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Quelle: Kersting und Clausen 2003; *entsprechend 35 En% (davon je 1/3 gesättigte, einfach und mehrfach ungesättigte Fettsauren); **entsprechend mind. 50 En%; ***Retinol-Äquivalente; ****Werte aus DONALD-Studie (Kersting und Bergmann 2008); *****Tocopherol
 

Kleinkind-Ernährung heute

Ein kleiner Magen hat zu Recht große Ansprüche.

In den ersten drei Lebensjahren laufen wichtige Prozesse im Bereich der körperlichen und geistigen Entwicklung eines Menschen ab. Die richtige Ernährung in diesem Alter ist aus physio- logischen und präventivmedizinischen Gründen von besonderer Bedeutung. Während die Ernährung des Säuglings sehr gut durch nationale wie internationale Empfehlungen geregelt ist, liegen wenige Richtlinien und Empfehlungen für das Kleinkindalter, d. h. das Alter zwischen einem und drei Jahren, vor.

Seit April 2011 gibt es ein Expertendossier, das sich mit Kleinkindernährung befasst. In Zusammenarbeit von Univ.-Prof. Dr. Robert Birnbacher, Ass. Prof. PD Dr. Nadja Haiden, Univ.-Prof. Dr. Almuthe Hauer, Univ.-Prof. Dr. Daniela Karall, Univ.-Prof. Dr. Jürgen König, Dr. Claudia Theodoropoulos-Klein, Univ. Ass. Dr. Daniel Weghuber, Assoz.-Prof. Dr. Brigitte Winklhofer-Roob und Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer entstand das achtseitige Werk, welches es sich zum Ziel gesetzt hat, konkrete Empfehlungen zur Kleinkindernährung zu schaffen1.

Bisher stehen in Österreich keine relevanten und repräsentativen Daten zu Aufnahme bzw. Versorgungszustand von Nährstoffen von Kleinkindern zur Verfügung. Der Österreichische Ernährungsbericht widmet sich dieser Altersgruppe nicht.

Erwähnenswert ist die Tatsache, dass sowohl in der VELS2- als auch in der DONALD-Studie3 die Nährstoffzufuhr im Säuglingsalter besser war als im Kindesalter. Mit wenigen Ausnahmen wurden hier die Empfehlungen sogar überschritten. Die Autoren führen dies darauf zurück, dass der Großteil der Säuglinge gestillt wurde bzw. kommerzielle Säuglingsnahrung erhielt, die bedarfsgerecht mit Nährstoffen und vor allem mit Vitaminen angereichert war. Die Ernährung der Klein- kinder im Rahmen der Familienkost tendiert hingegen zu einer präventivmedizinisch suboptimalen Lebensmittelauswahl [Kersting und Clausen 2003].

Zu den kritischen Nährstoffen in der Ernährung von Ein- bis Dreijährigen zählen Eiweiß, Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, Zucker, Eisen, Folsäure, Vitamin D und Natrium.

Eiweiß

Eiweiß ist ein wichtiger Makronährstoff. Die Empfehlung für die Zufuhr im Kleinkindesalter liegt laut D-A-CH-Referenzwerten bei 1 g Eiweiß pro kg Körpergewicht und Tag. Ohne Eiweiß ist kein Leben möglich, da es für alle Körperfunktionen benötigt wird. Es gibt allerdings auch Hinweise, dass Übergewicht im späteren Lebensalter die Folge von zu hohem Eiweißkonsum im Säuglings- und Kleinkindes- alter sein kann. So geht eine erhöhte Eiweißzufuhr im Alter von 12 bis 18 Monaten mit einem höheren Body Mass Index (BMI) und einem höheren Körperfettanteil im Alter von sieben Jahren einher. Die Art der Eiweißquelle scheint dabei von Bedeutung zu sein. Eine hohe Gesamteiweißzufuhr bzw. eine hohe Zufuhr von tierischem Eiweiß (das im Kleinkindesalter insbesondere aus Milchprodukten stammt) im Alter von 12 Monaten korreliert positiv mit einem höheren Körpergewicht bei Schuleintritt.

Daher erscheint der Expertengruppe die Vermeidung von hoher Eiweißzufuhr (über 18 En% Eiweiß) aufgrund des vorliegenden Kenntnisstandes plausibel und sinnvoll.

 

Geeignete Maßnahmen könnten dabei einerseits die Einschränkung von Wurstwaren und andererseits die Beschränkung von Milchprodukten auf die vom Forschungsinstitut für Kinderernährung empfohlenen drei Portionen täglich sein (insgesamt 300–330 ml Milch; 100 ml Milch entsprechen 100 ml Joghurt und ca. 15 g Schnittkäse oder 30 g Weichkäse).

Omega-Fettsäuren

Die Omega-3-Fettsäure Alpha-Linolensäure (ALA) sowie die Omega-6-Fettsäure Linolsäure (LA) können vom Körper nicht synthetisiert werden. Sie gelten daher als essenziell und müssen mit der Nahrung zugeführt werden. Essenzielle Fettsäuren und ihre Umwandlungsprodukte spielen eine besondere Rolle für die Funktionalität des zentralen Nervensystems und der Retina [Uauy et al. 2001].Wenngleich ein kausaler Zusammenhang bislang noch nicht festgestellt wurde, gibt es bis dato eine Reihe von Studien, die darauf hinweisen, dass eine niedrige Aufnahme von langkettigen Omega-3-Fettsäuren einen nachteiligen Effekt auf die neurologische Entwicklung hat. Daher hält es die Expertengruppe für ratsam, Omega-3-fettsäurereiche Lebensmittel (z. B. Rapsöl, Fisch bzw. entsprechend angereicherte Produkte) in die Ernährung von 1- bis 3-Jährigen aufzunehmen.

