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Abb. 1: Gesunder Schlaf: Die direkte Schlafumgebung beeinflusst die Schlafqualität.

 

„Gesunder Schlaf“

Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Jürgen Zulley, Präsident der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf; www.dags.de

Pädiatrie & Pädologie: Schlaf und Schlafstörungen sind in verschiedenen Altersstufen ein Thema; wie ist das Schlafverhalten eines gesunden, reifen Säuglings in der Nacht?

Zulley: Die Schlafdauer beträgt beim gesunden, reifen Säugling zirka 16 bis 18 Stunden, wobei diese bei den einzelnen Kindern variieren kann. Als Experte muss man darauf achten, nicht Normwerte vorzugeben, welche einzelne Säuglinge nicht einhalten, was dann dazu führt, dass sich die Eltern Sorgen machen.

In den ersten drei Monaten ist der Schlaf- Wach- Rhythmus des Säuglings noch nicht an unseren Tag-Nacht-Rhythmus gekoppelt; das heißt, er ist unregelmäßig über Tag und Nacht verteilt. Die Babys schlafen in relativ kurzen Intervallen und sehr unruhig, was aber zum normalen Schlafverhalten gehört. Dies ist erwähnenswert, weil sich unter Umständen Eltern Sorgen machen, weil sie meinen, das Kind schlafe zu unruhig. Sie nehmen es dann auf und stören den Schlaf.

 

Welche Schlafprobleme werden bei Kindern, im Besonderen bei Säuglingen, beobachtet?

Zulley: Eine Schlafstörung liegt dann vor, wenn die Entwicklung, die Reifung des Kleinen nicht der Norm nach abläuft. Das heißt, wie beim Erwachsenen auch, gehen wir auf die Konsequenzen des gestörten Schlafes ein, und nicht auf den Schlaf selbst. Weil es im Schlafverhalten so große Unterschiede gibt, sind wir mehr an der Frage interessiert, wie sich das Kind entwickelt. Wenn hier Defizite vorliegen, muss man unter Anderem daran denken, ob hier eine Schlafstörung besteht.

 

Welche Umgebungsfaktoren beeinflussen den Schlaf eines Säuglings?

Zulley: Kinder brauchen zum Schlafen relative Ruhe, womit ich sagen will, dass Kinder im Vergleich zu Erwachsenen gegenüber weckenden Geräuschen relativ resistent sind. Sie vertragen Geräusche besser, weil ihr Schlafdruck einfach höher ist.

Was nicht unwichtig ist: Schon von früh an soll man den Kleinen einen Hell-Dunkel-, also einen Tag-Nacht-Unterschied anbieten. Ich erinnere mich an eine Studie mit Frühgeborenen, denen zum einen gedimmtes, konstantes Licht angeboten und zum anderen einen Tag-Nacht-Rhythmus simuliert wurde: Diejenigen, die den Tag-Nacht-Rhythmus angeboten bekommen hatten, entwickelten sich besser als jene, welche bei konstantem Licht verblieben.

Ganz schlimm für die Kleinen sind rauchende Eltern, selbst wenn diese nicht in Anwesenheit der Kinder rauchen. In der gesamten Wohnung sollte ein absolutes Rauchverbot herrschen, da die Atmung der ganz Kleinen durch Passivrauchen erheblich beeinträchtigt werden kann, sei es noch so wenig Rauch.

Man muss aufpassen, dass die Kleinen beim Schlafen nicht überhitzen: Es besteht eher das Risiko, dass Säuglinge zu warm eingepackt werden; dies behindert die Atemregulation.

Frühestens ab drei, einige ab sechs Monaten, manche auch noch später, entwickeln Säuglinge einen klaren Unterschied zwischen Tag und Nacht: Sie schlafen nachts länger. Dies können die Eltern nutzen und klar signalisieren: „So, jetzt ist nicht die Zeit für Interaktionen, jetzt ist die Zeit für Ruhe.“ Erzwingen kann man den Schlaf aber nicht.

 

Was empfehlen Sie bzw. was kann der Kinderarzt empfehlen, wenn Eltern das Kind über lange Zeit nicht dazu bringen können, einem geordneten Tag-Nacht-Rhythmus zu folgen?

Zulley: Der Kinderarzt sollte prüfen, ob das Kleine körperlich gesund ist. Organische Erkrankungen oder Veränderungen sind auszuschließen. Auch sollten die Reifung, die Entwicklung in der Norm liegen.

Es ist darauf zu achten, ob das Kind morgens schweißnass aufwacht. Auf die Atmung ist zu achten: Es gibt bereits bei Säuglingen die Schlafapnoe, welche als mögliche Ursache für den plötzlichen Kindstod diskutiert wird.

Was den Schlaf direkt betrifft, so muss man wegen der riesigen Variationsbreite mit Diagnosen vorsichtig sein, und oft sind Schlafstörungen bei Kindern eher die Schlafstörungen der Eltern. Das heißt, der Kinderarzt muss genau hinhören: Ist das zentrale Problem eigentlich das Kind, oder sind es die genervten Eltern?

 

Hat die Art, das Baby zu wickeln, Einfluss auf das Wohlbefinden des Kindes?

Zulley: Die direkte Schlafumgebung beeinflusst die Schlafqualität. Wir wissen von Untersuchungen bei Erwachsenen, dass ein trockenes Betthöhlenklima - das wäre bei Säuglingen das Klima direkt auf der Haut - die Schlafqualität direkt beeinflusst, indem es den Schlaf verbessert.

 

Gibt es Daten zu Einwegwindeln, was das Betthöhlenklima / die Trockenheit der Windelregion über Nacht betrifft?

Zulley: Solche Daten sind mir nicht bekannt. Es gibt nur wenige Pädiater, die sich mit Schlafmedizin befassen; dem entsprechend ist auch die Datenlage dünn. Die meisten dahingehenden Arbeiten befassen sich mit allem, was im weitesten Sinn mit dem plötzlichen Kindstod zu tun hat.

 

Wo sollen sich werdende oder frisch gebackene Eltern idealerweise über das Thema Schlaf informieren?

Zulley: Sie sollten versuchen, ihren gesunden Menschenverstand zu verwenden und mit relativer Gelassenheit an die Sache heranzugehen. Wenn von außen keine Störungen kommen – und hierzu gehört z. B. elterliches Fernsehen oder abendliches Streiten – und keine organische Erkrankungen vorliegen, schläft das Kind, so lange es braucht, und zeigt keine Entwicklungsstörungen. Dass das Kleine nachts mehrmals aufwacht, ist normal und sollte mit Gelassenheit betrachtet werden. Wenn das Baby mit der Flasche gefüttert wird, ist es einfach, sich bei der Betreuung des Kindes abzuwechseln und gegenseitige Unterstützung anzubieten. Die emotionale Bindung an das Kind lässt Eltern Vieles ertragen, was sie ohne diese nicht erleiden würden.

Das wichtigste ist, weder zu streng, noch zu ignorierend mit dem Schlaf der Kleinen umzugehen, dann ergeben sich meist keine Probleme.

Wir erleben oft, dass das eigentliche Schlafproblem nicht beim Kind, sondern bei den Eltern liegt.

 

Was ich erwähnen möchte: Eltern sollten wissen, dass das Kleine sie nicht damit ärgern will, indem es nachts wach liegt; es geht gar nicht anders.

Ein Tipp: Die Eltern sollten darauf achten, dass das Baby vor dem Schlafengehen genug gefüttert werden, denn sie halten die Nacht besser durch, wenn sie keinen Hunger bekommen.

Weiters ist darauf zu achten, dass im Bereich der Schlafstätte keine Behinderung der Atmung des Kleinen entstehen kann: keine Bauchlage, keine Decken oder Kissen, das Kind soll idealerweise in einem Schlafsack schlafen, keine oder nur kleine Kuscheltiere, die das Gesicht nicht abdecken können.

Wenn es das Kind will, darf es durchaus ab und zu ins elterliche Bett. Hier muss man darauf achten, die Atmung des Säuglings nicht zu behindern.

Auch ist zu bedenken, dass das Kind seinen Rhythmus lernt: Ein geregelter Tagesablauf ist die beste Voraussetzung für eine ruhige Nacht.

Falls die Eltern den Eindruck haben, dass sie doch professionelle Hilfe benötigen, sollten sie sich an ein pädiatrisches Schlaflabor wenden. Informationen hierzu bei der Telefon-Hotline der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf (DAGS) unter: +49(0)941 9428271.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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