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Abb. 1: Manche Impfungen sind jedem Bürger zu empfehlen, andere setzen spezielle Expositions- risiken oder das Risiko bestimmter Folgeschäden im Erkrankungsfall voraus.
 
Kinder- und Jugendheilkunde 21. September 2010

Impfberatung in der Praxis

Sorgen und Ängste von Betroffenen sollen partnerschaftlich besprochen werden.

Impfen ist – spätestens seit der hochgradigen Verdrängung impfpräventabler Krankheiten – ein stark emotionalisiertes Thema. Solange es das Bedrohungsbild dieser Krankheiten, oftmals gestützt von persönlicher Betroffenheit durch Krankheits- und Todesfälle im eigenen privaten und / oder beruflichen Umfeld noch gab, war der Wunsch, diese Krankheiten selbst unter Inkaufnahme z. T. erheblicher Nebenwirkungen der jeweiligen Schutzimpfungen zu vermeiden, hoch, und es gab auch kaum Diskussionen zu diesem Thema (Beispiel: Pocken). Abgesehen von einem autoritär anmutenden medizinischen System bestand damals auch ein erheblich größeres Grundvertrauen in das medizinische Versorgungssystem.

Herdenimmunität

In (nationalen) Impfplänen vorgegebene Maßnahmen gegen hochinfektiöse (niedrige Infektionsdosis nötig) und -kontagiöse (direkt übertragbare = „ansteckende“) Krankheiten haben von Anbeginn des Impfwesens vordergründig nicht den Individual-, sondern vor allem den Kommunalschutz zum Ziel: Durch eine hochgradige Durchimpfung der Bevölkerung konnten Epidemien zunehmend eingegrenzt und zuletzt großteils verhindert werden. Diese Entwicklung verleitet nur zu leicht zu dem falschen Rückschluss, dass es diese Krankheitserreger nicht mehr gibt bzw. kein nennenswertes Erkrankungsrisiko mehr besteht.

Und so bietet der Schutzmantel der so bewirkten Herdenimmunität auch eine Spielfläche für Impfgegner, die man durchaus als „Trittbrettfahrer“ der modernen Vorsorgemedizin betrachten kann. Im Wissen um den jeweiligen Kontagiositätsindex (welcher Prozentsatz an nicht-immunen Kontaktpersonen wird infiziert) dürfen ab einer gewissen Durchimpfungsrate Nicht-Geimpfte zu Recht darauf hoffen, dass Infektionsketten abbrechen (oder gar nicht zustande kommen) und ihr individuelles Infektionsrisiko somit durch die Geimpften (oder in manchen Situationen auch durch jene, die die natürliche Infektion durchgemacht haben) auf ein Minimum reduziert wird. In extremen Fällen werden Nicht-Immune bewusst gegenüber bestimmten Krankheitserregern exponiert („Masern-Parties“), was prinzipiell den Tatbestand einer vorsätzlichen Körperverletzung erfüllt.

Impfpläne

Impfen stellt eine medizinische Maßnahme dar, somit ist stets das Verhältnis zwischen Benefit und möglicher Schädigung im Auge zu behalten. Zum Teil wird diese Abschätzung durch Veröffentlichungen von Einrichtungen des Gesundheitswesens (wie z. B. des österreichischen Impfkommittees oder den Impfausschuss des obersten Sanitätsrates) vorweggenommen, diese haben in etwa den Stellenwert eines vorgezogenen Gutachtens. Diese Impfpläne haben sich an den verfügbaren Daten zu orientieren, erfüllen also die Forderung des „state of the art“ – somit gelten die Bereiche mit hohem Evidenzgrad hinsichtlich der ärztlichen Empfehlung als verbindlich.

Während manche Impfungen jedem Bürger zu empfehlen sind (Basisimpfplan), setzen andere spezielle (durch die Ausgangssituation, den Beruf oder geplante Unterfangen bedingte) Expositionsrisiken oder das Risiko bestimmter Folgeschäden im Erkrankungsfall (z. B. das Programm „prepare for pregnancy“) voraus.

Das Aufklärungsgespräch

Generell hat jeder Impfling den (moralischen und rechtlichen) Anspruch auf ein entsprechendes Aufklärungsgespräch. Dieses Gespräch sollte Informationen über den Krankheitserreger, den Übertragungsweg, das Krankheitsbild, eventuelle Behandlungsmöglichkeiten, den Impfstoff (oder die Impfstoffe), die Schutzrate, mögliche Nebenwirkungen, Gegenanzeigen, das Impfschema, Alternativ- und Komplementärmaßnahmen (z. B. Titerkontrolle statt routinemäßiger Auffrischungsimpfung) vermitteln.

Aus ökonomischen Gründen kann die Basisinformation bei „Massen-/Gruppenimpfprogrammen“ auch in schriftlicher Form erfolgen, jedoch sollte vor der eigentlichen Impfung noch die Möglichkeit für Nachfragen angeboten bzw. die Verständlichkeit der vermittelten Information abgefragt werden. Auch muss man sich vor Augen halten, dass individuelle Faktoren Abweichungen von den allgemeinen Empfehlungen bedingen können. Die häufigsten sind das Alter, eine (krankheits- oder medikamentös bedingte) Abwehrschwäche, sonstige Interaktionen mit Medizinprodukten und Unverträglichkeiten gegenüber Bestandteilen des Impfstoffes (bzw. negative Vorerfahrungen mit einem bestimmten Produkt).

