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BMG
Abb. 1: Gesundheitsminister Alois Stöger mit Kindern eines Kinderfreunde-Kindergartens im 3. Wiener Gemeindebezirk
Moritz Wustinger/FGÖ

Abb. 2: Gesundheitsminister Alois Stöger beim Interview für „Gesundes Österreich“

 

Von Beginn an die Gesundheit unserer Kinder fördern

Dietmar Schobel1

„Kinder und deren Bedürfnisse müssen wahr- und ernst genommen werden.“

Gesundheitsminister Alois Stöger im Interview darüber, wie die Gesundheit von Kindern effektiv gefördert werden kann, weshalb frühzeitig damit begonnen werden muss und was der „Kindergesundheitsdialog“ dazu beitragen soll. Gesundes Österreich: Herr Gesundheitsminister Stöger, wenn Sie an Ihre eigene Kindheit und Jugend zurückdenken, war es in den 60er- und 70er-Jahren einfacher gesund aufzuwachsen als heute? Alois Stöger: Es war anders. Früher gab es für Kinder und Jugendliche mehr Freiraum, sich in einer nicht organisierten Form gesund zu bewegen, vom Ballspielen bis zum Fahrrad Fahren. Heute stehen Kinder auch unter einem viel höheren Leistungsdruck durch die Schule und ihr soziales Umfeld. Das spiegelt sich in der wachsenden Zahl von psychischen Beeinträchtigungen im Kindes- und Jugendalter wider. Aus wissenschaftlichen Studien wissen wir auch, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten der Anteil der Kinder erhöht hat, die übergewichtig oder sogar adipös, also krankhaft fettleibig sind. Gesundes Österreich: Heißt das, dass zum Beispiel Camps zur Gewichtsreduktion für stark übergewichtige Kinder und Jugendliche mehr unterstützt werden sollten? Alois Stöger: Wir wollen handeln, bevor es zu spät ist und nach Möglichkeit verhindern, dass Adipositas bei Kindern und Jugendlichen überhaupt entsteht. So können mit vergleichsweise geringen Mitteln große Gesundheitseffekte erzielt werden. Das umfasst, dass die Bedingungen in den Kindergärten und Schulen so gestaltet werden, dass sie zu mehr Gesundheit führen. Wenn wir bei der Ernährung bleiben, sollte zum Beispiel unter anderem dafür gesorgt werden, dass die Schulbuffets qualitativ hochwertige und gesunde Produkte anbieten und dies in einer Form, die von den Kindern und Jugendlichen auch angenommen wird. Gesundes Österreich: Was sind die Ziele des „Kindergesundheitsdialogs“, den das Gesundheitsministerium Ende April begonnen hat? Alois Stöger: Es ist wichtig, möglichst früh mit Gesundheitsförderung anzusetzen, also bei den Kindern und Jugendlichen. Wenn Kinder lernen, auf ihre Gesundheit und ihren Körper zu achten, dann nutzen sie das ihr ganzes Leben lang. Beim Kindergesundheitsdialog werden deshalb möglichst alle beteiligten Interessensgruppen und Politikbereiche eingebunden, bis März 2011 eine neue nationale Strategie zu erarbeiten, wie die Gesundheit aller Kinder nachhaltig verbessert werden kann. Der Fokus wird auf Gesundheitsförderung und strukturelle Prävention gerichtet, und zwar im Sinne der Strategie „Health in all Policies“, denn Gesundheit ist ein Thema, das alle politischen Ressorts betrifft. Gesundes Österreich: Wie kann das Konzept „Gesundheit in allen Politik-bereichen“ im Alltag verwirklicht werden? Alois Stöger: Diese Strategie wird zum Beispiel umgesetzt, wenn der Wohn- und Städtebau möglichst gesundheitsförderlich gestaltet wird – also unter anderem auch so, dass genügend Raum für Kinder und Jugendliche eingeplant wird. Der Bereich Bildung steht ebenfalls in einem direkten Zusammenhang zur Gesundheit. Maßnahmen, welche die Bildungsqualität erhöhen, wie etwa dass Klassenschülerhöchstzahlen gesenkt wurden, sind daher auch aus gesundheitspolitischer Sicht sehr positiv zu bewerten. Ein weiteres Beispiel sind kostenlose Kindergartenplätze für Familien, die dafür ansonsten keine Möglichkeit oder keine ausreichenden Mittel hätten. Für die Kinder bedeutet das, dass sie eine Chance für Entwicklung und soziales Lernen erhalten, die sie sonst nicht hätten und somit auch ihre Gesundheitschancen verbessern. Gesundes Österreich: Woran wird beim „Kindergesundheitsdialog“ im Einzelnen gearbeitet? Alois Stöger: Insgesamt wurden sechs Arbeitsgruppen eingerichtet. Die Arbeitsgruppe „Gesundheitsförderung und strukturelle Prävention“ ist eine davon. Sie beschäftigt sich damit, wo und wie angesetzt werden muss, um die Gesundheit und Chancengleichheit aller Kinder in Österreich zu verbessern. Dabei ist ein zentrales Thema, wie speziell auch Kinder aus Familien mit vergleichsweise geringem Einkommen und niedrigem Bildungsniveau erreicht werden können. Eine weitere Arbeitsgruppe setzt sich zum Beispiel damit auseinander, wie die Versorgung besser auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen zugeschnitten werden kann. Die anderen Arbeitsgruppen befassen sich mit den ebenfalls sehr wichtigen Bereichen „Kinderarzneimittel“, „psychosoziale Gesundheit“ und „Rehabilitation“ sowie „Risikoschwangerschaft/Risikogeburt und die Folgen“. Gesundes Österreich: Sie haben Ihre heute erwachsene Tochter ab dem Alter von zwölf Jahren allein erzogen. Was ist nach Ihrer persönlichen Erfahrung entscheidend, damit Kinder gesund erwachsen werden? Alois Stöger: Kinder und deren Bedürfnisse müssen wahrgenommen und ernst genommen werden. Das bedeutet nach meiner Erfahrung vor allem auch, die eigene Geschwindigkeit so anzupassen, dass sie dem Lebensrhythmus der Kinder gerecht wird. Kinder brauchen Menschen, die auf sie eingehen – auf individueller und auf gesellschaftlicher Ebene. ■ Der Erstabdruck dieses Interviews ist in „Gesundes Österreich“, dem Magazin des Fonds Gesundes Österreich, in der Ausgabe vom Oktober 2010 erschienen. „Gesundes Österreich“, das Vierteljahresmagazin für Gesundheitsförderung und Prävention, kann kostenlos bestellt werden: per E-Mail unter oder online unter www.fgoe.org im Bereich „Presse, Publikationen“.

