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© Grafik: Promitto
Abb. 1: Zusammenstellung der an die Gesundheitspolitik gerichteten Forderungen des Arbeitskreises „Kinder- und Jugendgesundheit“
© Univ-Prof. Dr. R. Kerbl

Abb. 2: Podiumsdiskussion mit Verantwortlichen des Gesundheitswesens.
Dr. Günther Wawrowsky (Vizepräsident der ÖÄK), Dr. Robin Rumler (Präsident der Pharmig), Mag. Krisitina Edlinger-Ploder (steirische Gesundheitslandesrätin), Alois Stöger diplomé (Gesundheitsminister), Mag. Dr. Matthias Strolz (Promitto Politikberatung, Moderator), Dr. Hans Jörg Schelling (Vorstandsvorsitzender des Hauptverbandes), Mag. pharm. Heinrich Burggasser (Präsident der Apothekerkammer)

© privat

Abb. 3: Neben Plenarveranstaltungen und Workshops bleibt auch Zeit für ein paar Stunden der Entspannung, zum Bergwandern und zum Nachdenken …

 
Kinder- und Jugendheilkunde 23. Dezember 2011

Forum Alpbach 2011: Gesundheit – ein Menschenrecht!

Ein (nicht ganz unkritischer) Bericht von den „Alpbacher Gesundheitsgesprächen“

„Who is who“ der österreichischen Gesundheitspolitik

Das Forum Alpbach ruft – und alle kommen. Um drei Tage intensiv zu arbeiten, meinen die einen. Um zu sehen und gesehen zu werden, die anderen. Tatsächlich ist es ein Auflauf der österreichischen „Gesundheitsprominenz“. Von Seiten des Gesundheitsministers sind neben Bundesminister Stöger u. a. auch Hon. Prof. Dr. Gerhard Aigner (Leiter der Sektion 2) und die seit wenigen Monaten neu bestellte Leiterin der Sektion 3 (Privatdozentin Dr. Pamela Rendi-Wagner) vertreten.

Weitere prominente Teilnehmer sind Dr. Hans Jörg Schelling (Vorstandsvorsitzender des Hauptverbandes), Mag. Kristina Edlinger-Ploder (steirische Gesundheitslanderätin), Mag. Cornelia Schmidjell (Salzburger Landesrätin für Gesundheit und Soziales), Maria Rauch-Kallat (ehemalige Gesundheitsministerin), Waltraud Klasnic (ehemalige steirische Landeshauptfrau), Dr. Robin Rumler (Präsident der Pharmig), Dr. Günther Wawrowski (Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer), Mag. pharm. Heinrich Burggasser (Präsident der Österreichischen Apothekerkammer), Dr. Arno Melitopulos (ehemaliger ÖBIG-Vorstand und jetziger Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse) und viele andere.

 

Nur Sozialminister Hundstorfer hat abgesagt, weil er in Wien zeitgleich eine Pressekonferenz zum Thema „MigrantInnenarbeitslosigkeit“ gibt.

 

Womit das moderne und viel gebrauchte Schlagwort „Health in all policies“ doch etwas relativiert wird ….

Vier Themenschwerpunkte, sieben Arbeitskreise

Die ca. 430 Teilnehmer der „Alpbacher Gesundheitsgespräche“ können sich außerhalb der Plenarsitzungen für einen der folgenden Themenschwerpunkte entscheiden:

 

  1. Gesunde Kinder – unsere Verantwortung für die Zukunft
  2. Chronische Krankheiten: Ein akutes Problem?
  3. Langzeitpflege in einer alternden Gesellschaft
  4. Patientinnen zwischen Rechten, Pflichten und Eigenverantwortung

 

Dabei wird das Thema „Chronische Krankheiten“ in weitere drei Subthemen unterteilt:

  • Alzheimer
  • COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung)
  • Diabetes

Dadurch ergeben sich insgesamt 7 Arbeitskreise mit durchschnittlich jeweils etwa 60 Teilnehmern. Die Arbeitskreise sind aufgefordert, unter der Leitung eines professionellen Moderators „brennende Inhalte“ zu sammeln und in weiterer Folge entsprechend ihrer Wichtigkeit zu reihen. Daraus soll schließlich für die „Vollversammlung“ ein „Dreiervorschlag“ entstehen.

Arbeitskreis „Kinder- und Jugendgesundheit“

Zu diesem Schwerpunkt sind folgende Personen zur Podiumsdiskussion eingeladen:

  • Dr. Judith GLAZER (Präsidentin der SchulärztInnengesellschaft)
  • Univ.Prof. Dr. Reinhold KERBL (Vizepräsident der ÖGKJ und Sprecher der Plattform „Politische Kindermedizin“)
  • PD Dr. Johannes PLEIXNER-DUXNEUNER (Meduni Wien, Koordinierungszentrum für Klinische Studien)
  • Prim. Dr. Klaus VAVRIK (Präsident der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit)

 

Die vier Referenten sind aufgefordert, in Kurzstatements Defizite und Verbesserungsmöglichkeiten der österreichischen Gesundheitsversorgung bei Kindern und Jugendlichen darzustellen.

