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Abb. 1: Auch und besonders im Kinderschutz gilt: Vergesst den Vater nicht!
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Abb. 2: Es ist nicht möglich, ein Kind zu sichern, ohne den Vater kennen zu lernen.

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Abb. 3: Alkoholkrankheit führt zu familiären und sozialen Problemen, die den Kinderschutz auf den Plan rufen.

 
Kinder- und Jugendheilkunde 22. September 2011

Vergesst den Vater nicht!

Die Rolle des Vaters in der Kinderschutzarbeit2

Seit Michael Höllwarth und ich vor über 20 Jahren die erste österreichische Kinderschutzgruppe an einer Klinik gegründet haben, hat sich manches verändert. Gleich geblieben sind wir in unserem ersten Entschluss: Nicht die Lage des Kindes, nicht die soziale Situation der Familie zu ändern, ist die Aufgabe der Kinderschutzgruppe: Dazu sind viele andere, wertvolle Dienste tätig. Die Aufgabe der Kinderschutzgruppe ist es, das Kind zu schützen. Nicht die vergangenen Erlebnisse aufzuarbeiten, so wichtig das auch sein möge, nicht Psychotherapie anzubieten, nicht Besserwisserei bezüglich der erforderlichen Maßnahmen zu zeigen, sondern das Kind zu schützen, so dass es nicht weiter missbraucht, oder misshandelt wird. Das ist schwer genug.

Doch nicht darauf will ich heute eingehen, nicht das ist mein Thema. Ich setze es nur an den Anfang, weil nur aus diesem Prinzip der Kinderschutzarbeit einer Klinik verstehbar wird, dass es uns schon so lange gibt und dass wir imstande sind und waren, Kindern und Jugendlichen zu helfen.

 

Oft jedoch schleichen sich andere, unmerklich akquirierte Prinzipien ein, die es dann zu bekämpfen gilt, weil sie die eigentliche Arbeit behindern und zu Belastungen des Teams führen. Als da wären: Wichtigkeit der Kriminalistik; Bedeutung der Strafverfolgung der Täter, Interesse an der psychosozialen Einordnung des Opfers, Solidarität mit den anderen Geschwistern und den geschlagenen, oder missbrauchten Erwachsenen; zuletzt: Interesse an den Daten der ehemaligen Patienten im Sinne einer Qualitätssicherung. – Um all das geht es heute nicht.

 

Worauf ich heute hinweisen darf, ist, dass man oftmals als Kinderschutzarbeiter in eine Koalition mit der Mutter(-figur) eintritt und sich dann den Vater, der immer im Verdacht steht, der Misshandler, oder Missbraucher zu sein, „ersparen will“. So als ob man das Kind sichern könnte, ohne den Vater kennen zu lernen. So als ob man sich fürchten würde und dieser Frucht auszuweichen wünscht. So als ob man es als Schicksal annehmen würde, dass die Kinder von ihren Vätern misshandelt und missbraucht werden und man sich in die gleiche Furcht begeben würde wie diese. So als ob man die Väter vermeiden und ihnen ausweichen würde, nicht immer nur ängstlich, manchmal auch aggressiv, manchmal einfach, indem man glaubt, es sich ersparen zu können.

Ich werde sie durch diesen Vortrag mit Geschichten leiten, keine Statistiken, power point Folien, oder Gesamteindrücke werden sie begleiten. Sie sollen teilhaben an unseren Fehlern und unseren Erfolgen, an unseren Begegnungen und unserem Scheitern. Denn diese Worte sind so gut, wie hohl: Konfrontationsgespräch, Meldung an die Jugendwohlfahrt, Meldung an die Exekutive, Einbeziehung der Gerichtsmedizin, interdisziplinäre Kommunikation, Letztverantwortung. Die Realität der Kinderschutzarbeit ist immer subversiv (weil gegen Scham und Entdeckungsangst gerichtet), jedoch kann sie nur in geordneten Bahnen verlaufen, in denen eine Absprache mit den Klinikverantwortlichen und den extramuralen Diensten erfolgt. Akuter Schutz und Erstmaßnahmen müssen aber immer Aufgabe der Kinderschutzgruppe sein.