1 leitender Redakteur „Gesundes Österreich“; Journalist, Mitarbeiter des Redaktionsbüros „teamword“, www.teamword.at

Daten und Fakten Für die 2008 veröffentlichte KiGGS-Studie (Kinder- und Jugendgesundheitssurvey) wurden in Deutschland Daten von insgesamt rund 17.600 Kindern und Jugendlichen zwischen null und 17 Jahren erhoben. Die zentralen Ergebnisse lassen sich aller Voraussicht nach auch auf Österreich übertragen. Dazu zählen: Kinder aus einkommensschwachen und bildungsfernen Familien haben schlechtere Gesundheitschancen als solche aus einkommensstarken und gebildeten Familien. 15 Prozent der Kinder sind übergewichtig – das sind um 50 Prozent mehr als in den 1990er-Jahren. Eine österreichische Studie aus dem Jahr 2007 kommt zu dem Ergebnis, dass dies in Österreich auf etwa 20 Prozent der 6- bis 14-jährigen Kinder zutrifft. Bewegungsmangel und Fehlernährung sind zwei Gründe dafür. Bei 15 Prozent der Kinder finden sich Anhaltspunkte für psychische Probleme. Etwa ein Viertel der 11- bis 17-Jährigen haben Gewalterfahrungen, als Täter, Opfer oder beides. Pro Jahr erleiden circa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine behandlungsbedürftige Unfallverletzung. Bei 20 Prozent der 11- bis 17-Jährigen finden sich Hinweise auf eine Essstörung. Der Einstieg in den Alkoholkonsum erfolgt meist vor dem 14. Lebensjahr. Viele Jugendliche trinken Alkohol in einem Ausmaß, das als gesundheitsgefährdend eingestuft werden muss. 20 Prozent der Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren rauchen. Nur 25 Prozent der Kinder werden sechs Monate lang ausschließlich gestillt. Jedes achte Kind hat potenziell durch Lärm verursachte Gehörschäden. Quelle: Bundesministerium für Gesundheit
  • Herr Prof. Manfred Neuberger M.D., 16.09.2011 um 16:50:

    „Leodolter dreht sich im Grab um, wenn sie dieses Blah Blah eines Gesundheitsministers hören könnte, der zu feig ist, das Kdolsky-Gesetz zu ändern. Das wurde auf Rat von Waneck (FPÖ) von Spanien abgeschrieben. Spanien hat aus dem Fehler gelernt und sein neues Tabakgesetz entspricht heute westeuropäischem Standard. Stöger richtet noch immer Arbeitsgruppen ein, während die Wirtschaftslobby die Gesundheitspolitik diktiert.“

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