In weiterer Folge ergeht die Aufforderung an das Auditorium, weitere Anliegen zu deponieren. Dabei besteht „gleiches Recht für alle“, d.h. Studierende kommen gleichermaßen zum Zug wie Universitätsprofessoren und Chefs von Pharmafirmen.

Auf diese Weise kommen in kurzer Zeit 20 Forderungen zustande (s. Abb. 1)

Aus diesen 20 Punkten werden in einem weiteren Schritt jene drei ausgewählt, die der Mehrheit der Arbeitsgruppenteilnehmer vordringlich erscheinen, wobei neuerlich völlig demokratische Spielregeln gelten, also alle Teilnehmer gleiches Stimmrecht haben.

Auf diese Weise werden schließlich folgende Themen für die Präsentation in der „Vollversammlung“ ausgewählt:

  1. Schaffung eines Sachverständigenrates für Kinder- und Jugendgesundheit als beratendes Gremium der Gesundheitspolitik
  2. Systematische Datenerhebung, Monitoring und EDV-Verarbeitung von aussagekräftigen Kinder- und Jugendgesundheitsdaten
  3. „Frühe Hilfen“ – ganzheitliche präventive Programme; ausreichende Finanzierung für Gesundheitsförderung und Prävention bei niederschwelligem Zugang

Wobei unter Punkt 3) einerseits „besuchende“ bzw. „nachgehende Dienste“ gemeint sind (welche insbesondere von Vavrik eingefordert werden), andererseits aber auch andere ganzheitliche Präventionsprogramme (Kerbl: „ … Adipositasprävention kann sich nicht auf Ernährungsbroschüren beschränken …“). Besonders originell zu diesem Punkt ist die Forderung eines Militärarztes, auch in der Schule die „tägliche Sportstunde“ einzuführen.

Das Voting der „Vollversammlung“

Im Plenum werden schließlich aus allen sieben Arbeitsgruppen jeweils drei vorrangige Themen (insgesamt also 21 Themen) vorgestellt. Das multidisziplinäre Publikum ist aufgefordert, die Wichtigkeit der einzelnen Anträge einzuschätzen und dementsprechend mittels eines Voting-Systems zu reihen.

In dieser Abstimmung nehmen – nicht ganz unerwartet – typische Anliegen der „Erwachsenenmedizin“ die ersten drei Plätze ein (s. Tabelle 1).

Auf Platz 4 folgt aber bereits ein pädiatrisches Thema, nämlich die Forderung nach „Frühen Hilfen und Prävention“. Ebenfalls unter den Top 8 findet sich die Forderung nach einer „Systematischen Datenbasis für Kinder- und Jugendgesundheit“. Hingegen wird die Forderung nach einem „Sachverständigenbeirat“ nur auf Platz 10 gereiht (Tabelle 2) und scheidet damit für die Diskussionsrunde mit dem Bundesminister und den anderen Vertretern des öffentlichen Gesundheitswesens am letzten Kongresstag aus.

Podiumsdiskussion mit Vertretern des öffentlichen Gesundheitswesens

Am letzten Tag der Gesundheitsgespräche werden schließlich die Vertreter des öffentlichen Gesundheitswesens mit den „komprimierten Forderungen“ der sieben Arbeitsgruppen konfrontiert, wobei hier aus Platzgründen nur auf jene der „Kindergesundheit“ eingegangen wird.

BM Stöger gesteht zu, dass die Datenlage über österreichische Kinder- und Jugendgesundheit mangelhaft sei und Anstrengungen in diesem Bereich vonnöten seien. Mehrfach verweist er auf den 2010 von ihm initiierten „Kindergesundheitsdialog“ als noch laufenden Prozess. Dort seien auch diverse Maßnahmen der Prävention angedacht.

Schelling hingegen meint, dass man ruhig auch Daten aus anderen Ländern hernehmen und damit auf eigene österreichische Datenerhebungen verzichten könne. Im Übrigen werde in Österreich sowieso „immer geraunzt“. Die Österreicher seien „Wissensriesen und Umsetzungszwerge“, anzustreben sei aber das Gegenteil davon. Die einzig verlässliche Statistik sei übrigens jene, dass „100 Prozent aller Menschen sterben …..“

Wawrowski beklagt als Ärztevertreter den eklatanten Mangel an Kinder- und Jugendpsychiatern und fordert eine rasche Verbesserung. Die Erklärung zum „Mangelfach“ könne dabei nur ein erster Schritt sein.

