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Kinder- und Jugendheilkunde 22. September 2011

Pädiatrie MMX – Teil 2

Fortbildungstagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde

Vom 29.-30.10.2010 fand in Leoben die alljährliche Fortbildungstagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) statt. Die Tagung stand heuer unter dem Thema „Was gibt es Neues“ und beabsichtigte, in einem Streifzug durch alle Spezialgebiete der Pädiatrie die Neuerungen der letzten Jahre darzustellen.

Im Heft 3/11 von „Pädiatrie und Pädologie“ wurde der 1. Teil der Vorträge wiedergegeben, in diesem Heft wird über die restlichen Vorträge berichtet.

 

Alle Vorträge können von der Homepage der ÖGKJ im PDF-Format abgerufen werden: http://www.docs4you.at/Content.Node/Fortbildung/PPT/2010/index.php

(ÖGKJ-Login erforderlich!)

Sonografie

(OA Dr. Gerolf Schweintzger & Univ. Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Leoben)

Gibt es neue technische Applikationen, welche den Ultraschall in der Pädiatrie weiterhin unverzichtbar machen?

Ultraschalluntersuchungen sind wegen ihrer immerwährenden raschen und bettseitigen Verfügbarkeit auch im Zeitalter immer schneller werdender anderer bildgebender Verfahren unverzichtbar. Neue technische Errungenschaften wie „matrix phased array“ (etwa 3000 Kristalle statt der klassischen 64 oder 128 Kristalle) verbessern das Auflösungsvermögen des Ultraschalls weiter. Dazu kommen neue Applikationen wie das „Panoramic Imaging“, mit welchem auch große Organe oder Organsysteme in voller Ausdehnung dargestellt werden können (z. B. Rückenmark in seinem Verlauf).

Wie bei anderen technischen Geräten gilt auch bei Ultraschallgeräten „Small is beautiful“. Neben Hi-End-Geräten in Laptopgröße (Kosten 50.000,- bis 80.000,- Euro) gibt es zum Preis von einigen tausend Euro auch Kleinstgeräte im Palmtop-Format mit in der Regel nur einem einzigen Schallkopf. Derartige Kleinstgeräte kommen vor allem in der Notfallmedizin zum Einsatz (Fragestellung: Freie Flüssigkeit bzw. Organverletzung).

Nicht mehr ganz neu, aber in der Pädiatrie noch relativ wenig verwendet sind „Ultraschallkontrastmittel“, welche besser als Echoverstärker zu bezeichnen sind. Im Prinzip handelt es sich dabei um kleinste Bläschen (Microbubbles), welche zu spezifischen Resonanzschwingungen und einer Reflexechoverstärkung um ca. 25 dB führen. Derartige Kontrastmittel kommen z. B. bei der Diagnostik von Organverletzungen zum Einsatz, aber auch bei der Differenzialdiagnostik von Parenchymveränderungen (z. B. FNH der Leber). Auch die Refluxdiagnostik bei VUR dürfte ein zukünftiges Einsatzgebiet dafür sein.

Ein in der Pädiatrie noch kaum etabliertes Verfahren ist die Sonoelastografie. Diese macht sich zunutze, dass Schallausbreitung und Schallschwingungen im Gewebe von dessen Elastizität bzw. Steifheit abhängig sind. So kann z. B. in der Brustdrüse zwischen gutartigen Veränderungen (Fibroadenom) und bösartigen Veränderungen (Mammakarzinom) differenziert werden. In der Pädiatrie gibt es erste Erfahrungen aus der Arbeitsgruppe von C. Wirth in Würzburg bei kindlichen chronischen Lebererkrankungen (CF, Morbus Wilson, u. a.).

Kinderradiologie

(Univ. Prof. Dr. Martin Uggowitzer, Leoben)

Gibt es neue Verfahren, welche die bildgebende Diagnostik weiter verbessern?

Die derzeit gängigen radiologischen Verfahren bestehen aus Radiografie (klassisches Röntgen), Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT). Während die Szintigrafie z. B. bei Verdacht auf Osteomyelitis an Bedeutung verloren hat und teilweise durch MRTR ersetzt ist, scheint die Positronen-Emissions-Tomografie (PET) vor allem in der Tumordiagnostik und -verlaufskontrolle an Bedeutung zu gewinnen. Die verschiedenen Techniken kommen teilweise auch in Hybridtechnik (PET-CT bzw. PET-MRT) zum Einsatz.

Die Entwicklung der letzten Jahre zielte einerseits auf die Verminderung der Strahlenbelastung, andererseits auf die weitere Verbesserung der Bildqualität und damit der diagnostischen Aussagekraft. So konnte sowohl in der klassischen Radiographie als auch bei CT-Untersuchungen durch Anwendung neuer Techniken und entsprechendes „Post-Processing“ die Strahlenbelastung für Kinder signifikant gesenkt werden.

Eine wesentliche diagnostische Verbesserung der CT-Technologie hat sich durch die Möglichkeit der 3D-Rekonstruktionen ergeben, welche vor allem bei knöchernen Traumata oder der Fragestellung prämaturer Synostosen Bedeutung er- langt hat.

Den größten Bedeutungszuwachs in der Pädiatrie hat in den letzten Jahren allerdings die MRT zu verzeichnen, sie ist – nach dem Ultraschall – das Schnittbildverfahren der Wahl v. a. für ZNS, Wirbelsäule, muskuloskelettales System, Gefäßveränderungen sowie Abdomen- und Urogenitaltrakt. Als Ganzkörperuntersuchung (Whole-Body-Imaging) steht die MRT vor allem auch für onkologische Fragenstellungen und bei Missbrauchsverdacht zur Verfügung.

H1N1-Pandemie und Influenzaimpfung

(Univ. Prof. Dr. Ingomar Mutz, St. Marein)

Waren die Prognosen für die Ausbreitung der „Schweinegrippe“ in der Wintersaison 2009/2010 übertrieben und verursachten diese eine unnötige Hysterie?

Die anfänglichen Meldungen aus Mexiko über die hohe Letalität der H1N1-Erkrankung waren in der Tat übertrieben. Erst nach Monaten stellte sich heraus, dass die Letalität mit 0,12 Prozent jener der üblichen (saisonalen) Influenza entspricht. Der Begriff „Pandemie“ war jedoch richtig angewendet. Dieser Begriff definiert nur die weltweite Ausbreitung einer Erkrankung, jedoch nicht deren Schwere bzw. Letalität. Derartige Kriterien sollten aber künftig in die Klassifikation einer solchen Erkrankung mit eingehen.

 

Wie ist das „Schweinegrippevirus“ überhaupt in Umlauf gekommen?

Das neue Influenzavirus A/H1N1v hat seinen Ursprung im klassischen Schweingrippevirus. Es ist entstanden durch ein Triple-Reassortement, welches schließlich humanpathogen wurde und auf diese Weise in Umlauf kam (s. Abbildung). Da es sich um eine neue Variante handelte, war seine Gefährlichkeit auch nicht von vornherein abschätzbar. Erst aus der Verlaufsbeobachtung erkannte man, das vor allem junge Menschen, Schwangere und Übergewichtige eine Risikogruppe darstellen.

 

Warum hatte der H1N1-Impfstoff teilweise ein so schlechtes Image, und warum war er letztlich wenig akzeptiert?

Eine wesentliche Rolle für die schlechte Akzeptanz spielten unsere Medien und Gesundheitspolitiker, welche diesen Impfstoff als nicht notwendig darstellten. Im saisonalen Impfstoff war die H1N1-Komponente deshalb nicht enthalten, weil dessen Präsenz erst nach Produktionsbeginn des saisonalen Influenzaimpfstoffes registriert wurde. Im Impfstoff für die Saison 2010/2011 ist diese Komponente jedoch dann enthalten.

Zum schlechten Image trug auch die Behauptung bei, dass nur einige 100 Probanden getestet wurden. Dies entspricht allerdings dem üblichen Vorgehen, wenn in einem geprüften Impfstoff nur das Virus ausgetauscht wird („Mockup-Verfahren“). Zur Verunsicherung trug auch die Behauptung bei, dass es sich bei der Produktion auf Zellkulturen um eine neue und noch unerprobte Technik handle. Dies trifft nicht zu, in gleicher Weise wird z. B. der IPV-Impfstoff hergestellt. Schließlich dürfte auch die Abfüllung in Durchstichfläschchen zu je 10 Dosen und die kurze Verwendbarkeit (drei Stunden, da kein Thiomersal als Stabilisator) zur geringen Akzeptanz beigetragen haben.

 

Möchten Sie uns für die kommende Grippesaison eine Prognose mitgeben ?

