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Abb. 1: Prosit 2012: Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl wird Präsident der ÖGKJ.

 
Kinder- und Jugendheilkunde 23. Dezember 2011

Pädiatrie und Pädologie

Jahresrückblick 2011 und -ausblick 2012

Mit Jahresende 2011 darf ich ein kleines persönliches Jubiläum feiern, sind es doch mit Ausklang dieses Jahres bereits fünf Jahre, dass ich von Herrn Professor Dr. Mutz nicht nur die Kinderabteilung in Leoben, sondern auch die Herausgeberschaft für „Pädiatrie und Pädologie“ übernehmen durfte. Wie in den letzten Jahren möchte ich den Jahresausklang auch heuer wieder zu einem kurzen Rückblick auf das abgelaufene Jahr und zu einem Ausblick auf das kommende Jahr nützen.

Auch wenn das Jahr 2011 vor allem durch die neuerliche Wirtschaftskrise, die Probleme der Eurozone und die bevorstehende Griechenland-Pleite in Erinnerung bleiben wird, gab es doch auch auf dem Gebiet „Kinder- und Jugendgesundheit“ interessante Ereignisse und Entwicklungen.

 

Gleich zu Beginn des Jahres (konkret am 20. 1. 2011) wurden die 1989 aus der Taufe gehobenen UN-Kinderrechte nach mehrjährigen Überlegungen endlich auch in die österreichische Bundesverfassung übernommen. Von den großen Parlamentsparteien wurde dies als große Errungenschaft dargestellt, von zahlreichen NGO´s jedoch als unzureichend klassifiziert und kritisiert. Dies deshalb, da von den ursprünglichen 44 Artikeln der UN-Kinderrechtekonvention lediglich acht Artikel in die Bundesverfassung Eingang gefunden haben, wobei Artikel 7 sogar noch einschränkend auf die Artikel 1, 2, 4 und 6 wirkt und Artikel 8 lediglich die Umsetzung durch die österreichische Bundesregierung vorsieht. Auffallend ist, dass die in die Verfassung übernommenen Artikel das „Recht auf Gesundheit“ im weiteren Sinn nicht beinhalten und ausschließlich Forderungen enthalten, die kostenneutral bleiben. Dem Protest von 32 NGO´s und deren Forderung nach Übernahme aller 44 Artikel wurde von einigen Verfassungsjuristen mit der Aussage begegnet, dass ein Teil der 44 UN-Artikel mit der österreichischen Bundesverfassung nicht kompatibel sei bzw. dass ein Großteil dieser Artikel ohnehin bereits in Form anderer Gesetze verankert sei. Es ist für einen juristischen Laien nicht möglich zu beurteilen, inwieweit diese Darstellung zutrifft. Gleichzeitig wird man jedoch das Gefühl nicht los, dass die österreichischen Parlamentsparteien - mit Widerspruch der „Grünen“- eine „Rumpfversion“ der Kinderrechte in die Verfassung übernommen haben. Einerseits wohl um ihre „Kinderfreundlichkeit“ demonstrieren, gleichzeitig aber wohl auch um die öffentliche Diskussion zum Thema „Kinderrechte“ auf längere Zeit stillzulegen.

 

Eine wenig erfreuliche Entwicklung ergab sich auch bezüglich der pädiatrischen Spezialisierungen. Nachdem die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) im Frühjahr 2011 nach jahrelangem Bemühen durch die ÖGKJ weiteren Spezialisierungen in „Gastroenterologie und Hepatologie“, „Nephrologie“ und „Rheumatologie“ zugestimmt hatte, wurde unmittelbar vor der administrativen Umsetzung ein Stopp von Seiten des Gesundheitsministeriums (BMG) verordnet. Dies mit der Begründung, dass die Ausbildungsagenden zwischen BMG und ÖÄK neu geordnet werden müssen, was bis etwa Herbst 2011 dauern würde. Leider ist nun auch mit Jahresende 2011 keine derartige Einigung in Sicht, sodass Ausbildung und Spezialisierung – zumindest bzgl. ihrer offiziellen Verankerung - weiterhin auf der Strecke bleiben.

 

Bedauerlicherweise „unterkühlt“ verlief zuletzt auch die Zusammenarbeit zwischen dem Gesundheitsministerium und den österreichischen Kinder- und Jugendärzten. So wurden u.a. die Mutter-Kind-Pass Kommission und die Impfkommission nicht weiter bestellt, und die Ständige Kommission für Kindermedizin im BMG wurde im Jahr 2011 zu keiner einzigen Sitzung eingeladen. Zwar wurde von Seiten des Ministerium ein „Impfbeirat“ zusammengestellt und eine neu zu besetzende „Mutter-Kind-Pass Kommission“ angekündigt, über Kompetenz, Zusammensetzung und Geschäftsordnung dieser „Beiräte“ ist bisher jedoch wenig bekannt.