Keine Änderung des (Nicht-) Rauchergesetzes

Von den Personen am Podium können sich bis auf Stöger („Ein absolutes Rauchverbot ist nicht mehrheitsfähig“) und Schelling („Die Wahlfreiheit muss bleiben“ …. „Es glaubt doch eh niemand, dass Rauchen gesund ist“ …. „Studien zeigen dass strengere Gesetze nichts bringen“ …. „Die Raucher haben ja schließlich auch nichts gegen die Nichtraucher.“) alle eine Verschärfung des (Nicht-)Rauchergesetzes vorstellen. Interessanterweise auch Edlinger-Ploder („Obwohl ich selbst Raucherin bin …“).

 

Da allerdings die wesentlichen Kompetenzen beim Gesundheitsminister liegen, wird sich am (Nicht-)Rauchergesetz wohl in absehbarer Zeit nichts ändern.

Kinderrehabilitation – noch immer nicht geregelt

Das vom Kinderchirurgen Prof. Höllwarth (Graz) angesprochene Thema „Kinderrehabilitation“ wird mehrheitlich als eines mit Handlungsbedarf anerkannt, stehen doch den 8000 Reha-Plätzen für Erwachsene dzt. nur 50 für Kinder und Jugendliche gegenüber. Von Schelling wird – entgegen den Empfehlungen der Reha-Arbeitsgruppe (AG 6 des „Kindergesundheitsdialoges“) – eine Integration der Kinderrehabilitation in Erwachseneneinrichtungen (sogenannte „Wimmerllösung“) anstelle eigener Kinderrehabilitationseinrichtungen noch immer für denkbar erachtet.

Neue Impfungen ab 2012

BM Stöger möchte offensichtlich die „Alpbacher Gesundheitsgespräche nicht ohne eine positive Nachricht verlassen und berichtet gegen Ende der Podiumsdiskussion, dass ab 2012 die Finanzierung der allgemeinen Pneumokokken- und Meningokokkenimpfung aus öffentlichen Mitteln vorgesehen sei.

Das „Alpbacher Netzwerk“

Man verlässt das „Forum Alpbach“ nach drei Tagen mit etwas gemischten Gefühlen. Man hat viele „wichtige Leute“ getroffen und konnte – zumindest teilweise – auch seine Ideen zur Verbesserung der Kindergesundheit deponieren. Unklar bleibt, ob man die für strategische Entscheidungen Zuständigen damit auch überzeugen konnte. In den meisten Bereichen kommt man über ein vorsichtiges „Wir werden uns das anschau’n.“ nicht hinaus.

So bleibt als positives Ergebnis die (zumindest versprochene) generelle Einführung der Pneumokokken- und Meningokokkenimpfung ab dem Jahr 2012. Und die Ankündigung, die Ergebnisse des „Kindergesundheitsdialoges“ bei zukünftigen Entscheidungen berücksichtigen zu wollen.

Nicht wirklich der große Wurf – aber das nächste „Forum Alpbach“ kommt bestimmt ...

Bericht: Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl

Korrespondenzadresse: Univ. Prof. Dr. Reinhold KERBL LKH Leoben, Abteilung für Kinder und Jugendliche Vordernbergerstraße 42, 8700 Leoben Tel. +43 3842 401 2438, Fax +43 3842 401 2738 E-Mail:
Tabelle 1 Top 1 bis 8 Themen des interdisziplinären Votings
EIN Budget für Gesundheitswesen und Langzeitpflege 77,1%
Investition in Prävention & Früherkennung im Bereich Diabetes 75,8%
Pflege: Solidarische, nachhaltige Finanzierung klären 75,7%
“Frühe Hilfen” – Ganzheitliche präventive Programme Kinder/Jugend 75,4%
Nat. Anstrengung Erhöhung Gesundheitskompetenz (3-Säulen-Modell) 74,7%
Verschärfung des österreichischen Rauchergesetzes (EU-Benchmark) 74,1%
Systematische Datenbasis für Kinder-/Jugendgesundheit 73,3%
Entscheidungen bzgl. Leistung, Qualität u. Pat.info durch Plattform 70,8%
Tabelle 2 Top 9 bis 16 Themen des interdisziplinären Votings
Erstellung Programm Aus-/Weiter-/Bewusstseinsbildung Bereich Demenz 68,7%
Schaffung Sachverständigenrat Kinder- und Jugendgesundheit 66,8%
Ausbau der Disease Management Programme im Bereich Diabetes 64,1%
ELGA forcieren – Stärkung Transparenz u. Autonomie der PatientInnen 60,1%
COPD-Bewusstseinsbildung, Aufklärung und Information 60,0%
§15a-Umsetzung des Modells der integrierten Demenz-Versorgung 55,3%
Erstellung Nationaler Aktionsplan Demenz 55,1%
Pflege: Forcierte Aus-/Weiterbildung auf Basis differenz. Berufsbilder 54,5%
Aufbau eines Diabetikerregisters 46,9%
Nationaler Aktionsplan für COPD (inkl. Reha-Frage) 41,0%

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