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Abb. 1: Anorexia nervosa betrifft zu 95 Prozent Mädchen und junge Frauen. Etwa 100 bis 140 an Magersucht Neuerkrankte werden jährlich allein in Wien registriert.
(c) privat
 

Aktuelle Daten zu Anorexia nervosa

Elterlicher Erziehungsstil und genetische Veranlagung sind wesentliche Faktoren für den Ausbruch einer Anorexia nervosa.

Die Magersucht ist die schwerste Krankheit, die die Psychiatrie kennt. Ihre Mortalität ist doppelt so hoch wie jene der schweren depressiven Störung. Die Belastung, welche diese Krankheit für die Familien bedeutet, ist mit der bei schizophrenen Psychosen vergleichbar. Zu 95 Prozent sind jugendliche Mädchen und Frauen betroffen, etwa 100 bis 140 Neuerkrankte werden jährlich allein in Wien registriert. Psychosoziale Risikofaktoren, wie ein ungünstiger überkontrollierender, Autonomie gefährdender elterlicher Erziehungsstil, Missbrauch, belastende Lebensereignisse sowie soziale Isolation sind sehr gut in ihrer Relevanz für Magersucht belegt.

Aus bisherigen Untersuchungen ist auch bekannt, dass besonders diejenigen Personen von schwerer Depression betroffen sind, bei denen neben starken psychosozialen Belastungen auch genetische Mutationen an der Promotorregion des Serotonin-Transportergens vorliegen.

Andreas Karwautz von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der MedUni Wien verfolgte diesen Ansatz und integrierte die biologischen und psychosozialen Faktoren im Rahmen einer internationalen Multicenterstudie zur Magersucht. Dabei wies er die Wirksamkeit einer Interaktion, wie sie bereits für depressive Störungen bekannt ist (Caspi et al., 2003), auch für die Magersucht nach.

Es zeigte sich, dass sich ein ungünstiger elterlicher Erziehungsstil in der Zeit bis zum Ausbruch der Erkrankung Anorexia nervosa nur dann ungünstig auswirkt, wenn eine Mutation der Promotorregion des Serotonintransporters vorliegt. Hochpotente psychosoziale Stressoren – wie belastende Lebensereignisse, interpersonelle Probleme oder körperbezogenen spöttische Kommentare wurden unabhängig von genetischen Aspekten als ursächlich relevant bestätigt. Der besonders stark ausgeprägte SS-Genotyp reagierte dabei im Vergleich zur schwächeren LS-Ausprägung überproportional stark auf belastende Ereignisse. Bei Studienteilnehmerinnen ohne diese Mutation zeigte sich kein steigendes Anorexie-Risiko aufgrund eines ungünstigen Erziehungsstils.

 

Im Rahmen der Studie wurden insgesamt 128 Schwesternpaare aus Wien, London und Barcelona untersucht, wobei jeweils eine Schwester gesund ist, bei der anderen eine Anorexia nervosa ausgebrochen ist. Länderspezifisch konnten keine Unterschiede beobachtet werden.

Studienleiter Karwautz, der sich auf psychosoziale Risikoforschung bei jugendpsychiatrischen Störungen spezialisiert hat und sich 2002 in diesem Fachgebiet an der MedUni Wien habilitiert hat: „Wir konnten erstmals für Anorexia nervosa paradigmatisch zeigen, dass Erziehungsverhalten im Rahmen eines interaktionellen Modells aetiologisch für Anorexia nervosa wirksam ist. Das ist eine wichtige Erkenntnis für Therapie und Beratung.“

 

Die Studie wurde im höchstrangigen Fachjournal der Psychiatrie „Molecular Psychiatry“ veröffentlicht:

Gene–environment interaction in anorexia nervosa: relevance of non-shared environment and the serotonin transporter gene; A F K Karwautz, G Wagner, K Waldherr, I W Nader, F Fernandez-Aranda, X Estivill, J Holliday, D A Collier and J L Treasure

Molecular Psychiatry, doi:10.1038/mp.2010.12

Quelle: Pressemeldung der MedUniWien,

www.meduniwien.ac.at

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