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Abb. 1: Das aktuelle Europäische Konzept zur Ausbildung in einer pädiatrischen Subspezialität. Zu Einzelheiten siehe Text.
 

Europäische Konzepte zur Ausbildung in pädiatrischen Subspezialitäten – am Beispiel der Pädiatrischen Pneumologie

Teil 2

DIE ENTWICKLUNG DER PÄDIATRISCHEN PNEUMOLOGIE IN EUROPA

Die frühen Jahre

Nach langer Fokussierung auf die Tuberkulose entwickelte sich in den 60er und 70er Jahren ein zunehmendes Interesse an der Mukoviszidose, an viralen Erkrankungen des kindlichen Respirationstraktes und vor allem am Asthma bronchiale. Gleichzeitig entstanden in dieser Zeit die ersten Ansätze zu einer pädiatrischen Lungenfunktionsdiagnostik und zu einem atemphysiologisch getragenen Verständnis respiratorischer Symptome. Mit der technisch möglich werdenden Konstruktion entsprechend dünner Bronchoskope kam in den 80er Jahren die flexible Endoskopie des kindlichen Respirationstraktes als weitere fachspezifische Untersuchungstechnik dazu. In der Bildgebung erweiterten sich parallel dazu die diagnostischen Möglichkeiten mit der Entwicklung der Computertomographie. Neben diesen diagnostischen Neuerungen machte die therapeutische Versorgung respiratorischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter rasche Fortschritte; Details wie die pädiatrische Aerosoltherapie und Atemphysiotherapie verlangten wiederum nach einem vertieften Verständnis von Struktur und Funktion des wachsenden Respirationstraktes. Die Summe dieser Fortschritte erforderte offensichtlich eine zunehmende Spezialisierung; dem wurde in anderen Teilen der westlichen Welt, wie z. B. in Australien und den Vereinigten Staaten, schon früh mit entsprechenden Ausbildungsprogrammen und gesetzlich fundierten Qualifikationen entsprochen [5, 6].

 

In den 80er Jahren befand sich die Europäische Pädiatrische Pneumologie in einem kreativen Chaos. In England hatte sich eine Gruppe von spezialisierten Experten gebildet, und auch in Kontinentaleuropa waren pionierhaft einzelne Zentren entstanden. Die Europäische Pädiatrische Pneumologie hatte begonnen, einen kleinen, aber wachsenden Beitrag zur internationalen Literatur auf diesem Teilgebiet der Pädiatrie zu produzieren. Die noch kleine Gruppe der Europäischen Kinderpneumologen hatte in der „European Paediatric Respiratory Society (EPRS)“ ihr erstes Europäisches Forum gegründet. Andererseits existierten vor allem in der sogenannten „Allgemeinpädiatrie“, aber teilweise auch in der Erwachsenenpneumologie, Widerstände gegen die weitere Entwicklung der pädiatrischen Pneumologie [7].

 

Ein entscheidender Fortschritt ergab sich von Seiten der Europäischen Pneumologie mit der Gründung der European Respiratory Society (ERS) im Jahr 1990. Diese entstand aus der Fusion zweier präexistenter Europäischer Gesellschaften; schon bei den Planungsverhandlungen wurde klar, dass die ERS in sogenannte „Assemblies“ strukturiert werden würde und dass eines von diesen der Pädiatrischen Pneumologie gewidmet sein sollte.

Das Pädiatrische Assembly der ERS

Das Wachstum des ERS Paediatric Assembly war von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. Nach wenigen Jahren hatte diese Formation praktisch alle auf diesem Gebiet tätigen Europäischen Ärzte und Wissenschaftler vereinigt, machte substantielle wissenschaftliche Beiträge zu den jährlichen Kongressen der ERS und hatte ein weites Spektrum von Programmen, Aktivitäten und Zielsetzungen entwickelt. Die oben erwähnte EPRS hatte ihre Mitgliedschaft in das Assembly transferiert und sich dann aufgelöst. Somit hatte die Europäische Pädiatrische Pneumologie eine klar definierte wissenschaftliche und organisatorische Plattform erhalten. Das gesunde Wachstum des Assembly hat sich bis heute fortgesetzt.

 

Im Jahre 1995 kontaktierte der Präsident der ERS (damals ein pädiatrischer Pneumologe) die pädiatrische Sektion der UEMS (damals CESP, jetzt EAP). In mühseligen Diskussionen gelang es ihm, die Funktionäre der CESP davon zu überzeugen, dass pädiatrische Subspezialitäten in ihren regulativen Aktivitäten und Programmen mehr Berücksichtigung und Zuwendung erfahren sollten. Kurz darauf wurde die Pädiatrische Pneumologie zur ersten Subsektion der CESP; andere pädiatrische Subspezialitäten folgten rasch diesem Beispiel. Alle Subsektionen begannen Europäische Ausbildungsordnungen für ihr jeweiliges Aktivitätsgebiet zu entwickeln.

Der erste Europäische Syllabus für Pädiatrische Pneumologie

Die Arbeit an einer Europäischen Ausbildungsordnung begann im Jahre 1996 im „Long Range Planing Committee“ des Pädiatrischen Assembly der ERS. Diese konzertierte Anstrengung einer kleinen Gruppe von Begeisterten führte schließlich zum ersten Europäischen Syllabus für Pädiatrische Pneumologie, der im Jahre 1999 von der UEMS anerkannt und schließlich im Jahre 2002 prominent publiziert wurde [8]. Dieses Dokument war der erste Europäische Syllabus für eine pädiatrische Subspezialität; dementsprechend diente er als Modell für die Schaffung von zahlreichen anderen Subspezialitäten-Ausbildungskatalogen. Zurzeit verfügt die EAP über Ausbildungsordnungen für elf verschiedene pädiatrische Subspezialitäten.

 

Eine wesentliche Absicht hinter der Entwicklung des Syllabus war es, diesen als politisches Instrument in Richtung einer fortschreitenden nationalen Anerkennung der Subspezialität einzusetzen. Zusätzlich sollte der Syllabus als Europäische Leitlinie Blaupausenfunktion für die Entwicklung nationaler Ausbildungsordnungen haben. Im Rückblick ist festzustellen, dass diese Erwartungen in weitem Maße erfüllt wurden. Wo immer sich eine Gruppe von Pädiatrischen Pneumologen auf nationaler Ebene um die offizielle Anerkennung ihrer Subspezialität bemüht hat, war das Europäische Dokument wesentliche Argumentationshilfe und Motivationsspender. Alle nationalen Ausbildungsordnungen entstanden in Anlehnung an das Europäische Dokument, was wiederum diese nationalen Ausbildungsordnungen in Inhalt und Tiefe sehr gut miteinander vergleichbar macht und damit der zugrundeliegenden Intention einer trans-Europäischen Harmonisierung entspricht.

 

Im Anschluss an die Entwicklung dieses ersten Syllabus wurde ein „Committee on Paediatric Respiratory Training in Europe“ gegründet, um eine erste Europäische Ausbildungszentrumsliste zu erstellen. Es wurden über ein System nationaler Delegierter Fragebögen an jedes Zentrum in der EU geschickt, womit die Ausbildungskapazitäten mit einem Raster, der sich an den Modulen im Syllabus orientierte, erfasst werden sollten. Das Ergebnis wurde in Form eines Büchleins im Jahre 2002 von der ERS publiziert [9]. Diese frühe Europäische Liste von Ausbildungszentren gab als Komplementärpublikation zum Syllabus einen ersten Eindruck zu den bestehenden Ausbildungsmöglichkeiten. Allerdings illustrierte diese Liste auch die oben diskutierten Schwachpunkte einer solchen Fragebogenaktion; wie sich in vielen Fällen herausstellte, entsprachen die Angaben zu einem Zentrum eher den dort existenten Wunschvorstellungen als der nüchternen Realität.

Die HERMES-Projekte der ERS

Nicht zuletzt durch die Publikation des ersten pädiatrisch-pneumologischen Syllabus stimuliert entstand in der erwachsenenpneumologischen Mitgliedschaft der ERS der Wunsch nach einer Europäischen Ausbildungsordnung für Erwachsenenpneumologie, und dies führte im Jahre 2005 zum ersten HERMES (Harmonised Education for Respiratory Medicine European Specialists)-Projekt. Der Verfasser dieser Übersicht wurde wegen seiner tragenden Rolle in der Entstehung des ersten pädiatrisch-pneumologischen Syllabus als Berater in die erwachsenenpneumologische HERMES Task Force eingeladen. Erstes Ziel war ein entsprechender Syllabus; zur Erarbeitung desselben wurde eine eigene Methodik einschließlich wiederholter aufs Web gestützter Delphi-Umfragen entwickelt. Dieser Syllabus wurde 2006 publiziert [10]. Die Task Force hat im Weiteren ein Europäisches Curriculum erarbeitet, welches 2008 fertiggestellt wurde [11]. Dieses Curriculum ist speziell in jenem Teil, welcher die allgemeinen Prinzipien der medizinischen Ausbildung beschreibt, auch weit über die Erwachsenenpneumologie hinaus von Interesse. Im Weiteren hat die Task Force dann in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Institut für medizinische Ausbildung eine MC-Fragensammlung für die Erwachsenenpneumologie zusammengestellt. Ab der ERS-Tagung 2008 können sich Erwachsenenpneumologen auf freiwilliger Basis dieser Prüfung unterziehen und damit zusätzlich zu ihrer nationalen eine Europäische Qualifikation erwerben.

 

Eine Umfrage unter den Mitgliedern des Paediatric Assembly der ERS im Jahr 2006 ergab die Anregung den ersten pädiatrisch-pneumologischen Syllabus mit der von den Erwachsenenpneumologen entwickelten Methodik zu überarbeiten und damit zu aktualisieren. Dies führte zum Konzept einer pädiatrischen HERMES-Task Force, welche im Jahr 2007 ihre Arbeit aufnahm. Im Jahr 2008 wurde ein aktualisierter Syllabus, bestehend aus 21 obligaten und 3 optionalen Modulen, veröffentlicht [12]. Inhalt, Struktur und Details dieses zweiten pädiatrisch-pneumologischen Syllabus sind in voller Übereinstimmung mit den oben beschriebenen edukationalistischen Prinzipien und den aktuellen Konzepten der EAP. Die pädiatrische HERMES-Task Force hat sich anschließend an die Erarbeitung von Europäischen Curriculum-Empfehlungen gemacht. Eingedenk der oben diskutierten Schwierigkeiten in der Erstellung eines solchen Dokumentes auf Europäischer Ebene zeigte sich dieser Projektteil als besonders komplex und anspruchsvoll; erfreulicherweise entstand gerade unter dem Druck dieser Herausforderungen ein ausgezeichnetes Dokument, welches inzwischen schon publiziert ist [13]. Die pädiatrische HERMES Task Force hat sich nun der Vorbereitung einer Europäischen MC-Prüfung in Pädiatrischer Pneumologie zugewandt. Die erste derartige Prüfung ist für den Herbst 2011 zu erwarten.

DIE ÖSTERREICHISCHE SITUATION

Seit 1.2.2007 sind zum Mutterfach „Kinder- und Jugendheilkunde“ sechs Zusatzfacharzttitel (einschließlich der pädiatrischen Pneumologie) mit entsprechenden Ausbildungsordnungen gesetzlich fundiert [14]. Damit haben über ein Jahrzehnt dauernde Bemühungen ihren konstruktiven Abschluss gefunden. Besondere Verdienste um diesen Erfolg hat der damalige Präsident (2003-2005) der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, welcher dieses Ziel mit Determination, Konsequenz und politischem Geschick verfolgt hat. Viele andere Kollegen, insbesondere aus dem Lager der pädiatrischen Subspezialisten, haben ebenfalls beharrlich in diese Richtung gewirkt. Ohne das Vorliegen von Europäischen Ausbildungsordnungen wäre dieser standespolitische Kreuzzug wahrscheinlich chancenlos gewesen.

 

Die Freude an diesem entscheidenden Fortschritt für die österreichische Kinder- und Jugendheilkunde wurde allerdings (zumindest für den Autor dieser Übersicht) durch einige Randerscheinungen getrübt. Eigentlich war es das Ziel, acht pädiatrische Subspezialitäten auf eine gesetzlich-administrative Basis zu stellen; die Anerkennung der Pädiatrischen Gastroenterologie und der Pädiatrischen Nephrologie ist aber in der Endrunde der Verhandlungen in der Bundesgesundheitskonferenz am Widerstand der Bundesländervertreter gescheitert. Für die Pädiatrische Pneumologie war es betrüblich, dass Einsprüche von Seiten der Lungenfachärzte gegen dieses neue Zusatzfach laut geworden sind; dies illustriert nicht zuletzt, dass Europäische Vorbilder, sachliche Argumente und jahrzehntelange konstruktive und freundschaftliche Zusammenarbeit in wissenschaftlichen Gesellschaften wenig Wert zu haben scheinen, wenn es um vermeintliche berufspolitische Interessen geht. Letztlich wurden in der anschließenden Übergangsphase in mehreren pädiatrischen Subspezialitäten (einschließlich der Pädiatrischen Pneumologie) Facharzttitel auch an weniger und unvollständig Qualifizierte vergeben, was wohl als Verstoß gegen das in diesem Bereich imperativ wichtige Qualitätsprinzip und als inflationäre Wertminderung des soeben mühsam Erreichten bewertet werden muss.

 

Die österreichische Ausbildungsordnung in Pädiatrischer Pneumologie ist am Beispiel des Europäischen Syllabus orientiert und damit grundsätzlich zu den entsprechenden Ausbildungsordnungen in anderen Europäischen Nationen kompatibel. Leider wurde von Seiten der Österreichischen Ärztekammer die in den ersten Entwürfen entsprechend den Europäischen Prinzipien zusätzlich enthaltene Qualifikation in Wissenschaft, Forschung und Lehre gestrichen. Offensichtlich wird die breite Europäische Überzeugung, dass vertiefte Auseinandersetzung mit der medizinischen Wissenschaft bessere Ärzte hervorbringt, von einflussreichen Funktionären der Österreichischen Standesvertretung nicht geteilt. Mögliches Ergebnis dieser für Österreich spezifisch bleibenden Situation könnten Zweifel sein, ob der österreichische Zusatzfacharzttitel auf Europäischer Ebene voll anerkennbar sei oder nicht. Zu dieser Diskussion ist es aber bis jetzt noch nicht gekommen. Zurzeit existiert in der österreichischen Ausbildungsordnung noch keine Verpflichtung zu einer Zusatzfacharztprüfung im Sinne der summativen Evaluation des Ausbildungsergebnisses. Dieses abschließende Qualitätssigel wird sich langfristig aber nicht umgehen lassen. Hier wäre es klug, das positive Absolvieren einer Europäischen Abschlussprüfung in Pädiatrischer Pneumologie (siehe oben) für Österreich als national gültig anzuerkennen. Wie dann die österreichischen Prüflinge im Vergleich zum Europäischen Durchschnitt abschneiden werden, bleibt abzuwarten.

Hinsichtlich der Entwicklung einer Ausbildungskultur und -routine im Sinne von Kompetenz-basierten Strategien herrscht in Österreich massiver Aufholungsbedarf. Die noch dominierende Routine ist tief in einem traditionellen Denken rund um zeitliche Rahmenbedingungen und den Einsatz von Arbeitskraft verwurzelt. Konzepte und Details wie Zwischenprüfungen, wiederholte Erfassung des Ausbildungsfortschrittes, Testieren von durchgeführten Eingriffen, standardisierte Prüfungsszenarien für Fertigkeiten und die Forderung von wissenschaftlichen Leistungen sind bestenfalls ansatzweise in einzelnen führenden Lehrkrankenhäusern im Entstehen. Mit jedem Jahr vergrößert sich dementsprechend der Abstand in Lehrqualität zwischen Österreich und fortschrittlicheren westeuropäischen Ländern, wie z. B. Großbritannien oder den Niederlanden. Allerdings ist auch offensichtlich, dass eine Umstellung auf Kompetenz-basierte Ausbildungskonzepte nicht nur mit dem guten Willen von Ausbildungszentren zu bewerkstelligen sein wird. Kompetenz-basierte Ausbildung ist wesentlich personalaufwändiger als die zurzeit in Österreich vorherrschende Ausbildungsroutine und dementsprechend wird eine derartige Umstellung nicht ohne Verbesserung der personellen Rahmenbedingungen möglich sein.

PERSPEKTIVEN

Die Pädiatrische Pneumologie ist zurzeit in zahlreichen Europäischen Ländern als pädiatrische Subspezialität anerkannt; entsprechende nationale Ausbildungskonzepte existieren. Diese nationalen Ausbildungsprogramme sind mit dem Europäischen Konzept kompatibel und so bleiben die einzelnen nationalen Ausbildungsgänge in Struktur, Inhalt und Tiefe vergleichbar. Die in diesen Ländern Ausgebildeten haben die Verantwortung in ihrem Wirken als pädiatrische Subspezialisten täglich den Beweis zu erbringen, dass formell geregelte Ausbildungsprogramme bessere Ärzte produzieren.

Die Situation ist schwieriger für jene Kollegen, die in Ländern arbeiten, in welchen pädiatrische Subspezialitäten noch nicht anerkannt sind und wo dementsprechend noch keine nationalen Trainingskonzepte existieren. Diese Kollegen werden sich weiter um die nationale Anerkennung ihres Arbeitsgebietes bemühen müssen und sind gut beraten, dabei zur Hilfestellung und Orientierung die Europäischen Konzepte und Publikationen heranzuziehen. Sie haben die Verantwortung mit den so neu entstehenden nationalen Regelungen die angestrebte und sinnvolle trans-Europäische Harmonisierung zu unterstützen.

 

Erstaunlicherweise war der Europäische Werdegang der pädiatrischen Subspezialitäten in den letzten drei bis vier Jahrzehnten immer wieder durch Konflikte und Meinungsverschiedenheiten mit der Allgemeinpädiatrie charakterisiert. So kam paradoxerweise in den 80er und 90er Jahren der hartnäckigste Widerstand gegen die Etablierung von pädiatrischen Subspezialitäten aus der Allgemeinpädiatrie [7]. Immer wieder wurde das Gespenst eines Zerfalles der Kinder- und Jugendheilkunde in einzelne Spezialgebiete heraufbeschworen. Bei genauerer Analyse war und ist diese Argumentation in vielen Fällen nicht mehr als Panikmache, die dazu dienen soll, persönlichen Macht- und Einflussverlust zu verhindern. Die Europäischen Ausbildungskonzepte für pädiatrische Subspezialitäten sind tatsächlich ein eindrucksvoller Gegenbeweis, der diese Argumentation widerlegt. Für die Ausbildung in jeder Subspezialität wird als Basis eine profunde Qualifikation in allgemeiner Pädiatrie gefordert. Bis jetzt ist es der EAP auch gelungen, dem Druck erwachsenenmedizinisch-internistischer Fächer, die ebenfalls einen Zugang zur Ausbildung in pädiatrischen Subspezialitäten fordern, konsequent zu widerstehen. Die EAP sieht die pädiatrischen Subspezialitäten als die fruchttragenden Äste eines Baumes, welche ohne den gemeinsamen Stamm der allgemeinen Pädiatrie (mit allen dazugehörenden generischen Kenntnissen und Fertigkeiten) nicht existieren könnten.

 

Wenn also in den frühen Jahren die Subspezialitäten gegen den bremsenden Widerstand der Allgemeinpädiatrie wachsen mussten, hat sich heute das Bild entscheidend gewandelt. Die Subspezialitäten sind überall in Europa im Vormarsch, gedeihen in ihrer klinischen und wissenschaftlichen Dimension und geben keinen Anlass, sich um die Zukunft dieser „tertiären“ Pädiatrie Sorgen zu machen. Andererseits sind bei Betrachtung der Allgemeinpädiatrie, insbesondere der pädiatrischen Praxis, derartige Sorgen durchaus berechtigt. In einigen westeuropäischen Ländern ist dieser Teil der Pädiatrie schon vollständig von schlechter ausgebildeten Allgemeinmedizinern übernommen worden; aus Europäischer Perspektive gesehen setzt sich dieser Rückzug der niedergelassenen Kinder- und Jugendheilkunde leider fort [15]. Heute scheint also der subspezialisierte Teil der Europäischen Pädiatrie aufgerufen, der Allgemeinpädiatrie in ihrem absehbaren Überlebenskampf beizustehen.

 

Ein diesem Problemkreis ebenfalls zuzuordnendes Paradoxon ist die chronisch dahinschwelende Diskussion, ob die Zukunft der Europäischen Pädiatrie eher den Allgemeinpädiater oder den pädiatrischen Subspezialisten braucht. Hier geht es wahrscheinlich nicht um ein simples „entweder – oder“ sondern vielmehr um die Vielschichtigkeit der Kinder- und Jugendheilkunde und das weite Spektrum an Herausforderungen, dem sie im Europa im 21. Jahrhunderts gegenübersteht. Ganz offensichtlich werden beide – Allgemeinpädiater und Spezialist – dringend benötigt. In der niedergelassenen pädiatrischen Praxis (Primary Care) ist nach wie vor der breitest ausgebildete Allgemeinpädiater gefordert. Ebenso in kleineren pädiatrischen Spitalsabteilungen (Secondary Care), wo allerdings schon für die Expertise einzelner Mitarbeiter gewisse Schwerpunktsetzungen denkbar sind. Besonders in den universitären Großspitälern Europas wird aber der profund ausgebildete pädiatrische Subspezialist (Tertiary Care) zur Versorgung von schwierigsten und chronischen Krankheitsbildern dringend benötigt. Darüber hinaus sind diese spezialisierten Kinderärzte traditionellerweise die Träger der Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie der pädiatrischen Forschung. Nur mit diesen pädiatrischen Subspezialisten wird die Kinder- und Jugendheilkunde gegenüber den erwachsenenmedizinischen Organspezialitäten konkurrenzfähig bleiben und ihren Platz im Konzert aller medizinischen Fächer behaupten können. Wiederum ergibt sich in der Zusammenschau dieser Notwendigkeiten das oben zitierte Bild des Baumes, für dessen gesamtheitliches Leben und Gedeihen alle Teile wichtig und verantwortlich sind.

 

Im Gegensatz zu diesen klar sichtbaren Notwendigkeiten ist aber das Europäische Bild der Kinder- und Jugendheilkunde sehr inhomogen und vielerorts dominiert Spaltung und Separatismus über die dringend gebotene Geschlossenheit. Erst wenn persönliche Eitelkeiten und Ambitionen einer Ideologie von Einigkeit und gemeinsamer Stärke untergeordnet werden, erst wenn Allgemeinpädiatrie und Subspezialitäten wieder gemeinsam die Interessen der Kinder- und Jugendheilkunde vertreten, erscheint die standespolitische Zukunft der Pädiatrie in Europa als ausreichend gesichert.

1 Klinische Abteilung für Pädiatrische Pulmonologie und Allergologie Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Medizinische Universität Graz

 

Auf der Basis eines Festvortrages zur Eröffnung des „9th International Congress on Pediatric Pulmonology“ in Wien, 19. Juni 2010.

LITERATUR

 

1. Leung WC. Competency based medical training: review. BMJ 2002; 325: 693-6.

2. Toohey S, Ryan G, McLean J, Hughes C. Assessing competency-based education and training.Austral N Z J Vocational Educ Res 1995; 3: 86-117.

3. Burton JL, McDonald S. Curriculum or syllabus: which are we reforming? Med Teach 2001; 23: 187-91.

4. Zach M, Milla P. European Training Centre Visitation Program for Tertiary Care Paediatric Specialities. http: www.eapaediatrics.eu

5. Phelan PD. The training of paediatric pulmonologists in Australia. Pediatr Pulmonol 1985; 1: 293.

6. Mellins RB, Stripp B, Taussig LM. Pediatric pulmonology in North America – coming of age.

Am Rev Respir Dis 1986; 134: 849-853.

7. Zach M. Pediatric Respiratory Medicine in Europe. Pediatr Pulmonol 1991; 10: 150-156.

8. Zach MS, Long Range Planning Committee, Paediatric Assembly of the European Respiratory Society, Committee on Paediatric Respiratory Training in Europe, European Board of Paediatrics. Paediatric respiratory training in Europe: syllabus and centres.Eur Respir J 2002; 20: 1587-93.

9. Zach MS, Long Range Planning Committee, Paediatric Assembly of the European Respiratory Society, Committee on Paediatric Respiratory Training in Europe, European Board of Paediatrics. The European Respiratory Society’s Guide to Paediatric Training Centres. Sheffield, European Respiratory Society Journals Ltd, 2002, ISBN 1-904097-35-9.

10. Loddenkemper R, Séverin T, Eisele JL, et al. HERMES: a European core syllabus in respiratory medicine. Breathe 2006; 3: 59-70.

11. Loddenkemper R, Haslam P, Severin T, et al. European curriculum recommendations for training in Adult Respiratory Medicine. Breathe 2008; 5: 80-93.

12. Gappa M, Noel JL, Séverin T, et al. Paediatric HERMES: European Syllabus in Paediatric Respiratory Medicine. Breathe 2009; 5: 236-247.

13. Gappa M, Noel JL, Severin T, Baraldi E, Busari J, Bush A, Carlsen KH, De Jongste J, Eber E, Fauroux B, McKenzie S, Palange P, Pohunek P, Primhak R, Priftis K, Wildhaber J, Zivkovic Z, Zach M, Paton J. Paediatric HERMES: European Curriculum Recommendations for Training in Paediatric Respiratory Medicine. Breathe 2010; 7: 72-79.

14. Ärztinnen-/Ärzte-Ausbildungsordnung 2006 – ÄAO 2006 Bundesgesetzblatt für die Republik Österreich, Jahrgang 2006 (31.Juli 2006), Teil II, 286. Verordnung, §15-20.

15. Van Esso D, Del Torso S, Hadjipanayis A, Biver A, Jaeger-Roman E, Wettergren B, Nicholson A, and the members of the Primary-Secondary Working Group (PSWG) of the European Academy of Paediatrics (EAP). Paediatric primary care in Europe: variation between countries. Arch Dis Child 2010; 95: 791-795.

GENDERERKLÄRUNG

Die in diesem Text eingesetzten personenbezogenen Bezeichnungen wurden im Sinne der leichteren Lesbarkeit und Übersichtlichkeit nur in der männlichen Geschlechtsform gewählt, gelten aber gleichermaßen für Männer und Frauen.

Zur Person
Univ.-Prof.Dr. Maximilian Zach
Leiter der Klinischen Abteilung für pädiatrische Pulmonologie und Allergologie an der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Medizinische Universität Graz, Präsident der European Respiratory Society 1994-1995, Head des pädiatrischen Assembly der ERS 1990-1993, Präsident der Österreichische Gesellschaft für Pneumologie 1999-2001, Präsident der European Academy of Paediatrics 2007-2009, Europäischer Editor von Pediatric Pulmonology 1984-1993, Mitglied in zahlreichen nationalen und internationalen Exekutivkomitees, Editorial Boards, Task Forces, Arbeits- und Projektgruppen, UEMS-Delegierter der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde.

Maximilian S. Zach1, Pädiatrie & Pädologie 2/2011

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