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Babyspeck-Alarm

Eine hohe Eiweißzufuhr stellt einen möglichen Risikofaktor dar.

Übergewicht ist nicht nur ein Problem der Erwachsenen und Jugendlichen, sondern betrifft zunehmend immer jüngere Zielgruppen. Zur Situation bei den ganz Kleinen haben wir Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer befragt. Er ist Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum St. Pölten und Vorsitzender der Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde.

Herr Professor Dr. Zwiauer, welcher Trend zeichnet sich bei der Gewichtsentwicklung österreichischer Kin- der ab?

Zwiauer: Ganz plakativ formuliert: Ich fürchte, dass wir in einigen Jahren bei uns mit amerikanischen Verhältnissen konfrontiert sind. Die Zahl übergewichtiger Kleinkinder von einem bis drei Jahren hat sich in den letzten Jahrzehnten zumindest verdoppelt. Nach Ergebnissen des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) des Berliner Robert-Koch-Instituts sind etwa neun Prozent der Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren übergewichtig, knapp drei Prozent zeigen eine Adipositas. Die Hoffnung vieler Eltern, der Babyspeck würde sich schon „auswachsen“, erfüllt sich ohne entsprechende Maßnahmen nicht.

 

Wie kam es zu diesem Anstieg an dicken Kindern?

Zwiauer: Bereits Kleinkinder essen generell zu viel, zu süß, zu fett, zu eiweiß- und salzreich. Wir wissen dies bislang nur aus deutschen Verzehrsdaten. Aufgrund der Ähnlichkeiten der Essgewohnheiten können diese großteils auf Österreich übertragen werden. Gleichzeitig bewegen sich schon Kleinkinder heute weniger als noch vor 20 Jahren, als es z. B. noch kein Dreirad mit Schiebestange gab.

 

Aktuell wird der Zusammenhang zwischen einer hohen Eiweißzufuhr im Kleinkindalter und einem erhöhten Übergewichtsrisiko im Volksschulalter diskutiert. Wie beurteilen Sie das?

Zwiauer: Studien haben gezeigt, dass die Entwicklung von Übergewicht durch eine erhöhte Eiweißaufnahme – unter anderem aus Kuhmilch – in den ersten Lebensjahren begünstigt wird. Der Zusammenhang von Eiweiß und Adipositas ist in der „Early protein hypothesis“ näher beschrieben: Eine erhöhte Eiweißzufuhr führt zu einer verstärkten Sekretion des Insulin-like growth factors (IGF-1), insbesondere nach dem Verzehr von Milcheiweiß. IGF-1 fördert bekanntlich die Bildung von Fettzellen sowie die Fettspeicherung.

 

Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Erkenntnissen für die Ernährungsempfehlungen?

Zwiauer: Hier möchte ich vorausschicken, dass es für das Alter von einem bis drei Jahren derzeit kaum Ernährungsempfehlungen gibt. In einschlägigen Lehrbüchern findet man oft nur den Hinweis auf den „schrittweisen Übergang zur Familienkost“. Das ist im Hinblick auf die wachsenden Gesundheitsprobleme zu wenig. Es besteht dringender Handlungsbedarf, entsprechende Empfehlungen zu erarbeiten. Ich erachte es jedenfalls für unumgänglich, dabei auch auf die Notwendigkeit zur Senkung der Eiweißzufuhr hinzuweisen.

 

Wie könnte eine solche Empfehlung konkret aussehen und im Essalltag umgesetzt werden?

Zwiauer: Die erwähnte Verzehrserhebung bei Kleinkindern hat gezeigt, dass fast die Hälfte der Eiweißzufuhr aus Fleisch(waren) und Milch stammt. Sinnvolle Maßnahmen sind daher aus meiner Sicht die Einschränkung von Wurst sowie die Beschränkung von Kuhmilchprodukten auf die vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund empfohlenen drei Portionen täglich. Aufgrund des mehrfach höheren Eiweißgehalts von Kuhmilch können auch Produkte mit reduziertem Eiweißgehalt in den ersten beiden Lebensjahren zu einer Reduktion der Eiweißzufuhr beitragen.

 

 

Herr Professor Dr. Zwiauer, wir danken für das Gespräch!

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