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Abb. 1: Je häufiger ein Kind in den ersten 24 Stunden effektiv saugt, desto besser kann Prolaktin seine Wirkung entfalten.
© www.karlgrabherr

Abb. 2: Clusterfeeding eine schwierige Phase, die sich mit richtiger Information und guter Begleitung besser bewältigen lässt.

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Abb. 3: Bei Trennungen nach der Geburt unterstützt Haut-an-Hautkontakt den Stillbeginn

© Obergruber

Abb. 4: In Stillgruppen erfahren Mütter, dass Zeiten erhöhten Bedarfes normal sind.

 
Kinder- und Jugendheilkunde 18. Oktober 2011

Babys wissen, was sie brauchen – Mütter brauchen Bestärkung

Häufige Stillmahlzeiten verunsichern besonders junge Eltern. Hier hilft Information.

Besonders beim ersten Kind haben junge Eltern oft unrealistische Erwartungen an das Leben mit dem Neugeborenen. Verständnisvolle Beratung und Begleitung in der oft überraschend anstrengenden ersten Zeit hilft der jungen Familie nicht nur, das Stillen gut zu etablieren, es kann auch die Wahrnehmung der Eltern schulen, die Kommunikation zwischen Mutter und Kind und insgesamt die Eltern-Kind-Interaktion fördern.

Häufiges Anlegen in den ersten 24 Stunden

Häufiges Anlegen regt die Milchbildung an! Obwohl das schon lange bekannt ist, wird selten darauf gedrängt, dass Mütter die Fütterungs- oder Stillzeichen schon in den ersten 24 Stunden beachten und entsprechend beantworten.

Das Saugen des Babys ist der wichtigste Impuls, der die Ausschüttung des Prolaktins anregt. In der Schwangerschaft wurde eine große Zahl von Prolaktinrezeptoren gebildet. Je öfter das Baby in den ersten Stunden und Tagen saugt und die Brust effektvoll entleert, desto rascher werden die Rezeptoren besetzt und das Prolaktin kann seine volle Wirkung entfalten. Bei seltenem Stillen bilden sich die „unbelegten“ Rezeptoren zurück. In so einem Fall kann sich der Milcheinschuss verzögern, und manche Mütter berichten auch in der späteren Stillzeit, dass es unter Umständen mehr Aufwandes bedarf, eine ausreichende Milchbildung aufrecht zu erhalten. Häufiges und effektives Stillen von Anfang an ist ganz entscheidend für die Milchmenge.

In den „Klinischen Leitlinien zur Etablierung des ausschließlichen Stillens“ wird dazu aufgefordert, die Mütter dazu anzuleiten, die frühen Stillzeichen des Säuglings zu erkennen und darauf zu reagieren (Tab. 1). Säuglinge sollten bereits in den ersten 24 Stunden und natürlich auch in den nächsten Wochen mindesten acht- bis 12mal gestillt werden.

 

Stillen als Antwort auf die frühen Stillzeichen – im Gegensatz zum Stillen nach Zeitplan – bringt ein besseres Outcome: Es schützt vor pathologischem Milcheinschuss und verringert das Auftreten von wunden Mamillen (Renfrew 2000). Es stellt sicher, dass die Milchmenge der Mutter dem Bedarf des Säuglings entspricht (Daly, Hartmann 1995), es verringert das Auftreten von Hyperbilirubinämie (Bertini 2001; Maisels 1994); es stabilisiert die Serumglucosewerte des Neugeborenen (Eidelmann 2001; Yamauchi 1997); es verringert den anfänglichen Gewichtsverlust des Säuglings und erhöht die Gewichtszunahme; es fördert das Einsetzen der Bildung von reifer Muttermilch (Humenik 1994; Uvnes Moberg 1990; Yammauchi 1990) und verlängert die Gesamtstillzeit (AAP 2005; Hornell 1999; Kurinij 1991; Renfrew 2000). Die prompte Reaktion auf die frühen Stillzeichen des Säuglings erleichtert das effektive Ansaugen und Saugen, was folglich das Interesse der Mutter, ihr Kind zu stillen, bestärkt (Marchini 1998; Widstrom 1990).

