zur Navigation zum Inhalt
© Dr. Thomas Trabi
Abb. 1: Hier ist das Spielfeld und die Aufstellung der Patienten am Beginn des Spieles zu sehen.
© Dr. Thomas Trabi

Abb. 2: Jedes Kind hat bei dieser Form des Spieles die Möglichkeit, sich entsprechend ihrer/seiner Begabung einzubringen

© Dr. Thomas Trabi

Abb. 3: Defizite in Motorik und Koordination sind im Spiel leicht zu erkennen, hindern aber nicht am Mitmachen.

© Dr. Thomas Trabi

Abb. 2: Eine typische Szene aus dem Spiel

 
Kinder- und Jugendheilkunde 21. September 2010

Teamsport als diagnostisches Instrument in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

am Beispiel von „Extreme-Volleyball“

Einleitung

Sport und Bewegung gehören schon lange Zeit zum Repertoire der modernen psychiatrischen Behandlung. Einerseits bietet Bewegung die Möglichkeit, ein Zuviel an Energie abzubauen bzw. sinnvoll zu kanalisieren, und andererseits hilft sie beim Erwerb neuer Kraft. Die positiven Effekte von Sport in der Behandlung von Depressionen sind hinlänglich bekannt und dem wird natürlich auch in der Therapie Rechnung getragen.

Dass Sport und Bewegung noch viele weitere positive Effekte nach sich ziehen können, wird deutlich, wenn man sich die Erfahrungsberichte und wissenschaftlichen Ergebnisse aus allen köperorientierten Psychotherapierichtungen vor Augen führt.

Das „sich-selbst-Spüren“ ist bei vielen Patienten – egal welchen Alters – ein wesentliches, wenn nicht primäres Ziel in der Therapie. Besonders bei Kindern, aber auch bei Jugendlichen und Erwachsenen können Bewegung und Sport zudem optimal zum Aufbau von Selbstwert und -wirksamkeit genutzt werden.

 

Dieser Artikel soll sich aber nicht mit den therapeutischen Anwendungen von Bewegung und Sport beschäftigen, sondern vielmehr mit dessen Rolle in der Diagnostik. Vorweg weisen die Autoren darauf hin, dass hier weder ein Konsensus von namhaften Experten oder ein umfassender Literaturreview wiedergegeben wird, noch die Ergebnisse einer empirischen Studie präsentiert werden. Vielmehr ist es Ziel dieses Artikels, die Erfahrungen und Sichtweisen in Bezug auf Bewegung und Sport als Diagnoseinstrument, eines praktisch arbeitenden Psychiaters und einer akademischen Heil- und Sozialpädagogin zu bündeln und anschaulich darzustellen. Die Verhaltensbeobachtung der Patienten im sportlich-spielerischen Kampf können wichtige Informationen für die Diagnostik und in weiterer Folge auch für die Therapie der Patienten liefern. Der Artikel soll dazu anregen, die Diagnostik nicht auf das Gespräch im Ambulanzzimmer und/oder die folgenden klinisch-psychologischen Testungen zu beschränken – die natürlich wesentliche Teile einer umfassenden Diagnostik darstellen – sondern das aktive Erleben mit den Patienten mit einzubeziehen und so neue, vielleicht bisher nicht gesehene Symptome und/oder Ressourcen der Patienten zu entdecken.