 

Länger als ursprünglich erwartet hat auch die im April 2010 von Bundesminister Stöger initiierte Arbeit am „Kindergesundheitsdialog“ gedauert. Schließlich wurde im Herbst 2011 das Ergebnis aus sechs Arbeitsgruppen in der neuen „Kindergesundheitsstrategie“ präsentiert. Die dazugehörige Broschüre präsentiert auf 80 Seiten durchaus sinnvolle Maßnahmen zur Verbesserung der Kinder- und Jugendgesundheit, geht allerdings sehr wenig ins Detail. Man wird daher in den nächsten Jahren sehr kritisch darauf achten müssen, welche Ideen in welcher Form dann auch tatsächlich umgesetzt werden.

 

Relativ weit gediehen sind – vor allem auch durch Mitarbeit der ÖGKJ – die Ideen zur „Kinder- und Jugendlichenrehabilitation“ sowie zur „Arzneimittelsicherheit für Kinder“. Die von der ÖGKJ gesuchte Kooperation mit den relevanten Partnern hat in diesen beiden Bereichen doch ein deutliche Vorwärtsbewegung erbracht, sodass bei entsprechendem politischen Willen die Realisierung in den nächsten Jahren gut möglich sein müsste. Die aktuelle Diskussion um das Narkotikum „Propofol“ zeigt exemplarisch wie wichtig es ist, dass hier jahrelange Forderungen der ÖGKJ endlich erfüllt werden.

Weitere Fortschritte können nur gelingen, wenn Österreichs Kinder- und Jugendärzte in den nächsten Jahren den entsprechenden Zugang zu den politischen Schaltstellen finden. In der Sektion III des BMG, die für wesentliche Bereiche der Kinder- und Jugendgesundheit zuständig ist, wurde Frau Dozentin Dr. Pamela Rendi-Wagner als Nachfolgerin von Herrn Honorarprofessor Dr. Robert Schlögl bestellt. Es besteht gute Hoffnung, dass mit ihrer Unterstützung die in den letzten Jahren an sich gute Kooperation zwischen BMG und ÖGKJ fortbestehen wird bzw. wieder intensiver sein wird als zuletzt.

 

Dies wird insbesondere bei der Arbeit an der „Eltern-Kind-Vorsorge“ erforderlich sein. Darunter wird vom Gesundheitsministerium die Überarbeitung bzw. Neugestaltung des derzeitigen Mutter-Kind-Passes verstanden. Dabei scheinen derzeit mehrere Aspekte des an sich gut etablierten und bewährten Systems in Frage gestellt zu werden, insbesondere was die Evidenz der Einzeluntersuchungen betrifft. So wird von Assessmentspezialisten kritisiert, dass es für zahlreiche präventive Maßnahmen des Mutter-Kind-Passes keine ausreichende Evidenz gibt und der „medizinische Teil“ überwiegt. Dem ist entgegen zu halten, dass es auch in anderen Ländern für derartige Präventionsuntersuchungen keine Evidenz gibt und auch nicht geben kann, da in keinem Land diese Präventionsmaßnahmen randomisiert, kontrolliert und schon gar nicht „geblindet“ (was ja gar nicht möglich ist) eingeführt wurden. Es wird eine wesentliche Aufgabe der österreichischen Pädiatrie sein, in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen in den nächsten Jahren dafür zu sorgen, dass nicht das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird und Präventionsmaßnahmen, die sich seit 1974 bestens bewährt haben, aus reinem Aktionismus oder auch Sparzwang verloren gehen.

 

Neben diesen kritisch zu betrachtenden Entwicklungen gibt es aber auch positive Nachrichten. So wurde für das Jahr 2012 die allgemeine Einführung der Pneumokokkenimpfung für Säuglinge und Kleinkinder und der Meningokokkenimpfung für Schulkinder angekündigt. Damit wird eine langjährige Forderung der österreichischen Kinderärzte erfüllt und ein in Österreich gegenüber anderen mitteleuropäischen Ländern bestehendes Präventionsdefizit ausgeglichen.

 

Auf der Positivseite zu verbuchen sind auch die immer sehr gut besuchten pädiatrischen Fortbildungsveranstaltungen. Die von Herrn Professor Birnbacher und OA Dr. Kenzian mit großem Einsatz und Enthusiasmus organisierte ÖGKJ-Jahrestagung in Villach wird allen Teilnehmern sowohl wegen ihrer fachlich hochwertigen Inhalte wie auch des anspruchsvollen Rahmenprogramms in Erinnerung bleiben. Bestens bewährt hat sich auch das im Rahmen der ÖGKJ-Fortbildungstagung in Innsbruck (Gestaltung durch Prof. Stein) erstmals abgehaltene Facharztprüfungs-Vorbereitungsseminar, das 46 Teilnehmer (und somit „ein ganzer Prüfungsjahrgang“) besucht haben.

Vorausschauend auf 2012 darf mit der 50. ÖGKJ-Jahrestagung eine Jubiläumsveranstaltung angekündigt werden, sie wird vom 27.-29.9.2012 in Salzburg stattfinden. Herr Professor Sperl hat als Tagungspräsident bereits jetzt ein sehenswertes Programm erstellt, das auch Zeit und Platz vorsieht um das Jubiläum entsprechend zu feiern. Persönlich freut es mich besonders, dass anlässlich dieser Jubiläumsveranstaltung drei besonders verdiente österreichische Pädiater mit der Escherich Medaille ausgezeichnet werden, nämlich Prof. Helmut Gadner, Prof. Ronald Kurz, und Prof. Ingomar Mutz. Alle drei waren nicht nur ÖGKJ-Präsidenten, sondern haben die Entwicklung der österreichischen Pädiatrie über Jahrzehnte in vorbildlicher Weise mitbestimmt.

Schon jetzt darf ich auch auf die verschiedenen Fortbildungsveranstaltungen hinweisen, beginnend mit den Obergurgler Fortbildungen im Jänner, über den Pädiatrischen Frühling in Seggau (10.-12.5.2012), die ÖGKJ-Fortbildung in Tulln (Termin noch offen, wieder mit Facharztprüfungs-Seminar), die 6. Jahrestagung „Politische Kindermedizin“ (19.-20.10.2012) bis hin zum Pädiatrischen Samstag in Linz (17.11.2012).

 

Für mich persönlich ist es eine besondere Ehre und Auszeichnung, die ÖGKJ in den nächsten drei Jahren (2012–2014) als Präsident begleiten zu dürfen, unterstützt von Frau Oberärztin Anni Trinkl als ÖGKJ-Sekretärin. Diverse Herausforderungen wie die „Eltern-Kind Vorsorge neu“ werden unseren ganzen Einsatz erfordern. Es ist besonders wichtig sich in dieser sicher sehr arbeitsreichen Phase nicht nur auf die Mitarbeit der ÖGKJ-Vorstandsmitglieder verlassen zu können, sondern auch im administrativen Bereich (Ute Gärtner), im Bereich Standesführung und Öffentlichkeitsarbeit (Mag. Claudia Fabisch) sowie im Bereich der immer wichtiger und umfangreicher werdenden Web-Präsentation (Juliana Schmidt) auf exzellente Unterstützung mit langjähriger Erfahrung zurückgreifen zu können.

 

Zuletzt ein paar Worte zur Pädiatrie und Pädologie: Ich bedanke mich beim Springer Verlag und insbesondere bei Frau Dr. Renate Höhl für ein weiteres Jahr exzellenter Zusammenarbeit. Es ist v. a. Frau Dr. Höhl, die sich unermüdlich um qualitativ hochwertige Manuskripte bemüht, was für ein nicht SCI-gelistetes Journal nicht immer einfach ist. Danken darf ich auch all jenen, die Manuskripte für die Zeitschrift in hoher Qualität abgeliefert haben und damit dafür sorgen, dass die in einer Auflage von 7000 Stück erscheinende Pädiatrie und Pädologie weiterhin zu den führenden deutschsprachigen pädiatrischen Journals zählt.

Für das Jahr 2012 ist die Themenplanung schon wieder sehr weit fortgeschritten. Neben Serien zu „Politischer Kindermedizin“ und „Kinderonkologie“ soll auch genug Platz bleiben für tagesaktuelle Themen und wissenschaftliche Beiträge. Erinnern darf ich an die Rubriken „Kasuistiken“ und „Jugend forscht“ (Publikation von Diplomarbeiten), Beiträge dazu sind jederzeit sehr herzlich willkommen.

Abschließend bitte ich Sie, der Zeitschrift Pädiatrie und Pädologie auch im Jahr 2012 die Treue zu halten, wir werden unsererseits die Bemühungen um ein vielseitiges Programm mit interessanten Inhalten fortsetzen.

Ich wünsche einen guten Rutsch nach 2012, beruflichen Erfolg und persönliches Glück, vor allem aber Zufriedenheit und Gesundheit!

Leoben, im November 2011Reinhold Kerbl

Reinhold Kerbl, Leoben, Pädiatrie & Pädologie 6/2011

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