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Bild: St. Anna Kinderspital, Wien
Abb. 1: 7 Jahre altes Mädchen mit einer langsam wachsenden, nicht verschieblichen Weichteilschwellung an der Schädelkalotte. Im MRT stellt sich eine ovaläre flüssigkeitsgefüllte Raumforderung dar. Diagnose: Epidermoidzyste.
Bilder: St. Anna Kinderspital, Wien

Abb. 2: 4 Jahre altes Mädchen mit einer tumorösen Schwellung links frontal. Anamnese bis auf einen Sturz vor 4 Wochen unauffällig, die Schwellung nahm an Größe zu (Abb. 2a). MRT (Abb. 2b) und CT (Abb. 2c) zeigen eine tumoröse Weichteilschwellung sowie einen osteolytischen Prozess angrenzend an den Weichteiltumor, die Dura scheint nicht infiltriert. Diagnose: Großzellig anaplastisches Lymphom.

 
Kinder- und Jugendheilkunde 23. Dezember 2011

Kopf- und Halstumore im Kindesalter

Epidemiologie, klinische Aspekte und Differentialdiagnosen

Einleitung

Schwellungen oder Tumore der Kopf- und Halsregion bei Kindern sind meist gutartig und entstehen als Folge von versprengtem Embryonalgewebe, Infektionen, Entzündungen oder benignen Neoplasien. In seltenen Fällen können aber auch maligne Erkrankungen die Ursache sein, die sowohl durch ihr lokales Wachstum als auch durch Befall von benachbarten Organen und Strukturen lebensbedrohlich sein können. Raumforderungen an Kopf und Hals stellen für den Pädiater aufgrund ihrer Häufigkeit und das niedrige, aber vorhandene Malignitätsrisiko stets eine Herausforderung dar. In der Diagnostik und im Weiteren in der Behandlung ist der Kinderarzt meist auf Zusammenarbeit mit Spezialisten anderer Disziplinen, wie Kinderhämatoonkologie, Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten, Radiologie, Chirurgie, Augenheilkunde, Dermatologie, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie Neurochirurgie angewiesen.

Epidemiologische Aspekte

Die Hämangiome sind die häufigsten Tumore im Kindesalter und präsentieren sich typischerweise innerhalb der ersten sechs Lebenswochen. Sie treten häufiger bei Mädchen als bei Buben auf (Verhältnis 3 : 1). Die Inzidenz bei Reifgeborenen und Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht zwischen 1500–2500 g während des ersten Lebensjahres beträgt ca. 10 bis 12 Prozent, steigt aber auf etwa 23 Prozent bei Kindern mit einem Geburtsgewicht < 1000  g. Die vaskulären Malformationen sind bereits bei Geburt vorhanden, wobei sich die venösen und lymphatischen typischerweise im Säuglingsalter präsentieren, die arteriovenösen später.

Kopf-Halsraumforderungen, die bereits bei Geburt bestehen, sind meist angeborene Veränderungen oder gutartige Tumore. Maligne Tumore sind selten bei Geburt vorhanden. Vierzig Prozent der pädiatrischen Malignome werden während der ersten fünf Lebensjahre diagnostiziert. Von diesen präsentieren sich nur fünf Prozent im Kopf- Halsbereich, zwei Drittel davon sind lymphatische Neoplasien oder Weichteilsarkome. Somit sind die Lymphome die häufigsten bösartigen Tumore im Kopf-Halsbereich. Das Rhabdomyosarkom ist hier der häufigste maligne Weichteilteiltumor und das zweithäufigste Malignom (Inzidenz ca. 4,5 pro 1 Million, mit einem typischen Altersgipfel zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr).

Das Neuroblastom ist insgesamt einer der häufigsten bösartigen Tumore im Frühkindesalter, eine Präsentation im Kopf-Halsbereich ist allerdings selten. Das Schilddrüsenkarzinom kommt bei Kindern selten vor, meistens nach dem 10. Lebensjahr. Die Langerhanszell-Histiozytose (LCH) ist eine seltene reaktive Erkrankung, die in jedem Alter vorkommen kann, jedoch einen Altersgipfel im Frühkindesalter aufweist.

Klinische Aspekte

Die Kopf-Halstumore sind häufig asymptomatisch und werden von den Eltern oder vom Arzt als nicht-störende Weichteilmassen wahrgenommen. In anderen Fällen werden diese (meistens vergrößerte Lymphknoten) durch andere Symptome wie Fieber, Schmerzen oder respiratorische Probleme entdeckt. In der Folge soll anhand der Lokalisation in der Kopf- und Halsregion auf die Differentialdiagnosen der Raumforderungen und das diagnostische Vorgehen eingegangen werden.

Die klinische Unterscheidung zwischen entzündlichen und neoplastischen Veränderungen ist hier nicht immer einfach. Eine persistierende, asymptomatische, harte und derbe Raumforderung größer als 3 cm, die nicht verschieblich ist und rasch an Größe zunimmt, ist immer als suspekt zu werten, insbesondere wenn diese supraklavikulär oder im hinteren Halsdreieck lokalisiert ist. Allgemeinsymptome wie Gewichtsverlust, Nachtschweiß und Fieber sind dabei immer Alarmzeichen. Tastbare Knoten oder Weichteilmassen sind als suspekt zu werten, wenn sie bei Neugeborenen auftreten (unabhängig von der Größe), sie bei Kindern bis zum 12. Lebensmonat größer als 1 cm sind oder sie größer als 3 cm sind und über mehrere Wochen bestehen (bei jeder Altersgruppe)

Da die häufigsten Läsionen infektiöser Genese sind, erhalten die Patienten als Therapieversuch meist eine antibiotische Therapie für zwei Wochen. Eine Biopsie sollte in Erwägung gezogen werden, wenn die Größe der Raumforderung innerhalb von zwei Wochen zunimmt, sich die Größe innerhalb von sechs Wochen nicht verändert bzw. die Raumforderung innerhalb von acht Wochen nicht kleiner wird. Die Biopsie kann offen oder durch Feinnadelaspiration durchgeführt werden. Bei jeder Biopsie sollte dabei auch eine mikrobiologische Untersuchung erfolgen. Je nach Lage und Art der Raumforderung sind auch weitere Untersuchungen indiziert. Ein Thoraxröntgen sollte bei allen Patienten durchgeführt werden, um eine mediastinale Lymphadenopathie auszuschließen. Selbst bei negativem Biopsieergebnis darf auf eine sorgfältiges weiteres Follow-up des Patienten nicht verzichtet werden.

Spezielle Tumoren

Die LCH ist eine reaktive proliferative Erkrankung des dendritischen Zellsystems. Am häufigsten sind die Knochen und Weichteile sowie Haut und Schleimhäute involviert, aber auch Lymphknoten, Knochenmark, Leber, Milz und Lunge können befallen sein. Bei einem ZNS-Befall ist meist die Hypophysen-Hypothalamusregion betroffen. Lytische Knochenläsionen ± begleitender Weichteilkomponente sind mit etwa 80 Prozent die häufigsten Manifestationen der LCH. Etwa 35 bis 45 Prozent der Knochenläsionen sind im Kopf-Halsbereich, überwiegend an der Schädelkalotte, lokalisiert. Im Röntgen zeigt sich dabei eine scharf begrenzte rundliche osteolytische Läsion. In der Magnetresonanz-Tomographie (MRT) stellt sich eine vom Mark ausgehende Knochenläsion mit oder ohne Beteiligung der anliegenden Weichteilstrukturen dar.

Lymphome sind mit 10 bis 15 Prozent – nach Leukämien und Hirntumoren – die dritthäufigste maligne Erkrankung im Kindesalter. Dabei werden Hodgkin-Lymphome von Non-Hodgkin Lymphomen unterschieden. Hodgkin-Lymphome betreffen vor allem Jugendliche und präsentieren sich als langsam entstehende schmerzlose Schwellung der Halslymphknoten, die oft von Fieber, Gewichtsverlust und Nachtschweiß begleitet sind. Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) treten hingegen vor allem vor dem zehnten Lebensjahr auf und werden nach WHO-Klassifikation in B-Zell NHL (Burkitt Lymphom, diffus großzelliges B-Zell Lymphom und primär mediastinales großzelliges B-Zell Lymphom), lymphoblastische Lymphome und großzellig anaplastische Lymphome unterteilt. Sie zeigen häufig einen disseminierten Befall mehrerer Lokalisationen. Der entscheidende Schritt zur Diagnose ist sowohl bei LCH als auch bei Lymphomen nach der erfolgten Bildgebung die Biopsie. Da bei der LCH und bei Lymphomen durch die systemische Therapie in der Regel eine Rekonstitutio ad integrum erreicht werden kann, ist eine radikale Resektion „im Gesunden“ nicht indiziert, da diese häufig verstümmelnd ist.

Rhabdomyosarkome sind die häufigsten mesenchymalen malignen Tumore bei Kindern und machen ca. fünf Prozent der malignen Erkrankungen im Kindesalter aus. Sie entstehen aus pluripotenten mesenchymalen Zellen und zeigen ein rasches und invasives Wachstumsverhalten. Sie metastasieren vorwiegend hämatogen, aber auch lymphogene Metastasierung kann vorkommen. Histologisch wird zwischen dem embryonalen, alveolären und pleomorphen Subtyp unterschieden. Bildgebend spielen Computertomographie (CT) und MRT eine wichtige Rolle, da sich im CT eine eventuelle Invasion in den Knochen und im MRT die Ausdehnung an den Weichteilen darstellen lässt. Auch bei Rhabdomyosarkomen im Kopf-Halsbereich ist eine radikale Resektion aufgrund der Lage nicht möglich. Daher fällt der Chirurgie nur die diagnostische Biopsie zu gefolgt von Chemo- und Strahlentherapie.

Neuroblastome entstehen meist an den Nebennieren, können ihren Ursprung aber im gesamten Verlauf des sympatischen Nervensystems haben. Bei der Diagnostik ist eine detaillierte lokale sowie Ganzkörper-Bildgebung einschließlich eines Thoraxröntgens und einer mIBG-Szintigraphie Standard. Im Harn kommt es zu einer erhöhten Katecholaminausscheidung, im Serum zeigen sich NSE, LDH und Ferritin erhöht. Die endgültige Diagnose wird mittels Histologie, Zyto- und Molekulargenetik gestellt. Die Therapie sollte immer innerhalb kooperativer Therapieoptimierungsstudien erfolgen und setzt sich je nach Schweregrad der Erkrankung zusammen aus Resektion, Chemotherapie, Strahlentherapie bis hin zur Hochdosischemotherapie mit Stammzellreinfusion.

Tumore im Bereich der Schädelkalotte

Dermoid/Epidermoidzysten umfassen ca. 20 Prozent der Raumforderungen an der Schädelkalotte und entstehen als embryonale Dislokation epithelialer Nester. Während Epidermalzysten ausschließlich epidermale Bestandteile beinhalten, können Dermoidzysten auch Haarfollikel und Talgdrüsen einschließen. Epidermoidzysten sind weit häufiger zu sehen und treten meist bereits im Säuglings- und Kleinkindesalter auf. Klinisch präsentieren sie sich als umschriebene, nicht verschiebliche Erhebung an der Schädelkonvexität. Sie wachsen meist nicht oder langsam und zeigen keine Malignisierungstendenz.

 

Bei Meningozelen und Encephalozelen handelt es sich um extrakranielle Ausdehnung intrakranieller Strukturen durch Defekte in der Schädelkalotte, die durch gestörte Knochenbildung oder durch Fehler beim Neuralrohrschluss entstehen können.

