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Kinder- und Jugendheilkunde 22. September 2011

Baby-Trinkflasche und abdominelle Koliken – besteht ein Zusammenhang?

Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Abteilung für Kinder und Jugendliche, LKH Leoben

1. Abdominelle Koliken sind ein häufiges Problem bei Säuglingen. Welche Gründe gibt es dafür aus heutiger Sicht?

Kerbl: Obwohl sogenannte „Säuglingskoliken“ ein sehr häufiges Problem sind und bis zu 80 Prozent der Eltern berichten, dass ihr Kind zumindest vorübergehend derartige Probleme hat(te), gibt es bisher keine wissenschaftliche Erklärung für die Art und Genese der Beschwerden. Selbst unter Kinderärzten ist die Meinung dazu recht inhomogen. Ich habe 2009 beim „Pädiatrischen Frühling“ in Seggau etwa 200 Kinderärzte über ihre Meinung dazu befragt: Das Ergebnis streute breit, was Ursachen und Therapiemethoden betrifft.

 

2. Kommen Eltern wegen Koliken eher früh oder aus Ihrer Sicht zu spät zum Kinderarzt?

Kerbl: Auch das ist recht unterschiedlich. Vor allem junge Mütter sind durch das Quengeln des Babys eher und früher beunruhigt, ältere bzw. Mütter mit „Vorerfahrung“ erwähnen dieses Problem u.U. gar nicht beim Kinderarzt, weil sie es als normal einstufen.

 

3. Gibt es „Hausmittel“, die der Kinderarzt gegen Koliken empfehlen kann?

Kerbl: Es werden viele „Hausmittel“ probiert, darunter Kirschkernsackerl, Bauchmassage, warmes Bad, Windsalbe und vieles mehr. Auch Homöopathika und Simethicon (Antiflat®, Lefaxin®, Sab simplex®) kommen vielfach zum Einsatz. Es spricht nichts gegen die sachgemäße Anwendung dieser Therapieversuche, die Wirksamkeit dieser Maßnahmen ist aber sehr begrenzt. Neuerdings werden auch Probiotika als hilfreich beschrieben, die Datenlage ist aber noch unbefriedigend.

 

4. Gibt es Daten, die auf einen Unterschied in der Inzidenz abdomineller Koliken bei gestillten vs. Flaschen- ernährten Säuglingen hinweisen?

Kerbl: Es gibt mehrere kleinere Studien und eine größere aus dem Jahr 2003, die zeigen dass bei gestillten Kindern Säuglingskoliken seltener auftreten als bei Flaschenkindern. Das mag vielleicht damit zu tun haben dass sich das Trinken an der Mutterbrust von jenem an der Flasche unterscheidet. Das Trinken an der Mutterbrust besteht aus Saugen und „Melken“ durch die kindliche Zunge, beim Trinken an der konventionellen Babyflasche handelt es sich hingegen v. a. um einen Saugvorgang.

 

5. Spielt die Ernährung der Mutter bei voll gestillten Säuglingen eine Rolle?

Kerbl: Man hat den Effekt sogenannter blähender Mahlzeiten (Kohlensäure, Hülsenfrüchte, frisches Brot etc.) früher sicher überschätzt und diese Nahrungsmittel teilweise für stillende Mütter sogar „verboten“. Tatsächlich erscheint dieser Faktor von untergeordneter Bedeutung, darauf weist auch die höhere Inzidenz von Säuglingskoliken bei Flaschenkindern hin.

 

6. Welche Rolle spielt die Trinkflasche im Hinblick auf abdominelle Koliken?

Kerbl: Da man nicht genau weiß, was „Babykoliken“ wirklich sind, ist auch der Einfluss der Trinkflasche schwer zu beurteilen. Um dieser Frage nachzugehen, haben wir - wie von Kollegin Lehner im Folgenden beschrieben – in Zusammenarbeit mit den obersteirischen Kinderärzten die „Wirksamkeit“ einer belüfteten Trinkflasche untersucht. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Luftschlucken und die Art der Flasche sehr wohl einen Einfluss haben.

 

7. Gibt es auf dem Gebiet der Baby- flaschen Neuentwicklungen?

Kerbl: Bei „althergebrachten“ Baby- flaschen baut sich in der Trinkflasche während des Trinkens zunehmend negativer Druck auf, der durch Absetzen und Lufteinlassen alle paar Sekunden ausgeglichen werden muss. Einige neuere Trinkflaschen erlauben nun einen früheren Druckausgleich durch Lufteinlass über ein Ventil im Flaschensauger. Und nunmehr gibt es auch eine Flasche mit Lufteinlass über ein „Bodenventil“. Dadurch erfolgt der Lufteinlass „babyfern“, und die Luft muss nicht durch die Milch durchperlen, was das Aufschäumen der Nahrung reduziert.

 

8. An Ihrer Abteilung wurde eine Studie zum Thema Koliken und Babyflaschen durchgeführt: Sind die Ergebnisse für Sie aussagekräftig?

Kerbl: Die Studie erfolgte nicht an unserer Abteilung, sondern als „Feldstudie“ in Zusammenarbeit mit obersteirischen Kinderärzten. Ich selbst war eigentlich skeptisch über die Wirksamkeit der sogenannten „Anti-Colic-Flasche“. Aber die Ergebnisse waren bemerkenswert und legen nahe dass Luftschlucken und die Art der verwendeten Flasche doch Einfluss auf die Häufigkeit von Säuglingskoliken haben.

 

9. Sind weiterführende Studien erwünscht oder angedacht?

Kerbl: Natürlich muss man immer einen Plazebo-Effekt kritisch in Erwägung ziehen. Leider konnten – trotz eines in Aussicht gestellten Bonus – bisher kaum Eltern für die Kontrollgruppe gefunden werden, weil fast alle den „Versuch mit der Flasche“ bevorzugt haben. Es wäre daher sinnvoll, das Ergebnis der obersteirischen Untersuchung in einer weiteren Studie mit einer etwa gleich großen Kontrollgruppe zu bestätigen, durchaus auch in einer anderen Region oder als Multicenterstudie.

 

10. Was empfehlen Sie Eltern, deren Säugling an abdominellen Koliken leidet?

Kerbl: Das Wichtigste ist Ruhe und Geduld, die „Dreimonatskoliken“ sind letztlich selbstlimitierend. Als „Akutmaßnahme“ empfehle auch ich die oben angeführten Hausmittel, dazu kann man nun für Flaschenkinder mit gutem Gewissen auch die belüftete Trinkflasche empfehlen.

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