Keine Impfpflicht

Es besteht (derzeit) in Österreich keine Impfpflicht. Interessant wäre aber die Frage der Haftung für krankheitsbedingte Folgekosten bei Impfverweigerung trotz Impftauglichkeit.

Häufig diskutierte Fragestellungen:

  • Impfungen sind gefährlich! Generell haben bei uns zugelassene Impfstoffe einen aufwändigen Prüfungsprozess durchlaufen und sind somit als sicher einzustufen. Totimpfstoffe sind beliebig (Zahl, Abstand) miteinander kombinierbar, Lebendimpfstoffe sind zeitgleich oder mit vier Wochen Abstand zu verabreichen.
  • Krankheit ist natürlich, Impfen ist Chemie! Natürliche Krankheitserreger entfalten ihr natürliches Krankheitspotential, wogegen Impfstoffe entweder abgeschwächte (Lebendimpfungen) oder gar keine (Totimpfstoffe) typischen Krankheitszeichen bedingen (können). Impfstoffe bieten die Möglichkeit, eine gezielte Immunreaktion auszulösen ohne die Risiken der Infektionskrankheit in Kauf nehmen zu müssen.
  • Impfschäden! Es ist nicht zu leugnen, dass es Impfschäden gibt, der Großteil ist jedoch auf Impfstoffe zurückzuführen, die heute (bei uns) keine Verwendung mehr finden (Beispiele: Pockenimpfung, Lebendimpfung gegen Poliomyelitis, Maushirnimpfstoff gegen FSME). Impfungen mit der Nebenwirkungsrate einer natürlichen Infektionskrankheit würden niemals zugelassen (und hätten auch keinen Sinn).
  • Impfen ist ein Geschäft! Stimmt. Die Entwicklung neuer Impfstoffe kostet zwar viel Geld. Ein erheblicher Teil entfällt mittlerweilen auf die Erfüllung der rechtlichen Rahmenbedingungen; wie in vielen anderen Bereichen auch sind Juristen Hauptverursacher (und teils auch Nutznießer) der Kostenexplosion, trotzdem erscheinen zahlreiche Impfstoffe überteuert. Trotz alledem sind Impfungen die medizinischen Maßnahmen mit der besten Kosten-Nutzen-Relation (Abschätzung beispielsweise mittels der „disability adjusted life years“ = DALYs).
  • Impfen ist ein wichtiges Geschäftsfeld des Arztes! Würden Ärzte den von den Juristen vorgegebenen, mit dem Impfen verbundenen Aufwand (Beschaffung, Lagerung des Impfstoffes, Aufklärung, Vorbereitung des Klienten, Zubereitung, Verabreichung des Impfstoffes, Versorgung des Klienten, Entsorgung des Abfalls, Dokumentation) in Rechnung stellen, würde Impfen unerschwinglich – Impfen ist ein sozialer Akt.

Zusammenfassung:

So wertvoll Impfungen auch sind, sollten Sorgen und Ängste von Betroffenen im Rahmen der Impfberatung in der Praxis ernst genommen und partnerschaftlich besprochen werden. Impfungen sind medizinische Maßnahmen und sollten verantwortungsvoll und kritisch eingesetzt sowie gewissenhaft dokumentiert werden. Verallgemeinernd kann man sagen: Die in Österreich zugelassenen Impfstoffe sind unproblematisch (Einschränkungen s. o.). Impfungen sind kein Allheilmittel und können vernünftiges Verhalten nicht ersetzen.

1 Arzt und Biologe, Travel-Center Leonding

Zur Person
DDr. Martin Haditsch
studierte Medizin und Biologie in Graz und Salzburg und wurde in beiden Fächern promoviert. Es folgten eine Ausbildung zum Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie sowie eine Zusatzausbildung zum Facharzt für Infektiologie und Tropenmedizin.
Nach über 20-jähriger klinischer Tätigkeit mit den Schwerpunkten klinische Mikrobiologie, Parasitologie, Tropen- und Reisemedizin und Impfungen sowie der Gründung des TravelMedCenters Leonding ist Haditsch seit Anfang 2010 Ärztlicher Leiter der Mikrobiologie an der Labor Hannover MVZ GmbH.
Haditsch engagiert sich in zahlreichen Organisationen und Funktionen vor allem auf den Gebieten Reisemedizin und Impfungen. So ist er unter anderem Initiator und Mitbegründer der Österreichischen Gesellschaft für Reise- und Touristikmedizin (Austrian Society of Travel and Touristic Medicine / ASTTM), Mitglied des Editoral Boards des „Journal of Travel Medicine“ sowie Mitglied des Österreichischen Impfkomitees.

Martin Haditsch1, Pädiatrie & Pädologie 4/2010

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