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Abb. 1: In der Fallbeobachtung wurde der Durchschnittsscore deutlich besser, wie auch die Faktoren Überaktivität und Unaufmerksamkeit sowie Impulsivität. (Der Junge im Bild ist nicht der Patient; Beispielfoto).
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Abb. 1: Passionsblume (Passiflora incarnata)

 
Kinder- und Jugendheilkunde 11. November 2011

Passionsblume in der Behandlung des ADHS

Passiflora incarnata könnte einige Symptome der Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung verbessern.

Abstract

Hintergrund: Psychostimulantien, sowie – als zweite Wahl – Clonidin und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer sowie SSRI haben sich als effizient in der Behandlung der ADHD erwiesen. Aber auch Phytotherapeutika wie Kamille, Hopfen, Baldrian oder gar Ginkgo scheinen in der Behandlung dieser Störung wirksam zu sein. Es gibt aber wenig diesbezügliche systematische Beobachtungen. Aus diesem Grund wurde der Effekt von Passiflora incarnata für die ADHD untersucht.

Methode: Unser 14jähriger männlicher Patient mit der nachgewiesenen Diagnose ADHD, diagnostiziert nach ICD-10 Kriterien, wurde vor und nach der 4wöchigen Verabreichung von Passiflora incarnata anhand der Conner-Skalen bewertet.

Resultate: Insgesamt wurde der Durchschnittsscore deutlich besser, wie auch die Faktoren Überaktivität und Unaufmerksamkeit sowie Impulsivität.

Schlussfolgerungen: Trotz der Einschränkung, dass die Generalisierung einer Einzelfallbeobachtung sehr schwer ist, legen die Ergebnisse unserer Beobachtung doch eine zumindest supportive Wirkung von Passiflora incarnata nahe.

Einleitung

Die ADHD ist eine komplexe Störung mit der Notwendigkeit komplexer, d.h. pädagogisch-psychologisch-pharmakologischer Therapie. Bezüglich letzterer sind D-Amphetamin, (Swanson et al., 1998) und Methylphenidat (Greenhill et al., 1996) Medikamente der ersten Wahl. Dennoch sprechen 25 Prozent nur unzureichend auf diese Therapie an bzw. reagieren mit deutlichen Nebenwirkungen (Crenshaw et al., 1999). Auch der kürzlich entwickelte Norepinephrin-Wiederaufnahmehemmer Atomoxetin zeigt keine höhere Ansprechrate, hat aber zumindest ein geringeres Missbrauchspotential (Wee et al., 2004). Auch Clonidin (Cohen et al., 1979), Desipramin oder serotonerge Antidepressiva sowie Bupropion zeigten eine gewisse Wirksamkeit (Singer et al., 1995; Niederhofer, 2004). Passionsblume (Passiflora incarnata) wird eine beruhigende Wirkung ohne Gefahr der Abhängigkeit zugeschrieben.

Unserer Recherche ergab keine kon-trollierte Beobachtung von Passionsblume für ADHD.

Methode

Wir verabreichten unserem 14-jährigen Patienten für vier Wochen 2x425 mg Passionsblumen-Trockenextrakt aus Passionsblumenkraut (Herba Passiflorae incarnatae) 5-7:1, Auszugsmittel Ethanol 50 % (V/V), Hersteller Apomedica Pharmazeutische Produkte GmbH, Graz, Aus-tria), und nach einer vierwöchigen Pause für weitere vier Wochen Placebo. Der Patient und die Rater waren nicht über die Verum/Placebo-Phase informiert. Der Patient (WISC-R IQ = 107) litt seit elf Jahren an ADHD. Methylphenidat brachte eine deutliche Besserung. Diese Medikation wurde vier Wochen vor der Beobachtungsphase abgesetzt. Der Patient zeigte keine Tics (Yale Global Tic Severity Scale (Leckman et al., 1989) total tic score <21) oder Zwangssymptome (Children’s Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Scahill et al., 1997) total score <16). Begleiterkrankungen wie Schilddrüsenüberfunk- tion, Angststörungen, bipolare Störungen, Psychosen, EEG-Unregelmäßigkeiten und Suizidalität wurden ausgeschlossen. Die Symptome wurden mittels klinischem Interview und den Rating Scales (Du Paul et al., 1998a) evaluiert. Diese Skala misst mit 18 Items die ADHD-Kriterien. Jedes Symptom wurde von Patient, Eltern und Lehrern bewertet (Range 0 - 3 (0=selten oder nie, 1=manchmal, 2=oft, and 3=praktisch immer). Die Scores wurden zusammengefasst zu Unaufmerksamkeit und Überaktivität (Range jeweils 0-27, cut-off 15) und als deren Summe zu einem Totalscore. Vor der Beobachtung wurden außerdem Routineblutwerte, EKG, Puls, Blutdruck, Körpergewicht und Körpergröße gemessen. Die Durchschnittswerte der Rater wurden schließlich miteinander verglichen.

Resultate

Was die Unaufmerksamkeit angeht, konnten wir eine Verbesserung von 22 auf 14, bezüglich Hyperaktivität eine von 23 auf 14), und zusammen eine von 45 auf 28 beobachten. Placebo brachte Werte von 20/20/40.

Schlussfolgerungen

Unserem Kenntnisstand nach ist dies die erste Placebo-kontrollierte Beobachtung von Passiflora incarnata für die ADHD. Die Symptomreduktion ist deutlich geringer als die 50- bis 60-prozentige bei Psychostimulantien (Rapport et al., 1994), aber ähnelt der von Nicht-Psychostimulantien wie z.B. Desipramine (Biederman et al., 1989). Das wirft die Frage nach der Effizienz von Passiflora incarnata als add-on Therapie auf. Weitere systematische Studien zu diesem Thema sind dringend angezeigt.

 

Korrespondenz: Prim. Dipl.-Psych. Dr. med. Dr. phil. Helmut Niederhofer - Chefarzt - Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie Sächsisches Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Bahnhofstraße D - 08228 Rodewisch (Sachsen) Deutschland Tel.: +49 3744 366 6602 Fax.: +49 3744 366 6609 E-Mail:

1 Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sächsisches Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie, Rodewisch, Deutschland

Literatur

 

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Cohen DJ, Young JG, Nathanson JA, Shaywitz BA: Clonidine in Tourette’s syndrome. Lancet 1979; 2:551-553

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Fazit für die Praxis
Passionsblume verbessert die Kernsymptome der ADHS, nämlich Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität, gleichermaßen deutlich, jedoch erheblich weniger als z.B. Methylphenidat.
Zur Person
Prim. Dipl.-Psych. Dr. med. Dr. phil. Helmut Niederhofer
Studium der Medizin und Psychologie in Wien, Dr. med. univ. 1990, Dr. phil. 1995; Arzt für Allgemeinmedizin; Notarzt; Physikatkurs; Erziehungswissenschaften; Psychotherapieausbildung; Facharzt für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie; seit 2008 Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie, Sächsisches Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie, Rodewisch (Sachsen), Deutschland

Helmut Niederhofer1 , Pädiatrie & Pädologie 5/2011

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