zur Navigation zum Inhalt
© privat
© privat © photos.com

Abb. 1: Von wesentlicher Bedeutung ist das Alter des auf die Reise mitzunehmenden Kindes.

© photos.com

Abb. 2: Das Wesentlichste ist, bei Auswahl des Reisezieles und Planung der Reise auf die besonderen Bedürfnisse von Kindern Bedacht zu nehmen.

 

Wenn Kinder reisen ...

Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Wien und DDr. Martin Haditsch, Linz

Pädiatrie & Pädologie: Gibt es auf dem Gebiet der Reisemedizin Neuigkeiten, die Pädiater interessieren?

Herwig Kollaritsch: Die Neuerungen sind nur geringfügig, sie betreffen v.a. die stärkere Verwendung von Riamet als Notfallselbstmedikation gegen Malaria und die immer stärkere Betonung der Bedeutung der Tollwutprophylaxe für Kinder (dies wurde übrigens am internationalen Kongress für Reisemedizin in Boston, 8.-12. Mai 2011, betont).

Martin Haditsch: Dazu kommt die gesamte Problematik der Adoption ausländischer Kinder, wobei bei Kindern aus (sub-)tropischen Regionen neben Hepatitis B, Hepatitis C und HIV immer auch (intestinale) Parasitosen beachtet werden sollten.

 

Wo erhalten Kinderärzte Informationen zum Thema Reisemedizin?

Kollaritsch: Im Internet unter www.reisemed.at, telefonisch unter: +43(0)1 4038343, International Travel and Health, WHO, Yellow Book des CDC

Haditsch: Eine weitere informative Internetadresse ist www.kidstraveldoc.com

 

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Kinderärzten aus?

Kollaritsch: Kinderärzte kontaktieren uns häufig, besonders bei sehr exotischen Zielen.

Haditsch: Wie in anderen Ärztegruppen auch reduziert sich das Bewusstsein auch hier häufig auf die Problematik der Impfungen und der Malaria-Prophylaxe, obwohl gerade für Kinder ein erheblich darüber hinaus gehendes Risikoprofil besteht (Beispiele: UV-Belastung, Hitze, Kälte, Ertrinken, Unfall, Reisediarrhoe).

 

Was müssen Eltern, die mit Kindern verreisen wollen, beachten?

Kollaritsch: Wir Reisemediziner werden oft mit der Frage konfrontiert, inwieweit es möglich und sinnvoll ist, Kinder auf Fernreisen mitzunehmen. Aus rein ärztlicher Sicht ergibt sich diese Problemstellung in erster Linie in Hinblick auf wahrscheinlich erforderliche Impfungen und die Notwendigkeit einer Malariaprophylaxe, also Dinge, von denen man gemeinhin annimmt, dass sie für ein Kind belastend sein könnten. Dazu ist aber vorab ganz allgemein zu bemerken, dass spezifische Vorbeugemaßnahmen, wie sie im internationalen Reiseverkehr üblich sind, für den gesunden kindlichen Organismus keine außergewöhnliche Belastung darstellen.

Von wesentlicher Bedeutung ist natürlich das Alter des auf die Reise mitzunehmenden Kindes. Dementsprechend sind die reisemedizinischen Empfehlungen in drei Altersgruppen aufgegliedert. Details zu den drei Altersgruppen können Interessierte auf unserer Homepage www.reisemed.at finden.

Haditsch: Ich möchte hinzufügen: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, eine spezifische Beratung ist dringend anzuraten. Diese sollte (mangels entsprechender pädiatrischer Versorgung in vielen Reisegebieten) auch den Aspekt der Notfallselbstmedikation miteinschließen, was sich auch in der Zusammenstellung der Reiseapotheke niederschlagen sollte.

Wie bereitet sich eine Familie idealer Weise auf eine gemeinsame Ferien- reise vor?

Das Wesentlichste ist sicher, dass man bei der Auswahl des Reisezieles und der Planung der Reise an sich auf die besonderen Bedürfnisse von Kindern Bedacht nimmt und die Reise nach den mitreisenden Kindern ausrichtet und nicht ausschließlich nach eigenen Wünschen und Vor- stellungen.

 

Gibt es zurzeit und auch im Hinblick auf den Sommer 2011 geographische Ziele, für die reisemedizinische Warnungen ausgesprochen werden müssen?

Kollaritsch: Medizinische Warnungen gibt es im Moment explizit keine.

Haditsch: Politisch instabile Regionen (zu denen mit Tunesien und Ägypten auch traditionell beliebte Destinationen für Familienreisen gehören) sollten – insbesondere wenn man mit (Klein-)Kindern reist, wie auch von Reisenden mit Grundkrankheiten – eher gemieden werden (u.a. auch wegen evtl. Transportprobleme im Krankheitsfall).

 

Gibt es bei den Reiseimpfungen für Kinder Neuigkeiten?

Kollaritsch: Die Einführung der viervalenten konjugierten Meningokokkenimpfung, die derzeit erst ab dem 11. Lebensjahr zugelassen ist, wird für Kinder ab dem 2.Lebensjahr heuer zu erwarten sein.

Haditsch: Impfstoffe gegen Meningokokken Typ B (nicht nur reisemedizinisch relevant) und Dengue-Fieber sind in der Pipeline.

 

Hat sich der Influenza-Impfstoff 2010/11 bewährt?

Kollaritsch: Die Influenzaimpfstoffe sind unverändert gut, das Problem ist und bleibt die praktisch nicht vorhandene Akzeptanz. Hier würde ich mir sehr viel mehr von den pädiatrischen Kollegen erwarten, die Empfehlung der Influenzaschutzimpfung für reisende Kinder stärker zu betonen und auch umzusetzen.

Haditsch: Immerhin ist die NNV (number needed to vaccinate) bei der Influenza mit 100 die zweitniedrigste aller Reiseimpfungen (liegt z.B. bei Hepatitis A bei 3000).

 

Wie wird der Influenza-Impfstoff 2011/12 zusammengesetzt sein, und ab wann wird dieser in Österreich verfügbar sein?

Kollaritsch: Verfügbar sind die Impfstoffe etwa ab Mitte September. Die aktuelle Zusammensetzung wurde von der WHO erst nur für die nördliche Hemi- sphäre festgelegt.

Haditsch: Bisher ist nur die Empfehlung der WHO zur Zusammensetzung der Influenza-Vaccine 2011/2012 für die nördliche Hemisphäre bekannt. Diese lautet: A/California/7/2009 (H1N1) (also abgeleitet vom „Pandemie-Stamm/Schweinegrippe“) + A/Perth/16/2009 (H3N2) + B/Brisbane/60/2008 und gleicht somit der Impfung 2010/2011.

 

Gibt es Impflücken im Hinblick auf die Kinderimpfungen? Erlangen diese Relevanz im Hinblick auf Reisen?

Kollaritsch: V.a. bei älteren Kindern sind die Routineimpfungen des österreichischen Impfplanes oft schon lückenhaft.

Haditsch: Nicht zu vergessen sind Impflücken bei Kindern impfkritischer Eltern (klassisches Beispiel: Masern) und bei mangelndem Problembewusstsein (FSME bei „Heimaturlaub“).

Was wünschen Sie sich als Reisemediziner, im Zusammenhang mit dem Thema „Reisen mit Kindern“?

Kollaritsch: Mehr Verständnis der Eltern bei der Auswahl der Reiseziele und zeitgerechten Beginn der Vorsorgemaßnahmen.

Haditsch: Ein besseres spezifisches Problembewusstsein (Beispiel: Tollwut, signifikant höheres Sterblichkeitsrisiko für Kinder, bedingt durch höhere Kontaktrate, problematischere Bissregionen wie Hals und Gesicht und längere Intervalle zwischen Kontakt und Erstversorgung (Nicht-Melden von „Bagatellverletzungen / -kontakten“).

 

Wir danken beiden Experten herzlich für das interessante Gespräch!

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben