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Foto: Klinikum Augsburg
Foto: Ambulatorium für Kinderkardiologie Wien Foto: Stallergenes

Abb. 1: Während der Pollensaison leiden die kleinen Patienten besonders. Erwachsene haben einen rationaleren Zugang zu den allergischen Beschwerden.

 

Neue Option für Heuschnupfen-Opfer

Eine saisonale sublinguale Immuntherapie packt die Ursache von Gräserallergien an der Wurzel.

Allergien sind die meistverbreitete chronische Erkrankung: Jedes dritte Kind und über 35 Prozent der Erwerbsbevölkerung sind davon betroffen. Bis zum Jahr 2015 könnte die Hälfte aller Europäer Allergiker sein. Den damit verbundenen Verlust an Arbeitsleistung beziffern Experten in Europa mit 100 Milliarden Euro.

Dr. Michael Gerstlauer, Leiter der Kinderpneumologie und Allergologie an der II. Klinik für Kinder und Jugendliche des Klinikum Augsburg, und DDr. Peter Voitl, Facharzt für Kinderheilkunde und Leiter des Ambulatoriums für Kinderkardiologie, 1220 Wien, sprachen mit der Redaktion über die Vorteile einer neuen sublingualen Immuntherapie bei Kindern und Erwachsenen.

Skizzieren Sie bitte die wichtigsten Unterschiede zwischen subkutanen und sublingualen Therapien für Gräser- allergien.

GERSTLAUER: Subkutane Therapien sind im Grunde seit 20 Jahren auf dem Markt. Die Injektion wird vom Arzt drei Jahre lang alle vier bis sechs Wochen verabreicht. Dazu muss der Patient jedes Mal in die Praxis oder Klinik kommen und dort auch eine Nachbeobachtungszeit einhalten. Der Arzt wiederum muss für eventuelle Notfälle – Stichwort: anaphylaktischer Schock – ausgerüstet und auch ausgebildet sein. Durch die regelmäßige Injektion kann der Arzt die Therapietreue des Patienten gut kontrollieren.

Die sublinguale Therapie gibt es als Tropfen und Tabletten. In Österreich werden aktuell die ersten Patienten auf die neueste Form der Sublingualtablette eingestellt, die man nur mehr vor und während der Pollensaison einnehmen muss, nicht aber das ganze Jahr hindurch. Nach einer Erstbehandlung beim Arzt kann der Allergiker die Tablette bequem zu Hause einnehmen. Als Kinderarzt sehe ich, dass viele meiner kleinen Patienten die sublinguale Verabreichung unter der Zunge einer schmerzhaften Spritze vorziehen. Außerdem sind bei der Tabletten-Therapie außer anfänglichem Juckreiz und leichten Schwellungen keine wesentlichen Nebenwirkungen bekannt. Die Tabletten-Therapie ist ab dem fünften, die Injektion ab dem sechsten Lebensjahr anwendbar. Da die Wirksamkeit der sublingualen Therapie mit hoch dosierten Tabletten bei Gräserpollenallergie über alle Altersstufen hinweg sehr gut dokumentiert ist, stellt sie eine attraktive Alternative zu Spritze und Tropfen-Therapie dar.

 

Gegen welche anderen Formen von Allergie werden Tabletten derzeit ein- gesetzt?

GERSTLAUER: Derzeit wird die Tablette ausschließlich bei Gräserpollenallergien angewendet (Anmerkung: Die häufigsten allergieauslösenden Allergene bei Patienten mit allergischer Rhinitis – „Heuschnupfen“ – sind laut österreichischem Allergiebericht von 2006 Gräserpollen (63,2 %), Katze (43,6 %), Birkenpollen (35,9 %) und Hausstaubmilbe (35,0 %)). Allerdings arbeitet man bereits an Tabletten gegen Hausstaubmilben- und Birkenallergien, während es gegen Nahrungsmittelallergien noch keine derartige Therapieform gibt. Bei Insektenstichen gibt es keine Alternative zu subkutanen Therapien.

 

Erleben Kinder und Erwachsene Allergien unterschiedlich?

VOITL: Kinder erleben die Symptome von Allergien besonders intensiv – physisch und psychisch. Kinder spüren neben den Schmerzen und lästigen Begleiterscheinungen vor allem die sozialen Einschränkungen. Man will mit den anderen herumtollen – nicht drinnen sitzen, weil draußen die Pollen warten. Da kann es schon zu heftigen emotionalen Reaktionen kommen.

Erwachsene haben einen rationaleren Zugang. Wir wissen, dass Augenjucken und Nasenrinnen nach dem Pollenflug wieder abklingen. Wir können uns und anderen das geschwollene Gesicht erklären, uns mit bewährten Hausmitteln zur Linderung der Symptome halbwegs durch die Nacht retten.

 

Die sublinguale Immuntherapie muss drei Jahre lang durchgeführt werden, um den Organismus gegen die allergieauslösenden Allergene zu desensibilisieren. Leidet darunter die Lebens- qualität?

VOITL: Das Leitprinzip der Allergiebehandlung ist, dass die Lebensqualität nicht eingeschränkt werden darf. Sonst gibt der Patient bei langandauernder Therapie irgendwann auf. Ziel ist, Kindern und Erwachsenen ein normales Leben zu ermöglichen. Und das schafft man in der Regel auch. Die neue Immuntherapie mit der saisonalen 5-Gräsertablette unterstützt diesen Anspruch, indem sie kurz vor und während der Pollensaison genommen werden muss – danach hat der Patient Pause bis zum nächsten Pollenflug. Darüber hinaus ist die Verträglichkeit gut. Um die rechtzeitige Fortsetzung der saisonalen Allergiebehandlung zu erleichtern, steht unter www.allergie-service.info ein Erinnerungsservice zur Verfügung.

 

Die saisonale Gräsertablette Oralair® ist seit Ende letzten Jahres zugelassen für die kausale Immuntherapie von Gräser- und Roggenallergie, in gleichbleibender Zusammensetzung und Qualität. Was ist gegenüber der herkömmlichen patientenspezifischen Immuntherapie zu beachten?

GERSTLAUER: Ein Vorteil ist die sofortige Verfügbarkeit. Der Arzt kann die erste Anwendung unmittelbar in der Praxis durchführen und der Patient setzt sie dann zu Hause fort. Die Allergenmischung der 5-Gräsertablette (aus Wiesenknäuelgras, gewöhnlichem Ruchgras, Deutschem Weidelgras, Wiesenlieschengras und Wiesenrispengras) deckt das in Österreich vorherrschende Gräserpollenspektrum vollständig ab und bietet Allergikern einen sehr breiten Schutz. Die optimale Dosierung der Tablette wurde durch klinische Studien mit 300 IR herausgefunden, bei den Injektionen gibt es hingegen keine so eindeutig wissenschaftlich untermauerte Dosis.

 

Wie wichtig ist für Sie als Kinderarzt die Tatsache, dass dieses neue Allergiepräparat mit einer pädriatischen Zulassung auf Grundlage evidenzbasierter klinischer Studiendaten von 278 Kindern zwischen 5–17 Jahren auf den Markt kommt?

VOITL : Grundsätzlich wäre für jedes Medikament zu fordern, dass es für die indizierten Altersklassen nicht nur zugelassen, sondern auch sorgfältig klinisch geprüft wurde. Speziell als Kinderarzt bewegt man sich ständig auf ungesichertem Terrain, da zwei Drittel der registrierten Arzneien über keine Kinderzulassung verfügen. Noch weniger Präparate wurden unter klinischen Standards spezifisch für Kinder getestet. Die 5-Gräsertablette ist hier eine Ausnahme, da valide Kinder- daten vorliegen.

Natürlich stützt sich nicht nur der Spezialist gerne auf gesicherte wissenschaftliche Daten. Ich kann mir vorstellen, dass die Kinderzulassung insbesondere Kollegen aus anderen Fächern zusätzliche Sicherheit bringt – zum Beispiel Allgemeinpraktikern in ländlichen Regionen, die viele Kinder betreuen, weil der nächste Facharzt erst im übernächsten Ort praktiziert.

Das Gespräch führte Mag. Michael Strausz.

Erstpublikation: „ÄrzteWoche 4/2011“

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