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Fotos: © Markus Prantl

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Kinder- und Jugendheilkunde 11. November 2011

Viel früher eingreifen!

Dr. Klaus Vavrik ist Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- undJugendgesundheit. Bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen stellte er das Konzept „Frühe Hilfen“ vor.

Herr Dr. Vavrik, zwei der „Top 8“-Forderungen, die in Alpbach formuliert wurden, betrafen Kinder- und Jugendgesundheit. Haben wir auf diesem Gebiet so viel Nachholbedarf?

Klaus Vavrik: Eine aktuelle OECD-Studie hat Risikoverhalten, Impfraten, Gewalterfahrung und ähnliche Indikatoren bei Kindern und Jugendlichen verglichen – danach sind wir leider Schlusslicht innerhalb der EU.

Oft höre ich, „Aber wir haben doch eines der besten Gesundheitssysteme“. Das trifft für die akute Versorgung zu: Bei einem Asthmaanfall oder einem Blinddarmdurchbruch werden Kinder und Jugendliche hochkompetent behandelt. Keine Frage.

Aber wo es um Lebensstilfragen geht, um chronische Erkrankungen, um Entwicklungsstörungen, dort ist Österreich noch nicht gut aufgestellt.

 

Eine der Forderungen betrifft die Datenbasis für Kinder- und Jugendgesundheit. Wie gut, oder wie schlecht, sind die Daten?

Die meisten Datensätze haben gravierende Lücken. In den Daten der Gestellungskommission fehlen die Frauen, beim Mutter-Kind-Pass sinkt die Teilnahme bis zum fünften Geburtstag auf 30 Prozent. Und genau jene Familien, die es dringend brauchen, gehen nicht mehr hin. Wenn wir also nicht ein Zerrbild betrachten wollen, müssen wir solche Daten systematisch erheben.

 

In Deutschland gibt es die KIGGS-Studie, eine vorbildliche Sache. Aber einfach diese Daten durch zehn zu teilen, hilft uns nicht. In Deutschland selbst gibt es große Unterschiede, etwa zwischen Rheinland und München, und auch in Österreich haben wir - etwa im Risikoverhalten - ein klares Gefälle von Ost nach West.

 

Sie fordern ganzheitliche, präventive Programme für Kinder- und Jugendliche, „frühe Hilfen“. Aber die Mittel im Gesundheitswesen sind knapp.

Klaus Vavrik: Wir hatten hier einen Buben, ein hyperaktives Kind, der hat die ganze Klasse auf den Kopf gestellt und am Ende sogar dem Lehrer einen Stein an den Kopf geworfen. Und wenn der Stein erst mal fliegt, dann ist plötzlich Geld da. Dabei müssten wir viel früher eingreifen.

Solche Jugendlichen „sind“ kein Problem, sie „haben“ eins. Wir könnten ihre Entwicklung sehr wohl mit frühen Hilfen positiv beeinflussen.

 

Was könnten frühe Hilfen bewirken?

Klaus Vavrik: Wir wissen aus Längsschnitt-Studien, etwa in Chicago und in Mannheim, dass fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung in Risikokonstellationen leben. Risikoprofile sind etwa Armut, Gewalt in der Familie, geringe Wohnfläche, niedriger Bildungsstand, u.a.m. Da gibt es einen kumulativen Effekt: Bei mehr als sechs Risikofaktoren steigt die Rate psychischer Erkrankungen auf etwa 60 Prozent.

 

Man kann also nicht sagen, wir wüssten nicht, wo wir ansetzen sollten mit frühen Hilfen. Wir müssen konkret auf diese Familien zugehen, weil die aktiv das Gesundheitssystem nicht aufsuchen.

 

Und wie wäre das möglich?

Klaus Vavrik: Eine Möglichkeit, die in diese Richtung geht, läuft in Korneuburg. Dort besucht eine mobile Kinderkrankenschwester der Gemeinde jede Familie nach einer Geburt – egal ob Diplomingenieur oder Sozialhilfeempfänger, und bietet Hilfe an. In Vorarlberg gibt es ähnliche Projekte, aber die Angebote können von Region zu Region sehr unterschiedlich sein, weil auch die Bedürfnisse ganz andere sein können.

Solche Projekte wie etwa das Elterntraining „Safe“ kosten Geld, aber der volkswirtschaftliche Benefit, der „social return on investment“, liegt bei einem Faktor acht bis zehn, viel höher als in anderen Programmen.

 

Das politische Problem: Es braucht länger als eine Legislaturperiode, um diesen Return einzufahren. Und er verteilt sich auch in andere Ressorts. Das heißt umgekehrt: Auch der Wirtschaftsminister, der Sozialminister, der Familienminister könnten bei Gesundheitsthemen viel mehr bewegen.

 

Also muss zuerst die Politik handeln?

Klaus Vavrik: Wir selbst müssen die medizinische Versorgung besser vernetzen: z.B. ein Arzt als therapeutischer Fallführer, dazu ein „Soziallotse“ und jemand, der das mit Schule, Jugendwohlfahrt und niedergelassenen Therapeuten im Sinne eines Kindergesundheitsnetzwerkes koordiniert. Konkret wird es oft nur drei oder vier Partner brauchen. Aber der Kollege, der in der Praxis ein Kind hereinbekommt, kann das nicht ad hoc aufbauen.

 

Und ohne Netzwerke wird es nicht gehen …

Klaus Vavrik: Die Krankheitsbilder haben sich verändert. Wir haben heute mehr Lebensstilerkrankungen, Entwicklungsstörungen, da brauchen wir auch im Gesundheitswesen mehr berufsübergreifendes Denken. In der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit haben wir Fachverbände und Organisatoren in diesem Sinne zusammengebracht.

 

Wo besteht der größte Handlungs- bedarf?

Klaus Vavrik: Bei uns in der Ambulanz warten Kinder eineinhalb Jahre auf einen Therapieplatz. Das würde bei Hüftoperationen niemand akzeptieren.

Wir sehen aber auch, dass wir oft gleichsam die falschen Patienten behandeln: Da kommt ein Kind für eine Stunde in der Woche zu uns, und zu Hause hat es sieben Tage die alte Szenerie. Hier braucht es eine kostenfreie Therapie für Kind UND Eltern.

Mehr klinische Prüfungen von Medikamenten für Kinder und Jugendliche wären ein weiteres Thema.

Die Ressourcen sind knapp, das ist mir klar. Aber eine Umverteilung ist keine ungehörige Forderung: Kinder und Jugendliche stellen 20 Prozent der Bevölkerung und beziehen sieben Prozent der Gesundheitsausgaben.

Wenn Sie in einem Jahr das Thema wieder in Alpbach diskutieren, was sollte dann erreicht worden sein?

Klaus Vavrik: Einen Masterplan Kindergesundheit werden wir noch nicht haben. Aber die Politik könnte das Thema aufgegriffen haben und erste Schritte setzen auf diesem Weg. Manche Themen wären mit einem Federstrich zu lösen: Die Ungerechtigkeit in der Rehabilitation etwa: Wir haben in Österreich 7.500 Reha-Betten für Erwachsene, und nur 40 für Kinder.

Korrespondenz: Prim. Dr. Klaus Vavrik, Österrreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, Fernkorngasse 91, 1100 Wien E-Mail: Internet: www.kinderjugendgesundheit.at Erstpublikation: PHARMIG info 3/2011

Wir danken der PHARMIG und Prim. Dr. Vavrik für die gute Zusammenarbeit.

Stichwort „Frühe Hilfen“
„Frühe Hilfen“ beruhen auf lokalen und regionalen Unterstützungssystemen mit koordinierten, sich ergänzenden Hilfsangeboten für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft, schwerpunktmäßig in den ersten drei Lebensjahren.
(Nach der Definition des Wissenschaftlichen Beirats des „Nationalen Zentrums für Frühe Hilfen“ in Deutschland. www.fruehehilfen.de )
Frühe Hilfen setzen auf Gesundheitsprävention durch Angebote für alle Eltern und auf Hilfen für Familien in Problemlagen.
Ziel ist die frühzeitige und nachhaltige Verbesserung der Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Eltern in Familie und Gesellschaft.
Zentraler Aspekt ist eine enge Vernetzung und Kooperation von Institutionen und Angeboten.

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