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Kinder- und Jugendheilkunde 21. September 2010

Muttermilch ein synbiotisches Lebensmittel?

Eine ernährungsphysiologische Stellungnahme

Muttermilch – ein Thema, das immer wieder interessant und wissenschaftlich sehr ergiebig ist, weil die wissenschaftlich gesicherten Informationen immer noch hinter dem allgemeinen medizinischen Glauben hinterherhinken! Den aktuellen Stand des Wissens hat sich K. Zwiauer in der Pädiatrie & Pädologie 1/2010 bemüht darzustellen.

Als Vorsitzender der Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder – und Jugendheilkunde und Mitglied verschiedener nationaler Gremien ist er prädestiniert, sachlich richtige und wissenschaftlich gesicherte Informationen über die Ernährung von Säuglingen und Kindern zu präsentieren, die als Basis für die Entscheidungen oder Beratungen verwendet werden. Seinen Ausführungen über die Qualitäten der Muttermilch wird daher großes Vertrauen entgegengebracht.

Wie zu erwarten, ist die Eingangsfeststellung der Beschreibung von Muttermilch als synbiotisches Lebensmittel „Muttermilch ist die optimale natürliche Nahrung … da sie die Ernährungsbedürfnisse ideal abdeckt.“ Stolperstein in diesem ersten Satz sind die „Ernährungsbedürfnisse“. – Eine Begriffsmischung aus Physiologie und Psychologie! Was sagt das Lexikon der Ernährung zu „Bedürfnis“? „subjektiv empfundener Zustand des Mangels, der zum Handeln erlebt wird … … drückt aus was eine Person zur Erhaltung und persönlichen Entfaltung braucht. … Abzugrenzen … Bedarf“. Letzterer stellt eine objektive messbare Größe dar, z. B. Nährstoffbedarf, Energiebedarf. An diesen Sprachgebrauch hat man sich schon gewöhnt, weil es ja in der deutschen Fassung der EU-Richtlinie für die Säuglingsnahrungen aus dem Englischen auch falsch übersetzt steht und die exakte Definition „Ernährungsbedarf“ oder besser „Energie – und Nährstoffbedarf“ für die praktische Ernährung des Säuglings belanglos ist.

 

Der nächste häufig verwendete „Stehsatz“ im Zusammenhang mit Muttermilchinformationen „Sie passt sich in ihrer Zusammensetzung während der Stillzeit den Ernährungsbedürfnissen kontinuierlich an …“ ist dagegen eine Behauptung, die durch ihre kontinuierliche Wiederholung aus wissenschaftlicher Sicht nicht richtiger wird und zu Fehlinterpretationen bzw. zu falscher Beratung bei Fehlernährung der voll stillenden Mutter führt. Sie hat denselben wissenschaftlichen Wahrheitswert wie „Spinat ist reich an Eisen“. Als Leser ohne den spezifischen ernährungswissenschaftlichen Hintergrund versteht man diese Feststellung so, dass sich die Zusammensetzung der Muttermilch mit zunehmendem Alter des Säuglings so verändert, dass der spezifische Energie – und Nährstoffbedarf für das altersgerechte Wachstum und die altersgerechte Entwicklung in jedem Alter sicher gedeckt wird. Daraus weiter könnte man für sich schließen, dass ein SGA-Säugling, der für sein Wachstum mehr Energie und Nährstoffe benötig, automatisch eine speziell bedarfsgerecht modifizierte Muttermilch erhält. Man hat bisher weder die Regulationsmechanismen hierfür gefunden, noch eine veränderte Zusammensetzungen der Muttermilch, die diese Behauptung stützen würde! Dadurch, dass Herr Carlo Agostoni für die Aussage „Muttermilch passt sich an“ zitiert wird, wird diese nicht richtiger. Tatsächlich nachlesen kann man bei Agostoni z. B. unter „COMPOSITION OF HUMAN MILK“:

“Human milk is not a uniform body fluid but a secretion of the mammary gland of changing composition.”

„Milk changes with time of day and during the course of lactation.”

“Human milk consists not only of nutrients, such as proteins, lipids, carbohydrates, minerals, vitamins, and trace elements that are of paramount importance to fulfil the nutritional needs of young infants and ensure normal growth and development.“

“Maternal diet may have a significant influence on the production and/or composition of human milk when the mother is malnourished or eats an unusually restrictive diet.”

“For several nutrients, however, the content in breast milk reflects the diet of the mother. This is the case for several vitamins, for example, vitamin D, vitamin A, and water-soluble vitamins, and for iodine and the composition of fatty acids.”

“Breast-fed infants of mothers following a strict vegan diet are at high risk of severe megaloblastic anaemia and neurological abnormalities because of vitamin B12 deficiency (17).”

In diesem Kapitel der Publikation und in anderen konnte eine Bemerkung, die die Behauptung „Muttermilch passt sich an“ stützen würde – im Sinne der langfristigen Ernährung – nicht gefunden werden. Ein Seitenhinweis für die vom Autor zitierte Feststellung wäre hilfreich!

 

Dagegen wird sehr deutlich hervorgehoben, dass die Zusammensetzung der Muttermilch, also ihre nutritive Qualität, in wesentlichen Bestandteilen vom Ernährungszustand und den Ernährungsgewohnheiten der stillenden Mutter abhängt (s. o. Zitate Agostoni). Darüber hinaus beschreiben Weber A. et al. die hohe Variabilität des Fett – und Eiweißgehaltes der Muttermilch bei VLBW Frühgeborenen und Anete S. Grumach et al. die sehr hohe Variabilität von Eiweiß, Fett und der Osmolarität der Muttermilch für Reifgeborene SGA, AGA und Frühgeborene AGA im Verlauf der ersten 60 Lebenstage, die keinesfalls einen Trend zur Anpassung der Muttermilch an den aktuellen Ernährungszustand und Bedarf erkennen lässt.

Die Behauptung Muttermilch „… passt sich in ihrer Zusammensetzung während der Stillzeit den Ernährungsbedürfnissen des Säuglings kontinuierlich an …“ ist wissenschaftlich nicht gesichert und daher nicht akzeptabel.

 

Es wird schon lange vermutet (E. Metchnikoff 1907 bis 1912, S. Orla-Jensen 1912 bis 1945) und wurde bis heute – 100 Jahre später – vermehrt bestätigt, dass die Entwicklung einer Darmflora mit einer optimalen bifidogenen bzw. probiotischen Zusammensetzung die Gesundheit des Menschen und die Entwicklung des Immunsystems im Säuglingsalter fördert.

 

Die Übertragung von probiotischen Keimen von der Mutter auf das Kind – andere nicht? – soll schon, nach Informationen in diesem zur Diskussion stehenden Artikel, in der Schwangerschaft stattfinden. Alleine aus den Untersuchungen am Tiermodell über die über den plazentaren Transfer von Darmkeimen kann nach Regeln der EBM bei normalem Schwangerschaftsverlauf nicht zwangsläufig auf eine intrauterine Übertragung probiotischer Keime auf den Fetus und auf gesundheitsfördernde Wirkung günstiger Keime beim Säugling geschlossen werden. Zitiert wird auch Schultz M. für den möglichen transplacentaren Transfer von LGG. In diesem Bericht wurden die Stühle der Kinder von sechs Frauen untersucht, die während der Schwangerschaft LGG verzehrt hatten. Bei drei vaginal Geborenen konnte LGG im Stuhl im 1. Lebensmonat festgestellt werden, bei einem nicht. Zwei Kinder wurden mit Kaiserschnitt geboren, bei einem konnte nach dem 1. Lebensmonat LGG im Stuhl nachgewiesen werden, beim anderen nicht! Reicht das für eine verallgemeinernde Feststellung „Neuere Studien weisen darauf hin, dass die Darmkolonisierung … während der Schwangerschaft beginnen könnte“?

 

Tannock G. W., ein Mikrobiologe aus Neuseeland, bringt gegen diese Arbeit von Schultz M. et al. schwerwiegende methodische Einwände. Er stellt fest, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass schon im ersten Lebensmonat zuhause auch LGG aus der Umwelt, von anderen Personen, auf den Säugling übertragen werden, sowie dass nicht berichtet wird, ob die LGG der Mutter genetisch identisch sind mit den LGG im Stuhl der Säuglinge, und stellt in Frage, dass die sehr geringen Mengen an LGG in deren Stuhl ein gesundheitsfördernde Wirkung im Darm haben können. Nach Tannock sind Bifidusbakterien mengenmäßig für den Säugling viel bedeutender als Lactobacillen, deren Einfluss auf metabolische, physiologische und immunologische Abläufe wäre demnach viel größer.

 

Ebenso ist in Frage zu stellen, ob die Keime aus der Muttermilch gesundheitliche Auswirkungen haben können. Einerseits ist es nicht zu hoffen, wenn es sich um pathogene Keime handelt, die natürlich ebenso in der Muttermilch zu finden sind wie möglicherweise probiotische Keime. Das Muster der Mikroflora in der Muttermilch steht unter dem Einfluss der Alltagshygiene der jeweiligen Mutter und ist daher sehr variabel, was in der Abbildung 2 auch demonstriert wird. Wenn in dieser gezeigt wird, dass bei 10 Prozent bis 70 Prozent der untersuchten Milchproben Lactobacillen vorkommen, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass deren absolute Konzentration sehr gering ist. Aus dieser Abbildung geht allerdings nicht hervor, welche Keime wirklich beschrieben werden (Y-Achse: %Lactobacillen; Abbildungstext: Bifidusbakterien)! Nach Louis P. et al. haben Lactobacillen im menschlichen Kolon nur eine Anteil von unter 1,8 Prozent an der gesamten Mikrobiota. Bifidusbakterien sind mehr als doppelt so viel (bis 4,8 %) und Bacteroides bis zu 27,7 Prozent zu finden..

 

Die in der Muttermilch enthaltene gesamte absolute Menge aller Keime wird hier zitiert mit <10³ bis 105 cfu/ml. Kann damit Muttermilch eine „Hauptquelle für Lactobacillen für den neugeborenen Säugling“ sein? In Säuglingsmilchnahrungen, die ja nicht steril sind, werden bis zu 10³ Keime/ml als sicher akzeptiert, wenn diese frisch zubereitet verwendet werden.

Die erste natürliche Barriere als Schutz gegen übermäßige Keimbelastung ist die Magensäure, die ja alle Eiweißkörper denaturiert, um diese für die Verdauung vorzubereiten. Damit haben Keime aus der Nahrung vorerst keine Chance, im Darm Unheil anzurichten, falls die Keimbelastung nicht zu hoch ist. Damit probiotische Keime im Dickdarm gesundheitsfördernd wirken können, muss deren Konzentration in der Nahrung so hoch sein, dass dort nach der Passage von Magen und Dünndarm auch noch genügend für eine Besiedelung und Weiterentwicklung ankommen. Als probiotische deklarierte Lebensmittel müssen daher >107 cfu/ml (g), also 108 und mehr probiotisch Keime pro „ml“ bzw. „g“ enthalten. Nach den vorliegenden Informationen können probiotische Keime in der Muttermilch diese Konzentrationen keinesfalls erreichen. Zusätzlich ist nicht geklärt, ob probiotische Keime aus der Muttermilch in ausreichender Menge den Dickdarm erreichen um wirksam zu werden. Nur aus der Anwesenheit von potentiell probiotischen Keimen in der Muttermilch kann nicht auf eine Wirkung für den Säugling geschlossen werden. Unklar ist auch, in welchem Umfang die Immunglobuline der Muttermilch die probiotischen Keime inaktivieren.

Der Nachweis, dass probiotische Keime aus der Muttermilch die Dickdarmflora wesentlich beeinflussen wird nicht leicht zu erbringen sein, da die selektiver Förderung der Entwicklung von Bifidusbakterien und Lactobacillen durch Muttermilcholigosaccharide überlagert, die Probiotikakonzentrationen zu gering sind und Immunglobuline Keime inaktivieren.

 

Unter diesen Gesichtspunkten ist es nach dem derzeitigen Wissensstand keinesfalls gerechtfertigt Muttermilch als probiotisch oder synbiotisch zu bezeichnen. Möglicherweise haben gesundheitsfördernde Keime aus der Muttermilch eine Wirkung. Diese ist jedoch bisher nicht bestätigt, die gefundenen Konzentrationen sind zu gering und die natürliche Variabilität sehr groß, so dass derzeit eine verallgemeinernde Aussage „Muttermilch ist als natürliches synbiotisches Lebensmittel zu betrachten“ nicht akzeptabel ist.

* Ernährungsphysiologe, Oberalm

1 Lexikon der Ernährung: In drei Bänden; Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin, 2001 (ISBN 3-8274-0444-4) Band 1 S.153

2 SGA = Small for Gestational Age; Für das Schwangerschaftsalter zu klein; mit erhöhtem Bedarf für Wachstum und Entwicklung

3 Agostoni C. et al.; Journal of Pediatric Gastroenterology and Nutrition 49:112–125 (2009)

4 VLBW = Very Low Birthweight

5 AGA = Appropriate for Gestational Age

6 Anete S. Grumach et al.: Nutritional factors in milk from Brazilian mothers delivering small for gestational age neonates; Rev. Saúde Pública, 27:455-62, (1993)

7 EBM = Evidence Based Medicine

8 Schultz M. et al.; Administration of oral probiotic bacteria to pregnant women causes temporary infantile colonization; JPGN 38:293-297 (2004)

9 Tannock, G. W.: Can the Gut Microflora of Infants Be Modified by Giving Probiotics to Mothers? JPGN 38(3):244-246 (2004)

10 Luis P. et al.: Understanding the effects of diet on bacterial metabolism in the large intestine; J. Appl. Microbiol. 102:1197-1208 (2007)

Dr. Volker Veitl*, Pädiatrie & Pädologie 4/2010

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