Zucker

Zucker wird von Kleinkindern in hohem Maß, meist in Form gezuckerter Getränke, aufgenommen. Hier haben die Experten einen klaren Rat formuliert: Der Konsum von Leitungswasser anstelle zuckerhaltiger Getränke wird als ein wichtiger Teil einer Präventionsstrategie gegen die steigenden Übergewichtsraten und die Entstehung von Karies empfohlen.

Eisen

Insbesondere wahrend des so genannten „Brain growth spurts“ bis zum Alter von zwei Jahren spielt eine ausreichende Eisenzufuhr für die Gehirnreifung eine ausschlaggebende Rolle. Zurzeit wird diskutiert, ob eine Unterversorgung im Säuglings- und Kleinkindesalter langfristige Folgen für Schulkinder mit dem Risiko eingeschränkter Merkfähigkeit, geringerer mathematischer Fähigkeiten, verminderter kognitiver Entwicklung und der mentalen Retardierung haben könnte [Sachdev et al. 2005; Iannotti et al. 2006; McCann und Ames 2007]. Die Frage der Kausalität wird jedoch kontrovers diskutiert [Lozoff et al. 2000; Grantham-McGregor und Ani 2001; Aggett et al. 2002; Zlotkin 2003].

Die Expertengruppe empfiehlt, Maßnahmen zu setzen, die einem Eisenmangel vorbeugen: Dies sind z. B. regelmäßiger Fleischkonsum, Verbesserung der Bioverfügbarkeit von Eisen durch gleichzeitigen Vitamin C-Konsum. Auch eisenangereicherte Lebensmittel können den Eisenstatus verbessern und einer Eisenmangelanämie vorbeugen [Zlotkin 2003; Szymle-Gay et al. 2009].

Folsäure

Genauso erachtet es die Expertengruppe als dringend notwendig, die Versorgung mit dem kritischen Vitamin Folsäure durch den regelmäßigen Verzehr von Vollkornprodukten, folsäurereichen Gemüse- und Obstsorten, Eiern sowie angereicherten Lebensmitteln zu verbessern.

Vitamin D

Regelmäßige körperliche Aktivitäten im Freien tragen aufgrund der durch UV-Strahlung induzierten Eigensynthese maßgeblich zur Verbesserung der Vitamin-D-Versorgung in den sonnenreichen Monaten bei. Darüber hinaus verbessern neben Fisch und Zuchtpilzen entsprechend angereicherte Produkte die Versorgung mit Vitamin D. Nationale und internationale Fachgesellschaften diskutieren derzeit über die Sinnhaftigkeit der Vitamin D-Supplementierung über das erste Lebensjahr und den zweiten Lebenswinter hinaus.

Natrium bzw. Kochsalz

Laut D-A-CH-Referenzwerten liegt der Schätzwert für die minimale Zufuhr im Alter von ein bis vier Jahren bei 300 mg Na (entsprechen 0,8 g NaCl) pro Tag. Diese Schätzwerte werden in sämtlichen Erhebungen zur Nährstoffversorgung bei Kindern überschritten. Es zeigt sich auch, dass die Zufuhr mit dem Alter steigt und in allen Altersklassen bei den Buben höher ist als bei den Mädchen. In der VELS-Studie lag die mediane tägliche Zufuhr bei 850–1.130 mg entsprechend 2,1 bzw. 2,8 g Kochsalz, wobei die durch Nachsalzen aufgenommenen Natriummengen nicht berücksichtigt wurden.

 

Die Expertengruppe empfiehlt daher einen bewusst sparsamen Umgang mit salzreichen Produkten sowie Kochsalz. Es soll stets jodiertes Speisesalz verwendet werden. Generell gilt: So wenig Salz wie möglich. Zu beachten ist allerdings, dass eine Einschränkung der Kochsalzzufuhr in Österreich mit einer Verschlechterung der Jodversorgung einhergehen könnte, eine Kontrolle des Jodstatus wird empfohlen.

Satellitensymposium Kleinkindernährung, Mai 2011

Im Mai fand wieder der traditionelle, zum Fixpunkt der pädiatrischen Fortbildung gewordene „Pädiatrische Frühling“ in Leibnitz, Schloss Seggau, statt. Vor Ort erörterte Zwiauer das Thema Kleinkindernährung im Rahmen eines Symposiums. Im an den Vortrag anschließenden interaktiven Workshop hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, das Gehörte in die Praxis umzusetzen. Der Experte veranschaulichte anhand eines für Österreich typischen Muster-Wochenspeiseplans (inkl. Nährwertanalyse), welche Nährstoffe in der Ernährung des kleinen „Max Mustermann“ zu kurz kommen und welche andererseits überreichlich aufgenommen werden. Anhand eines entsprechend den vom Expertenkreis Kleinkindernährung erarbeiteten Empfehlungen optimierten Wochenspeiseplans (wiederum inkl. Nährwertanalyse) demonstrierte er dann, dass dadurch die Nährstofflücken geschlossen werden können. Andererseits werden die überreichlich aufgenommen Nährstoffe soweit gesenkt, dass sie in einem tolerierbaren Bereich liegen.

Hilfreiches Tool für Eltern

Der interaktive Milupa-Ernährungsrechner (www.milupa.at) bietet Eltern die Möglichkeit, sich ein Bild zu machen, welche Lebensmittel in der Ernährung ihres Kleinkindes zu kurz kommen und welche überreichlich konsumiert werden.

Informationen: www.docs4you.at

 

1 Das Expertenpapier finden Sie auf der Homepage der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde: www.docs4you.at

2 VELS = Verzehrsstudie zur Ermittlung der Lebensmittelaufnahme von Säuglingen und Kleinkindern

3 DOrtmund Nutritional and Anthropometric Longitudinally Designed Study

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