscht, wenn ihre Themen nicht so gebracht werden, wie sie sich das wünschen. Andrea Schurian vom Standard: „Jugendliche lesen keine Zeitung, weil sie dort nicht vorkommen.“ In der Tat sind Jugendliche völlig anders sozialisiert als ihre Elterngeneration dank neuer Medien wie facebook, Twitter und SMS. Schurian bemängelt, dass vor allem facebook für eine junge Generation erfunden wurde, „… aber wer ist jetzt hauptsächlich dort zu finden? Alle Eltern!“Gut, über facebook kann man diskutieren, es ist jedenfalls nicht mehr wegzudenken aus moderner Kommunikation.

 

Wie Univ. Prof. Dr. Popow von der Universitätsklinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie feststellt, ist die wirkliche Kommunikation dafür woanders abgeschnitten, es gibt immer weniger echte Kontakte und Freundschaften. Was schon länger bekannt ist, wurde nun auch wissenschaftlich bestätigt: Kinder aus bildungsfernen Schichten verbringen mehr Zeit mit neuen Medien und weniger Zeit draußen im Freien, ihre Eltern sind weniger restriktiv im Umgang mit Fernsehen und Computer, während es sich bei Kindern aus bildungsnahen Familien genau umgekehrt verhält.

Wissen richtig nutzen

Trotzdem ist laut Schurian ein völliger Medienpessimismus nicht nötig – die neuen Möglichkeiten der ultraraschen Verbreitung und jederzeit abrufbaren Wissens sind anzuerkennen und sollten als Kulturtechnik von Professionisten gelehrt werden, nicht von den Eltern. Wobei zu beachten ist, dass es sich hier nicht um Aneignung von technischem Wissen handeln kann, da sind Jugendliche weit voraus. Die Frage ist, ob das gesammelte und wahllos erworbenen Wissen richtig verwaltet und genutzt werden kann und etwaige Gefahren und Nachteile erkannt werden können.

Jugendliche und ihre Wünsche

Was sagen Jugendliche selber dazu? Wenn es um neue Medien geht, können sie sich schwer vorstellen, von der älteren Generation etwas beigebracht zu bekommen. Fragt man sie, wie Mag. Satrapa in einer Studie mit Jugendlichen selber, in welchen TV Formaten sie sich finden, ist das Ergebnis ähnlich ernüchternd wie in Printmedien: Egal, ob es sich um Sport, Serien, sexuelle Aufklärung oder Drogensucht handelt, die angebotenen TV Formate erfüllen nur in unbefriedigender Weise die Erwartungen der Betroffenen. Es besteht ein großer Wunsch nach Selbstgestaltung eigener Formate.

 

Menschen wie die diplomierten SozialbarbeiterInnen Quendler und Tamandl können bestätigen, dass man Jugendliche auf ganz andere Weise erreicht, als es Erwachsene üblicherweise tun: Es geht darum, in Beziehung zu treten, sich auf der Gefühlsebene zu begegnen, und zwar in der Sprache der Jugend, ohne aber dabei als Erwachsener an Authentizität zu verlieren – eine schwierige, aber lohnende Gratwanderung. Projekte wie „soul kitchen“, „Auftrieb“, „Rumtrieb“ und „Triebwerk“, alle aus Wiener Neustadt, zeigen, dass die Annäherung und Kommunikation an Jugendliche durchaus glücken kann, wenn man ihnen auf Augenhöhe begegnet. Kontaktaufnahmen gelingen mit dieser Klientel eben nicht über ein Sekretariat, sondern übers Handy.

Fazit: Positive Berichterstattung erwünscht

Die politische Kindermedizin versucht auch heuer wieder, Forderungen an die Politik in einer Resolution zu stellen. Einig sind sich alle Teilnehmer darüber, dass eine zunehmend positive Berichterstattung über Kinderthemen wünschens- wert ist.

Bericht: Dr. Irene Promussas

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben