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Abb. 1: Der Zusatz von Prä- und Probiotika in einer Säuglingsnahrung stellt ein neues Konzept dar, dem Vorbild Muttermilch einen weiteren Schritt näher zu kommen.
Foto: privat © medcoMMMunications
 

Qualitätsaspekte in der Säuglingsernährung

Welche Vorteile haben Prä-/Probiotika, welche die biologische Erzeugung von Lebensmitteln?

Eine Fortbildungsveranstaltung, die im November des letzten Jahres im Kaiserpavillon in Schönbrunn, Wien, stattfand, befasste sich mit der Qualität der Säuglingsnahrung. Einerseits gibt es moderne Formulanahrungen, welche sich am Vorbild Muttermilch orientieren, andererseits ist auch die Qualität der Lebensmittel, welche in Säuglingsnahrung Verwendung finden, Ausschlag gebend für die Qualität der Produkte.

Vorbild: Muttermilch

Dr. Markus Brüngel, HiPP, Pfaffenhofen, referierte zum Thema „Neue Säuglingsnahrungen mit der Kombination von Prä- und Probiotika beeinflussen die kindliche Darmflora nach dem Vorbild der Muttermilch“. Er stellte die GOLF-1-Studie1 (GOS + Lactobacillus fermentum) vor und erläuterte: „Diese Studie sollte untersuchen, wie sich eine symbiotische (= prä- und probiotische) Folgenahrung auf die Auftretenshäufigkeit von Infektionen sowie auf Wachstum und Gedeihen von Säuglingen (Alter: 6 bis 12 Monate) im Vergleich mit einer nur präbiotischen Folgenahrung auswirkt.“

Die symbiotische Folgenahrung wurde von den untersuchten Kindern gut vertragen. Auch wurden weder gastrointestinalen Nebenwirkungen, noch eine Beeinflussung des Wachstums und der Entwicklung verzeichnet. Die Kinder der Studiengruppe hatten am Ende der Studie signifikant weniger gastrointestinale Infektionen (-46 %) sowie Atemwegsinfektionen (-26 %) als die Kinder der Kontrollgruppe.

Zusammenfassend zeigen die Studienergebnisse, dass die Gabe einer symbiotischen Folgenahrung mit dem Probiotikum L. fermentum hereditum® und GOS sicher ist und von Kindern im Alter zwischen sechs und 12 Monaten gut vertragen wird. Die Gabe einer solchen prä- und probiotischen Nahrung erhöhte den Gehalt an Laktobazillen und Bifidobakterien im Stuhl und senkte die Inzidenz gastrointestinaler Infektionen sowie von Infektionen der Atemwege. Der Zusatz von Prä- und Probiotika in einer Säuglingsnahrung stellt ein neues Konzept dar, dem Vorbild Muttermilch einen weiteren Schritt näher zu kommen.

Bio-Nahrung: Besser?

Dr. Alberta Velimirov, Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL), Wien, informierte sodann zum Thema „Bio ist besser: Wunsch oder Realität?“

Neben den unbestrittenen Umweltvorteilen der biologischen Produktion wird seit Jahrzehnten die Frage nach der möglicherweise auch höheren ernährungsphysiologischen Qualität von Bio-Produkten kontroversiell diskutiert. Die beiden Aspekte Lebensmittelsicherheit und Salutogenese stehen im Mittelpunkt der Dis- kussion.

Lebensmittelsicherheit

Die Lebensmittelsicherheit umfasst alle potentiellen Risiken, welche von Rückständen aller Art ausgehen können. Vertreter der industriellen Landwirtschaft weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine umfassende Risikoforschung die Harmlosigkeit minimaler Rückstände in Lebensmitteln garantiere, während Kritiker unbekannte Langzeit- und Mehrfachwirkungen von „Pestizidcocktails“ sowie dosisunabhängige Effekte fokussieren.

Ähnliche Risikokontroversen bestehen auch im Hinblick auf Produktionstechniken, wie z. B. gentechnische Veränderung, Bestrahlung, Nanotechnologie sowie synthetische Zusätze bei der Verarbeitung.

Bei den Risikofaktoren Mykotoxine und ernährungsbedingte bakterielle Zoonosen kann die biologische Landwirtschaft ebenfalls Vorteile bringen. Weder die schützende mikrobielle Besiedelung an Pflanzenoberflächen, noch die mikrobielle Biodiversität werden im Biolandbau durch den Einsatz von antimikrobiellen Mitteln gestört. So wurde z. B. eine geringere Mykotoxinbelastung bei biologischem Getreide nachgewiesen (Benbrook 2005).

Lebensmittel als Heilmittel

Nach alter medizinischer Auffassung sollten Lebensmittel Heilmittel sein. Diese Heilwirkung wird in der westlichen Ernährungslehre auf gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe, und hier besonders auf Sekundärmetaboliten zurückgeführt. Sekundär- metaboliten sind chemisch unterschiedliche Stoffe, die für die Pflanze nicht lebensnotwendig sind, sondern als Abwehr gegen Fressfeinde und Pathogene, Schutz vor UV-Strahlung oder auch als Lockmittel von der Pflanze gebildet werden. In den geringen Mengen, in welchen sie in unserer Nahrung vorkommen, haben sie mit antioxidativen, antikanzerogenen oder Immunstimulierenden Effekten einen heilbringenden Wert. Eine landwirtschaftliche Produktionsform, welche solche Inhaltsstoffe fördert, wäre von großem qualitativem Vorteil. Beispiele für die Wirkung der Produktion sind Tomaten als pflanzliches und Milch als tierisches Lebensmittel:

a. Tomaten

Biologisch kultivierte Tomaten zeigen einen signifikant höheren Gehalt an Flavonoiden (Quercetin, Kämpferol, Naringenin) im Vergleich zu konventionell kultivierten Früchten.

Eine Zusammenfassung der neuesten Ergebnisse zeigt deutliche Vorteile der biologisch angebauten Produkte in Bezug auf höhere Werte bei Antioxidantien, Vitamin A, C, E und den Mineralstoffen K und P sowie niedrigere Werte für Nitrat und Protein in den biologischen Varianten (Benbrook et al 2008). Aus diesen Ergebnissen folgern die Autoren, dass eine mittlere biologische Portion 25 Prozent mehr der gesundheitsförderlichen Stoffe enthält als eine gleich große konventionelle Portion.

b. Milch

Ähnlich wie bei den Pflanzen, spielt auch bei tierischen Lebensmitteln die Ernährung der Nutztiere eine grundlegende Rolle. Als Beispiel führte Velimirov die Milch an. Besonders interessant sind bei der Qualität der tierischen Lebensmittel die Fettsäuremuster in Abhängigkeit von der Fütterung. Diese Muster werden vor allem vom Raufutteranteil in der Fütterung beeinflusst: Produkte von mit Gras ernährten Rindern enthalten in der Regel tendenziell höhere Werte an gesunden Fettsäuren, egal, ob biologisch oder konventionell erzeugt. Da die Weidehaltung in der biologischen Produktion gesetzlich geregelt und obligatorisch ist, enthalten biologische Milch- und Fleischprodukte in der Regel mehr gesundheitsförderliche Fettsäuren als konventionelle (Jahreis et al 2001, Pastushenko et al 2000). Bergamo et al fanden bei Kuhmilchuntersuchungen zusätzlich zu den bereits ausreichend zitierten gesunden Fettsäuren auch höhere Werte für Beta-Karotin in der Biomilch.

Vorteile der biologischen Nahrung

Wertmindernde Inhaltsstoffe sind, so Velimirov, in biologischen Lebensmitteln nicht zu erwarten. Die Gehalte an wertgebenden Inhaltsstoffen können aber gezielt erhöht werden.

Die Qualitätsvorteile der biologischen Nahrung konnten bei stillenden Müttern in der Muttermilch festgestellt werden. Bei Kleinkindern wurden ebenfalls positive Wirkungen biologischer Milchprodukte nachgewiesen, wie ein vermindertes Asthma- und Allergierisiko. Weiters gibt es Studien, die zeigen, dass bei Kindern aus anthroposophischen Familien, bei welchen v. a. biologisch-dynamische Lebensmittel gegessen werden, eine geringere Neigung zu atopischen Erkrankungen besteht (Alm et al 1999, Alfven et al 2006). In der neuesten Kohortenstudie zu diesem Thema wurde ebenfalls bei Ernährung mit biologischen Milchprodukten ein reduziertes Auftreten von atopischem Ekzem bei Kindern bis 2 Jahre gefunden (Kummeling et al 2008).

 

Angesichts zunehmender Umwelt- und Klimaprobeme sowie ernährungsbedingter Gesundheitsstörungen ist es, wie die Expertin betont, wichtiger, die potentiellen Vorteile biologischer Wirtschaftssysteme zu betonen und umzusetzen, als in jahrelangen Kontroversen jeden diesbezüglichen Fortschritt zu verzögern.

Bakterien in der Muttermilch

Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer referierte abschließend über „Bakterien in der Muttermilch: Freund oder Feind?“ Was die Muttermilch betrifft, so gilt das Interesse der Medizin überwiegend pathogenen Keimen. Neben diesen gibt es aber auch kommensale Keime, deren Bedeutung erst in den letzten Jahren untersucht wurde: Sie spielen eine Rolle hinsichtlich des Aufbaus der kindlichen Darmflora.

Wie stellt sich die Wissenschaft heute die Besiedlung der Muttermilch vor? Neben dem exogenen Weg, der Besiedlung über die Haut und die Milchgänge, kommen die Besiedlung im Rahmen des Stillvorgangs sowie ein endogener Transfer, Bakterien gelangen aus dem mütterlichen Darm über das Blut-Lymphsystem in die Muttermilch, zum Tragen.

Bakterielle Translokation

Bakterielle Translokation ist ein physiologischer Effekt, der sich auf die letzten Wochen der Schwangerschaft und die Laktationsperiode beschränkt. Sie ermöglicht eine spezielle Mutter-Kind-Interaktion, in Vorbereitung des Kindes auf die neue Umwelt.

Schutz vor Infektionen

Muttermilch stellt die natürliche, optimale Ernährung der Säuglinge dar. Es erfolgen Anpassungsvorgänge an die Bedürfnisse während der Stillzeit, aber auch während des Stillvorgangs. Neben ihrer rein nutritiven Funktion ermöglicht Muttermilch den Schutz vor Erkrankungen, auch in entwickelten Ländern.

Der Infektionsschutz umfasst Darm-infektionen und Mittelohrentzündungen. Ferner erkranken mit Mutter- oder Spenderinnenmilch ernährte Frühgeborene seltener und weniger schwer an NEC.

Kolonisierung des Darms

Früher wurde die Lehrmeinung verfochten, der fetale Darm sei keimfrei (Dr. Henry Tissier, 1900): Die Keimbesiedelung beginne mit der Geburt. Heute wissen wir, dass der Darm bereits pränatal mit Bakterien besiedelt ist. Die pränatale Darmkolonisierung beruht auf einem pränatalen Mutter-Kind-Austausch von kommensalen Keimen.

Die physiologische Darmflora gestillter Säuglinge unterscheidet sich, wie Studien zeigen, von jener nicht-gestillter. Die mütterliche Darmflora dürfte die Kolonisierung beeinflussen.

Bei Säuglingen, welche durch Sectio entbunden wurden, kann durch eine Gabe von Lactobacillus GG an die Mutter eine temporäre Besiedlung des Darms erreicht werden, welche für etwa sechs Monate, bei einigen bis zu 24 Monate vorhält.

Die reguläre mikrobiotische Besiedlung des Säuglings erfolgt während der Geburt und postpartal, im Sinne einer Weitergabe der Mikrobiota von einer Generation an die nächste.

Prebiotische Substrate

In der Muttermilch sind prebiotische Substrate für die probiotischen Keime der Darmflora enthalten: Es handelt sich um humane Muttermilch-Oligosaccharide (HMO) und Laktose. HMO sind äußerst komplex und daher technologisch nicht herstellbar. Als Zusatz zu Säuglingsmilch werden daher Galacto-Oligosaccharide (GOS) und Fructo-Oligosaccharide (FOS) verwendet. GOS werden aus Milch, FOS dagegen aus pflanzlichen Quellen, wie z. B. Chicorée gewonnen. GOS und FOS haben keine strukturellen, aber vermutlich funktionelle Gemeinsamkeiten mit HMO.

Symbiotische Inhaltsstoffe

Zusammenfassend wies Zwiauer auf die Bedeutung der Muttermilch, nicht nur für Wachstum und Gedeihen, sondern auch für immunologische Reifung und Entwicklung hin. Synbiotische Inhaltsstoffe, Pre- und Probiotika, führen zum Aufbau einer speziellen Darmflora und schützen den Säugling vor akuten Infektionen. Die Mikrobiota der Mutter wird prä- und postnatal auf das Kind übertragen. Für das Kind ist das komplexe Zusammenspiel der mikrobiologischen Besiedelung der Säuglinge für die immunologische Ausreifung und für die Entwicklung von Toleranz von eminenter Bedeutung.

 

1 Maldonado J, Cañabate F, Sempere L, Vela F, Sánchez AR, Narbona E, López-Huertas E, Geerlings A, Valero AD, Olivares M, Lara-Villoslada F. “The human human milk probiotic Lactobacillus fermentum CECT 5716 reduces the incidence of gastrointestinal and respiratory infections in infants. A Randomised Controlled Trial comparing a GOS containing follow-on formula vs the same formula containing probiotic”. Zur Publikation eingereicht

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