Das Spiel als Diagnoseinstrument? Methodische Beschreibung

An der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Graz stellen Bewegung und Sport einen wesentlichen Baustein in der Tagesgestaltung und Therapie der jungen Patienten dar. Fast jeden Nachmittag wird von Sozialpädagogen, einer Sportwissenschaftlerin und – je nach Größe der Gruppe – gemeinsam mit dem Pflegepersonal Sport für unsere PatientInnen angeboten. Die Teilnahme ist für die Patienten zwischen acht und 18 Jahren, mit den verschiedensten kinder- und jugendpsychiatrischen Problemstellungen, teilweise Therapieauflage und teilweise freiwillig. Im Rahmen dieses Sportprogramms kommen so Kinder und Jugendliche mit verschiedensten Erkrankungen miteinander über das angeleitete Spiel in Kontakt. Ein sehr beliebtes Spiel, das von den Kindern und Jugendlichen immer wieder gewünscht wird, hat den Namen „Extreme-Volleyball“ erhalten. Hierbei spielen zwei Mannschaften gleicher Personenanzahl gegeneinander eine Form des Volleyballs, bei der über ein Tennisnetz gespielt wird und der Ball zwischen den Kontakten einmal den Boden berühren darf. Diese Variante ermöglicht einerseits wenig geübten Kindern und Jugendlichen die aktive Teilnahme am gemeinsamen Spiel, ohne sofort Misserfolgserlebnisse zu verzeichnen und andererseits bietet es bereits geübteren Spielern eine gute Möglichkeit, ihre Talente (und bereits erarbeiteten Techniken und Stärken) einzubringen. Bei der Zusammensetzung der Mannschaften wird vom multiprofessionellen Betreuerteam auf eine faire Zusammenstellung der Mannschaften geachtet. Idealerweise spielt in jeder Mannschaft auch eine Betreuungsperson selbst mit.

Im Laufe des Spiels werden so wesentliche Informationen zum Verhalten der Kinder und Jugendlichen gesammelt, die anschließend in die weitere Behandlung einfließen können.

Für den behandelnden Arzt kristallisieren sich durch die eigene Teilnahme zwei wesentliche Vorteile heraus: Einerseits sieht man das Kind oder den Jugendlichen in realen sozialen Situationen und kann somit die Reaktionen und Verhaltensweisen der Patienten in situ erleben, und andererseits erleichtert das gemeinsame Spiel auf – für einen Arzt – eher unkonventionelle Art und Weise den Kontakt- bzw. den Beziehungsaufbau zu den Patienten, was sich in der weiteren Behandlung als sehr sinnvoll erwiesen hat.

Diagnostische Beobachtungen im Spiel

Eine erste wichtige Beobachtung lässt sich gleich zu Beginn machen. An der jeweiligen Beteiligung der Patienten während der Teamzusammensetzung lässt sich gut erkennen, wie gut jemand in die Peer-Group integriert ist und ob eher eine introvertierte oder extravertierte Persönlichkeitsstruktur vorliegt. Entscheidet sich der/die Patient selbst für ein Team oder wartet er/sie darauf, dass er/sie von den Betreuern zugeteilt wird? Dies lässt Rückschlüsse auf die Stellung in der Gruppe und die eigene Entscheidungsfähigkeit und Persönlichkeit zu.

 

Während des Spiels kann sehr gut beobachtet werden, ob jemand Kontakt zu anderen aufnehmen kann, bzw. auf welche Art und Weise dies geschieht. Ein Patient der initiativ und aktiv seine Mitspieler einteilt und Strategien vorgibt, ist so leicht von einem passiven, eher introvertierten Menschen zu unterscheiden, welcher eher auf Anweisungen reagieren wird bzw. diese vielleicht gar ignoriert. In diesem Zusammenhang lassen sich die Fähigkeiten des Einzelnen im Team gut erkennen und es wird sehr schnell klar, wer welche Rolle in einer Gruppe innehat. Diese Besetzung von Teamrollen ist unserer Erfahrung nach repräsentativ für das Verhalten in anderen Teams – sei es in der Schule, der Arbeit oder auch in Familie und bei Freunden.

 

Auch das Maß an Engagement, seine eigenen Stärken im Sinne des Teams einzubringen unterscheidet sich sehr. So wird der eher egozentrische Patient stärker darauf erpicht sein, selbst eine gute Figur zu machen und nicht so sehr darauf achten, anderen eine gute Ballvorlage zu liefern als jemand mit guten Teamqualitäten. Interessanterweise verhalten sich Kinder/Jugendliche im Spiel oft anders, als sie dies im Therapiegruppen-Setting tun, was möglicherweise an der Dynamik des Spiels liegt. Es scheint, als ob das Spiel sie vergessen ließe, eine Rolle zu spielen, von der sie der Meinung sind, sie müssten sie spielen oder ihnen (spielerisch) dazu verhilft neue Rollen oder Verhaltensweisen auszuprobieren. So konnten wir im Spiel z.B. auch bei schwer sozial verhaltensgestörten Patienten die Fähigkeit entdecken, mit anderen zu kooperieren oder sich für schwächere Kinder/Jugendliche einzusetzen und diesen Bälle zuzuspielen, um auch diesen Erfolge zu ermöglichen bzw. dem Team als Ganzem zum Erfolg zu verhelfen.

Ganz wesentlich scheint unserer Meinung nach auch die Beobachtung der affektiven Reaktion der Patienten während des Spielgeschehens. Einerseits ist gut beobachtbar, wie stark sie affektiv Anteil nehmen (können) und andererseits, ob diese Reaktionen adäquat zum Spielverlauf sind. So zeigt sich immer wieder, dass Patienten, welche in der Aufnahmesituation nur im negativen Bereich schwingungsfähig waren, plötzlich auch Freude und Spaß zeigen und das Fehlen der Schwingungen im positiven Bereich anscheinend nur auf das Fehlen adäquater Reize zurückzuführen ist. Ebenso kann unangemessener Ärger oder Enttäuschung gut beobachtet werden, was wiederum Rückschlüsse auf die Frustrationstoleranz und in weiterer Folge für den Umgang mit Frustrationserlebnissen erlaubt.

Diese Verhaltensbeobachtungen können uns Erklärungen für die Reaktionen der Patienten in der Schule oder in den Familien geben. Zur Beurteilung der Angemessenheit einer Reaktion ist die eigene Teilnahme am Spiel von großer Bedeutung, da die Intensität der hervorgerufenen Emotionen nur durch Selber-Spüren und Reflektieren gut zu beurteilen ist und somit auch für den behandelnden Arzt oder Diagnostiker erleb- und spürbar wird.

 

Analog zu den affektiven Reaktionen lässt sich auch die Impulskontrolle der Patienten gut beobachten. Man erkennt schnell, ob jemand seinen Impuls, den Ball fest auf die andere Seite zu schlagen, unterdrücken kann, um einem anderen stattdessen eine gute Vorlage zuzuspielen oder ob manche Patienten bei jeder noch so schlechten Ausgangsposition auf den Ball einschlagen, ungeachtet dessen, ob der Ball ins Out geht oder nicht. Ebenso lässt sich die Impuls- bzw. Affektkontrolle im sozialen Geschehen sehr gut beobachten. Wie stark ist die jeweilige Belastbarkeit der Patienten? Wann beginnen Patienten z.B. zu schimpfen, wenn das Spiel nicht erwünscht verläuft? Oder „schlucken sie ihren Ärger hinunter“ und explodieren dann unangemessen oder „fressen sie ihn in sich hinein“? Gegen wen richten sich die verbalen und vielleicht auch körperlichen Aggressionen?

 

In diesem Zusammenhang lassen sich ebenso Muster der Problemlösung erkennen. Kinder/Jugendliche, die im Alltag z.B. Tendenzen zur Somatisierung zeigen, greifen oft auch im Spiel auf diese Strategie zurück. So passiert es immer wieder, dass Kinder bei drohender Niederlage nicht mehr weiterspielen können, weil sie z.B. Bauch- oder Kopfschmerzen bekommen, ihnen schwindlig ist oder „es ihnen einfach nicht gut geht“. Sehr viele Patienten versuchen Konflikte dadurch zu lösen, indem sie andere dafür verantwortlich machen oder in dem sie andere unterdrücken. Andere wiederum entziehen sich der Situation/dem Problem, indem sie z.B. (wütend) das Spielfeld verlassen.

 

Auch das Andauern der Konzentration lässt Rückschlüsse auf die Fähigkeiten der Patienten zu. Nachdem bei dieser Spielvariante immer mit einem Ball zu rechnen ist, ist es für Patienten mit z.B. ADS/ADHS oft nach kurzer Zeit sehr schwer, dem Spielgeschehen zu folgen. Oft beobachtet man auch eine starke Ablenkbarkeit der Patienten durch Reize von außerhalb. Therapeutisch wichtig ist hier sicher auch die akkurate Rückmeldung durch die Mitpatienten, die einen durch Unaufmerksamkeit verlorenen Ball immer mit entsprechenden Unmutsäußerungen kommentieren.

 

Nicht zu vernachlässigen ist, dass man im Spiel mit dem Ball auch gut die Koordinationsfähigkeit und Geschicklichkeit der Patienten beurteilen kann. Zu beobachten sind häufig grobmotorische Defizite, die allerdings immer in Zusammenhang mit den bisherigen Lernerfahrungen der Kinder/Jugendlichen zu sehen sind. Ein Kind, das z.B. aus familiären oder kulturellen Gründen nie Ball gespielt hat, kann über gute motorische Fähigkeiten verfügen, im Ballspiel aber dennoch sehr ungeschickt sein. Allerdings wird ein Kind mit guten motorischen Fähigkeiten bald – oft innerhalb eines Spiels – gewisse Fortschritte machen und Lernerfolge verzeichnen können, was einem Kind mit großen Defiziten in diesem Bereich oder neurologischen Erkrankungen nicht so schnell gelingen wird.

 

Ressourcen und Stärken: Nicht zuletzt ist es während des Spiels für die Patienten relativ schnell möglich, Erfolgserlebnisse zu verzeichnen und somit deren Selbstwert und Selbstwirksamkeit positiv zu unterstützen. Weiters ist es möglich, bereits vorhandene Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie persönliche Stärken zu erkennen und diese in die weitere Behandlung mit einfließen zu lassen.

1 Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie (Prim. Dr. K. Purtscher), Landesnervenklinik Sigmund Freud, Graz

Tabelle 1 Mögliche diagnostische Informationen aus dem Spiel
Integration und Verhalten in der Peer-Group
Rollenverhalten im Team
Art der Kontaktaufnahme zu Mitspielern
Grad des Einbringens eigener Stärken für das Team
Affektive Schwingungsfähigkeit, Affektkontrolle
Antrieb
Impulskontrolle, Frustrationstoleranz
Ressourcen und Stärken
Konzentration und Ablenkbarkeit
Grob- und Feinmotorik
Problemlösungsmuster, Umgang mit Frustration
Fazit für die Praxis
Die Verhaltensbeobachtung während des sportlichen Spiels als Diagnoseinstrument kann unserer Meinung nach keinesfalls das ärztliche Gespräch und einen strukturierten diagnostischen Prozess ersetzen. Auch kann es keine klinisch-psychologischen Testverfahren ersetzen, noch liefert es harte Fakten zur Beurteilung eines Patienten.
Jedoch kann das gemeinsame Spiel mit Patienten unserer Erfahrung nach ganz wesentliche Informationen zur herkömmlichen Diagnostik liefern und so das „diagnostische Bild“ des Patienten ergänzen und vervollständigen.
Dieser Artikel soll keineswegs als Appell verstanden werden, auf die bewährten Diagnoseverfahren zu verzichten, vielmehr soll er dazu anregen, sich auf die Patienten einzulassen, mit ihnen zu „erleben“, um so wertvolle Informationen zu erhalten und diese dann im Sinne unserer Patienten in der Therapie zu nutzen bzw. zu reflektieren.
Zu den Autoren
Dr. Thomas Trabi: Allgemeinmediziner, in Ausbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz (Prim. Dr. K. Purtscher). Zuvor wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kinderklinik Graz, Abteilung für Psychosomatik (Prof. Dr. P. Scheer). In Ausbildung zum Arzt für psychotherapeutische Medizin (Systemische Therapie).

MMag. Elisabeth Wiesenhofer: Studium der Erziehungswissenschaft und der Psychologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Akademische Heil- und Sozialpädagogin an der neuropsychiatrischen Kinder- und Jugendabteilung der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz.

Thomas Trabi, Elisabeth Wiesenhofer1, Pädiatrie & Pädologie 4/2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben