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© Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde

Abb. 1: Das Hauptprogramm der Tagung zeigt das Bild „Mittagskogel“ von Peter Krawagna.

 
Kinder- und Jugendheilkunde 22. September 2011

ÖGKJ: „Pädiatrie quo vadis?“

Gespräch mit Primarius Univ.-Prof. Dr. Robert Birnbacher, Tagungspräsident der 49. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde 6. bis 8. 10. 2011, Congress Center Villach

Lieber Herr Primarius Professor Dr. Birnbacher, wir sind neugierig, Details über die diesjährige Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde zu erfahren.

Pädiatrie & Pädologie: Was drückt das Hauptthema „Pädiatrie quo vadis?“ für Sie und Ihren Arbeitsbereich aus, was für die Tagung? Und: Gibt es bei Ihrer Tagung „Highlights“, die Sie besonders hervorheben möchten?

Birnbacher: Das Motto „Pädiatrie quo vadis“ soll uns allen einerseits einen Fingerzeig geben, in welche Richtung wir uns in der Kinder- und Jugendmedizin in nächster Zeit entwickeln werden, andererseits auf die gesellschaftspolitischen Herausforderungen hinweisen, mit denen wir uns in unserem beruflichen Umfeld ständig konfrontieren müssen. Darüber hinaus zeigt uns dieser Titel aber auch, dass nicht nur der Stellenwert der Kinder- und Jugendmedizin in unserer Gesellschaft, sondern auch die Kinder und Jugendlichen selbst eine bedeutendere und anerkanntere Rolle spielen sollten. Letztendlich ist der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft auch daran abzulesen, ob gesellschaftspolitisches Handeln tatsächlich im Sinne der Kinder erfolgt. Als Hauptthemen haben wir Psychosomatik, Jugendmedizin und Neuropädiatrie gewählt, und diese Themen werden auch einen entsprechenden zeitlichen Rahmen von insgesamt vier Stunden bekommen, wobei zwei der vier Stunden als Plenarsitzungen, d. h. ohne jedwede Parallelveranstaltung, abgehalten werden. Dies ist uns deshalb besonders wichtig, weil wir tatsächlich diese Themen in das Zentrum der Tagung rücken wollen, weil sie für alle Kinder und Jugendärzte bzw. in der Kinder- und Jugendmedizin tätigen Kolleginnen und Kollegen von größtem Interesse sind und daher keine Überschneidung mit anderen Spezialvorträgen sinnvoll erscheint.

Um unserem breiten Fachgebiet gerecht zu werden, haben wir Themenblöcke über alle Subspezialisierungen unseres Faches in die Jahrestagung integriert. Dabei haben wir nicht nur dem Fortbildungscharakter der Jahrestagung einen Schwerpunkt gewidmet, sondern auch den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen in allen Subspezialitäten (Teilgebieten) unseres Faches, um dem Motto der Tagung „Pädiatrie quo vadis“ gerecht zu werden. In sieben verschiedenen Vortragsälen finden die jeweiligen Sitzungen statt, wobei wir unseren Schwerpunkten Neuropädiatrie, Psychosomatik und Jugendmedizin neben einer jeweiligen Plenarsitzung auch einen weiteren Themenschwerpunkt gewidmet haben, sodass für die Hauptthemen der Jahrestagung insgesamt vier Stunden zur Verfügung stehen. Wichtig war uns, die Hauptthemen auch als Plenarsitzung abzuhalten, um allen Kongressteilnehmern die Möglichkeit einer Teilnahme zu geben. Sieben zusätzliche Lunch- und Satellitensymposien liefern uns mit hochkarätigen Vortragenden neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Ernährung, des Impfwesens, der Kinderdermatologie, der Allergologie und Pulmonologie sowie der Endokrinologie.

Wir haben die Psychosomatik als Schwerpunkt gewählt, weil wir als Kinder- und Jugendärzte in einem zunehmenden Ausmaß mit psychosomatischen Krankheiten im Kindes- und Jugendalter konfrontiert sind. Zahlreiche somatische Störungen im Säuglings-, Kleinkinder- und Schulalter sind psychosomatisch verursacht. Die Diagnose und Therapie ist nur durch das Zusammenspiel von Organmedizin und Psychosomatik möglich. Störungen kann der Kinder- und Jugendarzt im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen erkennen und die entsprechenden Schritte einleiten.

Das Bedürfnis immer und überall erreichbar zu sein, sich mit Freunden zu vernetzen und zu kommunizieren, ständig über die eigenen Aktivitäten und Gedanken zu berichten, scheint ein unumkehrbarer Trend zu sein, der durch die hohe Nutzung des Mobiltelefons und das rasante Wachstum der Zahl von Nutzerinnen sozialer Netzwerke wie zum Beispiel Facebook oder Youtube massiv befördert wird. Die Tendenz, technikbezogene Aktivitäten auch in der Zukunft vermehrt zu nützen, wird sich aller Voraussicht nach auch noch verstärken. Der Medienschwerpunkt der Tagung beschäftigt sich mit unserer Jugend in der Mediengesellschaft, sowie mit der Auswirkung von Video- und Computerspielen und Fernsehen auf Kinder und Jugendliche.