Verzögerter Stillbeginn

Es gibt verschiedene Ursachen, die den Stillbeginn beeinflussen können. Viele Schwierigkeiten können verhindert oder schneller beseitigt werden, wenn das Baby nicht von der Mutter getrennt und so oft wie möglich in Hautkontakt mit ihr ist. (Re-bonding). Wenn der Säugling die Brust trotz Hautkontakt, gemeinsam im Bett liegen und wiederholten Anlegeversuchen verweigert, weil ihm noch schlecht ist und er Fruchtwasser erbricht, ist es unerlässlich, die Prolaktinausschüttung und damit die Milchproduktion durch Kolostrum-Massage (nach Plata Rueda) und anschließendem Gewinnen des Kolostrums von Hand oder Pumpen anzuregen. Dasselbe gilt bei sehr schläfrigen Babys oder wenn ein Neugeborenes aus medizinischen Gründen von der Mutter getrennt werden muss. Manche Babys sind in den ersten 24 Stunden noch eher ruhig, zeigen nur ganz schwach die Stillzeichen, auch hier ist die Kolostrum-Massage besonders effektiv. Sie kann ebenfalls mindestens achtmal in 24 Stunden von der Mutter selbst (angeleitet durch die Schwester oder Hebamme) durchgeführt werden und ist in fast jeder Situation möglich. Brustmassage ist nicht invasiv, wenn nötig im Liegen durchführbar und für die Mutter angenehm. Wenn der Milchspendereflex ausgelöst worden ist, kann das Kolostrum mit einer Spritze aufgefangen und dem Baby auf die Lippen oder in den Mund geträufelt werden. Stoffwechsel und Verdauung des Neugeborenen werden angeregt, und in der Folge beginnen die Kinder oft zu saugen. Die Mutter erlebt, dass sie Milch hat und das Stillen funktionieren wird.

Clusterfeeding – gehäufte Stillmahlzeiten

Clusterfeeding, gehäufte Stillmahlzeiten, „Lagerfeuer stillen“, „Mehrgang-Menü-stillen“ – diese Begriffe beschreiben alle jenes Phänomen, das für viele jungen Mütter beängstigend und frustrierend sein kann. Neben den eigenen Ängsten werden Mütter von gutgemeinten Ratschlägen und Meinungen verunsichert, und häufig wird durch frühzeitige Zufütterung das Stillen gestört oder erschwert.

 

Eigentlich handelt es sich um ein typisches Trinkverhalten in den ersten Wochen. Das Kind trinkt eine kurze oder längere Zeit, hört auf, schläft vielleicht sogar für einige Minuten ein, beginnt dann erneut zu trinken um nur wieder bald einzuschlafen und nach kurzer Zeit wiederum nach der Brust zu verlangen. Dieses Dauerstillen tritt besonders häufig in den späten Nachmittag- und Abendstunden auf und kann sich über mehrere Stunden hinziehen. Cluster-Phasen können sehr anstrengend und nervtötend sein, rechtzeitige Information und gute Begleitung nehmen den Druck, beruhigen die Eltern und sichern oft eine ungestörte weitere Stillzeit.

Einleuchtende Erklärungen für diese Stillmarathons gibt es viele

  • So haben kleine Babys nur ein sehr kleines Fassungsvermögen ihres Magens Während der Schwangerschaft wurden sie permanent über Plazenta und Nabelschnur mit Nahrung versorgt. Kleine häufige Mahlzeiten entsprechen diesen prä- und frühen postnatalen Bedingungen eher als seltenere große Mahlzeiten und sie vermeiden weitgehend Spucken, Koliken und Hypoglykämien.
  • Saugen und Stillen braucht besonders in den ersten Tagen viel Kraft und Energie und erfordert Training, deshalb legen Neugeborene eben gerne kurze Rast- und Schlafpausen ein.
  • Die immer wieder kehrenden Stillepisoden regen bei der Mutter die Ausschüttung des für die Milchbildung wesentlichen Hormons Prolaktin an. Zwar ist Prolaktin bereits nach fünf Minuten an den milchbildenden Zellen nachweisbar, innerhalb von 20 bis 30 Minuten erreicht es die höchsten Werte, seine volle Wirkung auf die Zelle und die Milchproduktion entwickelt Prolaktin jedoch erst nach 8 – 16 Stunden. So könnte man sagen, dass das abends dauerstillende Baby die Milchbestellung für den nächsten Tag aufgibt. Wird hier übervorsorglich zusätzliche Flüssigkeit oder Nahrung angeboten, kann dieses interessante Wechselspiel empfindlich gestört werden.
  • Die Still- und Laktationsberaterin Diane Wiesinger, IBCLC aus den USA beschreibt, dass auch die kindlichen Hormone beim Clusterfeeding eine wesentliche Rolle übernehmen. Während der ausgiebigen Saugperioden wird das Hormon Cholezystokinin ausgeschüttet. Ist der Hormonspiegel nach einiger Zeit Saugen ausreichend angestiegen, vermittelt dies dem Kind das Gefühl der Sättigung. Der Cholezystokininwert sinkt aber relativ rasch wieder ab, sodass das Kind vielleicht nach 10 oder 20 Minuten bereits wieder ein Hungergefühl entwickeln kann und wiederum zu Saugen beginnt. Diese Schlaufe kann sich mehrmals wiederholen, bevor das Kind in einen tiefen, längeren Schlaf fällt. Während der gehäuften Saugperioden konnte sich das Neugeborene vermutlich den gesamten Verdauungstrakt füllen, sodass es sich nun erlauben kann, länger zu schlafen ohne übergroßen Hunger zu riskieren. In diesem Fall ist es der Akt des Saugens, der die Sättigung hervorruft. Saugt das Kind nun am Schnuller statt an der Brust, kann dies die Gewichtszunahme erheblich beein- flussen.

 

Welche Erklärung man für das Verhalten des Säuglings auch heranzieht – es ist ganz normal und macht Sinn. Mütter brauchen die entsprechenden Informationen und Anleitungen bereits in der Schwangerschaft. Man kann den Eltern den Rücken stärken indem man ihnen versichert, dass ihr Baby gut für sich zu sorgen weiß. Eine Mutter, die gut angeleitet ist, kann die Still- und Sättigungszeichen richtig erkennen und entsprechend darauf reagieren. Frauen tut es gut, wenn jemand bestätigt und anerkennt, wie anstrengend dieses Stillen im Akkord sein kann, ihnen aber auch erklärt, dass sich die Situation vermutlich bald ändern wird. (Erfahrungsgemäß ist dieses Bedürfnis nach Clusterfeeding nach zwei bis drei Monaten bei den meisten Babys nicht mehr vorhanden.)

Das Eingehen auf die Bedürfnisse des Kindes nach häufigen kleinen Mahlzeiten nimmt viel Druck und spart im Endeffekt sogar Zeit, da die Stillmahlzeiten kürzer und friedvoller verlaufen, die Kinder generell ruhiger sind, weniger unter Koliken leiden und durch das seltenere Heraufspucken weniger häufig umgekleidet werden müssen. Das Beste, das Eltern für Ihr Kind tun können, ist Stillen nach Bedarf und ausgedehnte Kuschelzeiten.

Beobachtungen und Alarmzeichen

Auch wenn Clusterfeeding ein normales und gesundes Verhalten darstellt, muss gewährleistet sein, dass das Baby tatsächlich ausreichend Kalorien erhält. Worauf können Eltern und Betreuer achten? Zwischen den Clusterfeeding Zeiten gibt es normalerweise auch Schlaf- und Ruhezeiten, die auch die Mutter als solche nach Möglichkeit für sich nutzen sollte. Während der Stillmahlzeiten selbst ist ein guter Milchtransfer zu beobachten, außerdem setzt ein gut gestilltes Kind ab dem 5. Lebenstag bis etwa zur 4.–6. Lebenswoche mehrmals täglich (mindestens 3 Mal) Muttermilchstuhl ab. Nach einem anfänglichen Gewichtsverlust von etwa fünf bis sieben Prozent wächst das Baby etwa entlang seiner Gewichtsperzentile.

Alarmsignale können z. B. wunde Mamillen, ein übermäßiger Milcheinschuss, wiederkehrende Milchstaus der Mutter, starke Gelbsucht, besondere Schläfrigkeit oder Unzufrieden des Kindes über den ganzen Tag sein. Hier brauchen Mütter Begleitung, eine engmaschigere Beobachtung der Gewichtsentwicklung des Kindes ist empfehlenswert, bis die Probleme abgeklungen sind.

Wunde Mamillen, Koliken, Abstände zwischen den Stillzeiten und Clusterfeeding

Oft sind es wunde Mamillen, die eine Mutter daran hindern, ihr Kind ausreichend oft anzulegen. Der häufigste Grund für wunde Mamillen ist ein schlechtes Ansaugen des Kindes, die Brustwarze liegt während des Saugens nicht optimal im Mund des Kindes. Das Kind saugt nur an der Mamille, hat zu wenig Brustgewebe im Mund.

Ist ein Kind durch das Hinauszögern der Stillmahlzeit bereits frustriert und aufgeregt, wurde es mittlerweile vielleicht mit Hilfe eines Schnullers beruhigt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass jenes Kind die Brust nicht optimal ansaugt und durch das heftige hungrige Saugen die Situation an der Mamille verschlimmert.

 

Das Weinen und allzu gieriges Saugen bedeuten für viele Säuglinge ein Miteinsaugen und Verschlucken von Luft, was sich wiederum auf eine eventuelle Kolikproblematik ungünstig auswirken kann. In beiden Fällen würden Mutter und Kind davon profitieren, wenn nach Optimierung der Anlegetechnik so oft und so früh wie möglich gestillt würde. Ein Kind, das noch nicht allzu hungrig ist, lässt Korrekturen seines Saugverhaltens besser zu und kann gemütlich und ohne übermäßigen Druck langsam seinen Magen füllen, was sich auf das Wohlbefinden des Kindes positiv auswirken wird.

Damit erübrigt sich auch die Empfehlung einen gewissen Mindestabstand zwischen den Stillzeiten einzuhalten. Aus den oben genannten Gründen ist es nicht sinnvoll.

Zeiten erhöhten Bedarfes

Während der Stillzeit kommt es normalerweise immer wieder zu Zeiten erhöhtenBedarfes, in denen die Nächte möglicherweise kurzfristig etwas unruhiger werden und die Stillabstände kürzer. Damit passt das Kind das Angebot an Milch seinem gesteigerten Bedarf an. Klassischerweise treten solche Phasen rund um den 7. bis 21. Tag, rund um die 4. bis 6. Woche und zwischen dem 3. bis 4. Monat auf. Nichts und niemand kann die Milchproduktion effizienter steigern als der Säugling selbst. Meist ist das Gleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot schon nach zwei bis drei Tagen wieder hergestellt und die Situation beruhigt sich wieder.

 

Die beratenden und begleitenden Personen können hier wesentlich zur Stärkung der Mutter und der Mutter-Kind-Beziehung beitragen, indem sie darauf hinweisen, dass diese auf den ersten Blick beängstigende und zumindest belastende Abweichung von der eben erst vertraut gewordenen Routine kein Rückschritt in schon überwunden geglaubte Schwierigkeiten, sondern ein natürlicher Entwicklungsschritt ist, dem eine ruhigere Phase folgen wird.

 

Quellen:

ILCA/VELB - Klinischen Leitlinien zur Etablierung des ausschließlichen Stillens

Bergmann Dr. Nils; Vortrag “GOLD Conference”: “Infant feeding frequency: proposal based on available evidence and neuroscience”

Korrespondenz: Europäisches Institut für Stillen und Laktation www.stillen-institut.com, www.velb.org VELB - Verband Europäischer Laktationsberaterinnen Isolde Seiringer, IBCLC, A-6522 Faggen 30 E-Mail:

1 Redaktionsteam des VSLÖ

Tabelle 1 Frühe und späte Stillzeichen
Zu den frühen Stillzeichen gehören:
Saugbewegungen
Sauggeräusche
Bewegungen der Hand zum Mund
Schnelle Augenbewegungen
Sanftes Gurren oder Seufzen
Unruhe
Weinen ist ein spätes Stillzeichen und kann das effektive Stillen erschweren oder behindern.
Fazit für die Praxis
So manche Mutter wird verunsichert durch die Häufigkeit der Stillmahlzeiten, die ihr Kind einfordert. Jene Frauen brauchen Information, dass ein Baby häufig und oft auch in ganz kurzen Abständen gestillt werden möchte. Es gibt keine Regel, die für alle Kinder gilt, da jedes Kind ein Individuum ist mit seinen ganz eigenen Bedürfnissen. Stellt der Pädiater fest, dass die Kinder entsprechend gut gedeihen, so kann er der Mutter versichern, dass mit zunehmendem Alter des Kindes das Stillen leichter wird und die einzelnen Stillmahlzeiten kürzer werden.
Die Autorinnen: Redaktionsteam des VSLÖ
Der VSLÖ ist der Verband der Still- und LaktationsberaterInnen (IBCLC) Österreichs. Personen, die den Titel IBCLC (International Board Certified Laktation Consultant) führen, haben zusätzlich zu ihrem Grundberuf als ÄrztIn, Hebamme, (Kinder-)Krankenschwester, oder einem anderen Gesundheitsberuf eine umfassende Fortbildung zu den Themenbereichen rund um das Stillen, die Laktation und das Bonding und ein international anerkanntes Examen abgelegt. Der Titel „IBCLC“ wird für jeweils 5 Jahre vergeben, das Weiterführen des Titels ist an strenge Fortbildungsverpflichtungen gebunden. Die Arbeit der IBCLCs basiert auf wissenschaftlich fundierten Fakten.
Kontaktadressen:
, www.stillen.at
Zu den Autorinnen
Redaktionsteam des VSLÖ
Eva Bogensperger, IBCLC; DGKS
Andrea Hemmelmayr, IBCLC; DGKS
Angelika Lessiak, IBCLC, Hebamme
Isolde Seiringer, IBCLC

Eva Bogensperger, IBCLC, DGKS; Andrea Hemmelmayr, IBCLC, DGKS; Angelika Lessiak, IBCLC, Hebamme; Isolde Seiringer, IBCLC1, Pädiatrie & Pädologie 4/2011

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