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© Hans F. Merk
 

Die Hautschutzbarriere intakt halten

Zum Einsatz von Ölen im Säuglingsalter

Die Bedeutung einer intakten Hautschutzbarriere im Säuglingsalter für die Prävention atopischer Hauterkrankungen ist bekannt. Professor Dr. Merk, Dermatologe und Allergologe mit dem Forschungsschwerpunkt allergologische Hauterkrankungen, unterstreicht im folgenden Interview, dass eine adäquate Hautpflege einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Barrierefunktion leisten kann. Außerdem erläutert er, inwiefern Paraffin- bzw. Pflanzenöle im Säuglingsalter eingesetzt werden sollten. Beide haben sich zwar in der Hautpflege bewährt, ihr Einsatz ist aber nicht unumstritten.

Pädiatrie & Pädologie: Sie forschen unter anderem zu allergischen Hauterkrankungen – welche Rolle spielt dabei die intakte Hautbarriere im Säuglingsalter?

Merk: Eine intakte Hautschutzbarriere hat grundsätzlich eine hohe Priorität, insbesondere im Säuglingsalter. Denn die Haut neigt in den ersten Lebensjahren bei einer Störung der Hautschutzbarriere verstärkt dazu, Ekzeme oder eine atopische Dermatitis zu entwickeln. Dies tritt insbesondere dann auf, wenn zusätzlich eine genetische Disposition vorliegt. Oft ist dies dann der Ausgangspunkt der „atopischen Karriere“.

 

Außerdem existiert ein mittlerweile wissenschaftlich belegter Zusammenhang zwischen einem Defekt der Hautschutzbarriere und Erkrankungen der Lunge, allergischem Asthma und möglicherweise auch anaphylaktischen Reaktionen, etwa durch Nahrungsmittel.

Ist die Barrierefunktion von Säuglingshaut anfälliger für Störungen als bei Erwachsenen?

Merk: Eindeutig ja, denn die Hautschutzbarriere ist in den ersten Lebensjahren noch nicht voll entwickelt. Verglichen mit Erwachsenenhaut zeigen sich signifikante Unterschiede in Struktur, Zusammensetzung und Funktion [1]. Beispielsweise weist Säuglingshaut als Ausdruck des veränderten Barriereverhaltens gegenüber Erwachsenenhaut einen erhöhten transepidermalen Wasserverlust (TEWL) auf. Die Befunde legen nahe, dass sie Wasser zwar rascher aufnehmen kann, es aber auch schneller wieder abgibt [1,2]. Dadurch läuft sie viel eher Gefahr auszutrocknen als Erwachsenenhaut.

 

Welche Bedeutung kommt der Hautpflege bei der Prävention atopischer Hauterkrankungen zu?

Merk: Der Erhalt einer intakten Barrierefunktion ist von zentraler Bedeutung. Eine adäquate Hautpflege und möglichst wenig Kontakt mit schädlichen Umweltfaktoren nehmen dabei eine wichtige Rolle ein. Vor allem alkalische Waschmittel, Wasser mit hohem Härtegrad, Hausstaubmilben und mikrobielle Besiedlung, z.B. durch Fäkalienreste im Windelbereich, sollten vermieden werden.

Orientierung bei der Hautpflege gesunder Säuglingshaut bieten aktuelle Studien. Sie haben gezeigt, dass sich zwei mal wöchentliches Baden mit Babybadezusatz und anschließendem Eincremen gegenüber Waschen mit Wasser allein positiv auf den Feuchtigkeitsgehalt des Stratum corneum auswirkt [3,4,5].

Außerdem sollten milde Produktformulierungen verwendet werden, die effektiv reinigen und speziell für Säuglingshaut entwickelt wurden [6].

 

Welchen Beitrag können Paraffin- und Pflanzenöle zur gesunden Entwicklung der Hautschutzbarriere bei Säuglingen leisten?

Merk: Sowohl Paraffin- als auch Pflanzenöle wirken teil-okklusiv [7]. Dadurch verringert sich der TEWL im Stratum corneum, ein sowohl bei trockener als auch bei sensibler Säuglingshaut erwünschter Effekt. Eine Studie mit Paraffin-, Jojoba- und Mandelöl hat bei Kindern im Alter von 6 bis 10 Monaten und Erwachsenen eine vergleichbare begrenzte Penetration und Teil-Okklusion der Hautschutzbarriere gezeigt [7]. Der Einsatz der getesteten Öle ist somit als unbedenklich zu bewerten. Paraffin- und Pflanzenöle finden zudem häufig Verwendung in Cremes und Lotionen. Aus dermatologischer Sicht gibt es allerdings Unterschiede hinsichtlich ihrer Verwendung, die sich aus Zielsetzung und Hautzustand ergeben. Ein besonderer Vorteil von Paraffinöl ist dabei, dass es kein allergenes Potenzial hat.

 

Sehen Sie konkrete Vorteile bei einem Einsatz von Pflanzenölen?

Merk: Sie enthalten zumeist neben pflanzlichen Triglyceriden weitere Inhaltsstoffe mit Wirkstoffcharakter, etwa Vitamine, Mineralstoffe oder Spurenelemente. Da sie auf der Haut gespalten werden, dringen die Wirkstoffe größtenteils in obere Hautschichten ein.

Ein Beispiel: Nachtkerzenöl enthält einen hohen Anteil an Linolensäure. Linolensäure hat eine entzündungshemmende Wirkung und hydratisiert die Hautbarriere. Deshalb wird sie, zumeist als Bestandteil von Cremes, Lotionen oder Ölen, bei sehr trockener und atopischer Haut empfohlen. Bei anderen Pflanzenölen steht die Wissenschaft aber noch relativ am Anfang, denn die genaue Wirkung vieler Inhaltsstoffe sowie deren Synergien und Interdependenzen sind häufig noch nicht umfassend erforscht.

 

Gibt es auch Pflanzenöle, die nicht für die Hautpflege geeignet sind?

Merk: Pflanzenöl ist nicht gleich Pflanzenöl – daher rate ich zu einer differenzierten Betrachtung. Insbesondere bei Säuglingen sollte nur reines Pflanzenöl eingesetzt werden, das dafür nachweislich hergestellt und geeignet ist. Von einem herkömmlichen Speiseöl aus dem Supermarkt ist dagegen dringend abzuraten. Je nach Herstellungsverfahren können darin Rückstände, z. B. Metallspuren oder Schleimstoffe, enthalten sein. Auch die Zusammensetzung der Fettsäuren ist wichtig. Bekannt ist beispielsweise, dass ein hoher Anteil an Ölsäure eher zu schaden scheint. In einer Studie aus England führte bereits eine geringe Menge eines Olivenöls mit hohem Ölsäureanteil zu einer massiven Störung der Hautschutzbarriere [8]. Diese möglichen irritativen Effekte von Olivenöl werden nicht selten übersehen.

 

Was spricht für Paraffinöle?

Merk: Paraffinöl weist eine ausgezeichnete Hautverträglichkeit und gleichbleibende Qualität auf. Es ist inert, d.h. reaktionsträge. Das macht es sicher und stabil – reines Paraffinöl kommt ohne Konservierungsstoffe bzw. Antioxidantien aus. Außerdem zeichnet es sich durch einen hohen Reinheitsgrad aus und hat keinerlei allergenes Potenzial, weil keine zusätzlichen Wirkstoffe und damit keine möglichen Al-lergene, wie z. B. Proteine, enthalten sind. Sowohl reines Paraffinöl als auch Cremes oder Lotionen auf Paraffinölbasis können insbesondere für die Reinigung und Massage bzw. Pflege empfindlicher und zu Al- lergien neigender Haut empfohlen werden.

 

Gibt es einen wissenschaftlichen Beleg für den häufig formulierten Vorwurf, dass Paraffinöle bei einer langfristigen Verwendung die Regenerationsfähigkeit der Haut stören und diese in der Folge träge wird?

Merk: Qualifizierte Untersuchungen, die einen solchen Effekt beweisen, liegen nicht vor.

 

Was empfehlen Sie Eltern von Säuglingen mit einem hohen Risiko für eine atopische Dermatitis?

Merk: In diesem Fall sind eher Paraffinöle geeignet, um Hautreizungen und allergische Reaktionen zu vermeiden. Werden in der Familie aufgrund der Vorgeschichte bereits spezielle Produkte für Atopiker verwendet, spricht nichts dagegen, diese präventiv auch beim Säugling einzusetzen. Unabhängig davon sollten in jedem Fall Produkte ohne Duftstoffe verwendet werden.

 

 

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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