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© Werner Leutner, Leonding

 
Kinder- und Jugendheilkunde 23. September 2010

In die Wiege gelegt ...

Gespräch mit Prim. Dr. Gabriele Wiesinger-Eidenberger, Tagungspräsidentin der 48. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, 30. 9. bis 2. 10. 2010, Linz

Pädiatrie & Pädologie: Was hat Sie dazu bewogen, „In die Wiege gelegt…“ als Hauptthema zu erwählen?

Wiesinger-Eidenberger: Kinder mit angeborenen Erkrankungen haben eine immer bessere Überlebenschance. Grund dafür ist einerseits das frühzeitige Erkennen solcher Erkrankungen, aber auch die besseren Behandlungsmethoden.

Es erfordert eine multidisziplinäre Zusammenarbeit verschiedenster medizinischer Fachbereiche, beginnend mit Pränatalmedizinern, Neonatologen, Kinderchirurgen, Kardiologen und vielen Spezialbereichen mehr. Auf diesem Kongress soll ein breiter Erfahrungsaustausch der neuesten Erkenntnisse der jeweiligen Fachgebiete erfolgen.

Durch die Größe unseres Perinatalzentrums sind wir sehr häufig mit Kindern- und Jugendlichen konfrontiert, die an einer angeborenen, genetisch bedingten Erkrankung leiden. Wir begleiten diese Patienten und deren Eltern bereits oft von der Pränatalzeit an bis ins junge Erwachsenenalter. Für viele ist dieser Weg nicht einfach, wenn man nur an die mangelnden Therapiemöglichkeiten im niedergelassenen Bereich denkt, z.B. Physiotherapie, Ergotherapie… Vielleicht gelingt es uns, durch unseren Themenschwerpunkt die Verantwortlichen „wachzurütteln“ und eine Verbesserung dieser Situation herbeizuführen.

„In die Wiege gelegt …“ heißt aber nicht nur die genetische Anlage.

Der zweite große Schwerpunkt unserer Tagung ist die Frage nach dem Einfluss der Umwelt, der Herkunft, des Lebensstils auf unsere Kinder- und Jugendlichen. In zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten konnte gezeigt werden, dass diese Faktoren Einfluss auf das genetische Material unserer Kinder haben. – Umso wesentlicher ist es, unseren Kindern ein optimales psychosoziales Umfeld zu ermöglichen.

Einerseits möchten wir unseren Patienten mit angeborenen Erkrankungen ein Leben mit bestmöglicher Qualität ermöglichen, andererseits wollen wir verhindern, dass negative Lebenseinflüsse sich auf die Gene unsere Kinder insofern auswirken, dass ihre Lebensqualität vermindert wird.

Gibt es Vorträge bzw. Veranstaltungen im Rahmen der Jahrestagung 2010, die Sie besonders hervorheben möchten?

Wiesinger-Eidenberger: Es muss bedacht werden, dass ein Überleben mit schweren Malformationen für das Kind, deren Eltern und Bezugspersonen, aber auch für das behandelnde medizinische Personal eine besondere Belastung darstellen. Nicht selten kommen die beteiligten Personen in der Betreuung des Kindes an die Grenze ihrer physischen und psychischen Kräfte. Überleben um jeden Preis?

Diese Frage wird in einem eigenen Vortragsblock aus ethischer Sicht behandelt.

Weiters werden im Rahmen des Kongresses zahlreiche Beiträge zu den Themen der Umweltfaktoren, Lebensart und -stil der Eltern sowie zu prophylaktischen Maßnahmen zur Unterstützung der Kinder abgehalten werden.

Ganz wesentlich ist uns in diesem Zusammenhang auch die Adipositas- und Suchtprophylaxe.

Was gibt es in Ihrem eigenen Tätigkeitsbereich Neues?

Wiesinger-Eidenberger: Mein Haupttätigkeitsbereich ist die Neonatologie. Grundlegende medizinische Neuerungen gibt es in diesem Bereich derzeit nicht (gemeint sind solche Meilensteine wie Surfactant in den 90iger Jahren). Allerdings verändert sich das Patientengut hin zu immer unreiferen Frühgeburten, zunehmende Mehrlingsgeburten mit den dadurch verbunden Komplikationen – wie eben auch Frühgeburtlichkeit, sowie die bereits oben erwähnten Neugeborenen mit multiplen Malformationen, die eben nun eine bessere Überlebenschance haben.

Welche Trends der sozio-ökonomischen Entwicklung in Österreich treffen den Kinderarzt am stärksten?

Wiesinger-Eidenberger: Dazu möchte ich zwei Punkte herausheben:

Kindern wird gesellschaftspolitisch in Österreich noch nicht der entsprechende Status eingeräumt. Die Kinder sind unsere Zukunft, und es wird dafür zu wenig vom Staat investiert. Gespart wird immer bei den Kleinen ...

Ein weiteres Problem ist der hohe Anteil an Migrantenfamilien, die der deutschen Sprache nicht oder kaum mächtig sind. Präventivprogramme, wie Adipositasprophylaxe etc. können daher nicht greifen.

Wie geht es Kindern in Österreich, aus Ihrer Sicht?

Wiesinger-Eidenberger: Dem Großteil unserer Kinder und Jugendlichen wird in Österreich ein Umfeld geboten, das alle Voraussetzungen erfüllt, sich physisch und psychisch optimal entwickeln zu können.

Vor allem in sozial schwachen Familien, bei Alleinerziehern und eben auch in Migrantenfamilien sind die Lebensumstände häufig sehr belastet, und nicht immer kann den Kindern dann eine sichere, geborgene Umgebung geboten werden.

Widmet sich die diesjährige Tagung mehr der Wissenschaft, oder ist sie auf praktische Anwendbarkeit ausgelegt?

Wiesinger-Eidenberger: Natürlich werden die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den jeweiligen Fachgebieten präsentiert, allerdings ist es uns ganz wesentlich, dass auch der Bezug zur Praxis hervorgehoben wird.

Letztes Jahr, in Graz, gab es neben den klassischen Postern erstmals die Möglichkeit für Diplomanden und Dissertanten, ihre Arbeiten zu präsentieren. Wird es dies heuer in Linz auch geben?

Wiesinger-Eidenberger: Ja es gibt wieder eine „Young Investigator“-Präsentation.

Wird es wieder eine Preisverleihung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde geben?

Wiesinger-Eidenberger: Ja, auch eine Preisverleihung ist wieder geplant.

Werden die pädiatrischen Zusatzfachausbildungen in Ihrem Stammhaus zufriedenstellend in Anspruch genommen? Und bringen sie die erhofften Vorteile für die Patientenversorgung?

Wiesinger-Eidenberger: Wir beginnen zunehmend, Additivfachausbildungen durchzuführen. Allerdings mangelt es häufig an vorhandenen Planstellen, um wirklich jedes Fachgebiet abdecken zu können. Der Großteil unserer Ärztinnen und Ärzte sind eben erst in Ausbildung. Ich erwarte mir aber schon Vorteile für unsere Patienten.

Was wünschen Sie sich für Ihre Tagung?

Wiesinger-Eidenberger: Ich wünsche mir, dass alle Kolleginnen und Kollegen, die nach Linz kommen, viele neue Erkenntnisse von diesem Kongress mitnehmen und sich gerne an die Linzer Jahrestagung zurückerinnern.

Das Gespräch führte Dr. Renate Höhl.

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