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Abb. 1:  Im Jänner 2010 wurde erstmals ein, von einer breiten, interdisziplinären Fachallianz getragener „Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2010“ veröffentlicht. (Im Bild: Titelseite) © Österreichische Liga für Kinder- und J

Abb. 2: Die „Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“ ist eine noch junge, aber schon ansehnlich gewachsene, überparteiliche und überkonfessionelle Dachorganisation – hier die Logos der einzelnen beteiligten Institutionen.

© ÖGKJ

Abb. 3: Der aktuelle Präsident der ÖGKJ, Univ.-Prof. Dr. Klaus Schmitt, unterstützt und befürwortet die Ligaaktivitäten.

 
Kinder- und Jugendheilkunde 22. September 2010

Die „Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“

Eine neue Plattform der interdisziplinären Kooperation stellt sich vor.

Im Jänner 2010 wurde erstmals ein, von einer breiten, interdisziplinären Fachallianz getragener „Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2010“2 veröffentlicht (Abb. 1). Zehn Fachgesellschaften und Berufsvertretungen – darunter auch die ÖGKJ – beteiligten sich daran. Es gab überraschend großes, ja enormes Medieninteresse: Viele Tageszeitungen hatten die Thematik auf ihren Titelseiten, von oft mehrseitigen Beiträgen im Hauptteil gefolgt, der Ö3-Wecker berichtete stündlich in den Morgennachrichten, sechs Radiosendungen innerhalb von zwei Tagen waren diesem „Aufmacher“ gewidmet, und auch in den verschiedenen ZIB´s war die Sorge um die Kinder- und Jugendgesundheit präsent.

 

Niemand kann wirklich sagen, warum ein Thema, welches uns allen, die wir mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ja seit langem bekannt ist, diesmal eine solch überraschende Resonanz in der Öffentlichkeit erfahren hat. Vermutlich war es ein Gemisch aus guter Medienarbeit, gesellschaftspolitisch bedeutsamer Inhalte und natürlich auch Glück (dass z.B. keine andere, „stärkere“ Schlagzeile dazwischengeraten ist). Aber mit Sicherheit war vor allem ein Aspekt besonders wirksam: das gemeinsame Auftreten vieler Fachgesellschaften und Berufsgruppen für ein gemeinsames Anliegen! Dies scheint für die Öffentlichkeit der überzeugende Faktor gewesen zu sein, die Thematik glaubhaft und ernst zu nehmen.

Deshalb möchte ich Ihnen als erstes den „Autor“ und Herausgeber des genannten Berichts vorstellen:

Die „Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“

Die „Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“ ist eine noch junge, aber schon ansehnlich gewachsene, überparteiliche und überkonfessionelle Dachorganisation (Abb. 2), deren Ziel es ist, eine aktive, fächer- und berufsübergreifende Kooperations- und Vernetzungsplattform für alle mit Kinder- und Jugendgesundheit befassten Personen und Institutionen in Österreich zu schaffen.

 

Sie ist offen für die verschiedenen Gesundheitsberufe und Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen im Kinder- und Jugendalter selbst (d.h. Fachgesellschaften und Berufsvertretungen sowie versorgende aber auch rein lehrend oder wissenschaftlich tätige Institutionen), aber auch die Brückenbildung zu Bildungs- und Sozialwesen. Insbesondere die interdisziplinäre Kommunikation und die Entwicklung gemeinsamer Positionen und Projekte sowie die Vertretung gemeinsamer Anliegen sollen hierbei im Vordergrund stehen. Kinder- und Jugendgesundheit kann dadurch auch eine stärkere, breit getragene und unabhängige politische Position erhalten.

Eine „Denkwerkstatt“ hat Namen, mission statement (s. www.kinderjugendgesundheit.at ) und die wesentliche Grundstruktur geschaffen, es wurden ein „Eltern- und Selbsthilfe-“, ein „Ethik-“ und ein „wissenschaftlicher Beirat“ ins Leben gerufen und eine Organisationseinheit für interdisziplinäre „Projekte und Veranstaltungen“ geschaffen. Die „Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde“ war das erste offizielle „institutionelle Mitglied“ und hat in dieser Aufbauphase immer eine sehr unterstützende und zentrale Rolle gespielt hat.