Traumatisch kann es als Folge von Frakturen der Schädelkalotte zur Herniation von Meningen und Gehirnmasse durch den Bruchspalt kommen, sodass sich leptomeningeale Zysten ausbilden. Nach Geburtstraumata können Cephalhämatome durch Blutung unter dem Periost entstehen. Pseudorheumaknötchen, auch subkutanes Granuloma anulare genannt, sind den subkutanen Knoten, wie sie bei rheumatischen Erkrankungen vor allem bei Erwachsenen auftreten, ähnlich. Es finden sich jedoch keine klinischen oder laborchemischen Hinweise auf eine rheumatische Erkrankung. Sie sind schmerzlos und zeigen einen gutartigen Verlauf mit spontaner Remission, neigen jedoch zu Rekurrenz.

Gutartige Knochentumore an der Schädelkalotte umfassen Osteome und benigne Osteoblastome. Bei der fibrösen Dysplasie ist der Markraum durch vaskulär-fibröses Gewebe ersetzt, welches die Diploe auseinanderdrängt und dadurch eine Schwellung verursacht. Hämangiome an der Kalvaria können entweder den Schädelknochen durchbrechend oder verdrängend wachsen. Auch Lipome, Lymphangiome und Neurofibrome können an der Kalvaria auftreten. Tumoröse Läsionen an der Kalotte können wie bei der intraduralen Dilofilariasis auch durch Parasiten verursacht werden. Rezidivierende lytische Knochenläsionen im Bereich der Schädelkalotte können auch als Folge einer Mycobacterienosteitis bei Gamma-IFN Rezeptor Defekt entstehen.

Unter den malignen Raumforderungen sind vor allem Ewing-Sarkome und Metastasen von Neuroblastomen zu erwähnen. Die LCH kann als solitäre Läsion oder im Rahmen eines multiplen Befalls an der Schädelkalotte manifest werden. Aber auch Osteosarkome, Rhabdomyosarkome, Angiosarkome oder pigmentierte neurektodermale Tumoren können an der Schädelkalotte auftreten.

Tumore im Bereich der Orbita (mit Ausnahme des Augapfels)

Bei periorbitalen Schwellungen ist differentialdiagnostisch zwischen ein- und beidseitiger Beteiligung zu unterscheiden. Bei beidseitigem Befund liegen häufiger systemische Ursachen vor, die zur Ausbildung von Lidödemen führen, wie es bei allergischen Reaktionen oder beim nephrotischen Syndrom zu beobachten ist. Viel seltener kann ein bilateraler Exophthalmus im Rahmen einer LCH bzw. eines disseminierten Neuroblastoms Stadium IV vorkommen. Einseitige Schwellungen sind am häufigsten inflammatorischer Genese. Hier sind vor allem die preseptale Zellulitis, der inflammatorische Pseudotumor orbitae oder Entzündungen des Tränensystems wie Dakryozystitis oder Dakryoadenitis zu nennen. Einseitig präsentieren sich aber auch Hämangiome, vaskuläre Anomalien und maligne Tumore (Rhabdomyosarkom).

Hämangiome der Orbita treten vor allem bei Säuglingen auf, liegen meist anterior des Augapfels, können in seltenen Fällen aber auch retrooculär liegen. Charakteristisch ist eine einige Monate andauernde Proliferation gefolgt von einer stabilen Phase und schließlich langsamen Rückbildung. Lymphangiome hingegen sind seltener und neigen auch nach Behandlung zu lokalen Rezidiven.

Unter den neoplastischen Raumforderungen sind am häufigsten Rhabdomyosarkome zu beobachten. Diese entstehen immer einseitig vor allem im superonasalen Quadranten und präsentieren sich durch Proptosis und Verdrängung des Augapfels, können in seltenen Fällen aber auch Konjunktiven- und Lidschwellung hervorrufen.

Tumore im Bereich des Nasen-Rachen-Raumes

Vergrößerte Tonsillen oder Schwellung des lymphatischen Gewebes sind bei Kindern sehr häufig und entstehen meist als Folge von Entzündungen und Infektionen. Insbesondere bei persistierenden Schwellungen des Nasen-Rachen-Raumes und der Mundhöhle ist ein interdisziplinäres diagnostisches Vorgehen einschließlich Vorstellung bei einem HNO-Spezialisten und detaillierter Bildgebung unumgänglich, da die für den Pädiater fassbare Raumforderung oft nur die Spitze des Eisberges darstellt und sich die Tumorausdehnung oft in andere Regionen erstreckt. Auch hinter der Symptomatik einer chronischen und rezidivierenden Sinusitis kann sich ein nasopharyngealer Tumor verbergen.

 

Unter den malignen Neoplasien kommen hier Lymphome und Rhabdomyosarkome am häufigsten vor. Das Nasopharynxkarzinom tritt bei Kindern weit seltener auf als bei Erwachsenen und wird mit EBV-Infektionen in Zusammenhang gebracht. Ewing Sarkome in dieser Region sind ebenso selten und treten am ehesten als Folge der Therapie einer anderen malignen Erkrankung in dieser Region auf wie zum Beispiel nach Retinoblastom.

Tumore im Bereich der Mundhöhle und des Gesichtes

Hier kommen neben Schwellungen inflammatorischen und infektiösen Ursprungs (dentogene Wangenphlegmone, dentogene Osteitis der Ober- oder Unterkiefer) vor allem gutartige Raumforderungen vor, die meist mesenchymaler, seltener odontogener oder epithelialer Natur sind. Sie sind einer chirurgischen Therapie meist gut zugänglich, allerdings ist eine Resektion nicht immer indiziert. Maligne Tumore machen ca. 15 Prozent der Tumore der Mundhöhle aus. Neben bösartigen Neubildungen der lymphatischen Gewebe und der Weichteile ist hier auch auf Raumforderungen der Speicheldrüsen zu achten. Neoplasien an den Speicheldrüsen sind bei Kindern sehr selten, dennoch ist im Verhältnis zu Erwachsenen der Anteil an malignen Tumoren höher. Der häufigste maligne Tumor an den Speicheldrüsen ist das Mukoepidermoidkarzinom, seltener kommen andere Entitäten wie zum Beispiel das Adenokarzinom oder das Sialoblastom vor.

 

Gutartige Raumforderungen an den Speicheldrüsen sind meist entzündlicher oder infektiöser Ursache. Durch kleinste Steine kann es zum Verschluss von Drüsengängen und in der Folge zu einer Drüsenschwellung kommen. Dies tritt vor allem bei Jugendlichen auf und betrifft meist die Glandula submandibularis. Eine Sialadenitis tritt am häufigsten in der Glandula parotis auf und ist meist Folge einer Infektion mit Staphylokokken aus der Mundhöhle, kann aber auch durch Mumpsviren hervorgerufen werden.

 

Als Besonderheit sei noch das Ameloblastom zu erwähnen, ein Tumor, der aus den Epithelzellen der Zahnleiste seinen Ursprung nimmt und ein destruierendes Wachstum sowie Fernmetastasierung zeigen kann. Er tritt vorwiegend an der Maxilla auf und betrifft vor allem Kinder im ersten Lebensjahr.

Tumore im Bereich der Halsregion

Tumore der Halsregion präsentieren sich meist als tastbare Raumforderung, bei tiefer liegenden Prozessen bzw. fortgeschrittener Größe kann es auch zu anderen Symptomen wie Atemnot, Heiserkeit und Schluckbeschwerden kommen. Zur besseren differentialdiagnostischen und topographischen Übersicht wird die Halsregion durch den Musculus sternocleidomastoideus in zwei Halsdreiecke gegliedert: das vordere Halsdreieck, das durch die Mandibula, die Medianlinie und den M. sternocleidomastoideus begrenzt wird, und das seitliche Halsdreieck, das zwischen dem M. sternocleidomastoideus, dem M. trapezius und der Klavikula liegt.

Bei Schwellungen an der Halsregion handelt es sich meist um Lymphknotenvergrößerungen infektiösen bzw. reaktiv entzündlichen Ursprungs als Folge von bakteriellen oder viralen Infekten der oberen Atemwege. Dennoch ist bei persistierenden Lymphknotenvergrößerungen, die länger als 6 Wochen bestehen, Vorsicht geboten, insbesondere wenn diese schmerzlos und im lateralen Halsdreieck lokalisiert sind. Mittels Ultraschall lassen sich benigne reaktive Lymphknoten von Lymphknoten unterscheiden, die maligne infiltriert sind.

Mediane Halszysten entstehen aus Residuen des Ductus thyreoglossus, die sich bei der Embryonalentwicklung nicht zurückgebildet haben. Sie können sich in seinem gesamten Verlauf vom Zungengrund bis zum Schilddrüsenlappen ausbilden und liegen damit immer im vorderen Halsdreieck. Laterale Halszysten werden aufgrund ihres Ursprungs als Reste der Kiemenbogen bzw. Kiemenfurchen auch als branchiogene Halszysten bezeichnet. Auch sie liegen im vorderen Halsdreieck. Dermoidzysten und Teratome kommen meist bei Kindern vor dem 3. Lebensjahr vor und liegen in der Mittellinie. Vaskuläre und lymphatische Malformationen wie Lymphangiome oder kavernöse Hämangiome sind vorrangig im seitlichen Halsdreieck lokalisiert. Bei der Fibromatosis colli handelt es sich um eine Raumforderung im Bereich des M. sternocleidomastoideus, bei der es zu einem fibromatösen Umbau des Muskelgewebes kommt. Anamnestisch liegt häufig ein Geburtstrauma bzw. Torticollis vor. Im Verlauf zeigt sie meist eine Regression innerhalb von vier bis acht Monaten.

Rhabdomyosarkome zeigen auch im Halsbereich ein aggressives Wachstum und präsentieren sich häufig mit Dysphagie, Heiserkeit und Atemproblemen. Neuroblastome treten in fünf Prozent der Fälle am Hals auf. Im Halsbereich kann es auch zum Auftreten von Metastasen eines Neuroblastoms anderen Ursprungs kommen.

Raumforderungen an der Schilddrüse sind im Kindesalter äußerst selten. Eine diffuse Vergrößerung der Schilddrüse kann bei Hashimoto-Thyreoiditis und Struma auftreten. Zystische Raumforderungen sind meist als Reste des Ductus thyreoglossus zu werten. Solide Raumforderungen können Adenome oder Karzinome darstellen. Letztere treten am ehesten als Folge von Bestrahlung im Rahmen einer anderen Grunderkrankung oder bei genetischen Defekten wie zum Beispiel der familiären adenomatösen Polyposis auf. Auch Lymphominfiltrationen können als solide Raumforderung an der Schilddrüse manifest werden.

Korrespondenz: Dr. Bettina Reismüller St. Anna Kinderspital Kinderspitalgasse 6 1090 Wien E-Mail:

1 St. Anna Kinderspital Wien

Literatur

 

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Tabelle 1 Tumore im Bereich der Schädelkalotte
BenigneMaligne
Dermoid/Epidermoidzysten Lymphome
Juveniles Xanthogranulom Neuroblastom
Pseudorheumaknötchen Ewing Sarkom
Ektopisches gliales Gewebe (subkutane gliale Heterotopie) Rhabdomyosarkom
Hämangiom Angiosarkom
Lymphangiom/Venöse Malformation  
Cephalhämatom  
Fibröse Dysplasie  
LCH  
Infektiöse Osteitis (Mykobakterien)  
Leptomeningeale Zysten  
Meningozele/Enzephalozele  
Osteom  
Parasitär (Intradurale Dilofilariasis)  
Tabelle 2 Schwellungen/Tumore im Bereich der Orbita
EinseitigBeidseitig
Insektenstich Allergische Reaktion
Preseptale Cellulitis Nephrotisches Syndrom
Inflammatorischer Pseudotumor orbitae LCH (Exophthalmus)
Dakryoadenitis Neuroblastom (Brillenhämatom)
Dakryozystitis  
Dermoidzyste  
Hämangiom  
Lymphangiom  
Neurofibrom  
LCH  
Rhabdomyosarkom  
Neuroblastom  
Tabelle 3 Tumore im Bereich des Nasen-Rachen-Raumes
Lymphatisches Gewebe
  • Tonsillenhypertrophie
  • Adenoide vegetationen
  • Lymphadenitis
  • Peritonsillarabszess
Hämangiome
Lymphangiome/Arteriovenöse Malformationen
Dermoidzysten
LCH
Lymphome
  • M. Hodgkin
  • Non-Hodgkin-Lymphome (u. a. Burkitt-Lymphom)
Weichteiltumore
  • Rhabdomyosarkome
  • Fibrome/Neurofibrome
  • Fibrosarkome/Neurofibrosarkome
  • Neurinome
Nasopharynxkarzinom
Ästhesioneuroblastom
Knochentumore
  • Ewing-Sarkom
  • Osteom
  • Osteosarkom
Tabelle 4 Tumore im Bereich der Mundhöhle und des Gesichtes
Infektiös Pyogenes Granulom
  Sialoadenitis
  Verruca vulgaris
  Aktinomykose
  Abszesse
Hamartome/Zysten/Infiltrate Lymphangiom
  Venöse Malformation
  Ranula
  Retentionszysten
  Dysontogenetische Zysten
  Pseudotumor bei Hämophilie
  Lymphome
  LCH
Gutartige Neubildungen Hämangiom/Hämangioendotheliom
  Fibrom
  Rhabdomyom
  Lipom
  Neurinom/Neurofibrom
  Papillom
  Pleomorphes Adenom
  Sialoadenom
  LCH
Malignome Lymphome
  Rhabdomyosarkom
  Fibrosarkom
  Osteosarkom
  Adenokarzinom
  Mukoepidermoidkarzinom
  Sialoblastom
  Ameloblastom
Tabelle 5 Tumore im Bereich der Halsregion  
 Vorderes HalsdreieckHinteres HalsdreieckBeide
Infektiös/Reaktiv Thyreoiditis   Lymphadenitis
  Struma   Abszess
  Sialadenitis    
Kongenital Mediale Halszyste Lymphangiom Fibromatosis colli
  Branchiogene Halszyste Kavernöses Hämangiom  
  Ductus thyreoglosus    
  Dermoidzyste    
  Teratom    
Neoplastisch Schilddrüsenadenom/Karzinom Lipom Lymphom
  Epitheloidsarkom der Speicheldrüsen   Hämangiom
  Sialoblastom   Rhabdomyosarkom
      Neuroblastom
      Neurofibrome
Fazit für die Praxis
Tumore im Kopf-Hals-Bereich sind bei Kindern häufig und meist entzündlich reaktiver Genese. Dennoch gibt es unter den zahlreichen Differentialdiagnosen selten auch maligne Tumore, deren rasche Diagnostik eine entscheidende Rolle spielt. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist von enormer Wichtigkeit, um den Patienten die bestmögliche Diagnose und Therapie zukommen zu lassen. Da durch die systemische Therapie beim Großteil der Neoplasien eine Rekonstitutio ad integrum erreicht werden kann, ist eine radikale Resektion oft nicht indiziert, da diese vor allem im Gesicht häufig verstümmelnd ist.
Zur Person
Dr. Bettina Reismüller
Studium Humanmedizin an der Medizinischen Universität Wien,
Dissertation: „Long-term Outcome of Relapsed Childhood Acute Lymphoblastic Leukemia – a population-based Analysis of the Austrian Berlin-Frankfurt-Münster (BFM) Group” für das St. Anna Kinderspital, betreut von Univ.-Prof. Dr. Helmut Gadner und OA Dr. G. Mann,
seit Juni 2011 Ärztin in Ausbildung im St. Anna Kinderspital, Wien

Bettina Reismüller, Milen Minkov1 , Pädiatrie & Pädologie 6/2011

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