Ich möchte da nur den holländischen Veterinärmediziner und Virologen Albert Osterhaus zitieren: Whatever you predict for flu, it´s not going to happen.

Ernährung

(Univ. Prof. Dr. Almuthe Hauer, Graz)

Der derzeitige Trend geht nun zu früherer Einführung von Beikost. Wird damit mit der früheren Ansicht, dass frühe Beikost zu vermehrten Allergien, Zöliakie, atopischem Ekzem und dgl. führt, aufgeräumt?

Mehrere rezente Studien zeigen, dass im Gegensatz zu historischen Annahmen die frühere Einführung von Beikost und auch frühere Glutenbelastung kein erhöhtes Risiko für Allergien und Zöliakie bedingen. Dabei scheint das Stillen parallel zur Einführung von Beikost protektiv zu wirken, darüber hinaus scheinen kleine Mengen von Gluten bei dessen Einführung das spätere Risiko einer Zöliakie zu vermindern. Die derzeitige Empfehlung lautet daher, Beikost nach dem vierten Lebensmonat (ab der 17. Lebenswoche) einzu- führen.

Gilt diese Empfehlung auch für eiweißreiche Nahrungsmittel wie Ei und Fisch?

Die Behauptung, dass „allergene Nahrungsmittel“ wie Ei und Fisch das Risiko für spätere Allergien erhöhen, ist durch Studien nicht wirklich belegt. Damit gibt es auch kein wissenschaftlich begründbares Argument für die diätetische Exklusion derartiger Nahrungsmittel. Es hat sich hingegen gezeigt, dass die frühe Gabe von Nahrungsmitteln mit hohem Gehalt an Omega-3-Fettsäuren (Ei, Fisch) protektiv wirksam ist auf die spätere Entstehung eines Diabetes mellitus Typ 1.

Wann soll nun Gluten tatsächlich eingeführt werden?

Nach derzeitiger Sachlage dürfte das optimale Zeitfenster im Alter von vier bis sieben Monaten liegen. Wenn eine genetische Prädisposition für Zöliakie besteht, kann vor allem durch Einführung in diesem Alter eine Immuntolerenz hergestellt werden. Für Kinder, die in diesem Alter noch voll gestillt werden, ist die stufenweise Einführung kleiner Mengen von Gluten zu erwägen.

Kinder- und Jugendpsychiatrie

(OA Dr. Christoph Göttl, Graz)

Selbstverletzung scheint heute bei Jugendlichen sehr häufig zu sein: Stimmt das, und was sind die Gründe dafür?

Bei Selbstverletzung handelt es sich um bewusste, freiwillige und direkte Zerstörung von Körpergewebe ohne suizidale Absicht, welche sozial nicht akzeptiert ist. Dabei überwiegen Schnittverletzungen, die vielfach auch multipel erfolgen. Die Prävalenz für selbstverletzendes Verhalten liegt je nach Studie zwischen sechs und 23 Prozent der jugendlichen Population, der Altersgipfel liegt bei 13 bis 15 Jahren. Die Selbstverletzung dient in erster Linie dazu, um „Erleichterung“ zu finden. Sexueller Missbrauch, erlebte Misshandlung, Vernachlässigung und dgl. sind prädisponierende Risikofaktoren. Unter den psychiatrischen Komorbiditäten sind vor allem Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen zu nennen. Die Selbstverletzung ist als kortisol-mediierter Copingmechanismus zu verstehen. Dementsprechend muss auch der Therapeut mit dem Patienten die Selbstverletzung ersetzende andere Copingmechanismen (z. B. Boxen gegen einen Sandsack) entwickeln.

 

Ist Suizidalität die nächste Stufe von selbstverletzendem Verhalten?

Tatsächlich kann aus selbstverletzendem Verhalten in einer weiteren Stufe Suizidalität entstehen. Immerhin verüben ein Prozent der Kinder und acht bis neun Prozent der Jugendlichen im Laufe ihres Lebens einen Suizidversuch, davon werden etwa zwei bis drei Prozent ärztlich versorgt. Damit ist Suizid die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen. Von 1500 Jugendlichen verstirbt einer an Suizid. Aufgabe des Therapeuten ist es, die Kette Suizidgedanken → Suizidplanung → Suizidversuch zu unterbrechen. Dies geschieht durch realistische Einschätzung der Suizidalität (auf einer Skale von 0–10) und durch einfühlsame Gesprächsführung mit den betroffenen Jugendlichen.

Rheumatologie

(Univ. Prof. Dr. Wilhelm Kaulfersch, Klagenfurt)

Wie kommen die eigenartigen Namen der Biologicals zustande, und wie wirken diese?

Die Namen der Biologicals setzen sich aus vier Teilen zusammen: Einem variablen Prefix folgt der Zielort des Medikaments (Tumor, Immunsystem, Interleukine etc.), dann die Herkunft (human, chimär, vom Tier), als letztes wird immer das Suffix -mab (für „monoclonal antibody“) angefügt.

In der Rheumatologie beruht die Wirkung auf der Bindung an Boten- oder Entzündungsstoffe, wodurch deren Wirkung neutralisiert wird (z. B. durch monoklonale Antikörper gegen TNF-Alpha).

 

Welche monoklonalen Antikörper sind derzeit für Kinder zugelassen?

Die für Kinder in der EU zugelassenen monoklonalen Antikörper werden in Tabelle 1 mit ihren jeweiligen Indikationen dar- gestellt.

 

Können die neuen Biologicals die klassische Medikation bei juveniler rheumatoider Arthritis ersetzen?

Die klassischen Medikationen wie Steroid und Methotrexat haben durch die modernen Biologicals keinesfalls an Bedeutung verloren, diese sind vielmehr als Ergänzung für therapierefraktäre Fälle anzusehen. Nur in Ausnahmefällen wie z. B. bei juveniler Dermatomyositis kommen sie (wie z. B. in diesem Fall Etanercept) auch als „first line“ Therapie in Betracht. Ansonsten ist insbesondere auch wegen des noch nicht klar definierten Malignomrisikos die wohl überlegte und indizierte Anwendung durch einen erfahrenen Kliniker als state of the art anzusehen.

Genetik

(Univ. Prof. Dr. Olaf Rittinger, Salzburg)

Hat die moderne molekularbiologische Diagnostik das klassische „Stöbern“ im Syndromeatlas“ abgelöst?

Die klassische Einschätzung des „Syndromaspektes“ durch den erfahrenen Kliniker und Genetiker hat nichts an Bedeutung verloren. Die Empfehlung „get the picture first“ hat auch im Zeitalter der modernen genetischen Diagnostik Vorrang. Dabei ist vor allem die Beurteilung des Gesichts zu erwähnen, in weiterer Folge vor allem Details der Extremitäten und der Haut. Eine gezielte molekularbiologische Diagnostik ist erst dann sinnvoll, wenn sich durch die klinische Beurteilung ein bestimmter Verdacht ergibt. Der „genetische Rundumschlag“ gehört somit nach wie vor nicht zum Werkzeug des klinisch tätigen Genetikers.

 

Ist es überhaupt notwendig, ein bestimmtes Syndrom frühzeitig zu dia-gnostizieren?

Der Paradigmenwechsel in der modernen klinischen Genetik besteht darin, dass bei frühzeitiger Diagnose der genetischen Veränderung nicht nur das Krankheitsbild des Patienten besser verstanden werden kann, sondern auch dessen Prognose und Förderungsmöglichkeiten besser einschätzbar werden. Schließlich können in Einzelfällen bei rechtzeitiger und richtiger Diagnose auch medikamentöse Interventionen die Langzeitprognose verbessern. So wurden bei Patienten mit fragilem X im Tierversuch positive Erfahrungen mit Glutamatantagonisten gemacht, sodass diese nunmehr für die klinische Erprobung zugelassen sind.

 

Welche molekularbiologische Technik hat in den letzten Jahren den größten Fortschritt auf dem Gebiet der klinischen Genetik erbracht?

Die Frage lässt sich so nicht beantworten. Es haben vielmehr verschiedene Techniken wie molekulare Karyotypisierung, Mikroarray-CGH (auch Matrix-CGH genannt), und SNP-Array gleichermaßen zur Weiterentwicklung der klinischen Genetik beigetragen und genetische Veränderungen z. B. beim Kabuki-Syndrom und beim Marfan-Syndrom aufgedeckt. Die einzelnen Techniken kombinieren sich in ihrer Aussagekraft. Entscheidend dabei ist, dass die neu detektierten Veränderungen auch in den entsprechenden Datenbanken verfügbar gemacht werden und jedem klinischen Genetiker für Vergleichszwecke zur Verfügung stehen. Dadurch ist die rasante Weiterentwicklung der klinischen Genetik auch weiterhin gewährleistet.

Hämato-Onkologie

(Univ. Prof. Dr. Wolfgang Schwinger, Graz)

Was waren in den letzten Jahrzehnten die wesentlichen Entwicklungsschritte der Stammzelltherapie?

Als Meilensteine darf man die Erforschung des HLA-Systems u. a. durch Jean Dausset (Nobelpreis 1980) und die Entwicklung der klinischen Stammzelltransplantation durch Donnall Thomas (Nobelpreis 1990) bezeichnen. Die erste Knochenmarkstransfusion erfolgte 1956, die erste erfolgreiche Knochenmarktransplantation im Jahr 1968. Im Jahr 1988 folgte schließlich die erste Nabelschnurbluttransplantation. Seither haben sich weitere rasante Entwicklungsschritte auf dem Gebiet der Stammzelltransplantation ergeben.

 

Welche sind heutzutage die wesentlichen Stammzellressourcen?

Als Stammzellressourcen kommen weiterhin Knochenmark und vor allem durch CD34-Selektion gewonnene periphere Stammzellen in Betracht. Daneben werden aber auch plazentares Restblut (Nabelschnurblut) sowie mesenchymale Stammzellen verwendet. Alter, Gewicht und Erkrankung des Patienten bestimmen die jeweils mögliche bzw. optimale Ressource.

 

Welche Erkrankungen kommen heutzutage für eine Stammzelltransplantation in Betracht?

Zu den Indikationen zählen maligne Erkrankungen wie Leukämien und Lymphome, daneben aber auch schwere Immundefekte wie SCID, septische Granulo- matose, andere immunologische Erkrankungen wie SLE und schwere Blutbildungsstörunen (aplastische Anämie, Fanconi-Anämie u. a.). Seit mehreren Jahren steht die Stammzelltransplantation aber auch als Option bei angeborenen Stoffwechseldefekten wie Morbus Krabbe, Morbus Hurler, Adrenoleukodystrophie u. a. zur Verfügung.

 

Ist es für werdende Mütter sinnvoll, die Konservierung des Nabelschnurblutes ihres Kindes in einer privaten Nabelschnurbank rechtzeitig zu planen?

Private Nabelschnurbanken sind in der Regel gewinnorientiert und halten das Nabelschnurblut nur für den jeweiligen Spender weiter verfügbar. In der Regel wird diese Ressource im weiteren Leben fast nie erforderlich. Im Gegensatz dazu sind öffentliche Nabelschnurbanken meist nicht gewinnorientiert, betreiben Forschungsarbeit und halten die eingefrorenen Konzentrate für die Allgemeinheit verfügbar. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit hat somit neben einer wissenschaftlichen vor allem auch eine ethisch-moralische Komponente. Dazu darf aus der Stellungnahme relevanter österreichischer Fachgesellschaften zitiert werden (gekürzt):

„Ohne besondere Indikationsstellung bei einer mit vererbtem Leiden belasteten Familie erscheint ein flächendeckendes Kryokonservieren von Nabelschnurblut nicht sinnvoll. Es kann nicht in allen Fällen davon ausgegangen werden, dass die Nabelschnurstammzellen zum Zeitpunkt der Geburt intakt sind. Sie können durchaus bereits die Anlage einer späteren Erkrankung in sich tragen. Aus diesen Gründen sind wir der Meinung, dass die Verwendung von eigenen (autologen) Nabelschnurstammzellen für die Behandlung von Blutkrankheiten oder für eine Gewebsreparatur zum gegenwärtigen Zeitpunkt in keinster Weise fundiert, sondern spekulativ ist“.

Infektiologie

(Privatdozent Dr. Hans-Jürgen Dornbusch, Graz)

Gibt es für die Pädiatrie überhaupt neue Antibiotika, oder wird mit den klassischen Substanzen das Auslangen ge- funden?

Tatsächlich wurden in den letzten Jahren zahlreiche neue Antibiotika entwickelt und auch in klinischen Versuchen vorwiegend an Erwachsenen erprobt. Diese Antibiotika sind allerdings fast ausschließlich für sogenannte „Problemkeime“ vorbehalten und in der Pädiatrie kaum bis gar nicht erprobt. Für die Therapie in der pädiatrischen niedergelassenen Praxis sind diese Substanzen derzeit praktisch unbedeutend.

 

Wie ist der derzeitige Stand- muss jede Otitis media antibiotisch behandelt werden?

Bei der Otitis media (die sehr häufig viral bedingt ist) hat sich zunehmend das abwartende Verhalten etabliert. Ausnahmen davon sind Säuglinge unter sechs Monate und schwere Verlaufsformen. In den anderen Fällen von Otitis media hat es sich unter anderem bewährt, ein Antibiotika-Rezept auszustellen, mit der Verabreichung aber noch zuzuwarten. Das Rezept kann dann von den Eltern eingelöst werden, wenn die Otalgie persistiert oder hohes Fieber auftritt. Eine derartige „Safety-Net Antibiotic Prescription“ geht mit hoher Elternzufriedenheit einher, hat keine nachteiligen Folgen für die betroffenen Kinder, und führt dazu, dass zwei Drittel der Familien das Rezept in weiterer Folge gar nicht einlösen müssen.

 

Welche Antibiotika sollen bei Kindern nicht gegeben werden?

Von den in Österreich häufig verabreichten Medikamenten besteht eine relative Kontraindikation für die Fluorchinolone bei Kindern und Jugendlichen unter dem 18. Lebensjahr. Dies deshalb, weil im Tierversuch bei sehr hohen Dosen Knorpelschäden nachgewiesen wurden. Bei entsprechender Indikation und nach Information der Eltern ist die Verabreichung von Fluorchinolonen in Ausnahmefällen jedoch möglich.

 

Nicht gegeben werden sollen auch Tetrazykline vor Ende des 8. Lebensjahres, dies wegen bleibender Gelbfärbung der Zähne. Ab vollendetem 8. Lebensjahr ist die Gabe möglich, da die Odontogenese zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen ist.

Schließlich soll vor dem 6. Lebensmonat auch Cotrimoxazol nur in Ausnahmefällen verabreicht werden, dies wegen der Gefahr eines Neugeborenenikterus und einer eingeschränkten Hämatopoese.

 

Reinhold Kerbl & Gerhard Köstl Pädiatrie MMX fand in Leoben, 29.-30.10.2010, statt.
Tabelle 1 Für Kinder in der EU zugelassene monoklonale Antikörper
SubstanzHandelsname (Firma)Zulassung für MinderjährigeZulassung für ErwachseneAntikörper-Typ
Etanercept Enbrel®
(Pfizer)
Polyartikuläre-JIA
(ev. juvenile DM)
RA, Psoriasis-Arthritis, Psoriasis, ankylos. Spondylitis Anti-TNF-α, Fusionsprotein
Adalimumab Humira®
(Abbott)
Polyartikuläre JIA (ab 13 Jahren); In Entwicklung für Patienten ab 2 Jahren RA, Psoriasis-Arthr. Ankylos. Spondylitis, MC, Psoriasis Anti-TNF-α, human
Infliximab Remicade®
(Centocor/Essex)
Morbus Crohn
(ab 6 Jahre)
Ev. juvenile DM
RA, MC, CU, ankylos. Spondylitis, Psoriasis –(Arthritis) Anti-TNF-α, chimär
Abatacept Orencia®
(BMS)
Polyartikuläre JIA (ab 14 Jahren in Kombination mit MTX) RA, Psoriasis-Arthr., ankylos. Spondylitis Psoriasis Anti-CTLA4
Tocilizumab Actemra®
(Roche)
Polyartikuläre JIA in Vorbereitung
SoJIA
RA Anti-IL-6
Canakinumab Ilaris®
(Novartis)
CAPS (ab 4 Jahren); in Entwicklung gegen JIA ab 2 Jahren CAPS (Cryopyrin-assoziierte periodische Fiebersyndrome) Anti-Interleukin-1ß, human
Rituximab Mabthera®
(Roche)
In Entwicklung gegen maligne B-Zell-Tumoren (ab 6 Jahren) NHL, CLL, rheumatische Arthritis Anti-CD20, chimär
Basiliximab Simulect®
(Novartis)
Propylaxe der akuten Nieren-Transplantat-abstoßung (ab 1 Jahr) Propylaxe der akuten Nieren-Transplantatabstoßung Anti-CD25, chimär
Omalizumab Xolair®
(Novartis)
Schweres persistierendes allergisches Asthma (ab 6 Jahren) Schweres persistierendes allergisches Asthma Anti-IgE, humanisiert

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