Das Ziel all dieser Aktivitäten ist es, die Bewusstheit über den Wert der Kinder- und Jugendgesundheit in unserer Gesellschaft zu stärken und die politische Verantwortung deutlich zu machen. Wir möchten – dort, wo es berechtigt ist – Mängel und Defizite im bestehenden System aufzeigen, andrerseits aber auch selbst mit konkreten Vorschlägen und Beiträgen initiativ und aktiv an einer Veränderung zum Positiven mitgestalten. So soll langfristig der Lebensraum sowie die Angebots- und Versorgungslage für Kinder und Jugendliche verbessert und der Status der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich gehoben werden.

In diesem Sinne möchte ich auch all jene, die diese Anliegen und Intentionen teilen, gerne zu einer „unterstützenden Einzel-Mitgliedschaft“ einladen. Wenn Sie den inhaltlichen und politischen Weg, den die Liga eingeschlagen hat, gutheißen und Teil davon werden wollen, dann nehmen Sie die Gelegenheit unter www.kinderjugendgesundheit.at wahr. Auch unser Präsident der ÖGKJ Prof. Klaus Schmitt unterstützt und befürwortet die Ligaaktivitäten bestens (Abb. 3). Die thematische und die Gremienarbeit wird von allen aktiv Tätigen ehrenamtlich geleistet. Für das Aufrechterhalten einer zumindest minimal notwendigen Infrastruktur (für Homepage, Mitgliederverwaltung, Medienarbeit, Vernetzungs- und politische Aktivitäten, Bericht, etc.) braucht es aber doch auch einiges an finanziellen Ressourcen. Diese aufzutreiben und v.a. langfristig sicher zu stellen, ist gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise und für ein etwas abstraktes und oftmals schwer zu transportierendes Thema nicht gerade einfach. Wir würden uns daher über Ihr Interesse und über jede unterstützende Einzelmitgliedschaft, aber auch über Sponsorpartner aus dem öffentlichen oder privaten Wirtschaftsleben wirklich sehr freuen!

Österreich, europäisches Schlusslicht in der Kinder- und Jugendgesundheit?

Der Anlass einen „Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2010“ zu erstellen und diesen dann auch öffentlich zu machen, war die vielfache Wahrnehmung von Kolleginnen und Kollegen, dass es um die Gesundheit der Kinder- und Jugend in Österreich in mehreren Bereichen nicht zum Besten bestellt ist, ja dass mancherorts sogar eine zunehmenden Verschlechterung der Versorgung beklagt wird. Zusätzlich sollte damit auch symbolhaft deutlich gemacht werden, dass in Österreich bis dato keine Kultur einer regelmäßigen und substantiellen Kinder- und Jugend-Gesundheitsberichtserstattung existiert.

Der zusätzliche internationale Impuls waren zwei Studien (OECD 2009 und UNICEF 2010), welche Österreich in den Bereichen Gesundheit und Sicherheit sowie Risikoverhalten von Kindern und Jugendlichen im europäischen Ranking beide an die letzte Stelle gereiht haben! Auch wenn man um die Vergleichbarkeit von Systemen und um die Aussagekräftigkeit der Indikatoren viel diskutieren kann, wird eines daraus dennoch eindeutig klar: Dass Österreich „das beste Gesundheitssystem der Welt“ hat – wie vielfach behauptet und für Erwachsene z.T. auch bestätigt wird – stimmt für die Kinder- und Jugendgesundheit jedenfalls nicht! Diese Diskrepanz ist unverständlich und beschämend für eines der reichsten Länder der Welt.

Die medial transportierten Inhalte waren naturgemäß überwiegend eher reißerischer Natur, aber die Fakten dahinter sind tatsächlich bedenklich

  • Mit 27 Prozent bzw. 25 Prozent haben Österreichs 15-jährige Burschen und Mädchen die höchste Raucher- und Gewalterfahrungsrate in Europa.
  • 20 Prozent leiden an Übergewicht oder einer Essstörung.
  • 17,5 Prozent haben eine vom Arzt diagnostizierte chronische Erkrankung oder Behinderung (siehe HBSC-Studie des LBI für Gesundheitsförderungsforschung).
  • 30 Prozent der Mädchen klagen regelmäßig über allgemein schlechtes Befinden (mehrmals pro Woche Kopfschmerz, Schlafstörungen, Nervosität, etc.).
  • Auch beim Alkoholkonsum, Risikoverhalten und bei den Selbsttötungsraten liegen Österreichs Kinder und Jugendliche deutlich über dem EU-Durchschnitt.
  • 90.000 Kinder in Österreich leben in manifester Armut, 240.000 in Armutsgefährdung.

 

Alle diese jungen Menschen haben eine ganz persönliche Entwicklungsgeschichte dahin, und diesen Entwicklungsgeschichten müssen wir mehr Aufmerksamkeit schenken! Wichtig ist es, nicht einfach zu sagen, die rauchenden, trinkenden, übergewichtigen, depressiven, unruhigen, verhaltensauffälligen, etc. Kinder und Jugendliche sind kein Problem, sondern sie haben ein Problem. In der täglichen Realität erleben sie und ihre Familien häufig wenig Kind- oder Jugendlichen- gerechte Lebensräume und bei Behandlungsbedarf oft monatelange Wartezeiten auf notwendige Therapien. Sie erleben Kontingentierung von Versorgungsleistungen, überlaufene Einrichtungen z.T. mit Aufnahmesperren und Mangelversorgung für spezielle Patientengruppen oder in spezifischen Regionen. Sie erleben das Erfordernis privater Zuzahlung für Therapieangebote, zu wenig zugelassene Medikamente für Kinder- und Jugendliche, 7200 Rehabilitationsplätze für Erwachsene, aber keine einzige Spezialeinrichtung für Kinder, u.v.a.m.

Wir wollen diesen bedauerlichen, ja erschreckenden Befund aber nicht bloß öffentlich machen und wehklagen, sondern anhand des vorliegenden Expertenberichts vor allem analysieren, warum es so ist, und Lösungs- und Verbesserungsvorschläge in die Diskussion einbringen.

 

Risikofaktoren und Krankheitsbilder in der Kinder- und Jugendgesundheit haben sich fundamental verändert.

 

Die Risikofaktoren für Gesundheit und Entwicklung sowie die Morbidität von Kindern und Jugendlichen haben sich in den letzten Jahrzehnten fundamental verändert. Waren es früher die klassischen Infektions- und Mangelerkrankungen, welche Gesundheit und Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen hauptsächlich bedroht haben, so sind heute an deren Stelle andere Risiken und Gefährdungen getreten.

 

International ist eine stete Zunahme von

  • Lebensstilerkrankungen (wie Bewegungsmangel, Haltungsschäden, Fehlernährung, ...) und deren Folgen,
  • chronischen Entwicklungsstörungen (z.B. Sprach- und Lernstörungen, chronische Entwicklungsbeeinträchtigungen und Behinderungen, autistische Erkrankungen, ...) sowie
  • psychosozialen Integrations- und Regulationsstörungen (wie frühe Bindungs- und Beziehungsstörungen, seelische und körperliche Vernachlässi- gung oder Misshandlung, Depression, Angst, Suchtverhalten, Erziehungsunsicherheit, ...) zu beobachten.

 

Nach wie vor besteht auch eine deutliche gesundheitliche Benachteiligung auf Grund regionaler und sozialer Faktoren. Betroffen hiervon sind besonders Kinder, die in Armut aufwachsen, ein bildungsfernes soziales Umfeld haben, in entlegenen ländlichen Gebieten oder in städtischen Ballungszentren leben sowie Kinder aus Migrantenfamilien. Eine moderne Versorgungsstruktur sollte aber auf derartige gesellschaftliche Veränderungen mit angemessen Konzepten so rasch wie möglich reagieren.

Was würden wir brauchen, und wo ist der Mangel?

1. Fehlende Gesundheitsdaten

Die Datenlage zur Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich ist für einen differenzierten Überblick völlig unzureichend. Um gesundheitspolitische Entscheidungen und Planungen aber zielorientiert vornehmen zu können, wäre es dringend notwendig, Kindergesundheitsdaten standardisiert zu erheben. Nur so lassen sich Gesundheitsrisiken und deren Auswirkungen ausreichend identifizieren, Gesundheitsziele formulieren und die Ergebnisse gesetzter Maßnahmen monitieren.

2. Prävention und Gesundheitsförderung

Eine Vielzahl dieser „neuzeitlichen“ Krankheitsbilder hat die Wurzel ihrer Entstehung in einem sehr frühen Lebensalter. Gerade Kindheit und Jugendzeit könnten daher die wichtigsten Lebensphasen für präventive und gesundheitsfördernde Angebote sein, weil die erzielten Effekte über die gesamte weitere Lebensspanne wirksam sind. Es macht daher Sinn die Lebensräume von Kindern und Jugendlichen gesundheitsfördernd zu gestalten, anstatt später oft enorm teure therapeutische Programme für Erwachsene finanzieren zu müssen.

3. Interdisziplinarität: Vernetzung und Koordination sind wichtig

Krankheitsentstehung und deren Bewältigung betreffen zumeist mehrere Lebensräume von Kindern und Jugendlichen. Um dieser Tatsache effizient zu begegnen, bedarf es auch einer gut vernetzten Arbeitsform der betreuenden Gesundheitsberufe untereinander, wie auch mit den Partnerprofessionen aus Pädagogik und Jugendwohlfahrt („interdisziplinäre Kinder- und Jugendgesundheitsnetzwerke“).

4. Ausreichendes und kostenfreies diagnostisch-therapeutisches Angebot

Zentrale Aspekte jeglicher Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen sind Erreichbarkeit und Leistbarkeit der Angebote. Regionale Verfügbarkeit und Kostenfreiheit sind daher die wesentlichen Faktoren, an welchen entschieden wird, ob ein Kind oder Jugendlicher seine – oftmals im wahrsten Sinn des Wortes – „Not-wendige“ Therapie bekommen kann oder nicht. Leider ist beides gegenwärtig keineswegs allgemein gesichert. Es gibt häufig enorm lange Anfahrtswege oder Wartezeiten auf therapeutisches Angebot und/oder die zu leistenden Zuzahlungen sind - v.a. für Familien mit niederem Einkommensniveau - eine zu große Hürde um therapeutische Hilfen im erforderlichen Ausmaß in Anspruch nehmen zu können. So macht Armut krank und Krankheit arm.

5. Elternschaft stärken

Eltern haben eine Schlüsselfunktion für die Entwicklung von Lebensstil und Gesundheit ihrer Kinder. Gerade in Zeiten von Krankheit, Krise oder Not sollten sie daher kostenfrei jede Unterstützung erhalten, die möglich, angemessen und notwendig ist. Eltern mit weniger Lebensbelastungen haben im Mittel auch deutlich gesündere Kinder! Dort, wo Eltern trotz Unterstützung ihre erzieherische oder pflegerische Verantwortung aber nicht ausreichend erfüllen können und Gefahr für das Kindeswohl besteht, müssen im Sinn der öffentlichen Verantwortungsübernahme klare Familien ersetzende Maßnahmen ergriffen werden.

6. Qualitätssicherung

Alle Maßnahmen, welche zum Schutz oder zur Förderung der Entwicklung und Entfaltung von Kindern und Jugendlichen getroffen werden, müssen einer objektivierbaren, Experten gestützten und grundsätzlich am Kindeswohl orientierten Qualitätssicherung unterliegen.

Dies wird zunehmend wichtig, da ein immer größerer Markt an Ausbildungen und leider z. T. auch zweifelhaften Förderangeboten heran wächst, welcher klar von qualitätsgesicherten Gesundheits- und Therapieleistungen abzugrenzen ist. Es geht hier nicht darum, zeitgemäße gesellschaftliche Entwicklung aufzuhalten oder abzulehnen, sondern diese konsequent und wissenschaftsgeleitet auf den Nutzen für die kindliche Entwicklung hin zu überprüfen.

7. Ressortübergreifende Gesundheitspolitik – Finanzierung aus einer Hand

Gesundheit ist in die Gesamtheit der Lebensumstände eingebettet und in alle Lebensräume hinein wirksam. Kinder- und Jugendgesundheit ist daher eine explizite Querschnittmaterie, welche die „willkürlichen“ Ressortgrenzen zwischen Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen ständig überschreitet. Ein umfassender Gesamtbehandlungsplan scheitert im lebenspraktischen Alltag oftmals an der Unkoordiniertheit diverser Zuständigkeiten und Finanzströme. Hierfür bräuchte es eine Ressort übergreifende Kinder- und Jugendgesundheitspolitik, wenn möglich mit Finanzierung aus einer Hand!

8. Kinderrecht auf Gesundheit

Die „Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“ unterstützt die Forderung des Kooperationspartners „Netzwerk Kinderrechte“ nach Aufnahme der vollständigen UN-Kinderrechtskonvention in Verfassungsrang. Insbesondere die Aspekte des Rechts auf bestmögliche Gesundheitsversorgung, Förderung der Entwicklung und Entfaltung sowie Rehabilitation und die Gleichstellung behinderter Kinder und Jugendlicher sind uns vorrangige Anliegen. Dies wäre nicht nur als symbolischer Akt zu sehen, sondern als ein staatliches Bekenntnis der Wertschätzung und Würde, welche wir Kindern und Jugendlichen zuerkennen und entgegenbringen wollen.

Resümee:

Jedes einzelne dieser Kapitel wäre es wert, detailliert aufgearbeitet und durch politische Entscheidungen bestmöglich umgesetzt zu werden. Der vorliegende Bericht versucht hierfür nur einen ersten Anstoß und einen kursorischen Überblick zu geben. Zukünftig soll in einem jährlichen Rückblick das Vorankommen und die Entwicklung der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich regelmäßig kommentiert werden.

 

In der aktuellen Situation 2010 hat Österreich jedenfalls in mehreren Bereichen erheblichen Nachholbedarf und muss sich seine sonst häufig gepriesene Position als „eines der besten Gesundheitssysteme der Welt“ im Kinder- und Jugendbereich erst noch erarbeiten.

Kinder- und Jugendgesundheit muss politisch priorisiert werden!

(Anm.: Diese Punktuation ist auf Grund des hier möglichen Rahmens nur stark verkürzt wiedergegeben. Wenn Sie Interesse am Volltext obiger Punkte haben, kann ich Sie an die Downloadversion des gegenständlichen Berichts unter www.kinderjugendgesundheit.at verweisen)

Welche Perspektiven sind zu erwarten?

Diese Inhalte und die Notwendigkeit von Kinder- und Jugend orientierten Veränderungen in der österreichischen Angebots- und Versorgungsstruktur stehen in Fachkreisen weitgehend außer Streit. Sie entsprechen auch dem international zu beobachtenden Trend. Dennoch bewegen sich Systeme – wie wir alle wissen – nur sehr langsam und mit einem großen Trägheitsmoment. Es besteht immer die Gefahr, dass „gute Ideen“ zwar begrüßt werden, dann aber sehr rasch auf dem harten Boden der unveränderlichen Realität landen, und dass es viel Geduld und Ausdauer braucht, um nachhaltige Effekte zu erreichen.

 

Daher war es uns sehr wichtig, dass der mediale Anfangs- und Achtungserfolg nicht bloß Strohfeuer oder ein Sturm im Wasserglas bleibt, sondern daraus ein Prozess mit langfristigen Perspektiven und ernsthafter inhaltlicher Arbeit wird.

Erfreulicherweise scheint auch das in ansehnlicher Form zu gelingen: Viele der Printmedien haben im Anschluss an die akute Berichterstattung auch längere Beiträge in ihren z.B. Wochenendbeilagen gebracht und sind mittlerweile deutlich sensibilisiert für Kindergesundheitsthemen. Im ORF wurde im April eine ganze Themenwoche unter dem Titel „bewusst gesund in die zukunft“ gestaltet und es gab einige assoziierte Pressekonferenzen und Veranstaltungen. Von vielen Akteuren im Feld ist die Rückmeldung gekommen, dass insgesamt ein deutlich höheres Diskussionsniveau quantitativ und qualitativ rund um Themen der Kinder- und Jugendgesundheit zu beobachten ist.

 

Mit öffentlicher Aufmerksamkeit alleine ist allerdings noch keinem behandlungsbedürftigem Kind und keiner notleidenden Familie geholfen. Sie ist in unserer zunehmend medienorientierten Welt aber ein wichtiger Impulsgeber und oftmals ein notwendiger erster Schritt, um Anliegen auf eine politische Agenda zu heben.

Politische Reaktionen und Entwicklung

Mittlerweile sind auch ein breiter gesundheitspolitischer Diskurs entstanden und einiges in Bewegung gekommen. Dies ist natürlich nicht alleine auf die Wirkung dieses Berichts zurückzuführen. Da haben viele Aktivitäten von unterschiedlichen Initiativen synergetisch zusammen gewirkt, wie etwa die Tagungen der „Politischen Kindermedizin“, die mediale Arbeit der Berufsvertretungen von Psychologie und Psychotherapie, das Drängen der funktionellen Therapeuten auf ausreichende Kassenleistungen, die Pressekonferenzen des Kinderrechtenetzwerkes für den Ausbau von Jugendwohlfahrtsleistungen und Kinderrechte in Verfassungsrang, frühere Aktivitäten gegen die Verschärfung der Anzeigepflicht für alle pädagogischen und Gesundheitsberufe, gegen das Fernsehformat „Erwachsen auf Probe“, Stellungnahmen zur Pflegegesetz-Novelle und zum „Nationalen Aktionsplan Migration“, u. v. a. m..

Die öffentlichkeitswirksame Präsentation des Berichts und das vereinte Auftreten der wichtigsten Berufsgruppen haben diese Dynamik offensichtlich noch einmal verstärkt und ein deutliches Zeichen für die gemeinsam mögliche Kraft gesetzt. So war er ein notwendiger Anstoß im richtigen Moment, um einige Entwicklungen voranzutreiben und zu befördern.

Diesbezüglich besonders hervor zu heben sind:

  • Das BM für Gesundheit hat im März 2010 den so genannten „Kindergesundheitsdialog“ ins Leben gerufen (Wir berichteten: Päd & Päd 3/10), in dessen Rahmen sechs Arbeitsgruppen für ca. ein Jahr verschiedene Schwerpunktthemen bearbeiten und im nächsten Frühjahr Ergebnisse vorlegen sollen.
  • Der HV-SVT hat sich in seinem „Gesundheits- und Sozialforum“ und in kleineren informellen Gesprächsrunden ausführlich mit Kinder- und Jugendgesundheit befasst und entsprechende Akzente in Aussicht gestellt.
  • Es gab Reaktionen mehrerer Landesregierungen, z.B. mit der Intention, eigene Kinder- und Jugendgesundheitsberichte erstellen zu wollen.
  • Auch in der „Gesellschaft gesundes Österreich“ (GÖG) wurden Arbeiten an einer verbesserten Datenlage und an einem Kinder- und Jugendgesundheitsbericht aufgenommen.
  • Der „Fonds Gesundes Österreich“ (FGÖ) hat ja schon bisher einige sehr interessante gesundheitsfördernde und präventive Projekte unterstützt oder initiiert, und diesen Bereich nun intensiviert bzw. zu einem Schwerpunktthema gemacht.
  • Es gibt eine große Zahl neuer Initiativen und Tagungen, welche Kinder- und Jugendgesundheit oder Gesundheitsförderung heuer ins Zentrum ihrer Themenwahl stellen.

 

1 Präsident der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, Ärztlicher Leiter des Ambulatoriums für Sozialpädiatrie und Entwicklungsneurologie der VKKJ Fernkorngasse, Wien

2 Downloadversion unter www.kinderjugendgesundheit.at

Kindergesundheitspolitik ist Zukunftspolitik
Für eine internationale Veranstaltung der „Deutschen Liga für das Kind“ unter dem Titel „Ein guter Start ins Leben“ im Mai 2006, wurde der Leitsatz formuliert: „Eine Gesellschaft, die zukunftsfähig sein will, ist auf die Gesundheit ihrer Kinder dringend angewiesen. Bestmögliche Förderung der Gesundheit von Anfang an gehört zu den Grundrechten aller Kinder.“
In der „harten“ Sprache der Wirtschaft wird dieser Wert pragmatischer formuliert: „Gesundheitsausgaben stellen Investitionen in das Humankapital dar. Sie reduzieren Krankheitslast und tragen zum Wirtschaftswachstum bei.“ Sowie: „Es existiert eine starke Korrelation zwischen Gesundheit und Einkommen.“ (The World Bank)
Das bedeutet, die Chancen einer Gesellschaft sowohl auf eine humanitäre wie wirtschaftlich erfolgreiche Entwicklung liegen vor allem in der Zukunft ihrer Kinder! Insofern macht es sowohl aus Gründen der Ethik wie aus Gründen der Ökonomie kollektiven Sinn, gesellschaftliche Maßnahmen primär am Kindeswohl zu orientieren.
Kindergesundheitspolitik ist Zukunftspolitik!
Und dafür lohnt es sich zu arbeiten und einzutreten!
Mit kollegialen Grüßen Klaus Vavrik
Zur Person
Prim. Dr. Klaus Vavrik:
Facharzt für Kinder- u. Jugendheilkunde (Zusatzfach Neuropädiatrie)
Facharzt für Kinder- u. Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapeut
2002–2008 Leiter der „AG Entwicklungs- und Sozialpädiatrie“ der ÖGKJ
Obmann des „Zentrums für Epidemiologie und Gesundheitspolitik Wien“
Ärztlicher Leiter des „Sozialpädiatrischen Ambulatoriums Fernkorn-
gasse“, 1100 Wien
Mitglied im Leitungsteam des „Kinderrechte-Netzwerk Österreich“
Präsident der „Österreichischen Liga für Kinder- und Jugend- gesundheit“

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