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Abb. 1: Das aktuelle Europäische Konzept zur Ausbildung in einer pädiatrischen Subspezialität. Zu Einzelheiten siehe Text.
 

Europäische Konzepte zur Ausbildung in pädiatrischen Subspezialitäten – am Beispiel der Pädiatrischen Pneumologie

TEIL 1

EINLEITUNG

Die derzeitige Europäische Situation von pädiatrischen Subspezialitäten ist hochgradig inhomogen. In einzelnen fortschrittlichen Nationen sind zahlreiche pädiatrische Subspezialitäten offiziell anerkannt und verfügen über einen geregelten Ausbildungsgang. In anderen Europäischen Ländern bemühen sich pädiatrische Subspezialisten noch immer um diese Entwicklung; vielerorts ist das Phänomen des „selbsterklärten Experten“ anzutreffen. Europäische Dachorganisationen streben nach einer Homogenisierung dieser Entwicklung sowie einer trans-Europäischen Standardisierung von Ausbildungskonzepten.

 

Der folgende Artikel, Teil 1, versucht die für diese Situation relevanten politischen Rahmenbedingungen darzustellen, beschreibt danach die geltenden edukationalistischen Gesichtspunkte und leitet aus diesen Überlegungen ein modellhaftes Ausbildungskonzept für pädiatrische Subspezialitäten ab.

 

In Teil 2, der Sie in „Pädiatrie & Pädologie“, Heft 2/2011, erwartet, wird als Beispiel der Werdegang der Pädiatrischen Pneumologie in Europa skizziert, die Österreichische Situation kurz beschrieben und schließlich versucht, die Probleme in der Weiterentwicklung pädiatrischer Subspezialitäten in Europa zu analysieren.

POLITISCHE PERSPEKTIVEN

Die Europäische Union hat mit ihren Direktiven 75/362/EEC und 2005/36/EC für alle Ärzte ihrer Mitgliedsstaaten einen freien Zugang zum Europäischen Arbeitsmarkt geschaffen. Diese Direktiven verordnen eine automatische wechselseitige Anerkennung von Diplomen und anderen medizinischen Qualifikationsnachweisen für alle Mitgliedsländer. Allerdings schaffen derartige Erlässe, wenn aus einer kritischen Perspektive betrachtet, ein potentielles ethisches Problem: Ein Arzt, welcher im EU-Staat A lückenhaft ausgebildet wurde, könnte sich entschließen, im EU-Staat B, in welchem das Ausbildungsniveau höher und dementsprechend die Qualität der ärztlichen Versorgung besser ist, zu praktizieren. Offensichtlich hat die Europäische Union diese Direktiven auf die Annahme gestützt, dass die Qualität der medizinischen Ausbildung über die ganze EU hinweg vergleichbar sei. Dies dürfte aber nicht immer der Fall sein. So bleibt es der Initiative und Aktivität von EU-assoziierten, trans-Europäischen medizinischen Dachorganisationen (wie der Union of European Medical Specialists = UEMS) überlassen, sich um die notwendige Harmonisierung des medizinischen Ausbildungsstandards zu bemühen.

Die UEMS ist entsprechend dem aktuellen Spektrum der medizinischen Fächer in Europa in Sektionen strukturiert. Eine von diesen ist die pädiatrische Sektion, welche sich in der Vergangenheit „Confederation of European Specialists in Paediatrics (CESP)“ nannte und vor einigen Jahren in „European Academy of Paediatrics (EAP)“ umbenannt wurde. Vergleichbar zu den Aktivitäten der anderen UEMS-Sektionen hat die CESP im Jahre 1990 mit der Schaffung des „European Board of Paediatrics“ als permanentes Komitee begonnen, an dieser Homogenisierung der Europäischen Ausbildungsstandards für Kinder- und Jugendheilkunde zu arbeiten. Allerdings wurde bald klar, dass diese Aufgabenstellung für das pädiatrische Board weit umfangreicher war, als jene für die Boards der meisten anderen UEMS-Sektionen. Man musste sich nicht nur mit Konzepten für die pädiatrische Grundausbildung (Common Paediatric Trunk) sowie für die ergänzende Ausbildung zur pädiatrischen Praxis und zur nicht-spezialisierten Spitalsmedizin (Primary and Secondary Paediatric Care) beschäftigen, sondern zusätzlich auch Europäische Ausbildungsprogramme für die verschiedensten pädiatrischen Subspezialitäten (Tertiary Paediatric Care) entwickeln. Die EAP hat letzteres durch die Schaffung von Subsektionen und im Rahmen einer standardisierten Zusammenarbeit mit den diversen Europäischen Subspezialitäten- Fachgesellschaften in Angriff genommen. Jede dieser Fachgesellschaften ist durch einen Delegierten in der EAP vertreten. Getragen von der Überzeugung, dass diese diversen Europäischen Fachgesellschaften nicht nur ein Interesse an entsprechenden Ausbildungsordnungen haben müssen, sondern auch in ihrer Mitgliedschaft die nötige Expertise für die Erstellung derselben verfügbar ist, hat die EAP die fachlichen Details dieser Ausbildungsordnungen vollständig den Fachgesellschaften überlassen. Allerdings verblieb die EAP in der Rolle eines synchronisierenden Regulativs, um sicherzustellen, dass die entsprechenden Ausbildungsordnungen nicht nur in ihrer Struktur sondern auch in der geforderten Dimension der Expertise für das gesamte Spektrum der pädiatrischen Subspezialitäten vergleichbar bleiben. Für die pädiatrische Pulmonologie ist die entsprechende Fachgesellschaft das Paediatric Assembly der European Respiratory Society (ERS).

Die Schaffung Europäischer Ausbildungskonzepte für pädiatrische Subspezialitäten ist nicht nur durch die oben angesprochenen EU-Direktiven motiviert, sondern auch durch die Überzeugung, dass damit andere Positiveffekte für die Kinder- und Jugendheilkunde erreicht werden können. Eine trans-Europäische Harmonisierung der Ausbildungsstandards würde als Nebeneffekt wohl auch wünschenswerte Minimalstandards für Diagnose und Behandlung definieren. Die Existenz solcher Europäischer Ausbildungsordnungen sollte Spezialisierung und Ausbildung von Zentren in Regionen und Staaten fördern, in welchen die entsprechende pädiatrische Subspezialität bis dato unterrepräsentiert geblieben ist. Darüber hinaus würde durch derartige Ausbildungsordnungen das häufig erlebte Phänomen des selbst-definierten Spezialisten entmutigt werden. Eine damit geförderte größere Mobilität der Auszubildenden über nationale Grenzen hinweg würde schon während der Ausbildung eine breitere Sicht der Spezialität vermitteln und internationale Zusammenarbeit fördern. Damit ergibt sich die Möglichkeit einer vertieften Kooperation zwischen Zentren und Ländern auf der Basis persönlicher Kontakte und Freundschaften als Grundlage der Bildung von internationalen Netzwerken. Last but not least ist zu hoffen, dass die Existenz eines Europäischen Ausbildungsprogrammes den mühseligen und schrittweisen Prozess der nationalen Anerkennung (einschließlich der Erstellung von nationalen Ausbildungsprogrammen) von pädiatrischen Subspezialitäten weiter fördert.

 

Von der Europäischen Union kommen aber in Form der oben erwähnten Direktiven nicht nur potente Stimuli für eine trans-Europäische Harmonisierung von medizinischen Ausbildungsprogrammen, sondern auch einige Stolpersteine auf dem Weg zu diesem Ziel. Der prominenteste von diesen ist sicherlich das EU-Prinzip der Subsidiarität, welches die Regelung von Ausbildungsstandards, das Prüfungswesen und die Zuerkennung von Qualifikationen ausdrücklich den nationalen Autoritäten überlässt. Das bedeutet, dass kein mit diesen Themen auf Europäischer Ebene beschäftigtes Dokument gesetzliche Wirksamkeit besitzt; die nationalen Autoritäten sollten zwar, müssen aber nicht mit den Europäischen Konzepten gleichziehen. Dementsprechend hat jeder Europäischer Syllabus, jedes Europäische Curriculum nur den Charakter einer Leitlinie. Andererseits sollte aber die Wirksamkeit von derartigen Europäischen Leitlinien in ihrem Einfluss auf die nationalen Autoritäten nicht unterschätzt werden. Daraus folgert, dass das standespolitische Streben nach der offiziellen Anerkennung einer pädiatrischen Subspezialität (einschließlich der Definition von relevanten Ausbildungsstandards) immer eine nationale Anstrengung bleiben wird. In der Regel wird aber eine derartige nationale Kampagne durch die Existenz einer entsprechenden Europäischen Ausbildungsordnung für diese Subspezialität wirksam unterstützt und gefördert.

 

Es scheint prima Vista fast ein wenig absurd, eine nationale Ausbildungssituation auf dem Umweg über Europäische Richtlinien verbessern zu wollen. Dennoch bleibt es leider unübersehbar, dass man die Kurzsichtigkeit von nationalen Autoritäten (seien dies nun Ministerien, Kammern oder ähnliche Körperschaften) weniger durch eine konstruktive und sachliche Argumentation, sondern eher auf dem Umweg über die zweifellos vorhandene Autorität von Europäischen Dokumenten überwinden kann. Paradoxerweise scheint also heute oft in Themen wie medizinische Ausbildung und Versorgungsstandards der kürzeste Weg von A zu B innerhalb eines Landes über Europa zu führen.

EDUKATIONALISTISCHE PERSPEKTIVEN

Kompetenz-basierte Ausbildung

Das Konzept der Kompetenz-basierten Ausbildung stammt ursprünglich nicht aus der medizinischen Welt, seine Entstehung war vielmehr motiviert durch die politische Überzeugung, dass damit die nationale Produktivität in einer zunehmend globalisierten Welt eher konkurrenzfähig bleibt (1). In diesem Konzept wird der Ausbildungsfortschritt des Auszubildenden ausschließlich durch die erworbenen Kompetenzen ohne Rücksicht auf den Ausbildungsweg und die Ausbildungszeit definiert. Heute wird der Zugang zu dieser Ausbildungsstrategie eher ganzheitlich verstanden; er erfasst die relevanten Kompetenzen in ihrem kulturellen und sozialen Kontext und sucht nach Wegen, wie persönliche Qualitäten eingesetzt werden können, um die gewünschten Resultate zu erzielen (2).

 

In Europa hat sich bisher die Organisation der medizinischen Ausbildung auf zeitlich definierte Konzepte gestützt. Diese Tradition wird jetzt schrittweise durch Kompetenz-basierte Ausbildungsstrategien ersetzt. In der medizinischen Ausbildung sind Kompetenzen als eine Kombination von Wissen, Fertigkeiten und persönlichen Haltungen zu sehen, welche, wenn klinisch eingesetzt, das gewünschte Resultat erzielen. Zweifellos ist in diesem Zusammenhang auch zwischen klinischer Kompetenz (was der Arzt tun kann) und klinischer Leistung (was der Arzt tatsächlich tut) zu differenzieren. Kompetenz-basierte Ausbildung stützt sich auf drei elementare Bestandteile:

 

  • Definition der relevanten Kompetenzen - etwas vereinfacht dargestellt das Festlegen der Ausbildungsinhalte, i. e. eine Listung des „Was“ einer Ausbildung (Syllabus).
  • Die Konstruktion entsprechend passender Ausbildungsprogramme, i. e. ein Konzept zum „Wie“ einer Ausbildung (Curriculum).
  • Die Suche nach geeigneten Strategien zur Überprüfung der Frage, ob die so definierten Ausbildungsziele vom Auszubildenden auch tatsächlich erreicht werden, inklusive der Festsetzung von zu erreichenden Minimalstandards (Prüfungswesen).

 

Die hier skizzierte Differenzierung zwischen Syllabus und Curriculum ist eine Vereinfachung und damit der Versuch in einem Bereich Klarheit zu schaffen, in welchem traditionellerweise Verwirrung herrscht. In der edukationalistischen Fachliteratur dreht sich eine schier endlose Debatte um die Frage, ob es möglich sei, zwischen Syllabus und Curriculum klar zu unterscheiden (3). Ungeachtet dieser theoretischen Diskussionen und Einwände bedarf aber der Aufbau eines Ausbildungsprogrammes definierbarer Elemente. Dementsprechend bedient sich diese Übersicht des meist gebrauchten Konzeptes, welches einen Syllabus den Inhalt eines Ausbildungsprogrammes listen lässt, während sich ein Curriculum mit der Frage beschäftigt, wie dieser Inhalt an den Auszubildenden vermittelt werden kann.

 

Im Vergleich zum traditionellen zeitdefinierten Konzept einer medizinischen Ausbildung hat die Kompetenz-basierte Strategie die potenziellen Vorteile eines mehr individualisierten und flexiblen Zugangs, von transparenteren Standards, sowie auch einer größeren öffentlichen Akzeptanz (1). Nachteile sind das Risiko zu sehr auf Minimalstandards zu fokussieren, sowie auch die unvermeidbar größere administrative Belastung. Grundsätzlich bleibt bei allen Ausbildungsstrategien die Schwierigkeit, komplexe medizinische Alltagssituationen (inklusive der geforderten ärztlichen Problemlösungsfähigkeit) auf einige wenige standardisierte Prüfungssituationen zu reduzieren. Für den Pädiater bleibt es hochinteressant, die aktuellen und semi-philosophischen Diskussionen von Ausbildungsexperten und -wissenschaftlern zu diesen Fragen zu verfolgen. Kinderärzte, die ein Europäisches Ausbildungskonzept für eine pädiatrische Subspezialität entwickeln sollen, haben allerdings keine andere Wahl, als ihre Programme auf der konzeptionellen Basis der zurzeit bestakzeptierten Paradigmen aufzubauen.

EAP-Konzepte zur Ausbildung in einer pädiatrischen Subspezialität

Die EAP als Pädiatrische Sektion der UEMS hat klare Konzepte zur Ausbildung in einer pädiatrischen Subspezialität entwickelt. Diese Konzepte sind auch graphisch darstellbar (Abbildung). Man kann sie in einige elementare Schritte und begleitende supportive Maßnahmen strukturieren; alle diese werden im Weiteren beschrieben.

 

In der Entwicklung eines solchen Ausbildungsplanes muss man die aktuellen edukationalistischen Konzepte kennen, diese in der besonderen Situation einer pädiatrischen Subspezialität zum Einsatz bringen und sich dabei des Europäischen Charakters der Ausbildungsprogrammentwicklung (i. e. Europäische versus nationale Konzepte, das oben beschriebene Subsidiaritätsprinzip) bewusst sein. Die schwierigste Herausforderung ist und bleibt es aber, einen vernünftigen Kompromiss zwischen einerseits Anwendbarkeit und Akzeptanz und andererseits wünschenswerter Qualität und Tiefe zu finden. Offensichtlich sollte ein Europäisches Ausbildungskonzept ambitioniert genug sein, um ausgezeichnete Patientenversorgung durch hochqualifizierte Ärzte sicherzustellen. Allerdings haben allzu ambitionierte Europäische Konzepte Probleme in ihrer Akzeptanz auf nationaler Ebene und fördern damit nicht unbedingt die Übersetzung Europäischer in nationale Standards sowie die angestrebte trans-Europäische Harmonisierung. In der Entwicklung eines Europäischen Syllabus/Curriculums ist diese delikate Balance zwischen Wunschvorstellung und Realismus oft schwer zu treffen und dementsprechend bietet die Schaffung eines Europäischen Syllabus Herausforderungen, die weit über die einfache Listung von Ausbildungsinhalten hinausgehen.

Qualifikation zur Ausbildung:

Die EAP besteht auf ein Minimum von drei Jahren pädiatrischer Grundausbildung (Common Trunk) als Voraussetzung für den Eintritt in die Ausbildung zum pädiatrischen Subspezialisten. Dies soll sicherstellen, dass die generischen Fertigkeiten eines Pädiaters in ausreichender Quantität und Tiefe gegeben sind. Es hilft auch, das kranke Kind als Ganzheit wahrzunehmen, den Röhrenblick einer ausschließlichen Organspezialisierung zu vermeiden, und kollaterale Morbidität nicht zu übersehen oder zu vernachlässigen. Aus diesen Gründen wird auch das Konzept eines Eintrittes von erwachsenenmedizinischen Organspezialisten in pädiatrische Subspezialitäten-Ausbildungsprogramme von Seiten der EAP nicht unterstützt.

 

Zusätzlich erscheint es sinnvoll, dass der Auszubildende spezielle Kenntnisse und Kompetenzen in nahe verwandten Subspezialitäten erwirbt. In der speziellen Situation der pädiatrischen Pneumologie wäre dies z. B. die pädiatrische Kardiologie, Intensivmedizin, Radiologie, sowie die Neonatologie.

 

Offensichtlich sollte sich der Auszubildende sehr bewusst sein, dass er im hochspezialisierten Umfeld einer pädiatrischen Subspezialität tätig werden will. Besonders in kleineren Europäischen Ländern, wo nur eine sehr limitierte Anzahl von geeigneten Dienstposten in entsprechend spezialisierten Zentren zur Verfügung steht, erscheint es sinnvoll, dass sich eine derartige Subspezialitäten-Ausbildung nicht nur auf drei Jahre pädiatrische Grundausbildung stützt, sondern dass eine entsprechende zusätzliche Ausbildung auch zur Tätigkeit in der niedergelassenen oder spitalsgebunden Allgemeinpädiatrie berechtigt. Damit bleiben die persönlichen Arbeits- und Anstellungsoptionen so breit als möglich.

Syllabus:

Die EAP überlässt üblicherweise die Schaffung eines Europäischen Syllabus für eine pädiatrische Subspezialität der entsprechenden Europäischen Fachgesellschaft. In dieser finden sich die dazu nötige klinische und wissenschaftliche Expertise in ausreichendem Maße ist gegeben. Allerdings fordert die EAP dabei eine gewisse für alle Subspezialitäten gültige Uniformität in Form einer modularen Struktur. Eine solche fördert die treffsichere Definition von notwendigem Wissen und Fertigkeiten. Darüber hinaus macht eine modulare Struktur die Erfassung der entsprechenden Ausbildungskapazitäten und -kompetenzen eines Zen-trums leichter. Über die Jahre hat sich eine gewisse Routine etabliert, welche darin besteht, dass die jeweilige Europäische pädiatrische Subspezialitätengesellschaft den Syllabus entwickelt und dann der EAP zur Prüfung und Zustimmung vorlegt. Mit dieser Zustimmung hat der entsprechende Syllabus den Status eines offiziellen UEMS-Dokumentes erlangt.

 

Ein Detail, welches die EAP für alle pädiatrischen Subspezialitäten als wichtig erachtet, ist der Einschluss von Forschungs-, Publikations- und Lehraktivitäten in das Ausbildungsprogramm. Der Auszubildende sollte nicht nur lernen, aktuelle medizinische Literatur kritisch zu evaluieren, sondern auch aktiv in die Planung und Durchführung von Forschungsprojekten und deren abschließende Publikation involviert sein. Zusätzlich sollte die Ausbildung Erfahrungen in der Lehre von Medizinstudenten, anderen Gesundheitsberufen, sowie auch im Rahmen von postpromotionalen Lehraktivitäten vermitteln.

Curriculum:

Wenn ein Curriculum im Sinne der diskutierten Definitionen als die Beschreibung des „Wie“ einer Ausbildung verstanden wird, ergibt sich als logische Folgerung, dass seine Erstellung in hohem Maße in der lokalen bzw. nationalen Verantwortlichkeit bleibt. Für Europäische Institutionen entsteht daraus wieder die Frage, in welchem Ausmaß ein harmonisierender und standardisierender Einfluss auf die Entstehung von nationalen Curricula ausgeübt werden kann. Jedenfalls empfiehlt sich eine gewisse Zurückhaltung in der Verschreibung von Europäischen Curriculumvorstellungen an nationale Autoritäten und Körperschaften. Die über Europa hinweg feststellbare weite Divergenz in Ausbildungs- und Lehrtraditionen und die nur sehr zögerliche Akzeptanz moderner Ausbildungskonzepte auf nationaler Ebene müssen berücksichtigt werden. Konzepte und Traditionen, die sich lokal über Jahrzehnte hinweg entwickelt haben, werden sich letztendlich verändern und erneuern müssen, aber das kann im Sinne der nationalen Akzeptanz wohl nur in kleinen Schritten bewerkstelligt werden. Im Augenblick scheint es dementsprechend sinnvoll, dass Europäische Institutionen Curricula nicht vorschreiben, sondern sich auf „Curriculumempfehlungen“ beschränken.

 

Dies schließt allerdings nicht aus, dass ein Spektrum von praktischen Vorschlägen, welche beschreiben, wie die im Syllabus gelisteten Kompetenzen vermittelt werden könnten, in solchen Europäischen Curriculumempfehlungen enthalten sein können. Zweifellos sollten sich derartige Vorschläge auf die Frage konzentrieren, wie die verschiedenen Kompetenzen zu erwerben sind und weniger die Zeitfrage einer Ausbildung behandeln. Lokale und nationale Autoritäten werden üblicherweise ohnehin darauf bestehen, einen Zeitrahmen für eine medizinische Ausbildung zu definieren; Europäische Körperschaften können sich auf die Festlegung einer Minimalausbildungszeit beschränken. Sinnvoll erscheint, dass der/die Auszubildende seinen/ihren Fortschritt in Form einer persönlichen Ausbildungsliste (Log Book) monitorisiert. Dieses soll auch eine detaillierte Liste von erworbenen Fertigkeiten (letztendlich immer vom Ausbildungsverantwortlichen testiert) enthalten und damit sicherstellen, dass die Ausbildung in den notwendigen Fertigkeiten nicht vernachlässigt wurde.

Ausbildungshilfen:

Die Ausbildung in relevanten Fertigkeiten wird weitgehend in der Verantwortlichkeit des Ausbildungszentrums bleiben. Internationale Kurse in besonderen Fertigkeiten (z. B. die gängigen Ausbildungskurse in flexibler pädiatrischer Bronchoskopie in Tierlaboratorien) mögen als Ausnahme von dieser Regel gelten.

 

Andererseits kann die Vermittlung von Kenntnissen durch Ausbildungshilfen gefördert werden und letztere sind durchaus auch (oder vielleicht sogar vorwiegend) auf Europäischer Ebene erstellbar. Derartige speziell auf die Bedürfnisse des Auszubildenden zugeschnittene Ausbildungshilfen können z. B. eine Reihe von informativen Fachartikeln (welche sich auch zu einem Europäischen Lehrbuch summieren könnten) sein. Weitere Möglichkeiten sind Ausbildungskurse (eine „European School“ für jede pädiatrische Subspezialität) sowie die verschiedensten Einsatzmöglichkeiten des „E-Learning“.

 

Zusätzlich dazu kann ein Auszubildender natürlich auch von Hilfen profitieren, die nicht spezifisch auf diese Ausbildungssituation zugeschnitten sind. Hier bieten sich vor allem Ausbildungshilfen an, die im Rahmen der bestehenden postgradualen Aus- und Weiterbildungsbestrebungen geschaffen wurden. Derartige „nicht-spezifische“ Ausbildungshilfen sind z. B. Europäische Kongresse, Tagungen, Workshops, postgraduale Kurse, Lehrbücher und Übersichtsartikel in wissenschaftlichen und Fortbildungsjournalen.

 

Wesentliche und praxisnahe Lernhilfen bleiben aber in der Verantwortlichkeit des Ausbildungszentrums und damit lokal und national. Dazu gehören klinische Visiten, Ausbildungselemente bei Visiten und Problempatientenbesprechungen, Besprechungen zur aktuellen Literatur und zu Forschungsprojekten, etc. All dies kann unter dem Titel der „Ausbildungskultur“ eines Zentrums zusammengefasst werden.

Qualitätssicherung – Struktur- und Prozessqualität

Jedes Ausbildungsprogramm wird ein beträchtliches Ausmaß von begleitenden Qualitätssicherungsmaßnahmen erfordern. Im Bereich der Struktur- und Prozessqualitätssicherung sind dabei vor allem die Ausbildungskapazitäten und -möglichkeiten eines Zentrums zu analysieren. Die modulare Struktur eines Syllabus unterstützt eine solche Zentrumsevaluation durch die Möglichkeit von standardisierten Evaluationsschritten und Erfassungsbögen. Allerdings hat sich gezeigt, dass die alleinige Erfassung relevanter Details (z. B. für die pädiatrische Pneumologie: Welche Lungenfunktionsmethoden sind vorhanden, wie viele CF- oder Asthma-Patienten betreut das Zentrum, wie viele Bronchoskopien werden pro Jahr durchgeführt, etc.?) nicht gut genug zur wirklichkeitsnahen Erfassung der gebotenen Ausbildungsqualität ist. Die Analyse der gebotenen „Ausbildungskultur“ sowie die Evaluation des Fortschrittes und der Zufriedenheit der Auszubildenden sind mindestens ebenso wichtig.

 

Direktoren von Ausbildungszentren bzw. andere Verantwortliche werden immer dazu tendieren, die Kapazitäten ihres Zentrums zu überschätzen; eine mittels Fragebogen zusammengestellte trans-Europäische Liste von Ausbildungszentren für eine pädiatrische Subspezialität wird dementsprechend immer ein gegenüber der Wirklichkeit geschöntes Bild produzieren. Dies bedeutet, dass sich eine genauere und wirklichkeitsnähere Analyse und Akkreditierung von Ausbildungszentren auf ein stringentes Visitationsprogramm stützen muss.

 

Die EAP hat für derartige Europäische Ausbildungszentrumsvisitationen detaillierte Leitlinien entwickelt (4). Diesen Leitlinien entsprechend haben für einige kleinere pädiatrische Subspezialitäten bereits Europäische Visitations- und Evaluierungsprogramme begonnen, welche wiederum erste interessante Erfahrungen liefern. Da sorgfältig durchgeführte Zentrumsvisitationen sowohl personell als auch finanziell aufwendig sind, ist diese Form der Qualitätssicherung vielleicht die am schwierigsten zu realisierende Teilkomponente eines Europäischen Ausbildungsprogrammes. In einigen Europäischen Länder laufen bereits Visita- tions- und Akkreditierungsprogramme für Ausbildungszentren auf nationaler Basis; hier scheint es wenig Sinn zu machen, Europäische Visitationen zusätzlich zu den nationalen anzubieten. Andererseits bleibt aber ein Europäisches Programm für jene Mehrheit von Ländern von Interesse, in welchen keine derartigen nationalen Bemühungen initiiert worden sind. Ein Zentrum profitiert von einer derartigen Prüfung und Akkreditierung in Form von gesteigertem Prestige und verbesserter Visibilität. Auch die im Rahmen einer Akkreditierung getroffene Feststellung von Struktur- und Prozessmängeln kann fallweise in der Verhandlung mit Spitals- und Universitätsverwaltern hilfreich sein.

 

Zurzeit verzichtet die EAP selbst auf die Durchführung derartiger Visitationen und überlässt diese der Kompetenz und den Kapazitäten der verschiedenen Europäischen pädiatrischen Subspezialitätengesellschaften. Vorausgesetzt, dass die entsprechenden Richtlinien der EAP eingehalten werden, bestätigt diese aber dann das Resultat der Evaluation mit einem entsprechenden Diplom.

Qualitätssicherung – Ergebnisqualität:

Das individuelle Ergebnis einer Ausbildung sollte evaluiert werden. Diese Prüfung oder Prüfungen allein werden schon (frei nach der Devise „Prüfung fördert Lernen = assessment drives learning“) das Ausbildungsergebnis verbessern. Das Prinzip der „formativen Evaluation“ prüft den Auszubildenden wiederholt im Verlaufe der Ausbildung und produziert damit eine individuelle Fortschrittskurve. Dementsprechend liegt der Vorteil dieser formativen Evaluation für den Auszubildenden in der wiederholten Standortbestimmung während der Ausbildung; dies ermöglicht es, das weitere Lernen zu adaptieren und zu Tage tretende Schwachstellen zu korrigieren. Im Gegensatz dazu bestätigt eine „summative Evaluation“ am Ende der Ausbildung den Ausbildungserfolg (oder das Fehlen eines solchen); diese Form der Evaluation wird von Gesundheitspolitikern und verantwortlichen Körperschaften besonders geschätzt, da sie die stattgehabte Ausbildung mit einer Art Qualitätssigel abschließt und damit nachweisen lässt, dass die Ausbildungsziele erreicht wurden.

 

Erworbene Fertigkeiten können allerdings nicht mit konventionellen Prüfungstechniken erfasst werden. Aus der englischen edukationalistischen Literatur kommt dazu ein Spektrum von teilstandardisierten Evaluationstechniken wie z. B. die „directly observed procedure (DOP)“ oder das „mini-clinical exercise (mini-CEX)“. Ob sich diese Ansätze in den kontinental-Europäischen Ausbildungsprogrammen durchsetzen werden, ist abzuwarten. Einstweilen verbleibt jedenfalls die Evaluation von praktischen Fertigkeiten in der Verantwortlichkeit des Ausbildungszentrums.

Im Gegensatz dazu können Kenntnisse durchaus auf breiterer, i. e. Europäischer Ebene evaluiert werden. Gerade für pädiatrische Subspezialitäten, für welche ausgezeichnete Kenntnisse der englischen Sprache ohnehin zu fordern sind, erscheinen Europäische Multiple-Choice-Prüfungen als interessante Möglichkeit einer abschließenden summativen Evaluation. Größere Europäische Nationen mögen eine nationale Abschlussprüfung über die erworbenen Kenntnisse als unabdingbar betrachten; in diesem Fall könnte eine freiwillig gesessene Europäische Abschlussprüfung als zusätzliches qualitätsbestätigendes Diplom attraktiv erscheinen. Anders stellt sich die Situation für kleinere Europäische Länder dar, in welchen die Anzahl der einmal pro Jahr zu prüfenden pädiatrischen Subspezialisten gering bleiben wird; für einige Wenige auf nationaler Ebene eine ausreichende Anzahl von MC-Fragen zu sammeln und eine qualitativ hochstehende Prüfung zu organisieren erscheint als disproportional aufwendiges Projekt. Für derartige Länder wäre eine Abschlussprüfung auf Europäischer Ebene durchaus interessant und könnte schließlich nationale Prüfungsanstrengungen vollständig ersetzen. Die Organisation von jährlichen Europäischen Abschlussprüfungen ist dementsprechend ein interessantes mittelfristiges Ziel für pädiatrische Subspezialitätengesellschaften und die EAP.

Der ausgebildete pädiatrische Subspezialist:

Dieser sollte das Produkt des dargestellten Ausbildungsprogrammes sein. Er/sie ist der Garant für die weitere spezialisierte pädiatrische Versorgung von Europäischen Kindern und Jugendlichen mit schwierigen und chronischen Krankheitsbildern. Er/sie sollte darüber hinaus die Wissenschaft und Forschung in den jeweiligen Arbeitsgebieten vorantreiben sowie die jeweilige pädiatrische Subspezialität auf allen Ebenen der medizinischen Ausbildung unterrichten. Als sachkundige Experten sollten die so ausgebildeten pädiatrischen Subspezialisten ihren Teil der Kinder- und Jugendheilkunde gegenüber der Öffentlichkeit und diversen Entscheidungsträgern wirkungsvoll und nachdrücklich vertreten. Damit werden gut ausgebildete pädiatrische Subspezialisten zu einer essentiellen Basis für das weitere gesunde Wachstum und die produktive Zukunft der Europäischen Pädiatrie.

1 Klinische Abteilung für Pädiatrische Pulmonologie und Allergologie Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Medizinische Universität Graz

 

Auf der Basis eines Festvortrages zur Eröffnung des „9th International Congress on Pediatric Pulmonology“ in Wien, 19. Juni 2010.

LITERATUR

 

1. Leung WC. Competency based medical training: review. BMJ 2002; 325: 693-6.

2. Toohey S, Ryan G, McLean J, Hughes C. Assessing competency-based education and training. Austral N Z J Vocational Educ Res 1995; 3: 86-117.

3. Burton JL, McDonald S. Curriculum or syllabus: which are we reforming? Med Teach 2001; 23: 187-91.

4. Zach M, Milla P. European Training Centre Visitation Program for Tertiary Care Paediatric Specialities. http: www.eapaediatrics.eu

 

GENDERERKLÄRUNG

 

Die in diesem Text eingesetzten personenbezogenen Bezeichnungen wurden im Sinne der leichteren Lesbarkeit und Übersichtlichkeit nur in der männlichen Geschlechtsform gewählt, gelten aber gleichermaßen für Männer und Frauen.

© Sissi Furgler Fotografie
Zur Person
Univ.-Prof.Dr. Maximilian Zach
Leiter der Klinischen Abteilung für pädiatrische Pulmonologie und Allergologie an der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Medizinische Universität Graz, Präsident der European Respiratory Society 1994-1995, Head des pädiatrischen Assembly der ERS 1990-1993, Präsident der Österreichische Gesellschaft für Pneumologie 1999-2001, Präsident der European Academy of Paediatrics 2007-2009, Europäischer Editor von Pediatric Pulmonology 1984-1993, Mitglied in zahlreichen nationalen und internationalen Exekutivkomitees, Editorial Boards, Task Forces, Arbeits- und Projektgruppen, UEMS-Delegierter der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde.

Maximilian S. Zach1, Pädiatrie & Pädologie 1/2011

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