zur Navigation zum Inhalt
Alle Fotos in diesem Beitrag: © Ronald Kurz / Michael Schmeja
Abb. 1: Michael Schmeja (links) und Ronald Kurz (rechts) mit Direktor Barimah Antwi beim Besuch des Rehabilitationszentrums in Offinso/Ghana

Abb. 2: Schüler des Rehabilitationszentrums in Offinso/Ghana beim Schneiderei-Unterricht

Abb. 3: Schüler des Rehabilitationszentrums in Offinso/Ghana beim Schusterei-Unterricht

Abb. 4: Schüler beim Kochen an offener Kochstelle des Rehabilitationszentrums in Offinso/Ghana

Abb. 5: Schüler und Lehrer des Rehabilitationszentrums Offinso

Abb. 6: Orangenbäumchen unter „Plantanes“, meterhohen Bananenstauden

 
Kinder- und Jugendheilkunde 19. Jänner 2011

Besuch in Ghana, Westafrika

Visitation und Unterstützung eines Rehabilitationszentrums

Grundlagen

Ghana hieß früher Goldküste, liegt in Westafrika zwischen den Staaten Elfenbeinküste, Togo und Burkina-Faso. Es hat derzeit 25 Millionen Einwohner.

In Offinso, einer Stadt im Bezirk Ashanti, besteht seit 20 Jahren ein Rehabilitationszentrum für körperlich behinderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene beiderlei Geschlechts, wo bisher ca. 600 Personen betreut wurden. Es wurde von Barimah Antwi, der selbst seit einem Verkehrsunfall behindert ist, mit eigener Kraft aufgebaut. Er war aber immer auf ausländische Spender angewiesen, da es für Behinderte keine amtliche Unterstützung gibt. Dem Zentrum lag die Idee zugrunde, jungen Menschen zu helfen, die auf Grund ihrer Behinderung wenig Chance auf schulische Bildung und keine berufliche Zukunft haben und daher aus der Gesellschaft und einem menschenwürdigen Leben ausgeschlossen sind.

Behinderung gilt, wie dies auch in Europa vor nicht allzu langer Zeit noch der Fall war, als Makel oder Strafe Gottes. Daher werden diese Familienangehörige mehr oder weniger versteckt.

In diesem Zentrum werden Knaben und Mädchen aus der weiteren Umgebung zwischen 8 und 30 Jahren für drei Jahre stationär aufgenommen und zum Großteil kostenlos und vollständig versorgt. Soweit sie noch keinen Schulunterricht hatten, bekommen sie eine Grundbildung in Lesen, Schreiben und Rechnen, eine ethische und religiöse Erziehung zur Persönlichkeitsentwicklung und eine Berufsausbildung zum Schneider, Schuster oder Batiker. Als gelernte Handwerker haben sie nach Rückkehr in ihre Heimatgemeinden die Chance, sich trotz Behinderung selbstständig eine Lebensgrundlage zu schaffen.

Eine Rehabilitation der Behinderung an sich im Europäischen Sinn ist noch nicht möglich, da es keine spezialisierten Ärzte, keine Schulung zum Physiko- oder anderen Therapeuten, keine Sozialarbeiter oder Heilpädagogen gibt.

Hilfe zur Selbsthilfe

Der Vorschlag zur Unterstützung dieses Zentrums kam von der Physikotherapeutin Katharina Essl, die als Praktikantin ein halben Jahr dort arbeitete. Mit ihr gemeinsam erstellte der Direktor Antwi einen Plan, wonach die Errichtung einer Plantage für Zitrus- und andere Früchte in der Größe von 20 Hektar die Grundbedürfnisse des Zentrums inklusive Vollversorgung der Behinderten abdecken könnte. Das Besondere an diesem Projekt war, dass nicht nur das Wissen über den Hilfsbedarf und die nötigen Maßnahmen von Einheimischen kam, sondern auch die Planung und die praktische Durchführung durch sie selbst realisiert werden konnte. Die finanziellen Mittel dazu in der Höhe von Euro 20.000.- wurden von Rotary bereitgestellt, wobei der RC Graz-Neutor mittels Spenden und einer Benefiz-Vernissage den Grundstock legte und der Rotary Distrikt 1910 und die internationale Rotary Foundation die Summe komplettierten. Damit konnte ab 2008 mit der Rodung des von einem Land-Lord erworbenen Grund und Bodens begonnen und in der Folge die Pflanzung verschiedener Bäume sowie die Pflege und Bewässerung durchgeführt werden. Rotary erhielt regelmäßige Berichte mit Photodokumentation über den Fortgang der Arbeiten, die von Direktor Antwi selbst geleitet und vom Ganaischen Partner-Club RC Kumasi begleitet wurden.

Ankunft in Offinso

Um uns vom Erfolg der Plantage zu überzeugen, persönlichen Kontakt zu Direktor Antwi, seinen Mitarbeitern und den Behinderten herzustellen und die Einrichtung selbst kennen zu lernen, beschlossen die beiden Proponenten des Unterstützungsprojekts, Dr. Michael Schmeja und Dr. Ronald Kurz gemeinsam mit Katharina Essl, dem Rehabilitationszentrum einen einwöchigen Besuch abzustatten. Dieser erfolgte nach Erhalt aller nötigen Impfungen und Beginn der Malariaprophylaxe im Februar 2010, vor dem Beginn der nächsten Regenzeit.

Die Flugreise von Graz über Frankfurt nach Accra, der Hauptstadt von Ghana, und die Bus-Reise nach Offinso war trotz Mitnahme zahlreicher Geschenke und Medikamente problemlos. Wir wurden sehr herzlich empfangen und in einfachen Gästezimmern mit Moskitonetzen untergebracht. Die offizielle Sprache ist Englisch, durchmischt mit ca. 90 Twi- Dialekten. Direktor Antwi offenbarte sich als geachtete Persönlichkeit, eine eindrucksvolle Erscheinung mit überzeugendem Charisma. Frau Antwi, eine fröhliche und liebenswerte Dame, die selbst eine NGO für Waise und AIDS-Kranke leitet, versorgte uns die ganze Woche mit pikanten, einheimischen Speisen. Trotz der Tagestemperaturen zwischen 35 und 4 Grad hatten wir während des ganzen Aufenthalts keine gesundheitlichen Probleme. Flaschen mit sauberem Wasser waren unsere steten Begleiter. Das sehr religiöse Ehepaar mit zehn zum Teil schon erwachsenen Kindern, vier davon adoptiert, steht um vier Uhr früh auf und engagiert sich nach umfangreichen Gebeten den ganzen Tag für bedürftige Mitmenschen.

Besuch des Rehabilitationszentrums

Bei der Führung durch das Zentrum lernten wir die 60 „Schülerinnen und Schüler“ kennen, die dort „Students“ genannt werden. Die Anlage umfasst einen großen Trakt für Schulung und Berufstraining, eine Einheit für Physiotherapie, zwei Häuser mit Schlafräumen, eine Gebäude mit einem großen Mehrzwecksaal, in dem Gottesdienste, Feiern und Versammlungen abgehalten werden, zwei Wohn- und Gästeblocks mit dem Sekretariat. Daneben sind Ställe, eine große überdachte offene Kochstelle und eine kleinere Plantage für Kochbananen und Gemüse. Zwischen den Gebäuden laufen Hühner, Ziegen und Schafe als „lebende Fleischkonserven“ herum. Die häuslichen Routinearbeiten, inklusive Kochdienst und Tierfütterung, werden ohne Ausnahme von den Schülern selbst durchgeführt. Die Größeren und leichter Behinderten helfen wie selbstverständlich den Kleineren und schwerer Behinderten, sodass auch diese erstaunliche Leistungen vollbrachten. Es herrschte eine erstaunlich fröhliche Stimmung. Hinter der ungeschriebenen Hausordnung war die organisatorische Kraft des Direktors Antwi spürbar.

Die Zuweisung eines Behinderten zum Zentrum erfolgt meist durch die Familien oder durch Ärzte. Die Ursachen der Behinderungen sind Geburtstraumen, Poliomyelitis (ältere Fälle) und andere Infektionen, Malaria, häufig Unfälle und angeborene Myo- und Neuropathien. Die Behinderungen äußern sich als zum Teil schwere zerebrale und periphere Bewegungsstörungen verschiedener Natur. Es gab viele Arm- und Beinamputierte. Die Versorgung erfolgte mit Krücken oder einfachen Prothesen und Rollstühlen. Kinder mit vorwiegend geistigen Behinderungen konnten wir in einem anderen Heim besuchen, das von einer Schwester des Direktor Antwi geleitet wird.

 

Die medizinische Versorgung erfolgte im Notfall durch das nahegelegene Kreiskrankenhaus, das dem irischen Heiligen Patrick geweiht ist. Einfache Krankheiten wurden mit Naturheilmitteln ohne Arzt versorgt. Auf eine gesunde und hygienische Lebensweise wurde sehr geachtet. Es gab einwandfreies Trinkwasser aus Plastikbeutel oder – Flaschen. Die übrige Wasserversorgung wurde durch zwei mit Grundwasser versorgten erhöhten Wasserreservoirs gewährleistet.

Das Berufstraining für das Schneider-, Schuster- und Batiker-Handwerk wird von Lehrern geleitet, die zum Teil selbst behindert sind. Die „Students“ tragen eine schulspezifische Kleidung, die sie selbst hergestellt haben. Wir konnten eine sehr große Ernsthaftigkeit und Konzentration beim Arbeiten beobachten und staunten, wie geschickt selbst Amputierte mit Nähmaschinen und Schusterhandwerk umgingen. Manche Schüler zeigten künstlerische Begabungen, z.B. bei Batik-Entwürfen. Es gibt einen strengen Verhaltenskodex für die Schüler, dessen Nicht-Beachtung den Ausschluss bedeutet. Nach Beendigung der Lehrzeit unterstützt das Zentrum auch den beruflichen Start in der Heimatgemeinde.

Besichtigung der Plantage

Mitten im „Regenwald“ befand sich ein 20 Hektar großes Areal, auf dem derzeit vorwiegend meterhohe Bananenstauden, sogenannte „Plantanes“ standen, an denen dicke Trauben von Kochbananen hingen. Während unserer Besichtigung ernteten Mitarbeiter des Zentrums mit großen Macheten die Früchte, woran sich zu unserem Erstaunen auch erwachsene Behinderte sehr geschickt beteiligten. Kochbananen und Manyok sind das Grundnahrungsmittel der Schüler. Manyok (Kasawa) ist eine mannshohe Pflanze, an deren Wurzeln unter der Erde viele große kartoffelähnliche Knollen hängen. Dazwischen wachsen Kakao-Bäume, deren Fruchtbohnen das wichtigste Ausfuhrgut der Ghanaer ist, Papaja-Bäume mit faustgroßen wohlschmeckenden Früchten, Zuckerrohr, Palmen mit Trauben von Nüssen und andere tropische Fruchtpflanzen. Wir konnten uns kaum vorstellen, dass innerhalb eines Jahres mit zwei Regenzeiten diese Stauden und Bäume meterhoch emporgeschossen waren und über das ganze Jahr geerntet werden konnten, sodass nun die Nahrungsversorgung für das ganze Zentrum gesichert war. Der besondere Grund der Plantage war jedoch die Pflanzung von Orangenbäumen, die sich im Schatten der großen Bäume geschützt langsamer entwickelten und nach zwei bis drei Jahren durch Verkauf der Früchte in den weniger fruchtbaren Norden des Landes wesentlich mehr Ertrag für den weiteren Ausbau des Zentrums bringen werden. Die Rückfahrt in dem mit Menschen und Früchten voll beladenen Lastwagen auf dem durch die Regenzeit ausgehöhlten und löchrigen Buschpfaden war ein echtes Abenteuer. Dieser beeindruckende Besuch überzeugte uns, dass Direktor Antwi nicht nur ein exzellenter Organisator, sondern auch ein großer Agrarexperte ist, der von seinem Landkreis die Auszeichnung des „besten Farmers“ erhalten hatte.

Land und Leute

Um Land und Leute besser kennen zu lernen, wurden wir auch in die regionale Hauptstadt Kumasi mit 1,2 Mill. Einwohner begleitet, besuchten dort den Rotarischen Partnerclub, ein typisches Gymnasium, das Museum über die Geschichte der Ashanti-Könige dieser Region und tauchten in den Wirbel von Menschen und Autos ein. Die meisten Ghanaer sind große, fröhliche und selbstbewusste Menschen. Die Frauen tragen körperbetonte und farbenfrohe Kleider. Trotz der dichten Menschenmassen und der mancherorts offensichtlichen Armut war das Verhalten durchwegs menschenfreundlich und ohne Aggressionen. Die Durchschnittszahl der Kinder pro Familie wurde mit fünf bis sieben angegeben. Der unglaublich dichte Autoverkehr ordnet sich mehr oder weniger im Reißverschlussverfahren. Im stockenden Verkehr boten Straßenverkäufer ihre Waren an, die sie auf dem Kopf trugen.

Der technische Fortschritt des Landes zeigte sich auch in der Vielzahl moderner Handys. Die Energiegewinnung mit Hilfe des riesigen Volta-Stausees dient vor allem der Aluminiumindustrie, die jedem Haus und jeder Hütte ein Wellblechdach ermöglicht. Die zahllosen Antennen an langen Holzstangen weisen auf viele Fernsehgeräte auch in den ärmlichsten Hütten hin. Beim Durchfahren durch das Land wird in allen Orten alles Lebensnotwendige in Verkaufsständen an den Straßenrändern unter freiem Himmel angeboten.

Unser besonderes Interesse fand eine „Busch-Ambulanz“, dem Outside Patient Department Ntobroso, eine Außenstelle des Krankenhauses Offinso, das vom Catholic Health Center eingerichtet wurde und von der deutschen Kinderchirurgin Dr. Britta-Budde-Shwarzmann und dem Neuro-Psychiater Dr. Ori Shwarzmann betreut wird, die jedoch für alle Patienten zuständig sind. Wir wurden von einem jungen Arzt aus dem Offinso-Krankenhaus begleitet, der als Monatslohn 370.- Ghana-Cedis erhielt, das sind 185.- Euro! Die Stunden in der Buschambulanz hinterließen einen tiefen Eindruck. Wir sahen nicht nur eine Vielzahl akuter Krankheiten bei kleinen Kindern, z.B. schwere Malaria, septischer Typhus, Tropenkrankheiten mit Hepato-Splenomegalie, aber auch Schilddrüsenerkrankungen und schwere Psychopathien bei Erwachsenen. Spannend war die Einführung einer Mutter-Kind-Pass-Untersuchung für die Region und einer Krankenkasse für arme Menschen. Um teure Krankheiten wie Krebs, Leukämie oder AIDS (offiziell 5% der Bevölkerung) kümmern sich NGO´s. Nur Impfungen werden bedarfsgerecht vom Staat übernommen.

Ein besonderes Erlebnis war ein dreistündiger Sonntags-Gottesdienst nach dem Ritus der Glaubensgemeinschaft der Pentacost („charismatische Pfingstgemeinde“), der uns wegen der tiefen Andacht mit enthusiastischen Gebeten, Tanz und Trommeln berührte.

Abschied

Zum Abschied wurde uns zu Ehren eine tolle Party veranstaltet, bei der alle Schüler und Angehörige des Zentrums mitfeierten. Dabei erfolgte die offizielle Unterzeichnung des Dokuments zur Beendigung des Matching-Grant Projekts. Wir waren glücklich, dass Ziel und Zweck unserer Reise zum Nutzen des Rehabilitationszentrums erfüllt werden konnten.

1 em. Univ.-Prof. der Medizinischen Universität Graz, Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde

Zur Person
Em. O. Univ. Prof. Dr. Ronald Kurz
Geboren 1935 in Reutte/Tirol, Promotion 1961 in Innsbruck, Assistent und Oberarzt an der Univ.-Kinderklinik in Innsbruck bis 1976, Habilitation 1976. Ao. Professor für das Department für pädiatrische Fragen in der Kinderchirurgie an der Univ.-Klinik für Kinderchirurgie in Graz von 1976 bis 1984, O. Professor und Leiter der Universitäts-Kinderklinik in Graz von 1984 bis 1994, Leiter der Klinischen Abteilung für Allgemeine Pädiatrie an der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz von 1995 bis 2003
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder-und Jugend-heilkunde 1991/1992
Mitglied des Obersten Sanitätsrats in Wien von 1991 bis 2004, Leitung der Mutter-Kind-Pass-Subkommission von 1996 bis 2003. Vorsitzender der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Universität und des Landeskrankenhauses in Graz von 1995 bis 2003.
President der Confederation of European Specialists in Paediatrics (CESP) 1996/1997,
Chairman der Ethics Working Group of CESP von 1997 bis 2002.
Nach der Emeritierung (Oktober 2003): Leiter des Universitätslehrgangs für „Interdisziplinäre Frühförderung und Familienbegleitung“
Forschungsschwerpunkte: Präventive Pädiatrie, SIDS, Ethik in der Pädiatrie.
J.J.Hoet-Medaille des European Forum for Good Clinical Practice 2002
Großes Goldenes Ehrenzeichen des Landes Steiermark 2003

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben