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Abb. 1: Irritierende Lebensumstände treffen manchmal einen sensiblen, schon im Kindesalter zu Depression neigenden Menschen.
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Abb. 2: Heutzutage sind Kinder auf ihrem Entwicklungsweg oftmals weitgehend auf sich gestellt.

 

Homöopathie bei depressiver Verstimmung im Kindesalter

Eine Homöopathische Behandlung kann psychosomatische Zustandsbilder heilen.

Auf allen medizinischen Gebieten wird derzeit die Frage heftig diskutiert, welchen Einfluss die Gene und welchen die Umwelt auf die Krankheitsentstehung haben. Am Beispiel der Depression vertrat Herr Prof. Dr. Kasper, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, AKH Wien, beim Forum Alpbach 2010 die Ansicht, dass auch hier eine Mischung aus Veranlagung und umweltlicher Prägung das Bild bestimmen.

Anhand von zwei Fallbeispielen möchte ich die Rolle der Trennung/Scheidung der Eltern zur Entstehung der depressiven Verstimmung näher beleuchten. Es ist in beiden Fällen mit Homöopathie gelungen, den tiefen Kummer der Kinder aufzulösen und das durch Verunsicherung und Entwurzelung entstandene psychosomatische Zustandsbild zu heilen.

 

Die Mutter von Jakob (Name geändert), sechs Jahre, vereinbart Mitte Oktober 2009 einen Termin für ihren Sohn, es handle sich um eine klinisch verifizierte kindliche Depression. Die Mutter eröffnet das Gespräch mit den Worten: „Vor vier Wochen hat Jakob geäußert, dass es ihm nicht gefällt auf dieser Erde. Wir haben die Situation wiederholt miteinander besprochen, die eintreten könnte, wenn Jakob tot ist.“

Sie merkt meinen erschrockenen Blick und beantwortet meine Frage nach einer möglichen Ursache der auffälligen Stimmungsänderung mit der vor einem Jahr erfolgten Trennung vom Vater.

Die Schule fordert Jakob sehr. Er geht jetzt in die erste Klasse Volksschule, hat große Schwierigkeiten, sich an Regeln zu halten.

Körperliche Beschwerden

Jakob leidet – täglich(!) – unter drückenden Kopfschmerzen an der Stirn und unter Bauchschmerzen rund um den Nabel, besonders in der Früh. Ich bemerke eingerissene Mundwinkel.

Jakob sitzt grantig, mürrisch beim Gespräch in meiner Praxis, er will nicht angesehen, nicht befragt werden. Er weigert sich zu antworten.

Nicht einmal die Frage nach den Essensvorlieben oder Abneigungen holt ihn aus der Reserve. Die Mutter berichtet, dass Jakob gern Fisch isst, Pizza, Nudeln, Meerestiere, nicht gern Gemüse, Gemüselasagne. Milch verträgt er nicht, da kriegt er Bauchweh.

Da sich die Mutter bemüht, mir genau Auskunft zu geben, schimpft und schreit Jakob mit ihr. Er wird leicht zornig, auch über Kleinigkeiten, berichtet die Mutter, er hält keine Kritik aus, dann weint er.

 

Keine besonderen Erkrankungen in der Vorgeschichte – Varicellen und im letzten Jahr 2x Angina. Der Bub hat eine empfindliche Haut, es ist ihm eher zu warm. Er braucht viel Schlaf, lang zum Einschlafen, deckt sich ab im Schlaf.

 

Hobbys: Ballspiele, Hockey.

 

Jakob ist das zweite Kind, er hat eine um 14 Jahre ältere Schwester, auch aus der Beziehung seiner Eltern. „Jakob war schon immer anstrengend“, sagt die Mutter.

 

Die klinische Durchuntersuchung der depressiven Verstimmung hat kein konkretes Ergebnis gebracht; die Eltern möchten keine schulmedizinischen Medikamente geben.