 

Wie geht es der Pädiatrie im Jahr 2011?

Birnbacher: Die Pädiatrie wird auch im Jahr 2011 noch gerne als „Beiwerk“ der Erwachsenenmedizin gesehen, obwohl die Behandlung eines Kindes nicht der eines „kleinen Erwachsenen“ entspricht, sondern die Anforderungen an den Pädiater eine große Bandbreite – vom kranken Frühgeborenen bis zum adipösen oder depressiven 18-Jährigen – umfasst. Pädiaterinnen und Pädiater sind – wie auch die Erwachsenenmediziner – in vielen Bereichen (etwa Kardiologie, Pulmonologie, Neuropädiatrie, Hämato-Onkologie, Neonatologie, Diabetologie und Endokrinologie) hoch spezialisierte Mediziner, die zusätzlich auch spezifische Kinderkrankheiten behandeln.

 

Wie geht es den Kindern und Jugendlichen in Österreich?

Birnbacher: OECD-Studien und UNICEF-Studie zeigen, dass es um die Gesundheit der österreichischen Kinder und Jugendlichen nicht zum Besten bestellt ist: 27 Prozent der 15-Jährigen rauchen regelmäßig, ca. 20 Prozent leiden an Übergewicht oder einer Essstörung, 17,5 Prozent haben eine vom Arzt diagnostizierte chronische Erkrankung oder Behinderung, 30 Prozent der Mädchen klagen über allgemein schlechtes Befinden (mehrmals pro Woche Kopfschmerz, Schlafstörungen, Nervosität, etc.), 90.000 Kinder in Österreich leben in manifester Armut, 240.000 in Armutsgefährdung, und: Mit 25 Prozent haben Österreichs Jugendliche die höchste Gewalterfahrungsrate in Europa. Derzeit wird davon ausgegangen, dass eines von zehn Kindern in Österreich unter körperlicher Verwahrlosung, Vernachlässigung bzw. Missbrauch leidet.

Die Versorgung akut körperlich erkrankter Kinder kann in Österreich als sehr gut bezeichnet werden, es fehlen jedoch zum Großteil entsprechende Einrichtungen zur Versorgung von akut psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen, Kindern und Jugendlichen mit Rehabilitationsbedarf sowie Therapieeinrichtungen für chronisch kranke Kinder und Jugendliche.

Es ist alarmierend, dass lediglich zwei von fünf der unter 15-Jährigen sich selbst eine ausgezeichnete Gesundheit attestieren. Bei den über 15-Jährigen vergibt jeder Zweite seiner Gesundheit die Bestnote. Mädchen stufen ihre Gesundheit signifikant schlechter ein als Buben, die auch ihre eigene Lebensqualität als höher bewerten. Schlafstörungen (16 %), Nervosität (10 %) sowie schlechte Laune (11,5 %) sind die von den Jugendlichen am häufigsten genannten Beeinträchtigungen. Die psychischen Belastungen nehmen in der Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen mit zunehmendem Alter ab, während physische Beschwerden zunehmen. Die häufigsten Beschwerden sind im Bereich der Lendenwirbelsäule (24 %) anzutreffen, was auf die einseitigen Belastungen in überwiegend sitzender Tätigkeit sowie auf den Bewegungsmangel zurückzuführen ist, ab dem 13. Lebensjahr ist ein deutlicher Rückgang in der körperlichen Aktivität zu bemerken.

Unmittelbar damit in Zusammenhang steht die Problematik des Übergewichtes. Zwei von zehn Jugendlichen unter 15 Jahren sind übergewichtig oder adipös. Das empfohlene Ausmaß an körperlicher Betätigung erreicht in dieser Altersgruppe nur jeder 5., bei den über 15-Jährigen zeigt sich eine weitere Reduktion des Bewegungsverhaltens.

Dies geht Hand in Hand mit der zunehmenden Tendenz zu einem Konsumverhalten ungesunder Lebensmittel.

20 Prozent der 15-jährigen Schüler rauchen täglich und ca. 8 Prozent greifen wöchentlich zur Zigarette. Die Analyse des Alkoholkonsums zeigt, dass das Einstiegsalter mit durchschnittlich 13 Jahren bereits sehr niedrig ist, jeder 5. 13- bis 15-Jährige war bereits mindestens zweimal „ernsthaft“ betrunken. Regelmäßiger Alkoholkonsum, d. h. wöchentlich oder öfters, findet sich bei rund 15 Prozent der unter 15-Jährigen wieder.

Zwar mögen manche Presseberichte den Eindruck erwecken, dass sich die Aufmerksamkeit für das Wohl von Kindern und Jugendlichen erhöht hat; die Einsicht in deren Bedürfnisse und die Erkenntnis, dass ein gesichertes Wohl der Kinder ein grundsätzlicher und übergeordneter Wert einer Gesellschaft sein muss, hat sich jedoch noch nicht durchgesetzt. Kinder sind von Beginn an Menschen mit gleichen Rechten wie alle Erwachsenen, vermehrt um eine besondere Schutzwürdigkeit. Kinder sind nicht nur – wie sehr oft geschrieben oder gesagt – unsere Zukunft, sie sind auch unsere Gegenwart.

 

Haben Sie konkrete Wünsche an die Politiker?

Birnbacher: Dass den speziellen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen endlich Rechnung getragen wird und der Pädiatrie bzw. der Versorgung der Kinder auch gemäß ihrem Bevölkerungsanteil ein adäquater Teil des Gesundheitsbudgets zuerkannt wird. Es wird am falschen Platz gespart: Wir sollten mehr Geld für langfristige Präventionsmaßnahmen (etwa Adipositas, Ernährung…) aufbringen, anstatt in hohe Kosten für Folgeerkrankungen zu investieren. Was die pädiatrische Gesundheitsvorsorge in Österreich betrifft, so haben wir einen großen Nachholbedarf bei kostenlosen Therapieangeboten und in der Errichtung von Rehabilitationseinrichtungen für Kinder und Jugendliche. Ein nach wie vor aktuelles Thema sind die Arzneimittelzulassungen für Kinder, für viele Medikamente fehlen die für die Zulassung notwendigen Studien.

 

Welche Krankheiten werden uns im Bereich der Pädiatrie in Zukunft beschäf-

tigen?

Birnbacher: In Zukunft werden wir uns vermehrt mit psychosomatischen Erkrankungen, Lebensstilerkrankungen (z. B. Adipositas und ihre Komplikationen), Vernachlässigung, Suchterkrankungen, chronischen Entwicklungsstörungen sowie Bindungsstörungen beschäftigen. Aufgrund der verbesserten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten auf den Gebieten der klinischen Genetik und des Stoffwechsels werden häufiger Erkrankungen aus dem Formenkreis des Stoffwechsels, der Genetik und der Neuropädiatrie unseren Praxisalltag bereichern. Die Bedeutung der Neonatologie wird aufgrund der zunehmenden Zahl kleiner Kinder sowie der geringer werdenden Morbidität weiter steigen.

 

Hat der Pädiater Einfluss auf den Lebensstil der Familien, welche er betreut?

Birnbacher: Prävention ist eines der wichtigsten gesellschaftlichen Themen. In der Präventionsarbeit sollten Ansätze bevorzugt werde, die den mündigen und emanzipierten Jugendlichen im Blick haben. Dazu gehört einerseits die Reduktion von Belastungen und Risikofaktoren, andererseits die Stärkung der Kompetenzen und Aufbau von Schutzfaktoren. Dabei spielen gerade die Kinder- und Jugendärzte als Professionisten, die die Familie und den Patienten seit Jahren begleiten und alles möglichen somatischen, psychosomatischen und psychosozialen Faktoren kennen, eine hoch qualifizierte Rolle. Dies gelingt durch Maßnahmen der Früherkennung und Frühintervention sowie in der Einleitung der relevanten diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen. Bis zu 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen bedürfen nach wissenschaftlichen Studien einer zumindest vorübergehenden Therapie, um Folgeschäden zu vermeiden, oder um eine soziale medizinische und ökonomische Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen. Dies ist zweifellos von gesamtgesellschaftlicher, aber auch ökonomischer Relevanz.

Der Kinder- und Jugendarzt fungiert als Lotse durch das gesamte Kindes- und Jugendalter bis zum Übertritt in das Erwachsenenalter. Zahlreiche Erkrankungen, die im Kindes- und Jugendalter beginnen, werden interdisziplinär mit den Internisten noch bis in das dritte Lebensjahrzehnt weiterbetreut.

 

Braucht die neue Zeit auch neue Ausbildungsinhalte im Bereich der Pädiatrie?

Birnbacher: Durchaus. Ein solches neu einzubringendes Gebiet könnte der sozialpädiatrische Bereich sein.

 

Was wünschen Sie den Teilnehmern der diesjährigen Tagung?

Birnbacher: Ich wünsche den Teilnehmern der diesjährigen Jahrestagung einen gelungenen Kongress – sowohl als Tagung mit einem wissenschaftlichen Schwerpunkt, als auch als interessante Veranstaltung im Sinne der Fort- und Weiterbildung. Nicht zuletzt ist die Jahrestagung auch immer eine wunderbare Gelegenheit, Freunde und Kollegen zu treffen und neben dem medizinischen auch den sozialen Austausch zu pflegen. Ich wünsche den traditionell hochmotivierten und an Fortbildung ganz besonders interessierten Kinder- und Jugendärztinnen, dass Sie von der Tagung in jeder Hinsicht profitieren und sich ihre Motivation für alle weiteren Veranstaltungen erhalten.

Vielen Dank!

Das Gespräch führte Dr. Renate Höhl.

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