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Abb. 1: Das Kind ist konfigurativen Kräften schon in utero ausgesetzt. Bei der Geburt bringt die Wehentätigkeit den Körper des Kindes in eine Walzenform (siehe oben).
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Abb. 2: : Normale Geburt: Der Kopf führt und passt sich an.

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Abb. 3: Eine osteopathische Untersuchung und Behandlung empfiehlt sich nach eingeleiteter Geburt, verlängerter Geburtsdauer und operativ beendeter Geburt.

 

Osteopathische Behandlung des Kindes nach der Geburt

Übersteigen die einwirkenden Kräfte sub partu die natürliche Fähigkeit zur Selbstkorrektur, bleiben Symmetriestörungen zurück.

Warum sollte man ein Kind nach der Geburt von einer Osteopathin untersuchen und gegebenenfalls behandeln lassen? Die Geburt ist doch ein natürlicher Prozess, der zu unserem Leben dazu gehört. Bei der Geburt ist ein Zusammenschieben, also eine Konfiguration des Kindes nötig, mit der es sich dem Geburtsweg optimal anpasst. Danach kommt es zu einem natürlichen Prozess der Entfaltung und Reorganisation.

Kann dieser aufgrund verschiedener Faktoren, die im Nachfolgenden erläutert werden sollen, nicht komplett stattfinden, ist eine osteopathische Behandlungsreihe zweckmäßig.

Konfigurative Kräfte vor und bei der Geburt

Das Kind ist konfigurativen Kräften schon in utero ausgesetzt. Bei der Geburt kommt es zusätzlich zu komprimierenden, rotatorischen und vielleicht auch Zugkräften1. Die Wehentätigkeit bringt das Kind dabei in eine Walzenform (Abb. 1); es wird kompakter und streckt sich gleichzeitig.

Bei der normalen Geburt mit dem Kopf als führendes Körperteil passt sich dieser durch eine Konfiguration, in diesem Fall ein partielles Aneinander- und Übereinanderschieben der Schädelknochen, dem Geburtsweg an; ebenfalls kommt es zu einer Flexion, Rotation und – gegen Ende der Geburt – Extension der Halswirbelsäule (Abb. 2). Dabei werden die Kondylen des Os occipitale häufig in die Konvergenz der Atlas- Gelenkflächen nach vorne gedrückt; die Folge ist dann nach Korr2 eine Faszilitation (Übererregbarkeit) der oberen Segmente des Rückenmarks mit einer Restriktion der Gelenkbeweglichkeit und vielfältigen potentiellen Folgen für die Körperphysiologie.

Auch die vier noch nicht vereinten Anteile des Os occipitale haben ihre Position zueinander vielleicht ganz leicht verändert, um die Kräfte, die von oben auf das Schädeldach auf sie gewirkt haben, zu absorbieren.

Umstellung und Entfaltung nach der Geburt

Nach der Geburt kommt es zu einer markanten Umstellung in der Physiologie des kindlichen Körpers: Der Kreislauf etabliert sich unabhängig von der Mutter, und das Kind beginnt selbständig zu atmen. Dieser Prozess der beginnenden Lungenatmung von Luft ist etwas, was aus osteopathischer Sicht sehr beachtenswert ist. Der amerikanische Osteopath und Arzt Dr. Fulford hat sich ausführlich mit der Wichtigkeit dieser ersten Atemzüge bei Neugeborenen befasst. Er schrieb: „Für viele ist die Geburt das erste größere Trauma. Der Körper des Kindes wird ganz kompakt für die Entbindung. Nach einer sanften Geburt, wenn das Neugeborene seinen ersten kräftigen Atemzug nimmt, wird der Körper wieder entfaltet. Unglücklicherweise geschieht dieser Prozess bei vielen Geburten nicht richtig, und der Körper weitet sich nie ganz, was ihn für eine Symmetriestörung und ein Ungleichgewicht anfällig macht“3.

Für diesen, von Osteopathen gerne als „First Breath“ bezeichneten Prozess der Entfaltung und Umstellung, der sich über mehrere Tage erstreckt, ist eine gute Beweglichkeit des Thorax und volle Effizienz der Atemmuskulatur nötig.

Medikamente, die während der Geburt verabreicht werden und über die Plazenta auf das Kind übergehen, z.B. Opiate, können dieses erste Weitwerden des Thorax beeinträchtigen, wenn sie z. B. die Atemtätigkeit in den ersten Stunden dämpfen.

Auch Kaiserschnittgeborene, die aufgrund der fehlenden Wehentätigkeit einen geringeren Anstieg an Katecholaminen im Blut haben, als ein durch Wehen stimuliertes Kind, haben ja auch ein höheres Risiko für ein Atemnotsyndrom und häufiger Schwierigkeiten mit diesem Prozess. Daher würde ich persönlich ein Kaiserschnittkind immer von einer Osteopathin checken lassen.

Eine Störung ist auch wahrscheinlich durch unphysiologischen Stress oder Angst, die das Kind während der Geburt empfindet4, also möglicherweise bei protrahierten, schwierigen Geburten, oder auch Geburten, die operativ mit Saugglocke oder Kaiserschnitt beendet werden müssen.

Der natürliche Prozess der Entfaltung nach der Geburt kann auch eingeschränkt sein, wenn die auf das Kind bei der Geburt wirkenden Kräfte besonders stark sind und damit die normale Anpassungsfähigkeit des Körpers überfordern. Zum Beispiel wird bei sehr starken Wehen oder bei langwierigen Geburten, wo sich der Muttermund lange nicht öffnet, das Kind vermehrt in der Längsachse gestaucht.

Auch bei einer Wehenschwäche, wo mit Prostaglandin und/oder Oxytocin therapiert wird, kommt es in der Folge häufig zu besonders heftigen Wehen. Die Folge einer vermehrten Stauchung des Kindes in der Längsachse können somatische Dysfunktionen bzw. Einschränkung der Beweglichkeit der Wirbelsäule sein, insbesondere im Bereich des Os sacrum, der BWS, HWS und der Schädelbasis. Die physiologischen Folgen einer Fasziliation dieser Rückenmarkssegmente, die mit einer somatischen Dysfunktion bzw. Restriktion auf Ebene des Bewegungsapparates einhergehen, sind von Prof. Irvin Korr5 erforscht und beschrieben worden.

 

Hier möchte ich nur kurz auf einige Auswirkungen von Symmetriestörungen bei Neugeborenen und Säuglingen hinweisen, die man in der osteopathischen Praxis häufig vorfindet. Mögliche Folgen sind:

  1. offensichtliche Symmetriestörungen, wie Einschränkungen der Beweglichkeit des Kopfes nach einer Seite oder in beide Richtungen.
  2. Trinkschwäche aufgrund einer Irritation des N. hypoglossus, der seine Austrittsstelle im Bereich der Kondylen des Os occipitale hat- eine Stelle, die häufig bei der Geburt komprimiert wird.
  3. Säuglingsskoliose, also eine konstante C- Haltung in eine Richtung (Eine C-Haltung in den ersten Monaten ist normal, die Ausrichtung sollte aber regelmäßig alternieren).
  4. Plagiozephalie
  5. Anpassungsstörungen des Säuglings wie Schlafstörungen, allgemeine Unruhezustände und Koliken6 können mit Restriktionen in der LWS, HWS und im kraniellen Bereich ursächlich zusammenhängen oder diese können zumindest einen wichtigen ätiologischen Faktor darstellen.

Osteopathische Untersuchung und Behandlung

Der osteopathische Befund des Neugeborenen und Säuglings zeigt meist sehr deutlich wie weit die Selbstkorrektur des Kindes vorangeschritten ist. Es können sich bestimmte Bereiche finden, die einer Unterstützung bedürfen, damit das Kind sich vollständig dekonfigurieren kann. „Eine fehlende Entfaltung nach der Geburt drückt sich in einer mehr oder minder reduzierten unwillkürlichen Bewegung aus. Kann sich das System des Kindes nicht- mit oder ohne osteopathische Mithilfe- korrigieren, verbleiben langfristig spürbare Kompressionsmuster in Kranium, Thorax und Becken zurück, die den normalen Ausdruck der Körperphysiologie empfindlich stören können. Oft ist es notwendig, zuallererst das Os sacrum zu behandeln … die Entfaltung des Thorax kann osteopathisch unterstützt werden, indem man Zwerchfell, Rippen, Sternum und BWS behandelt. Danach wendet man sich im Allgemeinen der oberen HWS und dem Kranium zu“7. Eine Restriktion oder so genannte somatische Dysfunktion kann verschiedene Bereiche beeinflussen. Es gibt mögliche Beziehungen zwischen einer somatischen Dysfunktion und dem neuroendokrinen System und Immunsystem8. Barrall9 und Stone10 haben die Rolle von somatischen Dysfunktionen in Beziehung zu viszeralen Erkrankungen beschrieben. Kranielle Dysfunktionen können nach Magoun11 und Fryman12 Auswirkungen auf das Wachstum und die Entwicklung des Schädels und des Gesichts, aber auch Okklusion und extraokulomotorische Funktion haben.

Daher sollte nach Kulak13 die osteopathische Untersuchung des Kindes eine ausführliche Befundaufnahme des muskuloskelettalen Systems beinhalten, aber auch – wo notwendig – den Befund orthopädischer und aller anderen medizinischer Untersuchungen integrieren.

 

Das Testen des Bewegungsausmaßes von Gelenken findet beim Neugeborenen und Säugling durch Beobachtung der aktiven Bewegung und ein sanftes passives Durch-Bewegen statt. Aufgrund des noch wenig entwickelten Muskeltonus ist dieser Befund – anders als beim älteren Kind oder Erwachsenen – nur teilweise aussagekräftig. Daher stützt sich die Befundaufnahme bei dieser Altersgruppe sehr stark auf die von dem amerikanischen Arzt und Osteopathen Sutherland14 entwickelte Arbeit mit dem Ausdruck der unwillkürlichen Bewegung im Gewebe. Dabei wird die Reaktion des Gewebes auf einen subtilen, körpereigenen Rhythmus palpiert. Diese - von außen betrachtet sehr unspektakuläre Untersuchungsmethode - ermöglicht es der Osteopathin, auch bei einem kleinen Kind, unphysiologische Spannungen im Bindegewebe und anderen Körpergeweben zu fühlen. Dr. Sutherland hat auch einen Behandlungsansatz entwickelt, der auf sanfte und ebenfalls sehr unauffällige Art und Weise die körpereigenen Korrekturmechanismen darin unterstützt, Symmetriestörungen abzuschwächen oder ganz aufzulösen.

Schockmuster aufgrund einer schwierigen oder traumatischen Geburt sind besonders gut behandelbar mit dem Ansatz der so genannten biodynamischen Osteopathie nach dem amerikanischen Arzt und Osteopathen Dr. Jealous, der sich in die Tradition von Dr. Sutherland stellt. Dabei wird vor allem die Fähigkeit des Körpers zur Selbstkorrektur unterstützt oder wiederhergestellt; der Körper korrigiert danach selbsttätig die einzelnen somatischen Dysfunktionen. Die Osteopathin kontrolliert das Resultat, indem sie direkt nach der Behandlung oder beim nächsten Termin die Bewegungsfähigkeit und Spannungszustände erneut untersucht. Diese sollten sich nun aufgelöst haben.

Eine andere gute Möglichkeit ist es, die einzelnen somatischen Dysfunktionen zu befunden und sie dann nach und nach in ihrer Lösung zu unterstützen, bevorzugt von kaudal nach kranial. Turner15 schreibt dazu:„ Der Schädel des Neugeborenen ist häufig sehr empfindlich und möglicherweise traumatisiert. Daher ist es sinnvoll, den Prozess der Entfaltung vom Körper und der Peripherie her zu unterstützen“ (Abb. 3).

* Diplom-Osteopathin (D. O.) Hamburg (Deutschland)

* Fotos/Quelle: E. Möckel, N. Mitha (Hrsg.); Handbuch der pädiatrischen Osteopathie; Elsevier Urban & Fischer Verlag; München 2009.

1 Hayden L: Geburt und Behandlung des Kindes, in: Möckel-Mitha (Hrsg): Handbuch der pädiatrischen Osteopathie, 2. Auflage, Elsevier 2009

2 Korr I: The Collected Papers of Irvin Korr, American Academy of Osteopathy, Indianapolis 1995

3 Fulford R: Dr.Fulford`s Touch of Life, Simon and Schuster Inc, New York, 1996

4 Janus L, Haibach S (Hrsg): Seelisches Erleben vor und während der Geburt. LinguaMed, Neu-Isenburg, 1997

5 Korr I: The Collected Papers of Irvin Korr, American Academy of Osteopathy, Indianapolis 1995

6 Hayden C: Anpassungschwirigkeiten. In: Möckel-Mitha (Hrsg): Handbuch der pädiatrischen Osteopathie, 2. Auflage, Elsevier 2009

7 Möckel E: Geburt und Behandlung des Kindes, in: Möckel-Mitha (Hrsg): Handbuch der pädiatrischen Osteopathie, 2. Auflage, Elsevier 2009

8 Carreiro J: Pädiatrie aus osteopathischer Sicht, Elsevier 2004

9 Barral J, Mercier P: Visceral Manipulation. Eastland Press, Seattle 1988

10 Stone C: Visceral Interactions within Osteopathy. Australian Osteopathic Association Handout 2001

11 Magoun H: Osteopathy in the Cranial Field. 3. Auflage. The Journal Printing, Kirksville 1976

12 Fryman V: Die gesammelten Schriften von Viola Fryman, Jolandos, Pähl 2007

13 Kulak D: Die pädiatrische osteopathische Untersuchung, in: Möckel-Mitha (Hrsg): Handbuch der pädiatrischen Osteopathie, 2. Auflage, Elsevier 2009

14 Sutherland W: Das große Sutherland Kompendium, 2. Auflage Jolandos, Pähl 2008

15 Turner S: Behandlung nach Sutherland´s Prinzipien. In: In: Möckel-Mitha (Hrsg): Handbuch der pädiatrischen Osteopathie, 2. Auflage, Elsevier 2009

Fazit für die Praxis
An dieser Stelle sei betont, dass es kein Geburtstrauma per se gibt. Der menschliche Körper ist von der Natur gut ausgestattet, um den Kräften, die bei der normalen Geburt auf ihn einwirken, zu widerstehen bzw. die notwendigen Anpassungen und folgenden Selbstkorrekturen durchzuführen. Übersteigen die einwirkenden Kräfte jedoch die natürliche Fähigkeit zur Selbstkorrektur, bleiben Symmetriestörungen zurück. Diese können die physiologischen Funktionen des Körpers mehr oder weniger beeinträchtigen. Es macht deshalb Sinn, Neugeborene und Säuglinge nach der Geburt osteopathisch untersuchen und gegebenenfalls behandeln zu lassen, insbesondere nach einer eingeleiteten Geburt, einer verlängerten Geburtsdauer und/ oder operativ beendeter Geburt.
„Wie finde ich einen Kinderosteopathen?“
1) Österreichische Gesellschaft für Osteopathie www.oego.org unter „Patienteninfo“
2) nach Dr. Jealous fortgebildete Kinderosteopathen in Österreich c/o Peinbauer 0043-664-1469992,
3) Osteopathisches Zentrum für Kinder Wien www.ozk.org
Zur Person
Eva Möckel D.O.
Graduate der European School of Osteopathy, Maidstone, GB, 1991. Mitglied der Fakultät des Sutherland Cranial College, GB.
Unterrichtete pädiatrische Osteopathie 10 Jahre lang an der Schule für klassische osteopathische Medizin in Hamburg.
Gibt seit 1999 zusammen mit Noori Mitha D.O. postgraduate Fortbildungen in pädiatrischer Osteopathie, hat mit ihr zusammen das „Handbuch der osteopathischen Pädiatrie“ (Elsevier 2005) herausgegeben, das seit 2008 auch auf Englisch erhältlich ist.
Übersetzungen im osteopathischen Bereich: „Unterweisungen in der Wissenschaft der Osteopathie“, „Einige Gedanken“ (Sutherland, Jolandos 2004) und „Leben in Bewegung“ (Becker, Jolandos 2007).
www.mitha-moeckel.com

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