 

Nach Wahl der entsprechenden Rubriken und nach Überdenken der Ebene der Störung verordne ich eine Gabe Natrium muriaticum M (potenziertes Kochsalz) und bestelle Jakob nach einer Woche zur Kontrolle in meine Praxis.

 

Auf die Arznei hat Jakob stark geweint, geschluchzt, berichtet die Mutter, er ist eine halbe Stunde still bei der Mama am Schoß gesessen. Die ganze Woche: kein Bauchweh, kein Kopfweh, gerade heute leicht. Die Mundwinkel sind besser, die Haut hat etwas gejuckt.

 

Auffällig: Jakob schaut mich an, spricht ruhig und überlegt mit mir - Verordnung einer Gabe Nat.mur. 10 M.

Kontrolle nach drei Wochen

Jakob kommt mit dem Satz bei der Türe herein: „Hungrig bin ich geworden!“ Er schaut mir ganz grad in die Augen. „Er ist jetzt extrem aggressiv, ärgert sich über Kleinigkeiten“ entschuldigt die Mutter sein Verhalten. Einschlafen braucht jetzt noch länger. Gestern Abend ist ein Hautausschlag an den Beinen und am Gesäß aufgetreten.

 

Um herauszufinden, ob die neuen Symptome weiterhin zur Arznei gehören oder ob jetzt ein Folgemittel nötig ist, repertorisiere ich neu. Ich verordne, weil auch die neu aufgetretenen Symptome in das Arzneimittelbild von Natrium muriaticum passen, die Arznei in LM 6, jeden 2.Tag 5 Globuli. Der Hautausschlag verblasst am nächsten Tag.

 

Mitte November erleidet Jakob einen akuten Infekt, der sich mit Sulfur D 30 schnell kurieren lässt. Nach Abklingen des Infektes nimmt Jakob wieder Natrium mur. LM 6 ein, wie gehabt.

Mitte Juli 2010 finden ganz seltene Tobsuchtsanfälle statt, ganz gelegentlich macht sich bei Jakob noch Verzweiflung über die häusliche Situation breit. Ich schalte wieder eine Gabe Nat.mur. 10 M dazwischen, nach zwei Wochen soll Matthias neuerlich mit LM 6 beginnen.

 

Bei einer telefonischen Anfrage vor wenigen Tagen bestätigt die Mutter die gute Wirkung der homöopathischen Arznei. Jakob geht es gut.

 

Bei Lea (Name geändert), vier Jahre, ist die Ausgangssituation ähnlich wie bei Jakob, die Eltern haben sich vor einem Jahr scheiden lassen. Danach wurde Lea zunehmend aggressiv. Die Eltern vereinbarten, dass das Kind abwechselnd eine Woche bei der Mutter, eine Woche beim Vater leben sollte - das ist ihr aber zu anstrengend, und das sagt sie auch so. Sie möchte nur bei der Mama bleiben, vermisst aber ihren Papa sehr.

 

Die Beschwerde, deretwegen mich die Mutter mit Lea Mitte Oktober 2009 aufsucht: Enuresis am Tag, in der Nacht hat Lea noch eine Windel.

 

Hilferuf des Kindes - psychische Faktoren können bewirken, dass ein am Tag bereits sauberes Kind wieder einzunässen beginnt. Zu den inneren Faktoren gehört die Angst, verlassen zu werden.

An Vorerkrankungen ist bei Lea eine Pneumonie im Alter von einem Jahr bekannt, im Säuglingsalter häufige Windeldermatitis.

Lea isst wie jedes Kind gern Nudeln, Pizza, süß, aber auffallend: gern Oliven. Sie trinkt gern warme Getränke.

Sie ist ein hitziger Mensch, schwitzt viel, auch in der Nacht. Sie wacht jede Nacht um 2 Uhr auf, weint dann.

Meine Frage nach den Charaktereigenschaften beantwortet die Mutter: „Lea ist oft raunzig, weinerlich, launenhaft, testet Grenzen aus. Sie weint, wenn was nicht nach ihrem Willen geht, schreit dann im Befehlston mit mir!“

Lea fürchtet sich in der Dunkelheit, vor Einbrechern.

 

Wie bei Jakob wähle ich die Rubrik: Beschwerden durch Kummer als Ätiologie der psychosomatischen Störung. Nach Einbeziehung weiterer Gemütssymptome wie: diktatorisch, Launenhaftigkeit und der Furcht verlassen zu werden, nehme ich die auffälligsten körperlichen Beschwerden zur Arzneifindung. Auch das Verlangen nach Oliven in diesem Alter bekommt seinen Platz.

 

Auf die Gabe von Lycopodium (Bärlapp) D 200 verstärkt sich die Angst, Lea wacht jetzt öfter in der Nacht auf, ist kaum zu beruhigen, aber: sie ist trocken!

Eine Gabe der nächst höheren Potenz, Lycopodium M bessert den Schlaf, beseitigt die Angst und lässt Lea dauerhaft trocken bleiben.

 

Heutzutage sind Kinder auf ihrem Entwicklungsweg oftmals weitgehend auf sich gestellt.

Durch die Trennung der Eltern fehlt es ihnen an Sicherheit in dieser sensiblen Phase, sie regredieren oder werden depressiv.

Die irritierenden Lebensumstände haben bei Jakob einen sensiblen, schon im Kindesalter zu Depression neigenden Menschen getroffen; Lea, eine von Grund auf selbstbewusste Person machte durch Einnässen auf ihren Kummer aufmerksam.

In beiden Fällen war die jeweils gewählte homöopathische Arznei in der Lage, auszugleichen und die Situation des Kindes zum Besseren zu wenden.

1 Ärztin für Allgemeinmedizin und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin (ÖGHM), Graz

Zur Person
Dr. Gloria Kozel
„Homöopathie lässt einen nie mehr los!“
Medizin-Studium in Wien, Turnus in Steyr, Wien und Graz; 2 Jahre Assistenzzeit an der Psychiatrisch-neurolgischen Abteilung am LKH Graz , seit 1979 Praxis für Allgemeinmedizin in Graz; 1984/85 ÖGHM Ausbildung, 1988 Beginn der Homöopathieausbildung in Belgien bei Dr. Alf Geukens, seit 1998 im Ausbildungsteam der ÖGHM, seit 2006 Präsidentin der ÖGHM; verheiratet mit dem Allgemeinmediziner Dr. Alexander Kozel, zwei erwachsene Töchter.
Publikationen: regelmäßige Publikationen im homöopathischen Jahrbuch Documenta (seit 1995); Autorentätigkeit für ProMed und HIÖ.
Kurz skizziert: Patientenfall Jakob
„Vor vier Wochen hat Jakob geäußert, dass es ihm nicht gefällt auf dieser Erde. Wir haben die Situation wiederholt miteinander besprochen, die eintreten könnte, wenn Jakob tot ist.“
Die irritierenden Lebensumstände haben bei Jakob einen sensiblen, schon im Kindesalter zur Depression neigenden Menschen getroffen. Die homöopathische Arznei Natrium muriaticum in steigenden Potenzen heilt in einem Jahr körperliche und seelische Beschwerden.
Kurz skizziert: Patientenfall Lea
Enuresis: psychische Faktoren können bewirken, dass ein am Tag bereits sauberes Kind wieder einzunässen beginnt. Zu den inneren Faktoren gehört die Angst, verlassen zu werden. Heilung der Beschwerden jeder Ebene bei Lea mittels der homöopathischen Arznei Lycopodium innerhalb von drei Monaten.
Fazit für die Praxis
Anhand von zwei Fallbeispielen möchte ich die Rolle der Trennung/Scheidung der Eltern zur Entstehung der depressiven Verstimmung im Kindesalter näher beleuchten. Es ist in beiden Fällen mit Homöopathie gelungen, den tiefen Kummer der Kinder aufzulösen und das durch Verunsicherung und Entwurzelung entstandene psychosomatische Zustandsbild zu heilen.

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