Eines meiner ersten, erfreulichen Erlebnisse:

Ein sechzehnjähriges Mädchen wird in der Psychosomatik aufgenommen. Sie leidet an Essbrechsucht. Sie ritzt sich. Bald berichtet sie der Physiotherapeutin, dass ihr Vater ihr immer Nachhilfe in Latein gibt und sie, wenn sie versagt, was immer passiert, schlägt. Er schlägt auch die Mama. Selbstverständlich spreche ich unsere Patientin darauf an und sage, dass ich mit ihrem Vater sprechen will. Sie wettet mit mir – damals noch um 50.- öS –, dass ihr Vater zu „so“ einem Gespräch sicher nicht kommen würde. Er ist Pharmareferent und hält, so das Mädchen, nichts von Ärzten. Ich schreibe dem Vater einen Brief, dass ich den Staatsanwalt wegen ungenügender Obsorge einschalte, wenn er nicht kommt. Er ist am übernächsten Tag um 8 Uhr früh, wie bestellt, vor meinem Büro. Ich spreche ihn auf seine Schläge an. Er berichtet, dass er selbst ein schlechter Lerner war und deshalb das Medizinstudium abgebrochen hat. Einen Gutteil der Schuld an seinem Leben gibt er auch dem Mädchen, das unsere Patientin ist. Denn dadurch, dass er plötzlich und ungeplant Familie hatte, konnte er das Studium nicht vollenden. Er sagt, dass er sie immer nur geschlagen hat, wenn sie bockig und verstockt war. „Das Schlagen muss aufhören!“, dabei bleibe ich.

 

Ich erfahre, dass der Vater am selben Abend die Zu- und Ableitungen des häuslichen Schwimmbads demontiert hat und mit diesen auf seine Frau losgegangen ist. Sofort bestelle ich ihn wieder. „Jetzt ist Schluss!“ Der Vater hat nie wieder ein Familienmitglied geschlagen, vielleicht hat er auch den Grund des Zorns erkannt.

 

Nicht alle Geschichten gehen so gut aus. Aber wie oft hört man, auch im normalen Verkehr einer Klinik, dass der Vater nicht kommen kann/will und dass die Mutter alle Entscheidungen alleine treffen soll/muss, die das Kind betreffen. Als ich noch viele Pflegegeldgutachten für das Arbeits- und Sozialgericht machte, habe ich immer geschrieben, dass ich nur die Person benötige, die das Kind pflegt und betreut. Da kamen fast immer die Väter (wegen des Geldes) mit, die zumeist wenig Ahnung von den Bedürfnissen der behinderten Kinder hatten. Hingegen bei Familientherapien kommt immer wieder die Mutter allein und wundert sich dann, wenn sie wieder nach Hause geschickt wird, oder das Gespräch zumindest nicht den Erfolg bringt, den es hätte, wenn auch der Vater einbezogen werden könnte.

 

Nicht immer ist die Sache so einfach. Manchmal haben Väter das Gefühl, dass sie das Richtige gemacht haben und dass die Klinik sie beschuldigen will. Wenn Männer Männer sind, reagieren sie auf Beschuldigungen aggressiv. Schon bei einer gewöhnlichen Ambulanzsituation ist es oft so, dass die Väter ungern mit in den Ambulanzraum gehen und vielfach draußen warten, während Mutter und Kind bei der Untersuchung sind. Sie stehen vor der Türe Wache. Ihr Kind weinen sehen, wenn es untersucht wird, ist ihre Sache nicht. Wenn sie eingeladen werden über die Misshandlung ihres Kindes zu sprechen, wie sollen sie dann reagieren, wo sie doch wissen, dass dieses Verhalten nicht zeitgemäß ist?

 

Zwei Frauen, die stationsführende Ärztin und die Sozialarbeiterin laden einen Mann ein, von dem die Frau sagt, dass er das Kind schlägt. Er ist LKW Fahrer und kommt direkt von der Arbeit. Es ist ein heißer Vormittag. Man trifft sich im Ambulanzraum. Zufällig komme ich vorbei. Der Mann hat eine kurze Hose an. Man kann sein Geschlecht sehen, weil er die Beine überschlagen hat. Er sitzt. Die beiden Damen stehen neben und vor ihm und sprechen auf ihn ein. Er sagt wenig und was er sagt, ist abwehrend.

 

Ich mische mich ein und befehle ihm nach Hause zu gehen und sich dem Anlass entsprechend anzuziehen. Er geht und kommt gewaschen am nächsten Tag wieder. Das Gespräch mit ihm, bei dem ich nun dabei bin, kann seine Sichtweise ganz gut ergründen. Leider bewahrheitet sich, was seine Frau gesagt hat. Der Schutz des Kindes kann – mit Hilfe des Jugendamts – sicher gestellt werden. Die Ehe allerdings kann nicht gerettet werden.

 

Kein großer Erfolg. Allerdings doch eine Idee, wie man die Angemessenheit der Situation herstellen kann, wenn man es will. Es kann nicht sein, dass die Väter nicht berücksichtigt werden, nur weil sie mit dem System Spital und Betreuung nicht leicht zu Recht kommen. So wie in der Schule kann dieses System eher mit Kindern, Müttern, Mädchen, als mit Knaben und mit Vätern. In Spitälern haben wir Umgangsregeln wie Bravheit, Anpassung, Anerkennung der Regeln der Ärzte und Schwestern (lieg’ brav im Bett, zeige Schmerz durch Weinen und Traurigkeit und verzichte gern auf Freiheit!). Die sogenannt männliche Krankheitsverarbeitung wird kaum berücksichtigt: Männer reagieren auf Belastung mit Bewegung, auf Schmerz mit Zorn und auf die Vermutung, dass man sie beschuldigen will, mit Flucht. Das stimmt natürlich nicht für alle Männer und nicht in allen Situationen. Auch Männer sind schwach, wenn sie krank sind. Aber dazu müssen sie schon ziemlich krank sein. Und auch Männer halten sich an die Regeln eines Spitals, aber an sich versuchen sie, sich und ihre Familien durch aggressives Verhalten – auch im positiven Sinn der Aggression – zu schützen.

 

In einem Nachtdienst werde ich als Oberarzt gerufen. Eine Familie ist in der Säuglingsstation aufgenommen worden. Nun sind sie mit der Zimmersituation unzufrieden und wollen wieder nach Hause gehen, sagt man mir am Telefon. Das Kind hat Hunger an der Brust, also keine lebensbedrohliche Erkrankung. Die Mutter hat nicht bemerkt, dass sie zu wenig Milch hat.

Als ich auf Station komme, steht die Familie im Badezimmer. Das Kind wurde, wie es heißt, „übernommen“: Gewaschen, gewogen, vermessen. Der Vater hält das Kind nun mit dem Kopf zur Brust. Er sagt, dass die Frau und das Kind nicht hierbleiben können, weil die Mutter heute Nacht aus Platzmangel im Nebenzimmer und nicht direkt neben dem Bett des Kindes schlafen kann. Wissend, dass das Kind auch in der Beratung durch einen Facharzt genesen kann, stimme ich ihm zu. Die Familie kann gehen, sage ich. „Was wird dann gemacht?“, fragt er. „Nichts“, sage ich, „sie gehen einfach morgen zum Facharzt.“ „Aber was wird dann mit meinem Kind?“, sagt er aggressiv. „Es wird gesund“, antworte ich. Das Gespräch wird nun schwierig, wie ich es von Anfang an wusste. Die anwesende Schwester, die mich zugezogen hat, erträgt die Spannung schwer und beginnt zu erklären wie man Hunger an der Brust behandelt. Dass Zusatznahrung angeboten werden muss und zwar wie und wann. Ich unterbreche sie. Denn sie hat mich gerufen, um das Problem, das sie nicht lösen konnte, zu bearbeiten. Zeit für Erklärungen hatte sie vorher reichlich. Es geht meiner Ansicht nach nun darum, ob ein Behandlungsvertrag mit der Klinik abgeschlossen wird und nicht um Zusatznahrung. Ich mache das deutlich und verlasse das Bad. Von draußen höre ich, wie das Ehepaar streitet. Weiblich-mütterlicher Wunsch zu bleiben und dem Kind sofort und in dieser Nacht zu helfen, gegen männlich-herrischen Wunsch es nach seinen Vorstellungen zu machen, prallen aufeinander. Mutter und Kind bleiben.

 

Keine schöne Szene, werden sie sagen. Ich habe, wie es unter Männern üblich ist, den angebotenen Konflikt ausgetragen. Es ging in dem Vater meiner Ansicht nach Folgendes vor: In dem Versuch, seine Frau und sein Kind zu schützen und dem daraus folgenden Imponiergehabe, hat er die angebotene Unterbringung, die nicht optimal, aber doch sehr gut war, abgelehnt. Vielleicht hat die Frau auch vorher gesagt, dass sie ihr Kind nicht aus den Augen lassen will und keinesfalls einwilligt, nicht neben ihrem Kind zu schlafen. Er wollte also seine Frau und sein Kind schützen und wird, wie ein Mann, aggressiv. Er sagt, dass sich das sofort ändern muss, schimpft mit den Schwestern, stellt Vermutungen in den Raum, dass er schlechter, als andere behandelt wird und droht mit dem Behandlungsabbruch (oder besser der Verweigerung des Behandlungsvertrags). In dieser Situation geht es nicht darum, den Vater zu beruhigen. Denn jede Beruhigung wird nur als Ablenkung empfunden und zum neuen Anlass die Familie zu beschützen. Daher ist der Konflikt auszutragen. Leicht wird das dem Arzt, weil die Umstellung der Ernährung des Kindes leicht ist und der Klinikaufenthalt indiziert wurde, weil das Kind viel schrie.

 

Die Rolle des Vaters ist, phylogenetisch betrachtet, für die Familie zu jagen und sie gegen Feinde zu beschützen. Dass der Vater selbst als Feind gesehen wird, ist eine historisch sehr neue Sichtweise. Das römische Recht gesteht dem pater familiae die Entscheidung über Leben und Tod der Kinder zu. Erst wenn der Vater nach der Geburt das Kind als Familienmitglied aufgenommen hatte, durfte es gesäugt werden. Das änderte sich in den letzten hundert Jahren dramatisch. In den Hollywoodfilmen der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war die Szene beliebt, in der sich der werdende Vater vor dem Kreissaal nervös mit Blumen in der Hand herumdrückt. Er wurde zum ängstlich wartenden, zum Objekt der Kreißenden und des Gynäkologen . Hier kündigt sich schon ein Wechsel an, der sich in der „Geburt der Familie“ im heutigen Kreißsaal fortsetzt. Der Vater wird tendenziell zur Lachfigur, er entscheidet nicht mehr über das Überleben des Kindes, sondern er hat sich einem weiblich geprägten Organisationssystem anzuschließen, in dem Mutter und Kind regieren und sich allenfalls zu freuen, wenn ihm ein smegmaverschmierter Säugling auf den Arm gelegt wird und er denselben waschen kann/darf. Die Änderungen, die solche kleine Szenen auf die Organisation und Interaktion einer Familie haben, sind nicht abzusehen. Der Vater hat seine jahrhundertelang erworbene Rolle und Rechte verloren und, wie uns die gender Kennerinnen einreden wollen, dafür ein neues und liebevolleres Verhältnis zu seinen Kindern eingetauscht. Die Realität weicht allerdings von diesen Hoffnungen weit ab.

 

Tatsächlich werden in Ballungsräumen bis zu 70 Prozent der Ehen geschieden, und die Väter leben dann nicht mehr mit ihren Kindern zusammen. Sie zahlen lediglich Alimente. Die neue Beziehung zu den Kindern, die sich auf der Grundlage einer Liebesbeziehung zur Frau entwickeln soll, scheitert daran, dass Eheleute sich immer wieder einer Liebe versichern wollen, die in den Routinen des Alltags einer Aufzuchtsgemeinschaft untergeht. Dann trennt man sich, einfach, weil man sich nicht mehr liebt und die Kinder kein Gegenargument sind, diese werden in aller Regel den Frauen zugesprochen und der Vater wird ein Besuchsvater. So hat es sich entwickelt, und es sieht nicht so aus, als ob sich das bald ändern würde. Was gleichgeblieben ist, ist, dass Väter instinktiv ihre Rolle des Jagens und Schützens weiterleben – müssen. Sie können nicht anders und haben auch keine anderen Verhaltensideen. Es gibt dafür auch kaum Vorbilder, und wenn sie angepriesen werden, so haben sie oft einen komischen Beigeschmack. Der Vater, der hilflos bei der Geburt dabei ist und nicht weiß, was er machen soll; der Vater, der mit seinem Kind spielt, das weniger als ein Jahr als ist; der Vater, der sein Kind nährt und wickelt, während ihm seine Frau zusieht – all das sind eher Lachnummern als neue und konkrete Angebote an Männer, wie sie sich verhalten sollen.

 

Von einem Vater wird berichtet, dass er alkoholkrank sei. Die Mutter und das Kind sind bei uns an der Klinik aufgenommen worden, weil das achtjährige Mädchen immer wieder schwindlig wird und deshalb aus der Schule nach Hause geschickt wurde. Die neurologische Untersuchung war unauffällig. Die Mutter hat im Zug von Anamnese und Untersuchungen berichtet, dass es schon lange zu Hause schlecht geht. Der Vater sei ein Trinker, seinem Beruf als LKW Fahrer würde er zwar nachgehen und das Geld nach Hause bringen, die eheliche Gemeinschaft sei aber nachhaltig gestört.

Ich lade den Vater ein, der sofort, gern und pünktlich kommt. Er berichtet: Er ist bei einem Unternehmen angestellt, das vor einem Jahr den Auftrag bekommen hat, Leerflaschen in Wien zu sammeln. Das macht er drei Tage die Woche in denen er in Wien im LKW schläft. Am Sonntag, bevor er mit seinem LKW nach Wien fährt, bereitet er sich mit Hilfe eines Laptops auf die Tour vor, da er sich in Wien nicht auskennt und das im LKW vorhanden GPS System manche Straßen und Kreuzungen, an denen die Container stehen, nicht kennt. Kommt er dann donnerstags nach Hause, muss er noch am Freitag und oft auch am Samstag arbeiten. Er kann sich in Wien nicht waschen und verrichtet schwere körperliche Arbeit. Im LKW gibt es zwar eine Klimaanlage, aber die Temperatur steigt in der Fahrerkabine oft auf über 30 Grad Celsius. Am Abend geht er mit den anderen Fahrern dann ins Gasthaus und freut sich auf ein Bier, es werden manchmal auch zwei oder drei.

Er war vor Jahre in einer Sonderkrankenanstalt zur Entwöhnung und ist seither kein Alkoholiker mehr. Er hat gelernt sozial verträglich und auch seinem Beruf angemessen zu trinken.

Seit Jahren verweigert ihm die Frau den ehelichen Verkehr. Sie sagt, dass es ihr vor ihm graust. Er versteht, dass er nicht sehr ansehnlich ist, wenn er von Wien kommt. Aber er macht das doch alles für die Familie. Es stimmt zwar, dass er, als er noch Alkoholiker war, manchmal zornig wurde, seine so zarte Frau hat er aber nie geschlagen. Er vermutet, dass das Kind krank ist, weil ihm seine Frau immer wieder sagt, dass sie den Papa schon verlassen würden, wenn sie es sich nur leisten könnten. Sie haben das Haus miteinander gebaut, und dieses Haus müssten sie eben verkaufen, wenn es zur Trennung käme. Für ihn ist es ebenso unklar, wo er dann leben würde, wie er sich nicht vorstellen kann, wie seine Frau und seine beiden Kinder dann leben werden. Er weiß auch nicht, warum seine Frau sein Bemühen und seine Heilung nicht anerkennt und auf die Trennung hinarbeitet. Sein Gehalt, der an sich sehr gut ist, wird für die Spesen für Haus und Kinder völlig verbraucht, so dass er weder für sich, noch für die Familie Vorkehrungen für Später treffen kann.

 

Eine alltägliche Geschichte werden Sie sagen. Das stimmt. Alltäglich in dem Sinne, dass es keine Verhaltensnormen für diesen Mann geben kann, die mit einem klassischen Mannbild vereinbar wären. Und neue Regeln gibt es noch nicht. Er hat –wegen der Schwierigkeit mit dem Alkohol – sich in eine entsprechende Behandlung begeben, die geholfen hat, so dass er wieder LKW fahren kann. Er bringt so viel Geld nach Hause, wie er kann. Er bleibt unbedankt. Er ist zu Hause alleine und sitzt im Keller an seinem Laptop. Wenn man ihm auch nicht alles glauben muss und er sich wahrscheinlich in einem besseren Licht dargestellt hat, als er wirklich ist, so ist auch die Angabe der Frau, dass er wieder alles Geld vertrinkt und zu Hause nur unerträglich ist, zu hinterfragen. Die Idee der Ehe des Mannes: Geld zu Hause abliefern, dafür aber regelmäßiges Essen und Sexualität, ist nicht zeitgemäß. Diese Art des „Gattenvertrags“ wie ihn viele Rechtsvorstellungen noch haben, in dem zum Beispiel Strafen für Sexualitätsverweigerung niedergeschrieben werden, sind aufgehoben. Es wird allgemein verstanden, dass die Frau sich ekelt. Es ist ihr gutes Recht, so höre ich, die „ehelichen Pflichten“ zu verweigern. Selbst das Wort: „eheliche Pflichten“ wird nur mehr in seiner Komik benutzt, in der Rechtssprechung hat es seinen Stellenwert verloren. Sex ist freiwillig und muss Spaß machen. Alles andere gerät in die Nähe der Vergewaltigung in der Ehe, ein neuer Tatbestand, der die Änderung der Einstellungen gut nachvollziehen lässt. Kein Zweifel: Die philosophische Geburt des Individuums und die Selbstbestimmung der Frau, die ich begrüße, hat diese Änderung mit sich gebracht, und nun muss sich keine Frau mehr „um des lieben Friedens“ hingeben, wie es noch vor 40 Jahren war und in vielen Weltgegenden noch ist. Ein Fortschritt also. Allerdings ohne neue Verhaltensregeln für die Gestaltung der Ehe und deren letzte übriggebliebene Aufgabe der Erziehung der Kinder. Nach dem Wegfall der Güter- und Produktionsgemeinschaft war die Ehe ohnehin schon anfällig geworden. Mit der Idee der Liebensheirat und der Zugrundelegung der Liebe als bindendem Element wurde sie noch fragiler. Und mit der Selbstbestimmung beider Partner wurde sie zu einer Lebensabschnittsgemeinschaft, die man positiv, im Sinne der Vielfalt der Erfahrungsmöglichkeiten sehen kann, oder negativ dort, wo nicht die finanziellen und bildungsmäßigen Ressourcen vorhanden sind, wie bei den Hollywoodstars, die das „neue Leben“ vorleben.

 

Ein Kind wird nächtens eingeliefert. Als der Vater, der mit dem Kind allein zu Hause war, es schlafend in sein Bett im Obergeschoß des Hauses trug, streifte er den Spiegel im Stiegenhaus, der zerbrach und die linke Gesichtshälfte des Kindes zerschnitt. Der Vater erlitt eine Platzwunde am Hinterkopf. In einer achtzehnstündigen Operation wurde das Gesicht des Kindes versorgt, das nun lebenslang eine einseitige Geschichtslähmung haben wird. Viele Operationen werden folgen müssen, um das außerordentlich gute kosmetische Ergebnis sicherzustellen.

 

Die Kinderschutzgruppe wird gefragt, was man machen soll. Der Vater, Akademiker, ist in Frührente. Er hatte ein Alkoholpro- blem, er leidet an Zuckerkrankheit, Leberfunktionsstörungen. Die Mutter ist manchen Mitgliedern des Teams bekannt. Man will weder die Familie zusätzlich belasten, aber es ist der Psychotherapeutin beim Gespräch am Tag nach der Operation aufgefallen, dass die Eltern kein Schuldgefühl gezeigt haben. Außerdem wurde von der - angeblich überwundenen - Alkoholkrankheit des Vaters nie gesprochen. Und der Unfallhergang ist nicht nachvollziehbar. Wie sollen die Scherben des Spiegels gefallen sein, um erst dem Vater den Hinterkopf und dann dem Kind das Gesicht in so außerordentlicher Weise zerschnitten zu haben? Der Gerichtsmediziner war noch nicht gefragt worden, weil man nicht wusste, wie man dessen Zuziehung begründen sollte, könnte sie doch ein Hinweis einen Misshandlungsverdacht sein.

 

Hier hilft es sich an das Prinzip der Kinderschutzgruppe zu erinnern: Es geht um den Schutz des Kindes. Wenn dieser Vater vielleicht auch nicht mit Absicht das Kind so schwer verletzt hat, so konnte er es doch nicht schützen. Es wird daher überlegt eine Meldung an die Jugendwohlfahrt zu machen. Da aber weder der Vater selbst, noch die Mutter die gesundheitlichen Probleme des Vaters angesprochen haben und man diese nur vom Hörensagen kennt, will man, dass das Jugendamt nachsieht, wie das Kind betreut wird, wenn die Mutter außer Haus ist.

 

Ich wehre mich gegen diesen Auftrag an das Jugendamt. So kann das Kind nicht geschützt werden. Das Jugendamt wird eine gut funktionierende Kleinfamilie vorfinden, in der der Vater sein Kind betreut und nun einen bedauerlichen Unfall zu verarbeiten hat. Das wird das Ende dieser Meldung sein. Ich favorisiere ein Konfrontationsgespräch mit dem Vater, in dem ich einerseits dessen gesundheitliche Probleme anspreche, den Gerichtsmediziner zuziehe und einen Lokalaugenschein wegen des Verdachts auf mangelnde Obsorge mit schweren körperlichen Verletzungsfolgen in den Raum stelle. Zuletzt will ich versuchen, dass das Kind nicht mehr mit dem Vater allein ist.

 

Im Konfrontationsgespräch (das andere Teammitglieder machen) zeigt sich, dass der Vater berichtet, anlässlich des Fußballabends im Wohnzimmer mehrere Flaschen Bier getrunken zu haben. Er war unsicher auf den Beinen, als er seine Tochter in das Obergeschoß getragen hat. An den Unfall kann er sich nicht so genau erinnern, er muss zu Sturz gekommen sein, er weiß es nicht mehr so genau. Die Scherben sind natürlich längst entsorgt, er ist aber nicht überrascht, dass man ihn verdächtigt. Eher hat man den Eindruck, dass er wie ein Täter ist, der nun endlich erwischt wurde. Die empfohlenen Schritte werden eingeleitet, das Jugendamt bekommt einen nachvollziehbaren Auftrag, nämlich Sorge zu tragen, dass das Kind bei beruflicher Abwesenheit der Mutter nicht beim Vater ist, die Mutter kann die Problematik ihres 30 Jahre älteren Mannes einsehen und wir können zwar nicht ungeschehen machen, was passierte, aber vielleicht doch weitere Schäden verhindern.

 

Väter als Täter, das alte Lied? Welche Rolle haben Väter, wenn ihre Frauen die Misshandlerinnen sind? Dieses Gebiet ist weitgehend unbekannt. Die wenigen Beispiele, die wir kennen gelernt haben, waren allerdings unerfreulich.

 

Am Anfang unserer Tätigkeit stand eine Angehörigen eines medizinischen Berufs, die ein herzkrankes Kind geboren hatte. Das Kind litt an einem nicht strömungswirksamen ASD. Bei der jährlichen Kontrolle durch die Kardiologin fiel auf, dass exakt jene Rippen gebrochen waren, die bei einer offenen Herzoperation hätten durchtrennt werden müssen. Verwundert fragte die Oberärztin, ob das Kind auswärtig operiert worden sei? Da die Antwort negativ ausfiel, konfrontierte sie die Familie mit den Verletzungen, sprach allerdings keinen Misshandlungsverdacht aus. In den darauffolgenden Monaten erfuhren wir die Dynamik der Misshandlung: Die perfekt seien wollende Mutter konnte die Missbildung ihres zweiten Kindes nicht verwinden. Psychiatrischerseits wurde festgestellt, dass sie im Augenblick der Tat, als sie ihr Kind so fest drückte, dass ihm die Knochen brachen, unzurechnungsfähig gewesen war und dass sie ihr Kind, nach Behandlung und bei laufender psychiatrischer Therapie, weiter versorgen konnte. Der Vater schützte seine Frau und sein Kind. Er sah, dass die Perfektion seine Frau zu dieser Misshandlung getrieben hatte und versuchte sie zu entlasten. Es spielte auch eine Rolle, dass die Familie im Ort sehr angesehen war, und dass die Familie Schande vermeiden „musste“. Die Aufregung, die das Verfahren machte reichte aber, um das Kind nachhaltig vor Misshandlung zu schützen. Ob eine andere Umgebung besser für das Aufwachsen des Kindes gewesen wäre, stellt eine hypothetische Geschichtsschreibung dar und muss daher offen bleiben.

 

Die Kinderschutzgruppe hatte allerdings damals noch das innere Bedürfnis die Frau zu strafen und manche der Mitglieder verließen die Gruppe zornig, weil diese Frau straffrei ausgegangen war. Als wir aber Jahre später ein fast gleich verletztes Kleinkind sahen bei dem die Verletzungen ebenfalls von der Mutter herrührten, aber im Rahmen einer Vojta Therapie zugefügt wurden und ein Gutachten eines Kollegen bestätigte, dass diese Art von Verletzungen sehr wohl als unerwünschte Nebenwirkung der speziellen und anerkannten Physiotherapie bei Cerebralparese angesehen werden können, da relativierte sich das Bestrafungsbedürfnis nochmals und das Prinzip der Kinderschutzarbeit: Vor allem das Kind zu schützen, trat als einzig Verantwort- und Verfolgbares wieder in den Vordergrund.

 

Stellt der Missbrauch allerdings eine Beziehung zwischen Knaben und Mutter her, so ist ein „Aufbrechen“ dieser Situation selbst unter Zuhilfenahme eines Spitals sehr schwer.

 

Aus einem etwa zweihundert Kilometer entfernten Spital übernahmen wir einen Patienten, 32 jahre alt, der Down Syndrom hat. Er hatte mit 31 Jahren, voll integriert, Posaunist der Feuerwehrkapelle, erwünschter Sohn eines erfolgreichen Weinbauern, zu essen aufgehört. Als wir ihn kennen lernten, konnte er kaum noch sprechen, war bettlägerig, zeigte atrophe Beinmuskulatur und ein Dekubitalgeschwür. Er aß fast nichts. Mutter und Schwester bemühten sich liebevoll um ihn. Im Zimmer wurde eine Madonnenstatue aufgestellt und mehrfach täglich zur Mutter Maria gebetet. Dabei wurde Weihrauch eingesetzt, der das ganze Zimmer und auch die Station erfüllte. Jede Nacht machte entweder Mutter, oder Schwester, die eigens anreiste, Dienst bei dem jungen Mann. Nach langem Zögern wurde von uns die Indikation zu einer PEG Sonde gestellt, der junge Mann nahm unter enteraler Ernähung gut zu und wurde auch insgesamt gebessert. Die PEG Sonde wurde von den Angehörigen gepflegt, fortwährend gewaschen, und es kam letztlich zur lokalen Eiterung. Den Vater, im Ort eine lokale Berühmtheit, sahen wir trotz Einladung nie. Die Interaktion mit den Frauen der Familie gestalte sich schwierig, der Zugang zu dem jungen Mann war wie durch eine Mauer, die sie errichteten, fast unmöglich. Im Telefonat bezeichnete der Vater seinen Sohn als schwachsinnig, seine Frau als psychiatrisch krank und bat aufgeregt, nicht mehr belästigt zu werden.

Von einem Läuten herbeigerufen, betrat die Nachtdienstschwester das Krankenzimmer, um ansehen zu müssen, dass die Mutter, auf dem Sohn reitend, geschlechtlich mit ihm verkehrte. Die Lichter der Madonnenstatue erhellten die Szene, die Mutter, sichtlich erhitzt, tat ihr Bestes, um den Sohn zu befriedigen. Sie hatte die Schwester unwillkürlich verständigt, da das Bett an die Klingelvorrichtung anstreifte. Der Vater wurde wieder kontaktiert, verbat sich aber jedes Gespräch. Die Anzeige bei der Exekutive blieb folgenlos. Empört verließ man unser Spital und beschwerte sich, ebenfalls folgenlos.

 

Das kranke Kind, der fehlende Vater, die gestörte Ehebeziehung, der religiöse Überbau und das falsche Engagement der Familie hatten zu einer verzerrten und missbrauchenden Beziehung geführt, die das Leben des Kranken nachhaltig schädigte. Die Intervention hat – so weit wir wissen – derart geholfen, dass die Mutter von ihrem Sohn abließ und sein Zustand sich besserte.

3 Zum ausführlichen Studium dieser Veränderung empfehle ich mein Kapitel: Die psychologisch-historische Dimension von Schwangerschaft und Geburt. In: S. Schindler, H. Zimprich: Ökologie der Perinatalzeit. Hippokrates, Stuttgart, 1983(!), Seite: 64-71

1 Peter J. Scheer begründete die erste österreichische Kinderschutzgruppe 1988 geminsam mit M. Höllwarth und leitet die der Univ.-Klinik f. Kinder- und Jugendheilkunde seither.

2 Vortrag anlässlich der Grazer Kinderschutz- tagung am 9.10.2010

Fazit für die Praxis
... Unzählige Geschichten fielen mir noch ein. Kein Wunder, nach so langer Zeit im Kinderschutz. Eines bleibt aber bestehen: Die Dimension Vater ist oftmals abwesend. Sie in die Kinderschutzarbeit hineinzuholen, oftmals sowohl gegen den Widerstand der Arbeitenden, als auch der Väter selbst, kann diese Arbeit erfolg- reicher machen.
Zur Person
Univ.-Prof. Dr. Peter Scheer
Kinder- und Jugendfacharzt, Psychotherapeut,
Lehrtherapeut der ÖÄK, Leiter der Psychosomatik & Psychotherapie der Abt. f. Allg. Pädiatrie der Univ.-Klinik f. Kinder- und Jugendheilkunde, Graz

Peter J. Scheer1, Pädiatrie & Pädologie 4/2011

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